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Antonie Pannekoek Archives
 

Vom Werden der neuen Gesellschaft / Karl Schröder, 1920


Vom Werden der neuen Gesellschaft ; Alte und neue Organisationsformen / Karl Schröder (1). – Berlin : Verlag der k.a.p.d., [Juli 1920]. – 16 S.


Karl Schröder

Quelle: © Humboldt-Universität zu Berlin, Universitätsbibliothek


Übersicht


1.

Organisation war eins der geliebtesten und gehaßtesten Worte der vergangenen Jahrzehnte. Für jeden von anderer Bedeutung; von jedem anders ausgeschöpft; von jedem mit anderem Inhalt gefüllt. Doch strebten die Geister in der Hauptsache nach zwei Richtungen. Die einen sahen in der Organisation den Grundzug der neuen Zeit, den mit aller Macht zu propagieren sie für notwendig, für wertvoll hielten und deshalb auch zur moralischen Forderung erhoben. Für sie kristallisiert sich das Wesen der Zeit im Großstaat (mit Kolonien) so gut wie im Trust, in der Großstadt wie in der Registratur des Einwohnermeldeamts, in der Überlandzentrale wie im vaterländischen Frauenverein. Die Individualethik wird abgelöst von der Organisation; das „Rote Kreuz“ übernimmt die Funktion des Mitleids usw. Die anderen sahen in der Tendenz zur Organisation die Ablösung der Kultur durch die Zivilisation, den Sieg des Zuchthauses über die Freiheit, die Vernichtung des Organismus durch die Maschine. Sie versuchten den Zentralismus zu rammen durch Anarchismus. –

Dieser Kampf um Organisation ist durch Weltkrieg und Revolution in ein Stadium unerhörter Schärfe getreten. Die europäische, die Weltkrise, als Krise der kapitalistischen Gesellschaft, hat das Problem theoretisch wie praktisch, geistig wie formal in einem Umfang und einer Tiefe aufgerollt wie nie zuvor.

2.

Sprechen wir von Organisation, so streift uns nur flüchtig die Worterklärung. Die mögen Philologen austratschen. Wir reden auch nicht über die verschiedenartigen Anlagen und Fähigkeiten von Menschen und Völkern zu organisatorischen Aufgaben. Das ist nicht unwichtig und muß unbedingt in Rechnung gestellt werden. Aber es sind nur Bruchteile. Wenn wir von Organisation sprechen, so verstehen wir mehr darunter und auch noch anderes. Zunächst dies: Negativ: Organisation ist nicht äußere Schale. Sie erschöpft sich so wenig in Paragraphen, Leitsätzen, Statuten, Reglements, politischen und polizeilichen Verordnungen wie der sprudelnde Quell in der Pumpe, die ihn aufhängt. Positiv: Organisation ist die mit dem historisch-ökonomischen Prozeß, mit dem physischen und geistigen Wachsen und Werden der Menschen wie der menschlichen Gesellschaft untrennbar verbundene Ausdrucksform; organisch verbunden wie die Haut mit dem Körper, mit ihm sich wandelnd, sich dehnend oder schrumpfend, straff gespannt oder faltig und voller Schwären. Organisation ist das Resultat eines bestimmten Untergrundes, freilich das niemals endgültig zu fixierende, sondern stetig neu zu formulierende. Sie ist Ausdruck bestimmter Gesellschaftsverhältnisse. Wird also weiterhin von alter und neuer Organisation gesprochen, so ist das nicht so zu verstehen, als ob die alte vom Abgrund verschluckt sei, plötzlich abgefallen wäre wie eine Larvenhaut, während die neue ins Leben flattert wie der Schmetterling. Das Wachsen, Altern und allmähliche Absterben der einen ist begleitet, bedroht, durchsprengt vom Werden der anderen. Das Ganze ein revolutionärer Prozeß. (Wobei gesagt sein mag, daß alles, was seine Formulierung in der Sprache findet, alles, was als werdend festgestellt wird, bereits als Faktum irgendwie vorhanden ist.)

3.

Die Organisation der Vergangenheit, die Organisation des kapitalistischen Systems hat ihren vorläufig höchsten und stärksten Ausdruck im modernen Klassenstaat gefunden. Er ist die gewordene und gewollte Organisation der Menschen eines bestimmten Territoriums auf Grund der unter ihnen bestehenden Machtverhältnisse. Er ist das gesetzgebende und vollziehende Organ der Kapitalistenklasse und derer, die mit ihr materiell oder ideologisch verbunden sind oder sich verbunden fühlen. Wachsend und sich wandelnd mit dem Fortschreiten der kapitalistischen Entwicklung und den Bedürfnissen der an ihr Interessierten. Der Staat als Ausdruck der Organisation ist Zentralisation und Konzentration aller Bestrebungen der herrschenden Klasse; er ist zugleich, als Begriff, Ausdruck der kapitalistischen Ideologie. Der bürgerliche Rechtsphilosoph sagt: Der Staat ist die Verwirklichung der sittlichen Idee (2),

oder:

„Der Staat ist die zur Persönlichkeit organisierte Gemeinschaft, welche sich kraft eigenen Rechtes die allseitige Forderung der Kultur und den Schutz gegen Unkultur zur Aufgabe macht, und zwar nicht vereinzelt, sondern nach allen Seiten des menschlichen Wirkens und der menschlichen Entwicklung hin. – Der Staat ist Kulturstaat und als solcher trägt er die Rechtfertigung in sich; ja, nicht nur die Rechtfertigung, sondern auch die Heiligung: den Staat bezweifeln, heißt die Kultur bezweifeln.“

Demgegenüber konstatieren wir, daß der kapitalistische Staat die materielle und ideelle Sanktionierung der Privatwirtschaft und des Eigentumsgedankens ist. Er bedeutet als Faktum und als Willensrichtung Heiligsprechung des Individuellen, des Egoismus. Er ist Repräsentant der herrschenden Klasse. Historisch gegründet und sich weiter fundamentierend auf der Akkumulation des Kapitals und auf dem Willen zur Macht, wächst diese Organisation und sucht sich zu vollenden in der Weltdiktatur des Kapitals, im Zentralismus als Instrument zur Unterdrückung aller Widerstände. Sie steuert auf Weltwirtschaftssyndikat, auf Weltbankentrust im Symbol der Aktiengesellschaft Dschingis Khan (3). Sichtbar drückt sie sich augenblicklich aus, Wichtigstes herausgegriffen, im System der Bürokratie, im Militarismus, in der Partei, im Parlamentarismus, im Berufsführertum, in der Lehrbucherziehung, in der Degradierung der übergroßen Mehrheit zu Untertanen, zu Regierten, in der Erniedrigung des Menschen zum Zubehörteil der Maschine, in der Unterdrückung jeder Selbständigkeit. An der Spitze gottbegnadete, kaum verantwortliche Führer, dahinter die von ihnen restlos abhängigen Verwaltungen, und zuunterst entrechtete Massen, denen man Brocken zuwirft oder die Kandare anlegt, je nachdem man die Bestie am leichtesten beruhigen zu können glaubt.

