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Antonie Pannekoek Archives


Proletarischer Zeitgeist (Zwickau) 1922-1933


Einleitung

From 1922 onwards, some groups developped towards anarchism, particularly parts of the a.a.u.-e.; this was exemplified by for instance Proletarischer Zeitgeist, with a centre in Zwickau, but with an certain influence within many other German cities like Dresden and also Hamburg; in 1926 the remnants of the of the a.a.u.-e.-publication went over in anarchist hands.

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Die Zeitung „Proletarischer Zeitgeist“ / Knut Bergbauer, 1997


Zuerst erschienen in: espero, Nr. 9 (Februar 1997). – Berlin, Neu Wulmstorf, S. 12 ff.; Quelle: Kurasje  (Original verschwunden); Danke an die Hersteller von: Archiv Karl Roche  und: Barrikade ; hier korrigiert.


Zu dem nun folgenden Artikel müssen wir eine kleine Vorbemerkung machen. Ursprünglich war dieser Artikel gedacht für ein Sonderheft zum 90. Geburtstag eines Freundes, der sich jedoch diese Form der Ehrung verbat. Knut Bergbauer, bei dem wir uns an dieser Stelle nochmal recht herzlich bedanken möchten, schickte uns diesen Artikel, den wir trotz alledem so spannend fanden, daß wir ihn nun präsentieren wollten:

Eigentlich hätte es nur eine neue Zeitungsgründung sein sollen. Die Gründe dafür lagen im Ausschluß der Mehrzahl der Zwickauer Unionisten aus der Allgemeinen Arbeiterunion - Einheitsorganisation (a.a.u.-e.) 1922 wegen deren Beteiligung an den gesetzlichen Betriebsräten in den Eisenbahnwerkstätten und vor allen Dingen in den Schächten des Zwickauer Steinkohlenbergbaus. Da die Ausgeschlossenen den bisher von allen Unionisten getragenen „Weltkampf“ als ihr Publikationsorgan beanspruchten, entschied sich die Minderheit der in der a.a.u.-e. verbliebenen Unionisten eine eigene Zeitschrift herzustellen. Genügend Erfahrung hatten sie ja schon in den vorherigen Jahren mit dem seit 1919 erscheinenden „Weltkampf“ und der 1920/1921 erschienenen „Kommunistischen Arbeiterzeitung - Westsachsen“ gesammelt. Kurz nach der Spaltung hatte es noch Versuche gegeben, die Berliner „Einheitsfront“ und die Dresdner/Heidenauer „Revolution“ als Forum zu nutzen. Im November 1922 erschien aber schließlich die erste Ausgabe von „Proletarischer Zeitgeist“. Schon im Untertitel: „Eine von Arbeitern für Arbeiter geschriebene Zeitung“ und im Motto: „Die Selbstbewußtseinsentwicklung ist die erste Voraussetzung für den Sieg der Arbeiterklasse“ wurde die Nähe zur übrigen Presse der a.a.u.-e. bewußt hergestellt.

