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Willy Huhn


Willy Huhn (1909-1970)

Über Willy Huhn


Lenin als Utopist / Willy Huhn, 1948

Quelle: Auf der Suche nach Rosas Erbe : Der deutsche Marxist Willy Huhn (1909-1970)  / Jochen Gester. – Berlin : Die Buchmacherei, 2017. – 835 S.

Quelle: “Left Wing” Communism – an infantile disorder? . Originalquelle: „Das Sozialistische Jahrhundert“, 2. Jg., Nr. 20, Berlin, 1948, S. 290 f. Reproduziert in: Auf der Suche nach Rosas Erbe ; Der deutsche Marxist Willy Huhn (1909-1970)  / Jochen Gester. – Berlin : Die Buchmacherei, 2017. – S. 267-272. Buchbesprechung: Arbeiterstimmen .


Das wichtigste Merkmal des utopischen Sozialismus besteht in dem Aberglauben an die Macht der Wissenschaft. Ein rationales System soll die gesellschaftliche Welt so entscheidend verändern, daß etwas ethisch Besseres und sozial Vernünftiges bewirkt wird. Die praktische Konsequenz aus dieser Überzeugung besteht darin, daß die Gelehrten das Schicksal des Menschengeschlechts selbst in die Hände oder vielmehr auf die Köpfe nehmen müssen.

So stehen an der Spitze des Staates bei den ersten Utopisten der abendländischen Geschichte, Platon, die Philosophen und die Insel „Utopia“ des Thomas Morus wird von einer „Gelehrtenklasse“ regiert. Wird nicht in unserer Zeit ein ähnlicher Anspruch von den Intellektuellen erhoben – einst von der juristischen Intelligenz (Engels hat sich einmal ausführlich mit diesem „Juristensozialismus“ (a1) auseinandergesetzt), jetzt von der technischen oder gar von der ökonomischen (Technokratie und Bürokratie)? Die Utopisten suchen nach einer „sozialen Wissenschaft“, um mit ihrer Hilfe neue soziale Bedingungen zu schaffen. Diese Aktion geht von ihrer intellektuellen Initiative aus, beruht auf der Einsicht und Tatkraft der Intelligenz, während sie „auf der Seite des Proletariats keine geschichtliche Selbsttätigkeit, keine ihm eigentümliche politisch Bewegung erblicken“, wie es im „Kommunistischen Manifest“ (a2) heißt.

„Wissenschaftlicher Sozialismus“

Ist deshalb der „wissenschaftliche Sozialismus“ selbst Utopismus? Nein, er ist gerade im Gegensatz zu dieser Auffassung entstanden. Er stellt die Wissenschaft nicht der gesellschaftlichen Entwicklung gegenüber mit dem Anspruch, daß sich die letztere nach ihr zu richten habe, indem die wissenschaftliche Einsicht „verwirklicht“ werden müsse. Umgekehrt „soll die Wissenschaft aus der kritischen Erkenntnis der geschichtlichen Bewegung schöpfen“ (Marx). (a3) So haben Marx und Engels im Laufe ihres Lebens den Marxismus aus der Geschichte West- und Mitteleuropas abgeleitet. Auch die Rolle der Intellektuellen bestimmte Marx gegenüber der utopistischen Auffassung bedeutend bescheidener: da „es sich nicht um Durchführung irgendeines utopischen Systems handele“, müsse er sich mit der „selbstbewußten Teilnahme an dem unter unseren Augen vor sich gehende geschichtlichen Umwälzungsprozeß der Geschichte“ begnügen (Marx, „Herr Vogt“) (a4). Indem die Wissenschaft aus der tatsächlich vor sich gehenden Geschichte abgeleitet wird, wird sie „ein bewußtes Erzeugnis der historischen Bewegung und hört auf, doktrinär zu sein“ („Das Elend der Philosophie“) (a5).