Hindernd im Wege steht diesen Tendenzen die ungleichmäßige Entwicklung des Kapitalismus in den verschiedensten Ländern; die Konkurrenz der Nationen als Kultur- oder Rassegemeinschaften; die Einsicht in eben diesen kapitalistischen Prozeß, und damit der Abwehr- und Angriffskampf der unterdrückten Klasse, das Werden einer neuen Organisation.

4.

Eine gewisse Übergangszeit in diesem Prozeß war das Zusammenströmen immer größerer Scharen im Staubecken der sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften. Doch was sich hier bildete, war im Wesentlichen zunächst nicht Ausdruck einer neuen Organisation, sondern mehr reine Negation. Die materielle und insbesondere geistige Verankerung innerhalb der alten Gesellschaft, innerhalb der privatwirtschaftlichen Sphäre erwies sich im ganzen vorerst starker als die Lebenskraft neuartiger Schößlinge. Die Mechanik und Routine der Einstellung auf Individuum und Egoismus bequemer und einleuchtender als die Dynamik der Masse und des Sozialen. Je langer, je mehr wurde die Sozialdemokratie Partei der reinen Negation, versagte, wo sie dazu übergehen sollte, schöpferisch das Soziale zu schaffen; schuf positiv nur Gebilde bürgerlichen Charakters, blieb in den Schranken bürgerlicher Welt und Weltanschauung, verbarrikadierte sich dort und hantierte wie sie, nur plumper und ohne Kultur. Man verdeutlicht sich das an typischen Vertretern wie etwa Hanisch, Ledebour und Radek (4). Grundverschieden und doch sämtlich verbunden mit der bürgerlichen Welt. Hanisch, nicht ohne Kenntnis des wissenschaftlichen Sozialismus, aber steckengeblieben im Kulturell-nationalen deutscher Grenzen. Ledebour, kritische Negation, Wortfanatiker deutscher Zivilisation, steckengeblieben im Parlamentarismus, unfähig, zu proletarischen Mitteln zu gelangen. Radek, international, ohne Kultur, theoretisch zielend auf proletarische Wege; praktisch steckengeblieben in den Methoden der Bourgeoisie; politischer Geschäftemacher, der den Sozialismus kennt, wie der Geschäftsmann eine Wissenschaft kennt und sich ihrer für seine eigenen Zwecke bedient. Sie alle sind ohne Kraft sozialen Wollens, das ist Lebens, vielleicht sogar ohne die Fähigkeit, weil die Voraussetzungen dazu fehlen. Außerdem umschlingt sie alle gemeinsam noch ein anderes: das Wesen des Führertums der kapitalistischen Welt. Und nichts kennzeichnet die alte Organisation deutlicher, an nichts wird sie allüberall schneller in ihrem Typus erkannt als am Führertum. Das ist geradezu das Charakteristikum der alten Organisation: Kult der Persönlichkeit, Kult des Heroentums, des Milliardärs wie des Spezialisten. Die Welt eine Gruppe Regierender und eine Armee Regierter, einige Schlaue und Millionen Esel. Die Masse das Objekt: Brettsteine, die man schiebt, je nach Bedarf und Kenntnis des Spiels. Unter dem Zwang solchen Führertums, unter dem Druck seiner wissenschaftlichen usw. Autoritäten, kam zunächst so gut wie nichts zur Entfaltung vom Wesen einer neuen Welt, einer werdenden, grundsätzlich anders als die alte gearteten Organisation. Die sogenannte Sozialdemokratie bewegte sich als Partei, wie auch in sämtlichen anderen Ausdrucksformen und Bestätigungsarten, in Gewerkschaften und Genossenschaften wie in Bildungs- und Erziehungsversuchen fast durchweg in kapitalistisch-bürgerlichem Gleise. Sie machte sich das kapitalistische „Wissen ist Macht“ zu eigen; und statt das Soziale zu lösen, statt in Arbeitsgemeinschaften die proletarischen Eigenkräfte zu entbinden, fütterten ihre Lehrer und Agitatoren, selbst noch völlig im Bann bürgerlicher Kultur, die Hungrigen und Verirrten mit Brocken aus den Warenhäusern der alten Welt. Die SP verlor während eines Kampfes (5) – der an sich durchaus notwendig war, der gewisslich erforderte nicht utopische Propagierung eines fernen Zieles, sondern Aufweisen des Weges dahin, also praktische Ausnutzung aller bürgerlichen Bastionen, solange als nötig – das eigentliche Ziel aus dem Auge. Ein Ziel, das eines mühseligen Aufbaus bedurfte, aber eines Aufbaus, der sofort als Wichtigstes in Angriff genommen werden musste. Das Ziel wurde bestenfalls Propagandaideal, das angeblich von selbst herausspringen würde, wenn erst die politische Macht errungen war. So überwucherten die Methoden, die von Tag zu Tage krasser bürgerlichen Charakter annahmen. So ist es nicht auffallend, daß sich zum Beispiel die Parteien, von der deutsch- nationalen bis zum Spartakusbund, wesentlich in gar nichts unterscheiden; wenn nicht darin, daß sich die kapitalistischen Methoden um so rücksichtsloser breitmachen, je weiter nach links wir wandern. Entfaltet sich die Herrschaft der Bourgeoisie im Parlamentarismus, in der Sammlung der Edelsten der Nation als Berufsführer, so entfalten sich mit dem Parlamentarismus die Parteien. Parteiherrschaft ist Parteiführerherrschaft. Partei in diesem Sinne ist spezifischer Ausdruck der Klassengesellschaft. Parteimann sein bedeutet bisher Meister sein in der Beherrschung der Sprachklaviatur zur Verhüllung oder Umnebelung egoistischer Triebe und Ziele, Meister werden der Taktik, das ist der gerissensten Anwendung jesuitischer Weisheit: der Zweck heiligt die Mittel. Parteimann sein bedeutet: den Mut aufbringen zur Borniertheit, den Mut zur Trivialität, den Mut aufbringen zur Abtötung des Menschlichen im Menschen. Parteimann sein bedeutet: Im Verfolg den Wert der Maschine höher stellen als den Wert der lebendigen Zelle. Parteien standen am Hebelwerk, das den Weltkrieg auslöste, Parteien treiben Leichenfledderei am Kadaver der alten Gesellschaft, Parteien wollen sich hineinschmarotzen in die schießenden Säfte der neuen, der klassenlosen Gesellschaft.