Es wird zum Beispiel Zwickauer Metallarbeiter (aber auch einige Bergarbeiter), Haselbacher Braunkohlekumpel und Falkensteiner Textilarbeiter die für die neue Zeitschrift gewonnen werden können. Geographisch war es der Raum von Haselbach bei Altenburg im Norden, Falkenstein im Süden und Hohenstein-Ernsthal im Osten der den neuen Bezirk Westsachsen der a.a.u.-e. absteckte. Aber es gelang der a.a.u.-e. nicht, an ihre Organisierungserfolge von 1920/21 anzuschließen. Ein übriges taten die Niederlagen in Arbeitskämpfen, der Belagerungszustand 1923 und die Inflation, um die Bewegung weiter zu schwächen. So konnten bald einige Presseorgane der a.a.u.-e. wie die „Revolution“ aus Dresden und der „Rätekommunist“ aus Oberfrohna nicht mehr herausgegeben werden. Der „Proletarische Zeitgeist“ (p.z.) wurde nun Organ für Mitteldeutschland. Anfang 1924 ging der p.z. erstmals auf Reisen. Nach Beschlagnahmen wurde er, nach eigenen Angaben, außerhalb Sachsens gedruckt. Um Repressionen gegen MitarbeiterInnen zu umgehen, erschien nun bis 1933 die meisten Artikel ohne die Namen der SchreiberInnen. Außerdem sollte dies verhindern, daß „neue Autoritäten gezüchtet“ wurden. Auch dies zieht sich wie ein „schwarz-roter Faden“ durch die Spalten des p.z. bis zum Nationalsozialismus. „Von Arbeitern für Arbeiter“ hieß im p.z., daß keine Autoritäten gelten konnten. Das betraf auch „antiautoritäre Autoritäten“ wie Rudolf Rocker, Otto Rühle, Franz Pfemfert und Erich Mühsam, der den p.z. nach einem dieser Angriffe als „Proletarische Dreckschleuder“ bezeichnet hatte. Bei soviel Mißtrauen ist es auch nicht verwunderlich, daß dem p.z. auch die a.a.u.-e. zu eng wurde. Das führt Mitte 1924 zum Ausschluß der „Zwickauer Richtung“ aus der a.a.u.-e Auch wenn sie den Namen „a.a.u.-e.“ als Verlagsbezeichnung weiterführten, hatte die p.z.-Gruppe sich, auch wegen deren strikter marxistischer Ausrichtung, schon länger von der inhaltlichen Ausrichtung der Organisation gelöst. Nachdem, ebenfalls 1924, die Hamburger „Von unten auf“ nicht mehr erscheinen konnte, wurde der „Proletarische Zeitgeist“ zu dem Organ der oppositionellen a.a.u.-e., aber auch kleinerer rätekommunistischer, unionistischer und anarchistischer Gruppen in ganz Deutschland. Im Norden waren das vor allem Hamburg, im Westen Hagen, Iserlohn, Essen, in Thüringen Eisenach, in Mitteldeutschland Leipzig, Halle und Ammendorf. Das Hauptgewicht lag aber nun neben Zwickau in Ostsachsen: Dresden, Freital, Pirna, Heidenau, Zittau, Neustadt und Sebnitz. Gerade in Pirna entwickelte sich eine starke unionistische Bewegung. Eine Gruppe von jüngeren Unionisten hatte sich außerdem Ernst Friedrichs „Freier Jugend“ angeschlossen und betrieb eifrig Propaganda für die Sache. Sie verteilten und verkauften auch auf Treffen von anderen Jugendgruppen: „Die schwarze Fahne“, „Freie Jugend“, „Der junge Unionist“ und schließlich den „Proletarischen Zeitgeist“. So kam es 1924 dazu, daß eine oppositionelle Gruppe der „Sozialistischen Arbeiterjugend“ aus dem kleinen Oberlausitzer Ort Leutersdorf, die sich auf dem Pfingsttreffen in Pirna befand, mit den Unionisten zusammentraf. Sie ließen sich von deren Vorstellungen überzeugen und warben von nun an für „ihre Sache“. Unionisten hatte es schließlich auch schon vorher in Leutersdorf gegeben. Aber diese jungen Unionisten hauchten der Bewegung in der Oberlausitz nun neues Leben ein. 1925 waren sie neben jungen GenossInnen aus Jena, Leipzig, Berlin und Zittau auf dem Pfingsttreffen der "Jungen Unionisten" in Leipzig anzutreffen. Ähnlich wie andere Gruppen und Organisationen war auch die p.z.-Gruppe vom Niedergang der antiautoritären Bewegung betroffen. Viele kleinere Gruppen, vor allem in Westsachsen, lösten sich auf. Aber auch neue Gruppen kamen hinzu. So blieb die p.z.-Bewegung nach ihren politischen Möglichkeiten bis 1933 aktiv.

Die Auflage der Zeitung lag 1932 noch bei 2400 Exemplaren, ging aber bis 1933 auf 1850 zurück. Neben dem „Proletarischen Zeitgeist“ gab es ab 1932 für die Gruppen ein internes Bulletin: „Information der p.z.-Bewegung“. Der Inhalt des p.z. veränderte sich von anfänglich regionaler Berichterstattung hin zu Fragestellungen der Entwicklung revolutionären Bewußtseins. So erschienen Diskussionsrunden, meist verteilt über mehrer Nummern: z.B. Warum sind Frauen keine Mitkämpferinnen? (1926), Kann man einen Säugling als Revolutionär betrachten? (1929), Esperanto (1929-1932), Psychoanalyse und dialektische Beziehungslehre (1931) und Freiwirtschaft. Mit „Erlebnissen und Schlußfolgerungen eines Revolutionärs“, den biographischen Erinnerungen Karl Brenner´s (Iserlohn), wird 1925 [1931 wiederholt, auch als Broschüre erschienen, k.b.] ein eigener Artikel in Fortsetzung gedruckt. Es folgten unter anderem Rudolf Geist: „Der Kunde als revolutionärer Agitator“ und Heinrich Drewes „Kontruktive Gedanken im Sozialismus“.