Für den Utopismus existiert das Proletariat nur unter dem Gesichtspunkte der leidenden, also passiven Klasse, der von oben und von außen geholfen werden muß. Der Marxismus geht von der selbständigen Aktivität der Arbeiterschaft aus. Für die Utopisten wird alle künftige Geschichte zu einer bloßen „Propaganda“ und „praktischen Ausführung“ ihrer „systematischen Gesellschaftspläne“, Marx hingegen verwirft im „Kommunistischen Manifest“ alle Systeme und verläßt sich, wie Engels 1890 versichert, für den schließlichen Sieg der im Manifest aufgestellten Thesen einzig und allein auf die geistige Entwicklung der Arbeiterklasse, „wie sie aus der vereinigten Aktion und der Diskussion notwendig hervorgehen mußte“ (a6). Entsprechend seiner rationalistischen Herkunft nimmt also der utopistische Sozialist gegenüber der Geschichte eine schulmeisterliche Haltung ein, während Marx und Engels in ihr unsere einzige Lehrmeisterin sahen.

Nationalpolitische Widersprüche

Der Marxismus wollte nach der (selbst erst geschichtlich gewachsenen und vertieften) Ansicht seiner Begründer nichts anderes sein als die Erkenntnis der gesellschaftlichen Entwicklung der fortgeschrittensten europäischen Länder, an der sie selbstbewußt teilgenommen hatten. Für sie war es eine Ableitung aus der geschichtlichen Bewegung ihrer Zeit und ihres eigenen praktischen Mittuns. Es ist Trotzky gewesen, der dieses Problem in aller Schärfe gesehen hat. Vor rund vierzig Jahren zeigte er, daß die Sozialisten und Intellektuellen rückständigerer Länder, die in sich den Übergang vom utopistischen zum wissenschaftlichen Sozialismus noch nicht erlebt und den Kampf zwischen beiden Haltungen noch nicht durchgefochten hatten, in Gefahr waren, die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Marx und Engels im Sinne des Utopismus, also dogmatisch und „orthodox“ aufzufassen. Eben davor warnte Trotzky, wenn er für Rußland folgerte: „Jene inneren Widersprüche in der Konstruktion des Sozialismus, die der Marxismus theoretisch überwunden hatte, kehren bei der praktischen Anwendung des Marxismus in der Form national-politischer Widersprüche zurück. Selbst die beste soziale Doktrin, d.h. diejenige, die die Welterfahrung am richtigsten wiedergibt, kann die Erfahrung selbst nicht ersetzen. Jedes Land mußte und muß für sich aufs neue den Marxismus erwerben, um ihn zu besitzen. Der internationale Charakter der sozialistischen Bewegung zeigt sich nicht nur darin, daß jedes Land aus der Erfahrung des fortgeschritteneren Landes Lehren für sich zieht, sondern auch darin, daß es dessen Fehler wiederholt.“

Im alten feudal-absolutistischen, überwiegend agrarischen Rußland mit seinem unterentwickelten Handel, seiner schwachen und zudem meistens auf fremdem Kapitalimport beruhenden modernen Industrie fehlten die wesentlichen Voraussetzungen für eine auf marxistischen Erkenntnissen fußende Arbeiterorganisation. Als im Jahre 1883 die erste marxistische Gruppe „zur Befreiung der Arbeit“ sich bildete, behauptete ihr Mitbegründer Plechanow, daß in Rußland weder die Basis noch die objektiven sozialen Bedingungen für eine sozialistische Organisation gegeben seien. Wenn trotzdem die revolutionäre Intelligenz Rußlands die fortgeschrittensten Wissenschaften und Ideen West- und Mitteleuropas studierte und übernahm, so mußte dieser „nationalpolitische Widerspruch“ aus der revolutionären Bewegung Rußlands in jeder Hinsicht einen „Typus aller Ideologen-Bewegungen machen“ (Kritschewsky).

