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Antonie Pannekoek Archives
 

Henk Canne Meijer (1890-1962)


Overview


Benchman (Maschineschlosser); initially working and travelling several years throughout Europe, since 1914 until his retirement around 1955 primary school teacher; member of the s.d.a.p., s.d.p./c.p.h., k.a.p.n. (he left in 1923); published in the review of the b.k.s.p. of Jacques de Kadt; in 1928 founding member of the g.i.c. where he became one of the main contributors and editors; in 1930 or 1931 he wrote a short autobiography (see below); in 1939 he is mentioned on a police-list of left-extremists, qualified there wrongly as “anarchist”; 10 May 1940 he narrowly escaped arrest by the Dutch police; from 1945 to 1947 he was member of the Communistenbond Spartacus and in charge of international contacts.

He was born Amsterdam, 1890, with two sisters and two brothers a son of Johannes Henricus Jacobus Canne Meijer (1856-1941), bricklayer (metselaar), jointer (voeger), and Magdalena Wilhelmina van der Linde (1855-1938); in 1919 he married the primary school teacher Johanna Geertruida Seljee (1896-1990), divorced her in 1938, in 1940 he remarried the esperantist Geesje Elisabeth Hoogland (Gé, born and died Zwolle, 1911-1995).

His bibliography remains to be made; his papers are conserved in the i.i.s.g.


1978

1949, Henk Canne Meijer with Marco in his arms (Source: collection a.a.a.p., Clara Geoffroy).


1959

June 1959, Henk Canne Meijer with Gé Hoogland in Amsterdam (Source: collection a.a.a.p., Clara Geoffroy).


1960

1960, Henk Canne Meijer with Gé Hoogland, on the left “Cousin” (Serge Bricianer), a former member of Internationalisme in France (Source: collection a.a.a.p., Clara Geoffroy).


1961

1961, Henk Canne Meijer with Gé Hoogland (Source: collection a.a.a.p., Clara Geoffroy).


1961

1961, Henk Canne Meijer with Gé Hoogland; the name of the lady on the left is not known (Source: collection a.a.a.p., Clara Geoffroy).


1962

1962, Henk Canne Meijer with Gé Hoogland (Source: collection a.a.a.p., Clara Geoffroy).


1962

1962, Henk Canne Meijer with Ben Sijes (Source: collection a.a.a.p., Clara Geoffroy).


Autobiography

In 1930 or 1931, Henk Canne Meijer send a short autobiography to Paul Mattick, meant to be destroyed, a copy of which however was preserved in the archives of Anton Pannekoek:

 Paul,

Hier ein paar Worte über meine Person. Ich schreibe diese auf einem gesonderten Papier, damit du es vernichten kannst, denn für die Bewegung haben sie keine Nutzen. Seit 1914 bin ich Volksschullehrer und jetzt 40 Jahre alt. Vor dem war ich aber Maschineschlosser. Geboren in das ärmste Viertel von Amsterdam und dort gelebt bis 17 Jahre. Meine Vater war Bauarbeiter und von Gesinnung SPD. Nach meine Schuljahre besuchte ich die Gewerbeschule und trat dann in die Maschinefabrik. Mit 18 oder 19 Jahre ging ich nach Deutschland um mein Beruf besser zu lernen, wurde dort aber erst Schlepper, weil ich kein Wort Deutsch verstand und also sehr schwierig Arbeit suchen konnte. Arbeitete in Essen. Wanderte dan nach der Schweiz, wo ich 1 Jahr als Maschineschlosser auf Textil- and Strickmaschinen arbeitete. Wanderte nach Italien, wo ich aber keine Beschäftigung fand. Von Genua aus wurde ich von das holländische Konsulat mit ein Dampfer nach Amsterdam befördert, weil ich keine Mittel hatte. Wir hatten hier in Holland aber noch fürchterlich lange Arbeitstage und so schaute ich um nach einem anderen Beruf mit mehr freie Zeit weil ich mich selbst entwickeln wollte. Wusste kein anderes als Lehrer. Studierte 2 Jahre und machte dann mit gutem Erfolg meine Prüfung. In meine Studiumzeit machte ich noch zwei Arbeitsreise um weitere Mittel zur Studium zu beschaffen. Eine nach Engeland (ich hatte mich selbst Papiere als Kellner beschaft) und eine als Schlosser, wo ich auf einem Zeche in Essen Arbeit fand.