Fast noch brutaler und vielgestaltiger offenbarten die angeblich sozialistischen Gewerkschaften ihren kapitalistischen Charakter. Man beachte nur dies: Bürokratie, Berufsführertum, kapitalistisch geartete Zentralisation, Forderung der Klassengegensätze, Bildung neuer Klassengegensätze durch Berufsvereinigung oder Industrieverbande, Arbeitsgemeinschaften von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Scheidung von gelernten und ungelernten, männlichen und weiblichen Arbeitskräften, Unterstützungs- und Versicherungswesen.

5.

Trotz dieser hindernden Momente, trotz aller Abirrungen einer Übergangszeit kristallisiert sich natürlich im Prozeß der kapitalistischen Organisation die neue, die proletarische Organisation heraus, die man – ein scheußlicher Name – Räteorganisation nennt.

Unvermeidlich, wie die alte kapitalistische Gesellschaft zugrunde gehen muß, durchsprengt die neue, die proletarische, die klassenlose Gesellschaft die festesten Ketten, die dicksten Spangen, die zähesten Haute. Die alten Schal en fallen wie die Rindenstücke der Platanen, bald oben, bald unten, aber sie fallen gewiß, und die neuen, jungen Gewebe dehnen sich elastisch heraus, springen aus Hirn und Fäusten der kämpfenden Proletarier.

In jenem Hohlraum freilich, der den Geist des deutschen Spießers umschließen soll, spiegelt sich ein seltsames Rätesystem (6). Ein Rätesystem, das nichtsanderes ist als das alte Bürokratentheater mit Loge, Parterre, Sperrsitz, erstem, zweitem und drittem Rang, nunmehr besetzt von Angehörigen der „unteren“ Klassen. Entsetzen packt ihn, und auch uns würde Entsetzen packen vor dem Zuchthaussozialismus, in dessen Hallen es wimmelt von Räten als Beamten eines neuen Staates. Aber solche Gedanken können nur entstehen in einer deutschen Beamtenseele und nur einen Widerhall finden in Arbeiterschichten, deren Eigenleben im trüben Wasser der kapitalistischen Umwelt verschlammt ist. Wer seinen Blick nicht über den Tag erheben, wer immer erst den Toten und der Vergangenheit gerecht werden kann, wer Ideen nicht im Werden und Wachsen begreift, wer nicht im Sumpf und Wirrnis, unter Verbrechen und Unfähigkeit die unbändigen vorwärtstreibenden Kräfte spürt, der kommt auch nicht heran an das gewaltigste Geschehen der neuen Zeit, an die unter entsetzlichen Wehen in ihr letztes Stadium tretende Geburt der proletarischen Gesellschaft.

Die Räteorganisation tritt überall in Erscheinung, wo sich der Gedanke der absoluten Gegensätzlichkeit von Ausbeutern und Ausgebeuteten zur Wirklichkeit drängt, überall da, wo der Prozess der Umwälzung in revolutionärer Reinheit zutage tritt. Abgesehen von vielfachen frühen Einzelerscheinungen, ringt er sich deutlich empor in der Kommune, und weiterhin verstärkt, vertieft und verbreitert in der russischen Revolution 1905. In Deutschland vorerst nur geahnt und – schwach genug – theoretisch zu formulieren gesucht, versackt und verschüttet durch die oben gekennzeichneten Tendenzen, haben erst Krieg und Revolution mit ihrer schrecklichen Schärfe, ihrer ungeheuerlichen Wucht Vergrabenes und Vergessenes enthüllt und in nötigem Umfang die Voraussetzungen geschaffen für das neue und selbständige Werden, alles scheinbar Gel oste und so gemütlich und reibungslos Hinlaufende erneut und mit unerhörter Schärfe zur Debatte gestellt, als Problem, das ist als neu zu lösende Aufgabe. Und zwar nicht nur die an sich kleine Angelegenheit der sozialdemokratischen Partei, sondern die Gesamtfragen der Ökonomie und Geschichte, die Möglichkeiten einer materiell wie ideologisch anders zu schaffenden Welt. Es sind erneut die Voraussetzungen vorhanden für die Entfaltung und Entwicklung der neuen Organisation.

6.