Zehn Intellektuelle und ein Arbeiter

Gerade der bolschewistische Historiker Pokrowski hat auf die revolutionäre Intelligenz um die Mitte des 19. Jahrhunderts als den geistigen Vorläufer des Bolschewismus hingewiesen. So vertrat Tschernischewsky die Meinung, die „gebildeten Klassen“ Rußlands könnten durch ihre Aktion die politischen Verhältnisse ändern und die aus Kreisen seiner Anhänger und Schüler stammende „Proklamation des Jungen Rußlands“ forderte schon die Diktatur der Partei der revolutionären Intelligenz. Deren politisches Ziel war eine „aufgeklärte Despotie“, die von oben eine „ökonomische Umwälzung“ vollziehen sollte, um – ganz utopistisch – durch diese erst jene Bedingungen zu schaffen, welche die Voraussetzungen der Befreiung vom sozialen Elend sind. Auch der agrarische, auf der Bauerngemeinde zu errichtende Sozialismus der Narodniki wies jene utopistischen Züge auf. „Die revolutionäre Intelligenz müsse die Diktatur erobern und mittels derselben eine soziale Umwälzung durchführen […] Aus einer politischen Vorbedingung zur Befreiung der arbeitenden Klasse verwandelt sich auf diese Weise in den Köpfen der Intelligenz der bevorstehende Zusammenbruch des Absolutismus in ein Mittel, unmittelbar eine sozialistische Revolution herbeizuführen.“ (Paul Axelrod im Jahre 1892). Tatsächlich war die russische Sozialdemokratie selbst zu der Zeit als Axelrod diese Sätze schrieb, noch keine selbständige Arbeiterorganisation sondern nichts anderes als eine Partei der revolutionären Intelligenz: „Man kann wohl sagen“, bemerkte einer jener wenigen Arbeiter, die ihr damals schon angehörten, „daß in den neunziger Jahren auf je zehn Intellektuelle ein einziger Arbeiter kam“ (Schapowalow, „Auf dem Wege zum Marxismus“).

In diesen neunziger Jahren begann der theoretische und politische Weg Lenins. Von Anfang an erblickte er in der Arbeiterschaft lediglich die Klasse, die elementar erwache, und auf die sich der russische Revolutionär „stützen“, mit der sich der russische Intellektuelle – er nennt ihn bezeichnender Weise „Jakobiner“! – „verbinden“ könne. Diese beiden Ausdrücke verraten, daß es sich immer noch um eine Bewegung der Intellektuellen, um eine Aktion der „Wissenden“ handelt, die sich der Arbeiterbewegung lediglich als Mittel zum Sturz des Zarismus in einer großen, alle unzufriedenen Klassen der Bevölkerung umfassenden, nationalen Revolution bedienen will, einer geschichtlichen Bewegung also, wie sie seit der Ausbreitung der demokratischen Ideen nach Osten ab 1900 etwa auch für ganz Asien aktuell ist.

Drei Arten von Menschen

Dieser Umstand bewog Lenin, schon 1913 die These aufzustellen, daß nicht mehr Europa, sondern Asien der Träger des geschichtlichen Fortschritts sei. Diese Ideologie zeigt sich in China in einer auffälligen Parallele: Sun-Yat-sen, den man den „chinesischen Lenin“ genannt hat, unterscheidet in seinem Werke „Der Plan zum Aufbau des Reiches“ drei Arten von Menschen: „Erstens: die zuerst Wissenden, die Erfinder; zweitens: die spät Wissenden, die Erweiterer oder Propagandisten, drittens: die nichts Wissenden, die Mitarbeiter oder Praktiker.“