In der antiautoritären Bewegung wurde der p.z. oft mißverstanden. Das hatte gute Gründe. Da war zum Einen die Konkurrenz und die Meinung, allein auf dem richtigen Weg der Revolution die beste Organisation zu sein. So meinte der p.z., Nr. 46, 7. Jahrg.: „Auf dieser Reichskonferenz [der sogenannten „Dresdner Richtung“ der a.a.u.-e, k.b.] nahm man es nämlich mit der Wahrheit nicht so genau, stellte die Tatsachen auf den Kopf und versuchte den p.z.-Genossen die Organisationslosigkeit nach ehemaligem Heidenauer Muster in die Schuhe zu schieben. Scheinbar ist bei den Genossen um die „Proletarische Revolution“ herum die Garantie für eine revolutionäre Organisation erst dann gegeben, wenn man ihnen ein Mitgliedsbuch in die Tasche steckt […] Unser Mitgliedsbuch ist das Gehirn.“

Zum anderen hatte jeder die Möglichkeit, im p.z. zu schreiben, wenn er sich als Antiautoritärer verstand. Das führte oft zu harten Polemiken und Hetzereien, die dem p.z. insgesamt angelastet wurden. Die Zeitschrift wurde als genossenschaftliches Unternehmen verstanden, die Pressekommision entschied lediglich über den Abdruck und griff kaum redaktionell ein. Um so verwunderlicher, daß der „Proletarische Zeitgeist“ nicht auseinanderbrach und erst durch die Nazis zerschlagen wurde. Aber auch die wenigen Eingriffe der Pressekommission zeigen, was gewünscht war. Unter der Überschrift „Mehr Sachlichkeit“ stand 1929, Nr. 32: „Unsere Sprache braucht durchaus nicht den Ästhetikern zu gefallen und Dreck kann nicht anders als mit Dreck bezeichnet werden. Was aber verlangt werden muß, das ist die Sache im Vordergrund zu behalten und nicht gegen Personen, sondern gegen andere Meinungen zu polemisieren. Jeder Genosse, der sich durch persönliche Anrempelei angegriffen gefühlt hat, kann nicht umhin, den Angreifer womöglich noch im Sauherdenton zu übertreffen.“

Die wichtigste Entwicklung war aber die von einer marxistischen Räteorganisation zu einer anarchistischen Ideengemeinschaft. Trotz gelegentlicher persönlicher Angriffe war es 1932 fast soweit, daß PZ-Gruppen und Anarchistische Föderation (a.f.; vormals f.k.a.d.) an ein Zusammengehen dachten. Aber dazu konnte es erst nach 1945 kommen, als ehemalige a.f.-Mitglieder in der s.b.z. und in Berlin am Rundbrief der Zwickauer Informationsstelle mitarbeiteten (Fritz Heller, Templin, Pittelkow).

Während Mitte der zwanziger Jahre noch über die Reichskonferenzen anderer Organisationen polemisiert wurde, fand 1930 das erste Reichstreffen der p.z.-Bewegung in Pirna statt, 1931 folgte ein weiteres in Ammendorf bei Halle und für Ostern 1933 war das nächste schon geplant, das aber durch die Machtergreifung durch die Nazis verhindert wurde.

Einige Aktivisten, die in ihren Orten bekannt waren, kamen nach 1933 in „Schutzhaft“, so unter anderem: Ernst Pönisch in Pirna, Marie Meier und Willi Jelinek in Zwickau. Die Hagener Gruppe wurde 1934 bei einem Treffen mit einem französischen Genossen verhaftet und die Aktivisten mußten einige Zeit in der Haft verbringen. Willi Fritzenkötter emigrierte daraufhin nach England. Der Pirnaer Martin Küchler wurde mit seiner Frau und Freunden wegen Hörens von „Feindsendern“ verhaftet und verurteilt. Die Hamburger Genossen Zinke, Fiering und Kaminski wurden 1945 verhaftet und in ihren Zellen durch Handgranaten ermordet. Insgesamt aber läßt sich sagen, daß die p.z.-Gruppen unerkannt blieben. Zum einen, weil sie keine Mitgliedsbücher hatten, zum anderen weil sie oft für die Nazis politisch nicht einzuordnen waren. War doch bekannt, daß die p.z.’ler keine Freunde der k.p.d. waren. Es gab aber zwischen 1933 und 1945 eine Reihe von Kontakten zwischen den Aktivisten, die als Freundschaftsbesuche getarnt wurden. Beleg dafür sind die relativ schnell erfolgten Reorganisationsversuche nach 1945 die, bis zur Verhaftung 1948, die Illusion nährten neu anfangen zu können.


Compiled by Vico, 17 October 2018



















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