Was bedeutet diese Räteorganisation? Wenn der Sozialismus die absolute Negation des Kapitalismus ist und gleichzeitig ein neuer ökonomischer und geistiger Ausdruck der Menschheit – natürlich immer als Werdendes aufgefasst so wird und muß die neue Organisation als die Erscheinungsform dieses Prozeßes inhaltlich wie formell (was untrennbar zusammenhängt) sich grundsätzlich antikapitalistisch gestalten. Sie bedeutet als Negation (als reines Kampfinstrument, d.h. Kampfinstrument gegen ihren Widerpart) Zertrümmerung der alten zentralistisch-bürokratischen Organisationsform, Zertrümmerung des Staates, ev [entuell] des Völkerbundes als Vorlaufer des weltbeherrschenden Aktien Trust-Parlaments und deren Ideologie, Zertrümmerung des Unternehmertums, der Privatwirtschaft, ev [entuell] des Weltwirtschaftssyndikats. Sie bedeutet als Negation der Negation den Aufbau der Gemeinwirtschaft, die Föderation der sozialen Kräfte und deren Selbstbewußtseinsentwicklung. Sie bedeutet in der Übergangszeit: die Räte Organe der proletarischen Revolution, die Räteorganisation notwendiges Organ zur Schaffung der Kampfeinheit des Proletariats. Die Räteorganisation nicht als Organisation des Kampfes um die Seele der Arbeiter, sondern als Formulierung, als Ausfluss und Umgrenzung ihrer Selbstbewußtseinsentwicklung, ihres sozialen Wollens. Die neue Organisation wird also ihre stetig fließende Kraftquelle finden und suchen müßen im Sozialen, sie wird sich gründen und verankern nicht im Individuellen, im Egoismus, im Eigentum, in der Privatwirtschaft, im Zentralismus und im Staat, sondern in der Masse, im Sozialen, in der Gemeinwirtschaft. Von diesem Boden aus wird sich ihre Wesensart entwickeln. Und es ist selbstverständlich, daß eine – übrigens kaum notwendige – Trennung in Betriebsräte und Arbeiterräte auf keinen Fall erfolgen darf nach dem Prinzip: Getrennt marschieren und vereint schlagen. Hier liegt eine Gefahr vor, die mit größter Schärfe zu bekämpfen ist. Beide müssen von vornherein in unlöslichem Verein kämpfen. In den Räten bilden sich die Methoden, die Waffen des sozialen, des proletarischen Kampfes, verbreitert und vertieft sich das Fundament der werdenden sozialistischen Gesellschaft.

Ein Vergleich mag, soweit das möglich ist, das Wesen der Räteorganisation veranschaulichen. Kann man die kapitalistische Organisationsform mit einer Pyramide vergleichen, so die neue mit einem Polyeder (Vieleck), in dem jede Ecke mit dem Mittelpunkt stark und elastisch verbunden ist. Die zentripetalen und zentrifugalen Kräfte, die nach innen und außen strebenden, parieren einander. Die bourgeoise Organisationsform ist eingestellt auf das Individuale, sie trägt ihre Blüten im Heroenkult, in Goetheverhimmelung und Hindenburgrummel, in Engagement eines „Stars“ für monatlich 200 000 Mark. Ihre Typen sind Don Juan und Faust, ihre Konzeption und ihre Sehnsucht der Übermensch, der Milliardär. Die Masse das Knetmaterial für „Bevorzugte“. Die proletarische Organisationsform führt das Individuum zurück in das Gemeinsame, in das Soziale. Die Persönlichkeit, und sei es die größte, wird nicht gehätschelt werden, nicht in ferne Hohen steigen, sie wird sich nach allen Richtungen ausbreiten im Gemeinsamen, sie wird mit ihren stromenden Gluten die Masse durchdringen und mit der Masse gemeinsam wachsen.

Die revolutionären Räte sind in der Folge der Tod des Bürokraten. Sie entstehen und schaffen im Triebwerk der gemeinsamen, notwendigen Produktion; gewählt vom Vertrauen der Gleichgestellten, unter steter Kontrolle und jederzeit abberufbar, gestützt nur von Selbstarbeitenden, sind sie der Blutstrom und die Nerven der neuen Gesellschaft, sind sie die Geistesfunktionen, das Gehirn, das den Gesamtkörper durchdringt. Das System der revolutionären Räte ist die einzige Möglichkeit, alle destruktiven, austobenden, durch den Krieg gelosten Elemente in gemeinsame Arbeit zu zwingen und dienstbar zu machen. Die alte Organisation kennt nur Gewalt, die Generalität ist ihr Prophet und der Standrechtsparagraph ihr Katechismus. Die Entfesselung aber aller geistigen Kräfte der ausgebeuteten Masse ist der Tod des Individualen. Orientiert also an der Masse, ihren Ausgangspunkt nehmend vom Betrieb, selbstverständlich nicht verwurzelt im Einzelbetrieb, wird die Räteorganisation sich in ihrer Ausgestaltung, in ihren Methoden grundsätzlich anders erweisen als die alte Organisation. Aus dem Prinzip des Sozialen ergibt sich notwendig das Anstreben restloser Öffentlichkeit, die Verlegung der Erziehung, Geistesentbindung, des geistigen Lebens (d.i. politisch im weitesten Sinne) in die Masse, Abhalfterung des Berufsführertums, vollkommene Änderung des Wahlverfahrens (Zeit-, Rückberufung usw.), in der Hand der Räte Gesetzgebung und Verwaltung zugleich usw.

7.

Die deutsche Revolution beginnt erst jetzt den Charakter einer proletarisch-sozialen anzunehmen. Erst jetzt beginnt der Gedanke einer proletarischen Eigenentwicklung, Eigenorganisation wirklich bewußt zu werden, beginnt die nicht nur instinktmäßige, sondern intellektuelle Einsicht in den Prozeß der neuen Organisation. Was dagegen im November 1918 und späterhin in den ersten Arbeiter- und Soldatenräten wie auf den sogenannten Rätekongressen (7) zutage kam, war wesentlich Fälschung, Ablenkung, Irreführung, beruhend auf Unklarheit, instinktiver Zu- oder Abneigung, diktiert von den Bedürfnissen nicht nur der kapitalistischen Gegner, sondern erst recht der bedrohten offiziellen ertreter und Propagandisten einer sozialistischen Theorie, der ihre Praxis geradezu ins Gesicht schlug.

Sie ahnten beide die in der Räteentwicklung schlummernden ungeheuren Explosivkräfte und stellten vom ersten Augenblick alles darauf ein, sie zu unterdrücken und zu vernichten mit Lüge und Mord. Stumpfheit und Denkträgheit, Unklarheit und alle kleinlichen egoistischen Triebe mussten herhalten zur Diskreditierung und Verleumdung der werdenden Räte. Hinzu kam, daß auch die Mehrheit der Arbeitermassen noch in keiner Weise zu der notwendigen Selbsterkenntnis und zur Erkenntnis ihrer Stellung im Gesellschaftsprozeß vorgedrungen war. Die ersten Rätekongresse mit ihren traurigen „Führern“ und traurigen Beschlüssen, darunter dem vernichtenden: Anerkennung der Nationalversammlung, Wahlen zu ihr, Verankerung der Räte, waren erschütternde Beweise für die Unfähigkeit des deutschen Proletariats, damals seine historische Aufgabe zu erfassen. Eine Unfähigkeit, die allerdings überwältigend einem historisch gemeingeführlichen „Führertum“ aus Parlamentariern und Gewerkschaftlern zugerechnet werden muß.