Besonders deutlich wird diese Analogie in Lenins „System der Zahnräder“. Es handelt sich 1. um die Masse der Ausgebeuteten und Unterdrückten; d.h. um die Bauern und Industriearbeiter; 2. um den Vortrupp dieser Masse, d.h. um das städtische Industrieproletariat; 3. um die Vorhut des Industrieproletariats, die „Kommunisten“ wie sich die bolschewistische Intelligenz seit 1918 nannte. Die drei Zahnräder „Masse“, „Vortrupp“ und „Vorhut“ sollen nicht demokratisch in dieser Reihenfolge aufeinander einwirken, sondern entsprechend dem Leninschen Organisationsprinzip „von oben nach unten“! Die eigentliche historische Initiative geht von der Partei der revolutionären Intelligenz aus. Schon Lenins Ausgangsstellung ist eine utopistische: 1894 vertritt er die Meinung, daß sich „die gesamte Geschichte […] aus Handlungen der Persönlichkeiten zusammensetze, und wirft die Frage auf, worin die Garantie dafür bestünde, „daß diese (öffentliche) Tätigkeit (einer Persönlichkeit) kein vereinzelter Akt bleibt, der in einem Meer entgegengesetzter Akte untergeht?“ (a8)

Das klingt nicht nach einer Geschichtsauffassung, die vor allem Masseninitiative und Klassenaktivität ins Auge faßt! Jene aktiven Persönlichkeiten stehen vor dem Problem, „auf welche Weise“ ihre „auf die Verwirklichung der sozialistischen Ordnung gerichtete Tätigkeit die Massen heranziehen soll, damit sie ernste Ergebnisse zeitige?“ Der Utopismus stand also vor dem Dilemma, auf der einen Seite die Massen gewinnen und heranziehen zu müssen, damit die Handlungen der Persönlichkeiten keine vereinzelten Akte blieben, auf der anderen Seite aber dafür sorgen, daß diese Handlungen der einzelnen historischen Aktivisten nicht in einem Meer entgegengesetzter Aktionen der Masse untergingen.

Der Kampf gegen die Spontanität

„Dazu war ein verzweifelter Kampf gegen die Spontaneität notwendig!“ (a9), schreibt Lenin acht Jahre später, in dem er sich auf die Organisationsprinzipien […] Lassalles beruft! Hierzu muß man sich vergegenwärtigen, daß Marx in einem Brief vom 13. Oktober 1868 an Schweitzer, den Nachfolger Lassalles, bemerkte, der letztere sei in den Fehler Proudhons verfallen, die wirkliche Grundlage seiner Agitation nicht in den „wirklichen Elementen der Klassenbewegung zu suchen, sondern letzterer nach einem gewissen doktrinären Rezept ihren Verlauf vorschreiben zu wollen.“ (a10) Drei Jahre später betont Marx in einem Briefe vom 23. November 1871 an Bolte nochmals, daß die Organisation Lassalles „eine bloße Sektenorganisation“ sei und „als solche der von der Internationalen angestrebten Organisation der wirklichen Arbeiterbewegung feindlich ist.“ (a11) Da Lenin gerade den Kampf Lasalles gegen die selbständige deutsche Arbeiterbewegung diesem als historisches Verdienst anrechnet, zielt die Polemik von Marx in diesem entscheidenden Punkt gegen Lenin selbst!

Ein sozialdemokratisches Bewußtsein kann nach Lenin den Arbeitern „nur von außen gebracht werden“. Die Geschichte aller Länder beweise, daß sie aus eigener Kraft nur zu einem trade-unionistischen Bewußtsein gelangten, während der Sozialismus von den gebildeten Vertretern der Bourgeoisie, der Intelligenz, ausgearbeitet worden sei: „Ebenso entstand auch in Rußland die theoretische Lehre der Sozialdemokratie ganz unabhängig von dem spontanen Anwachsen der Arbeiterbewegung, entstand als natürliches und unvermeidbares Ergebnis der Ideenentwicklung der revolutionär-sozialistischen Intelligenz.“ (a12)