Die erste Orientierung über Sozialismus hatte ich von meinem Vater und als Metalarbeiter war ich Mitglied der freien Metalarbeitergewerkschaft. Das war ich auch in Deutschland und der Schweiz. Damals noch vollkommen befangen in den reformistischen Gedankengänge. Gegenüber den Arbeitskollegen wusste ich genau vor zu rechnen, wieviel Erfolge “unsere” Gewerkschaft machte. Jede Pfennig Lohnerhöhung wurde berechnet, wieviel das für die ganze Metalarbeiterschaft in einem Jahr ausmachte, also, wieviel Millionen Mark wir auf den Kapital “erobert” hatten. Alle Blödsinn der Gewerkschaftsterminologie plapperte ich den Arbeitskollegen vor, um ihre Rüchständigkeit nachzuweisen. Beim Ausbruch des Krieges war ich in so weit genesen, dass ich aus der SP trat, aber hatte noch überhaupt nicht mit der Gewerkschaftsbewegung gebrochen. Würde Mitglied der Lehrerverbandes. (Auch freigewerkschaftlich). Die Russische Revolution brachte mich in der K.P.H. Trat propagandistisch auf. War begeistert von den Rätebewegung. Als Russland die Rätebewegung sabotierte wurde ich argwahnend. Mit der Einführung der NEP war es fertig. Trat aus der KP und Lehrergewerkschaft und wir formierten hier eine KAPH. Diese konnte sich nicht halten, weil die Revolution immer weiter zurück lief.

Paul, du muss dieses Schreiben vernichten, alsauch in späteren Briefe diese Dinge nicht erwähnen. Dies weil deine Briefe von unsere Gruppe durchgenommen werden, wenigstens die meisten. Und ich woll nicht wissen, dass ich dich diese Dinge aus meinem Leben erzählt habe. Man konnte andere Dinge dahinten suchen als tatsächlich vorhanden sind. Ich vermeide ängstlich mich in der Vordergrund zu schieben, tue schweigend meine Arbeit und damit Schluss. Du kannst Jos. Wagner diese Zeilen Lesen lassen, oder sie ihm erzählen und weiter braucht keiner davon etwas zu wissen. Weiter bin ich der Namenlose als all unsere Brüder der Arbeiterklasse welche ihren Aufgaben nach Kräfte erfüllen.

Mit herzl[iche]. Gruss

H.C.M.

Jetzt verstehst du warum ich kein richtiges Deutsch schreibe. Ich habe nur aus der Praxis gelernt. Zwar konnte ich jetzt ziemlich leicht richtig schreiben lernen, aber ich betrachte es nicht als notwendig. Jeder begreift und versteht mich and das genügt.


Henk Canne Meijer / Ben Sijes (1970)

(Prof. Dr. B. A. Sijes verdanke ich die Lebensdaten von Henk Canne Meijer. Dr. Sijes war ein persönlicher Freund von Canne Meijer und seit 1934 Mitglied der g.i.c..)

«Henk Canne Meijer wurde am 30. Dez. 1890 geboren und starb am 28. Dez. 1962. In diesen 70 Jahren entstand und verging eine organisierte Arbeiter-bewegung. Diese organisierte Arbeiterbewegung – die Sozialdemokratie – begann als eine Bewegung, die die Arbeiterklasse revolutioniert hat. Doch aus dieser Bewegung wurde eine der gesellschaftsbewahrenden Kräfte. Aus einer Bewegung, die den Klassenkampf als wesentlichen Faktor für die Zukunft und die Bewußtwerdung der Arbeiterklasse propagierte, wurde sie die Bewegung, die die Harmonie der Klassen als eine Bedingung für den «Wohlfahrtsstaat» ansieht.

Henk Canne Meijer war 27 Jahre alt, als die russische Revolution ausbrach. Er gehörte zu den Millionen, für die diese mächtige gesellschaftliche Umwälzung bestimmend für ihr ganzes Leben werden sollte. Er reihte sich bei denen ein, die die russische Revolution bejubelten. Doch die Kritik an ihr von seiten der deutschen linken Kommunisten und von Anton Pannekoek und Herman Gorter in Holland um 1919/20 hatte ihre Wirkung auf ihn. Er stieß zu den oppositionellen Kommunisten, die den selbständigen Kampf der Arbeiter mittels der Arbeiterräte propagierten und sich so gegen den Parteikommunismus wandten, dem Kommunismus der Bolschewiki. Sie konnten den Moskauer Direktiven nicht zustimmen, die darauf hinausliefen, sich im Parlamentarismus und in der Gewerkschaftsbewegung wieder zu engagieren –  politische Instrumente, die man ja schon in der Sozialdemokratie verwarf. Henk Canne Meijer gehörte zu denen, die im November 1921 «De Kommunistische Arbeider» herausgaben, das Organ der Kommunistische Arbeiders Partij in Holland.