In die Richtung solcher niederträchtigen Sabotage, in die Richtung taktischer Manöver und diplomatischer Gerissenheit gehört auch die nun schon bewußte Fälschung der neuen Organisation durch die Einrichtung der sogenannten gesetzlichen Betriebsräte. Die oktroyierten gesetzlichen Räte, ob Elternrate oder Betriebsräte, ob Schiller- oder Soldatenräte, haben so wenig mit dem revolutionären Rätegedanken zu tun, wie die Kaufehe mit der Liebe, der Pedant mit dem Künstler, die Maschine mit der lebendigen Zelle. Die revolutionären Räte erwachsen im Kampfe. Sie werden wachsen, denn wir stehen erst am Anfang der großen Kämpfe. Dann wird die Theorie Gewalt werden, dann werden sie aus dem gelockerten Boden springen wie die Saat im Frühling allüberall.

Ein solcher Prozeß vollzieht sich nicht in einer kurzen Zeitspanne. Das Ziel ist die klassenlose Gesellschaft.

Die klassenlose Gesellschaft wird die sozialistische Gesellschaft sein. Der Weg zum Sozialismus ist – ökonomisch – der Prozeß der Umwandlung des Privateigentums an allem in Gemeinbesitz. Er ist – geistig – der Prozeß der Umgestaltung der kapitalistisch-bürgerlichen Geisteswelt in die sozialistische, des individuellen Denkens, Fühlens und Wollens in das soziale, das Aufgehen der Einzelheit und Besonderheit in die Allheit. Er ist die restlose Auflösung des Eigentumidols in ökonomischer wie geistiger Hinsicht; des Eigentums an Sachen, am eigenen Leben wie an geistiger Produktion, Selbsterziehung und Lebensgestaltung. Ein solcher Prozeß ist bedingt durch die sich auswirkenden Kräfte des kapitalistischen Wirtschaftssystems, aber er kann gefordert, sein Tempo beschleunigt werden durch die Einsicht des Proletariats in diesen Prozeß, durch die bewußte Einwirkung, die bewußte Einstellung seines Kampfes in dieser Richtung. In diesem Kampfe wird sich in immer höheren Graden die Selbstbewußtseinsentwicklung der Masse, der proletarischen Klasse, die Entwicklung der Räte, die zur klassenlosen Gesellschaft hinüberleiten, herauskristallisieren.

Der Rätegedanke wird immer weitere Kreise erfassen, da in immer schnellerem Tempo sich die Selbstbewußtseinsentwicklung aller derer vollziehen wird, die als Proletarier angesprochen werden müssen, ob Laden Fräulein oder Professor, ob Künstler oder Beamtern. Um so schlackenloser wird die neue Organisation sich darstellen, in je höherem Grade die alte sie nicht mehr stören und verschmutzen kann.

8.

Aus dem Wesen und Werden der neuen Organisation ergeben sich auch die Grundlinien für das Wesen der Internationale. Sie wird sich herausbilden und wachsen im Einklang mit der neuen Organisation. Sie wird fortschreitend prinzipiell gegründet sein und sich zu gründen haben einmal auf die Gemeinwirtschaft, jene Gemeinwirtschaft, die, ständig Schritt haltend mit der Weltrevolution, immer erneut sich einrichtet nach Wirtschaftsbezirken, die jeweilig die letzten Möglichkeiten gleichmassiger Bedürfnisbefriedigung erschöpfen. Sie wird sich weiter zu gründen haben auf das immer starker werdende, mit dem Wirtschaftsprozeß untrennbar geeinte bewußte Wollen sozialen Lebens.