Die Diktatur der Jakobiner

Die russische Sozialdemokratie konnte demnach nur ein Kartell, ein Bündnis der führenden Intelligenz mit den ihr folgenden Massen sein: „Der Jakobiner, der untrennbar verbunden ist mit der Organisation des Proletariats, das sich seiner Klasseninteressen bewußt geworden ist – das ist eben der revolutionäre Sozialdemokrat.“ (a13) Nun, die Diktatur der Jakobiner in der großen französischen Revolution war auch eine Herrschaft der Intelligenz, der einzigen regierungsfähigen Klasse nach dem Sturz des Hofadels und der mit ihm verbündeten hohen Finanz, ein „Advokatenregiment“, wie Kautsky es treffend bezeichnete. Rosa Luxemburg wies im Hinblick auf dieses Bekenntnis darauf hin, daß Lenin damit „seinen Standpunkt vielleicht scharfsinniger gekennzeichnet“ habe, „als es irgendeiner seiner Opponenten tun könnte“. (a14)

Deutlich kommt gerade in dieser Äußerung die alte Idee des russischen Utopismus zum Ausdruck, daß die Revolution das Werk der radikaldemokratischen Intelligenz sein müsse mit dem Ziel der Diktatur ihrer konspirativen Organisation, der jakobinischen Partei. Denn die spontane geschichtliche Bewegung führt zu keiner Revolution: „Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben.“ Nur die revolutionären Theoretiker und Intellektuellen garantieren die Revolution, „die Weisen, die die Wahrheit entdecken“, sind die eigentlichen geschichtlichen „Persönlichkeiten“, die allerdings der Propagandisten bedürfen, der „Verkünder, die die Wahrheit verbreiten“. Die Arbeiter aber sind auch für die leninistische Ideologie nur „die Ausführenden“, welche die eigentliche „Wahrheit nicht kennen“.


Redaktionelle Anmerkungen

[Quellenangaben zugefügt von F.C., 2. Januar 2018]

a1. „Juristen-Sozialismus“ / Friedrich Engels, Karl Kautsky. – m.e.w., Bd. 21, S. 491.

a2. Kommunistisches Manifest / Karl Marx, Friedrich Engels. – m.e.w., Bd. 4, S. 490.

a3. m.e.w., Bd. 16, S. 25.

a4. m.e.w., Bd. 14, S. 439.

a5. m.e.w., Bd. 4, S. 143.

a6. m.e.w., Bd. 22, S. 57.

a7. l.w., Bd. 3, S. 3.

a8. l.w., Bd. 1, S. 152.

a9. l.w., Bd. 5, S. 396.

a10. m.e.w., Bd. 32, S. 569.

a11. m.e.w., Bd. 33, S. 329.

a12. l.w., Bd. 5, S. 386.

a13. l.w., Bd. 7, S. 386.

a14. Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie  / Rosa Luxemburg, 1904.


Lenin as a Utopian / Willy Huhn, 1948


Posted on March 30, 2018 by A Free Retriever  Original source: Lenin als Utopist / Willy Huhn. In: Das Sozialistische Jahrhundert, 2. Jg., Nr. 20, Berlin 1948, S. 290 f. Reproduced in: Auf der Suche nach Rosas Erbe : Der deutsche Marxist Willy Huhn (1909-1970) / Jochen Gester. – Berlin : Die Buchmacherei, 2017. – S. 267-272. Translation: Jac. Johanson; proofreading: Fredo Corvo; source references by: F.C. and Jac. J., partially corrected here by Vico, 18 April 2018.


The first characteristic of Utopian socialism resides in the superstition of the power of science. A rational system is supposed to change the social world in such a decisive way that something ethically better and socially sound will be effected. The practical consequence from this conviction is that the scholars have to take the fate of humanity into their hands, or rather onto their heads.

With the first Utopian of Western history, Plato, the philosophers are at the helm of the State, and the island “Utopia” of Thomas More is governed by a “class of scholars”. Do not the intellectuals raise a similar claim – once the juridical intelligentsia (Engels has at one occasion treated this “lawyers’ socialism”exhaustively) (c1) and presently the technical or even the economical intelligentsia (technocracy and bureaucracy)?