Henk Canne Meijer war bis zu seinem 23. Lebensjahr Metallarbeiter, er war auf seiner Wanderschaft in Deutschland und Italien. Doch sein Wissensdurst und sein soziales Engagement bewogen ihn, nach einem Beruf zu suchen, in dem er mehr Zeit hatte, sich dem Kampf der Arbeiter zu widmen. Er wurde Lehrer, und den Zweck seines Entschlusses hatte er damit völlig erreicht. Er hatte auch großes Interesse für Biologie – das Studium hatte er bereits angefangen – doch brach er es entschieden ab: seine Entscheidung war ja bereits gefällt.

Sein Interesse für Biologie und auch für Psychologie hat er jedoch sein ganzes Leben beibehalten, er stellte seine Kenntnisse (die er stets erweiterte) in den Dienst des Kampfes der Arbeiter. Ich denke z. B. an seine noch nicht veröffentlichte Arbeit «Von Arbeitstieren zu freien Menschen», die sehr moderne psychologische Ansichten über unseren «Verstandesapparat» beinhaltet, und an viele weitere noch nicht veröffentlichte Arbeiten, z. B. «Bemerkungen über die Menschen und die Gesellschaft».

Die großen Niederlagen der Arbeiterklasse seit 1921 und die Verwirrung, die damit in die Reihen der revolutionären Arbeiter kam, beeinflußten Henk Canne Meijer. Aus den Oberresten seines Archivs ist wenig über seine Tätigkeit in dieser Zeit aufzufinden. Doch er muß zweifellos viel gelesen haben und auch auf vielen Versammlungen gewesen sein. Ungefähr um 1926/27 gibt er mit anderen Manifeste, Flugschriften und abgezogenes Studienmaterial heraus. Die Ankunft von Jan Appel in Holland inspirierte ihn. Dieser war es, der die theoretische Grundlage für eine ökonomische, politische Lehre aus den Niederlagen der russischen und der deutschen Revolution ausgearbeitet hatte.

Aus dem ursprünglichen Originalmanuskript von Jan Appels «Grundprinzipien der kommunistischen Produktion und Verteilung» machte Henk Canne Meijer eine Publikation, die polemisierend und abrechnend mit bürgerlichen und «sozialistischen» Theoretikern eine klare Sprache für unbelesene Arbeiter redete. Er ist es auch gewesen, der in den dreißiger Jahren, als die Rätebewegung vollends in der Sackgasse steckte, der Bewegung eine neue Anregung durch seinen Artikel über «Das Werden einer neuen Arbeiterbewegung» gab und damit aufs neue die Diskussion auch in den revolutionären Gruppen außerhalb Hollands in Gang brachte. Henk Canne Meijer war nicht allein ein Theoretiker, obwohl er – bescheiden und zurückgezogen wie er war – vielleicht diesen Eindruck auf diejenigen machen mußte, die ihn nicht kannten. Wenn er jedoch auf öffentlichen Versammlungen debattieren konnte, nahm er die Gelegenheit wahr. Aber Holland bot nun einmal nicht das politische Klima, wo sich ruhige Wesen zu scharfen, aufsehenerregenden Revolutionären entwickeln konnten. Henk Canne Meijer war ein Promoter; es war im nichts zuviel, wenn er jungen Revolutionären im Irrgarten der Theorie und Praxis Wegweiser sein konnte. Er war ein wahrer Lehrer. Doch nicht nur das. Er ergriff auch die Initiative zur Herausgabe von Zeitschriften, Zeitungen und Manifesten. Er war und bleibt die Seele der Gruppe der Internationalen Kommunisten (g.i.c.). Sein Haus war jahrelang das Zentrum für die Versammlungen der g.i.c., wo auch die Artikel für den p.i.c. (Pressedienst der g.i.c.) besprochen wurden. Sein Name wird in der Öffentlichkeit vergessen sein. Er gehörte zu den unerschütterlichen Revolutionären, die in der Stille an dem Weg bauten, etwas anpackten, Menschen formten, die ihre Kenntnisse wieder auf andere übertrugen. So lebt Henk Canne Meijer doch noch bei sehr vielen fort, als ein großer Kämpfer, als ein kenntnisreicher Mann und als ein warmherziger Mensch, der bereits zu seiner Zeit als Kommunist zu leben versuchte. In Anwesenheit seiner Frau und nur sehr weniger Genossen wurde er in Amsterdam begraben.

Geschr.: 15.10.1970, B. A. Sijes


Quelle: Gruppe Internationale Kommunisten Hollands / Herausgegeben von Gottfried Mergner.  – Reinbeck bei Hamburg, Juli 1971. – p. 209-211.


Compiled by Vico, 9 November 2015, latest additions 2 March 2016