Das Ziel ist: die Menschheit als klassenlose Gesellschaft, als wirtschaftende Einheit, orientiert an der Forderung des bestmöglichen Ausgleiches nach jeder Richtung, der bestmöglichen Schaffung der Bedingungen sozialen Lebens. Damit wird sich auch die neue Organisation vollenden. Auf dem Wege dahin wird sie jenes notwendige Mittel sein, durch das aus dem Wesen und den Bedingungen der proletarischen Klassensolidarität heraus jede wie auch immer geartete Grenze überschritten wird, durch das immer erneut – mit der Entwicklung kommunistischer Einzelheiten – angestrebt und erzwungen wird eben jene fortschreitende Gemeinwirtschaft, jene immer erneut nach wirtschaftsgeographischen Gesichtspunkten zu regulierenden Wirtschaftsbezirke und ihr Ausgleich. Mit dem Wachsen eines solchen Rahmens und in einem solchen, das ist im Anstreben und Schaffen einer Weltgemeinwirtschaft, werden erst zur wahren Entfaltung kommen die organischen Besonderheiten und Reichtümer der Rassen, der Nationen als Kulturgemeinschaften so gut wie der Einzelmenschen. Natürlich wird auf dem Wege einer so gewaltigen Entwicklung von vornherein eine ununterbrochene Symbiose, das ist eine ununterbrochene allseitige Durchdringung, stattfinden. Wie überhaupt sich ein solcher Prozeß nicht in der dogmatischen Einseitigkeit irgendeines Theorems vollziehen wird. Mancherlei wird hemmend oder fordernd einwirken. Es mag zum Beispiel erinnert sein an eine Regulierung des Bevölkerungsproblems. Und weiter muß gesagt sein, daß es nicht angeht, als Internationale, als Ziel des internationalen Klassenkampfes die Geschlossenheit und Freiheit und dann die Föderation aller Nationen aufzustellen. Der Sozialismus ist die Folgeerscheinung, der Antipode des Kapitalismus. Der Kapitalismus als System, als historisch-ökonomischer Prozeß, hat zwar momentan seinen Ausdruck im modernen Klassenstaat, ist aber ein System, das in seiner Entwicklung über alles Gegebene und Gewordene, von ihm selbst Mitgeschaffene, hinweggeht, mit Notwendigkeit überstaatlich, übernational, überrassig fortschreitet. Er bleibt nicht stehen bei der Schaffung einzelstaatlicher Wirtschaftseinheiten, er benutzt sie nur, um expansiv schneller oder langsamer, gewaltsam oder schachernd, aber unbedingt darüber hinwegzuschreiten zur Vernichtung der Konkurrenz auf dem Weltmarkte, zu angeblicher Kolonisation usw., eventuell zur Einigung in Welttrusts politischer oder wirtschaftlicher Natur usw. Geht nun der Sozialismus hervor aus einem solchen Prozeß des Kapitalismus, so wird und muß seine ökonomische Ausrichtung wie seine Ideologie, sein regulatives Prinzip gleichfalls überstaatlich eingestellt sein, natürlich antikapitalistisch orientiert am Faktum wie an der Forderung antikapitalistischen Klassenkampfes wie antikapitalistischer Klassensolidarität. Wenn auch selbstverständlich die Proletarier jedes Landes zunächst von ihrem Boden aus kämpfen müssen. Ferner ist das, was als Nation gilt, nichts Einheitliches, sondern großenteils eine unter stärkster Mitwirkung des Kapitalismus erzwungene Sprachgemeinschaft. Innere Notwendigkeit zur Fortentwicklung einer solchen erzwungenen Einheit liegt aber nur dann vor, wenn sie sich aus tieferliegenden Faktoren, etwa biologischen, Rassefaktoren, ergibt. Orientierung des Proletariats am Begriff der Nation, die Nation als ein sogenanntes Volksganze zum Fundament, zum Drehpunkt für die Internationale zu machen, würde letzten Endes bedeuten: Erneute Einstellung auf das Individuelle, auf Egoismus, auf Privatwirtschaft, nur in einer erhöhten Potenz, in der Kollektivform der Nation. Würde bedeuten auch Sabotage, Umbrechen der Räte-Entwicklung, der neuen Organisation. Der Weg des Sozialismus aber kann nur gehen in der oben gekennzeichneten Richtung auf restlose Gemeinwirtschaft und restlos soziale Ausdrucksformen. Und in dieser Entwicklung bildet sich zunächst als Kampfinstrument eine dritte Internationale mit Exekutivkomitee. Sie darf sich ihrerseits nicht inrichten im Geist der alten Organisation, im Geist der alten Parteien, wobei in keiner Weise die Methode sich ändert gegenüber der des Kapitalismus, sondern höchstens als Objekt etwas anderes ausgespielt wird: das Proletariat. Von den gleichen Bedingungen umgrenzt wie die Partei überhaupt, muß sie sich bewußt sein, daß das wesentliche ist, Aufbauen im Geiste der neuen Organisation. Die wahre Internationale wird nicht durch Diktatur einiger Heroen, durch Parteiführer als Einpeitscher. Das hindert nur. Wichtiger z.B. ist die Schaffung von Verbindungen und Beziehungen der wirklichen Räte der Länder usw. Nur so darf die Einstellung sein, nur so ist die Gefahr zu überwinden, daß – wenn auch nur eine Zeitlang – an Stelle eines kapitalistischen Syndikats eine angeblich sozialistische Aktiengesellschaft Dschingis Khan sich einsetzt, was ungleich Schlimmeres bedeutete für die physische und psychische Ausnutzung des Proletariats, als je vom Kapitalismus aus geschehen konnte. Es geht nicht um die Aufrichtung einer zentralisierten Weltherrschaft für Größenwahnsinnige, sondern um die von unten auf werdende und gewollte wirtschaftliche und geistige Föderation, um den Kommunismus.

9.

Die voraufgehenden Abschnitte haben das innerste und innerlichste Wesen der neuen Organisation darzulegen versucht, haben in bewußter Einstellung das Problem theoretisch angepackt, so wie es losgellst von allen Schlacken als festes Gerüst und klare Linie sich darstellt. Das, was die augenblickliche Praxis verlangt, wird in einer zweiten Arbeit ausführlich behandelt werden. Aber aus dem Ungestüm der Meinungen heraus mag hier noch einiges Wichtigste grundsätzlicher Natur herausgehoben werden. Und dieses Wichtigste läßt sich augenblickfich am deutlichsten darstellen am Verhältnis von Partei und Räten. –

Die Entwicklung der Räte als Entwicklung der proletarischen Ausdrucksform und fernerhin einer sozialen Welt ist ein Prozeß von Generationen. Dieser Prozeß führt auf seinem Wege notwendig zur Eroberung der politischen Macht, und der Besitz der politischen Macht wird seinerseits natürlich zum mächtigsten Hebel der Weiterentwicklung.

Es ist klar und ergibt sich aus der Praxis, daß wirkliche Räte von unten auf entstehen, wachsen und sich Allmahlich durchfressen und immer weiteren Umfang annehmen. Nicht das ist das Wichtigste, daß auf Kommando Wahlen stattfinden und eine äußere Form geschaffen wird, die Rätevollversammlung eines Bezirks, der Rätekongreß Deutschlands – obwohl natürlich allein schon die Störung und Sabotierung der alten Organisation nicht ohne Wirkung bleibt sondern darauf kommt es an, daß aus der Masse, von unten heraus die Einheit proletarischer Form und proletarischen Inhalts herauswächst; daß das vollste Bewußtsein vorhanden ist für die neue Organisation. Die fortschreitende Erkenntnis und der bewußte Wille zur neuen Organisation ist der Gradmesser für die Entwicklung der sozialen Revolution. Aus diesem Grund sind jene Bewegungen innerhalb des Proletariats am bedeutungsvollsten, die aus dieser Erkenntnis den Rätegedanken zur Achse ihres Kampfes schmieden und ihm praktisch den wahren Ausdruck verschaffen. Darin liegt die Berechtigung und Notwendigkeit der Betriebsorganisationen, die sich ausweiten zur Allgemeinen Arbeiter-Union. Darin liegt ihre Zukunft. Sie sind buchstäblich heute die einzig positiv soziales Leben gestaltenden Gebilde. Diesem großen Gang gegenüber ist die Partei eine Zeiterscheinung geringeren Grades. Zweifellos ist sie noch eine Notwendigkeit. Schon die äußerliche Einsicht darin, daß die neue Organisation erst im Anfang ihres Werdens steht, daß tausend klarblikkende Proletarier, zerstreut, sie zunächst nur propagandistisch vertreten können, daß ununterbrochen das Studium aller Verhältnisse, aller Ereignisse, die Schulung noch nicht restlos Geklärter stattfinden muß, und vieles andere muß zu dieser Einsicht führen.