The Utopians are searching for a “social science” in order to create new social conditions with its help. This action departs from their intellectual initiative, relies on the insight and the power to act of the intelligentsia, whereas the proletariat “offers to them the spectacle of a class without any historical initiative or any independent political movement”, as the “Communist Manifesto” states. (c2)

“Scientific socialism”

Is thereby “scientific socialism” itself Utopianism? No, it has originated precisely in contradiction to this conception. It does not oppose science to social development, claiming that the latter should be guided by the former, by “realizing” the scientific insights. Inversely science should be “(derived) from a critical knowledge of the historical movement” (Marx). (c3) In this way Marx and Engels have derived Marxism in the course of their lives from the history of Western and Central Europe. Faced with the Utopian conception Marx has determined the role of the intellectuals as a significantly more modest one as well: because it is not about “carrying through some Utopian system”, the latter should content himself with “the self-conscious participation in the historical process of revolution of history that goes on before our eyes” (Marx, “Herr Vogt”). (c4) By deriving science from the factually occurring history, it becomes “a conscious product of the historical movement” and “ceases to be doctrinaire” (“The misery of philosophy”). (c5)

For Utopianism the proletariat only exists from the point of view of the suffering, and thereby passive, class who needs help from above and from the outside. Marxism departs from the autonomous activity of the workers. For the Utopians all future history becomes a mere “propaganda” and a “practical carrying through” of its “systematic societal plans”. Marx, on the contrary, rejects in the “Communist Manifesto” allsystems and solely relies, as Engels assured in 1890, on the intellectual development of the working class, “as it necessarily has to ensue from the united action and discussion”, (c6) for the ultimate victory of the theses propounded in the Manifesto. In accordance with his rationalistic origins, the Utopian socialist thus takes up a school-masterly attitude towards history, whereas Marx and Engels saw in her our only learning mistress.

National-political contradictions

According to the view of its founders (which itself had grown and deepened historically), Marxism wanted to be nothing else than the knowledge of the social development of the most advanced European countries, in which they had taken part themselves self-consciously. For them it was a derivation from the historical movement of their time and their practical participation. It was Trotsky who has seen this problem in all its acuity. About forty years ago he demonstrated that the socialists and intellectuals of backward countries, who had not yet lived through the transition from Utopian to scientific socialism, and who had not fought through the struggle between both attitudes themselves, were in danger of taking up the scientific insights of Marx and Engels in the sense of Utopianism, and thereby in a dogmatic and “orthodox” way. Trotsky warned precisely against this, as he concluded for Russia: “These inner contradictions in the construction of socialism, which Marxism had superseded theoretically, return in the practical application of Marxism in the shape of national-political contradictions. Even the best social doctrine, the one that represents world experience in the most correct way, cannot by itself replace the experience. Every country had and has to acquire Marxism for itself anew in order to be in possession of it. The international character of the socialist movement does not only show up in every country drawing lessons for itself from the experience of the more advanced country, but also by repeating its mistakes.” (c7)

In old feudal-absolutist, mainly agrarian Russia with its underdeveloped trade, its weak modern industry, that moreover was mostly relying on import of foreign capital, the essential preconditions for a workers’ organization based on Marxist insights were lacking. As the first Marxist group ‘for the liberation of labor’ was formed in 1883, its co-founder Plekhanov stated that in Russia neither the basis nor the objective social conditions for a socialist organization existed. As the revolutionary intelligentsia of Russia studied and adopted the most advanced science and ideas of Western and Central Europe nevertheless, this “national-political contradiction” had to transform the revolutionary movement of Russia into one “typical of all movements of ideologues” (Kritshevksy) in every respect.