Aber freilich, die Partei im alten Sinn ist verrucht und muß verschwinden. Nur jene proletarische Partei ist notwendig, für die der Rätegedanke der Kern ihres gesamten Programms ist. Die Intensität, die Kraft, mit der sie sich der entstehenden proletarisch selbständigen Bildungen (wie etwa B[etriebs]-O[rganisationen]) annimmt, die Lust und Stärke, mit der sie bei solchen Bildungen Geburts- und Erziehungshilfe leistet, ist der Maßstab für ihren Wert.

Sie selbst ist alte Generation, sie ist wie Eltern, die alles dem Kinde hingeben, alles Beste hineinlegen und sich – wenn selbst mit einer gewissen Wehmut, doch sehr wohl bewußt sind, daß sie überholt werden, daß sie altern, wo jene wachsen. Die Partei in ihrer heute möglichen Form ist nur notwendiges Übel.

Sie darf nie vergessen, daß sie nur Mittel zum Zweck ist; daß das Werden der Räte ihre Hauptangelegenheit ist, aber eben nicht eine reine Parteiangelegenheit. Sie wird sich an allen Rätekongressen energisch beteiligen, aber nicht um Parteiinteressen willen, sondern um der Räte willen, um sie das werden zu lassen, was sie werden müssen, selbständige Organe und nicht vergiftete Parteiinstrumente.

Streit hat darüber begonnen, ob die äußere Organisationsform der Räte zentralistisch oder föderalistisch sein soll. Dieser Streit ist ein Oder Wortstreit. Beide Worte, mit Inhalt aus der Vergangenheit gefüllt, verlieren ihren Sinn dem Neuen gegenüber. Die Räte, zunächst rein proletarischer Natur, verlieren, je naher der klassenlosen Gesellschaft, je mehr diesen Charakter und werden Ausdruck der sozial wirtschaftenden und lebenden Gesamtheit. Dieser Prozeß geht von unten nach oben, breitet sich aus wie Kreise auf dem Wasser, aber – entsprechend dem Wachsen in verschiedenen Ländern – wie viele Kreise von verschiedenen Stellen aus, die ineinander laufen. So ergibt die Praxis, daß Zentralismus im. alten Sinn bei gesunder Entwicklung der Räte gar nicht in Frage kommt, daß andererseits Föderalismus zwar dann Sinn hat, wenn darunter verstanden wird: Freie Bahn dem Werden der neuen Organisation, wie sie ja von unten auf gewollt wird, daß er aber zum Unsinn wird, wenn er gedeutet wird als bornierte Selbstgefälligkeit und Abgeschloßenheit der Einzelbetriebe oder Einzelbezirke, ganz auf sich selbst gestellt. Das wäre eine Phase, die geradezu ältesten zentralistischen Geist atmet, statt eines Königtums schmarotzen viele Fürstentümer. –

In der Übergangszeit, vor allem bis zur Eroberung der politischen Macht, werden Betriebsräte und Arbeiterräte – so streng sie sich auf ihre Aufgaben vorbereiten müssen, so sicher ihre Aufgaben eine lange Zeit hindurch (wenn auch nicht dauernd) verschiedenartig sein werden – möglichst in einer Art Union, Bündnis oder ähnlich kämpfen müssen. Aus außerordentlichen Gründen schon und auch um bei längerer Dauer einer solchen Zeit dem Zerreißen durch die politischen Parteien vorzubeugen. Die Praxis hat bis jetzt vielfach den gesunden Weg gefunden, daß der Obmann der Betriebsräte gleichzeitig Arbeiterrat ist.

An dieser Stelle mögen ein paar der organisatorisch entscheidenden Satzungen der a.a.u. Platz finden:

1. Die Allgemeine Arbeiter-Union wird nach dem Rätesystem aufgebaut. Die Betriebsorganisationen bilden die Grundlage. Die Betriebsorganisationen vereinigen sich zu Ortsgruppen und Wirtschaftsgebieten. Die gesamten Ortsgruppen und Wirtschaftsgebiete bilden die Allgemeine Arbeiter-Union.

2. In allen Betrieben wählen die Arbeiter ihre Vertrauenspersonen.

3. Aus der Mitte der Vertrauensleute wählen die Mitglieder einen Obmann, Schriftführer, Kassierer und ihre Stellvertreter. Diese bilden den Orts-Organisationsrat.

4. Jede Ortsgruppe delegiert einen Genoßen in den Aktionsrat, der die Exekutive des Wirtschaftsbezirkes bildet.

5. Jeder Wirtschaftsbezirk delegiert einen Genoßen in den Reichswirtschaftsrat, der die Exekutive des Reiches bildet.

6. Sämtliche Funktionäre sind jederzeit abberufbar.

10.

Aus dem Wesen der neuen Organisation, aus ihrer absoluten Gegensätzlichkeit zur kapitalistisch-bürgerlichen Welt, zu ihrer Wirtschaftsweise wie Ideologie, ergibt sich die zwingende Notwendigkeit, daß unter die Aufgaben einer proletarischen Partei wie erst recht der Räte selber gehört, daß sie von Anfang an sich zur Vorkampferin einer proletarisch-revolutionären Weltanschauung machen. Alles was dazu gehört, Proletkult (8) vor allem (so wie ihn Rußland auffasst), ist kein Luxus, für den keine Zeit augenblicklich ist, sondern ist in einem Augenblick, in dem die ökonomischen Bedingungen zur Umwälzung da sind, gerade der entscheidende Faktor für die Beschleunigung der sozialen Revolution. Das Problem der deutschen Revolution ist das Problem der Selbstbewußtseinsentwicklung des deutschen Proletariats. Der Kampf um die Macht, die Eroberung der Macht ist ein Teilstück dessen. Darum ist die volle Wucht auf jene Arbeit zu konzentrieren.


Redaktionelle Anmerkungen

1. Karl Schröder (1884-1950), siehe: Wikipedia  (de) und: i.i.s.g. 

2. Grundlinien der Philosophie des Rechts / Georg Wilhelm Friedrich Hegel. – 4. Aufl. Mit Hegels eigenhändigen Randbemerkungen in seinem Handexemplar der Rechtsphilosophie. Hrsg. von Johannes Hoffmeister – Berlin (Ost) : Akademie-Verlag, 1956, S. 207 (§ 257).

3. Dschingis Khan (1155 (oder 1161?) – 1227) (ursprünglich: Temüdschin oder Temüüdschin), Khan der Mongolen, eroberte Teile Chinas, Turkestan und Russland bis zum Dnjepr. Das Riesenreich fiel nach seinem Tod auseinander. Sein Schöpfer gilt als Schulbeispiel eines durch die Anwendung der grausamsten Mittel sich durchsetzenden Herrschers.

4. Konrad Haenisch (1876-1925), vor dem Ersten Weltkrieg Vertreter des linksradikalen, seit dem August 1914 des rechten Flügels der s.p.d., 1918-1922 preußischer Unterrichtsminister.
Georg Ledebour (1850-1947), Mitbegründer und Mitglied des Vorstandes der u.s.p.d., nahm eine mittlere Position zwischen der „Linken“ und „Rechten“ ein, aber im Oktober 1920 (Hallenser Parteitag) optierte er für die „Rest-u.s.p.d.“; 1922 lehnte er die Vereinigung mit der s.p.d. ab und erklärte mit sechs anderen Delegierten zum Parteitag in Gera (September) die u.s.p.d. für weiterbestehend; 1931 Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (s.a.p.). Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigriert Ledebour in die Schweiz. Am 21./22. April 1946, mit einem Grußwort befürwortet Ledebour in seiner ersten öffentlichen Äußerung den Vereinigungsparteitag von k.p.d. und s.p.d. zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (s.e.d.) in der Sowjetischen Besatzungszone.
Karl Radek (Pseudonym von Karol Sobelsohn, 1885-1939) war als Linkssozialist und Kommunist in Polen, Russland und Deutschland tätig. 1920 Berater Lenins und Zinovievs in Deutschlandfragen und Verfechter eines Kurses, den die k.a.p.d. als opportunistisch oder konterrevolutionär verurteilte (Beteiligung an Parlamentswahlen, „Zellenbau“ in den Gewerkschaften, Mitarbeit in den gesetzlichen Betriebsräten usw.). Nationalismus drückte Radek 1923 in seiner Rede „Schlageter, der Wanderer ins Nichts“ aus, wobei er und die seinerzeitige k.p.d. mit Schlageter eine Symbolfigur des nationalen Konservatismus aufgriff: „Die Nation zerfällt. Das Erbe des deutschen Proletariats […] ist bedroht von dem Militärstiefel der französischen Soldateska und der feigen, profitlüsternen Schwäche der deutschen Bourgeoisie. Nur die Arbeiterschaft kann die Nation retten.“ 1934 gab ein Prawda-Artikel von Radek das Startsignal zur Vergöttlichung Stalins. 1937 wurde Radek als ehemaliger Anhänger Trotzkis im zweiten Moskauer Schauprozess angeklagt. Er wurde schließlich zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Wahrscheinlich am 19. Mai 1939 im Lager Werchne-Uralsk (Oblast’ Tscheljabinsk, Südural) von einem kriminellen Mitgefangenen erschlagen.

5. Gemeint ist: während der (langen) Zeit ihres Bestehens als Kampforganisation.

6. Der 2. Kongress der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrate Deutschlands (April 1919), an dem sich die Kommunisten nicht beteiligten, bedeutete praktisch das Ende der politischen Räte. Das im Januar 1920 von der Nationalversammlung angenommene Betriebsrategesetz wurde von der KPD bekämpft; jedoch entschloss sie sich zur Beteiligung an den Wahlen zu den (gesetzlichen) Betriebsraten, die von der k.a.p.d. abgelehnt wurde.

7. Zum 2. Rätekongress. Der 1. Reichsratekongress („Allgemeiner Kongress der Arbeiter- und Soldatenrate Deutschlands“) tagte vom 16.-21. 12. 1918; er sprach sich für die Nationalversammlung und somit gegen eine Räterepublik aus. Der 1. Rätekongress war für die gesamte Linke eine bittere Enttäuschung.

8. Der russische Proletkult (Abkürzung für „Proletarische Kultur “, Пролетарская культура) war einige Jahre lang ein anerkannter Zweig des Bildungswesens. In Kunstwerkstatten, an der „proletarischen Universität“ und in kurzfristigen Kursen wurden Arbeiter ausgebildet, die dann vorzugsweise ihren alten Beruf wieder aufnahmen. Im weiteren Sinn bedeutet „Proletkult“ auch die Bekämpfung des Analphabetentums, das Streben nach (außerschulischer) Bildung überhaupt und die Verfolgung des Ideals einer echt proletarischen Kunst und Kultur, welche die morsche bürgerliche Zivilisation im Bereich des Geistigen ablösen sollte. Siehe „Der russische ‚Proletkult‘“, in: Die Aktion, Jg. X, Nr. 3/4, 24. 1. 1920, S. 29ff. Der Beitrag eines „russischen Genossen “ wurde von Franz Pfemfert mit folgendem Satz eingeleitet: „Dieser Aufsatz möge zeigen, dass proletarische Kultur Angelegenheit des Proletariats ist, nicht aber eine Saisonsensation für Theaterreformer.“ – Lenin lehnte „alle die intelligenzlerischen Hirngespinste, alle die ‚proletarischen Kulturen‘“ ab (Mai 1919) und rügte Versuche, „eine eigene, besondere Kultur auszuklügeln, sich in eigenen Organisationen abzukapseln […] oder eine ‚Autonomie‘ des Proletkult innerhalb der Institutionen des Volkskommissariats für Bildungswesen herzustellen“ als „theoretisch falsch und praktisch schädlich“ (Lenin, Werke, Band 29, und 31).


Quelle: “Left Wing” Communism – an infantile disorder? ; transkription und Anmerkungen von Ph.B., 2015[?], nach der Reprint in: Die Linke gegen die Parteiherrschaft / Fritz Kool. – Olten : Walter Verlag, 1970. – S. 338-355; hier korrigiert; ein Original: i.i.s.g. .


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Compiled by Vico, 2 December 2016