Ten intellectuals and a worker

It was the Bolshevik historian Pokrovski who, of all people, has pointed at the revolutionary intelligentsiain the middle of the 19th as the spiritual precursors of Bolshevism. Chernyshevsky held the opinion that the “educated classes” of Russia could change the political relations by their action, and the “Proclamation of young Russia”, originating from the circles of his adherents and pupils, already demanded the dictatorship of the party of the revolutionary intelligentsia. The political goal of the latter was an “enlightened despotism” that should enact an “economical revolution” from above, in order to – wholly Utopian – thereby create the preconditions for the liberation from social misery. The agrarian socialism of the Narodniki, that was to be built on the peasants’ community, also showed these Utopian characteristics. “The revolutionary intelligence should conquer dictatorship and carry through a social revolution by means of the latter… From a political precondition for the liberation of the working class, the forthcoming collapse of absolutism transforms itself in the minds of the intelligentsia into a means to immediately cause a socialist revolution.” (Pavel Axelrod in 1892). (c8) In fact, Russian Social-Democracy was, even at the time Axelrod wrote these sentences, still not an autonomous workers’ organization, but only a party of the revolutionary intelligentsia: “One can say”, observed one of the few workers who then already adhered to it, “that for ten intellectuals there was one worker in the 1890s” (Shapovalov, Auf dem Wege zum Marxismus [On the road towards Marxism]).

In these 1890s the theoretical and political trajectory of Lenin started. From the beginning he saw in the working class only the class who would wake up in an elementary way, whom the Russian revolutionary could “lean” on, and whom the Russian intellectual (he significantly designates the latter as “Jacobin”!) could “connect” himself to. Both these expressions betray that it is still about a movement of intellectuals, an action of the “knowing” who only want to use the workers’ movement as a means to bring about the fall of Tsarism in a big national revolution that comprises all discontented classes of the population; a historical movement as it is of actuality, since the extension of democratic ideas to the East from 1900 on, for about the whole of Asia as well.

Three kinds of humans

Already in 1913 this circumstance inspired Lenin to the thesis that no longer Europe, but Asia would be the bearer of historical progress. This ideology manifests itself in China in a remarkable parallel: Sun Yat-sen, who has been called the “Chinese Lenin”, distinguishes in his work “The plan for the construction of the Empire” three kind of people: “First, those who know, the inventors; second: those who know late, the extenders or propagandists; third: those who do not know, the collaborators or practitioners.”

This analogy becomes very clear in Lenin’s “arrangement of cogwheels”. (c9) It is about 1. the mass of exploited and oppressed; i.e. the peasants and the industrial workers; 2. the vanguard of this mass; i.e. the urban industrial proletariat; 3. the vanguard of the industrial proletariat, the “communists”, as the Bolshevik intelligentsia called itself since 1918. The three cogwheels “mass”, “[mass] vanguard” and “[proletarian] vanguard” should not democratically interact in this sequence, but according to the Leninist principle of organization “top-down”! The historical initiative, properly speaking, originates from the party of the revolutionary intelligentsia. Lenin’s point of departure is already a Utopian one: in 1894 he voices the opinion that “all history is made up of the actions of personalities […] The real question that arises in appraising the social activity of an individual is: what conditions ensure the success of his [public] actions, what guarantee is there that these actions will not remain an isolated act lost in a welter of contrary acts?” (c10)

This does not sound like a conception of history that first and foremost is concerned with mass initiative and class activity! Those active personalities are confronted with the problem: “how must [their] actions aimed at bringing about the socialist system attract the masses in order to yield serious fruits?” Utopianism thereby was confronted with the dilemma to have to win and attract the masses on the one hand, for the acts of the personalities not to remain isolated ones, and to take care, on the other hand, that these acts of the respective historical activists are not lost in a welter of contrary actions by the mass. (c11)

“A fierce struggle against spontaneity was necessary.” (c12) Lenin writes eight years later, laying claim to the organizational principles of… Lassalle! On this point one has to realize that Marx made the remark, in a letter of October 13, 1868 to Schweitzer, the successor of Lassalle, that the latter had fallen in Proudhon’s mistake “not to search the real foundation of his agitation from the real elements of the class movement”, but to “want to prescribe the latter its course according to a certain doctrinaire recipe.” (c13) Three years later, in a letter of November 23, 1871 to Bolte, Marx emphasizes once more that Lassalle’s organization is “nothing but a sectarian organization” and is “as such hostile to the organization of the genuine workers’ movement striven for by the International.” (c14) As Lenin precisely takes Lassalle’s struggle against the autonomous German workers’ movement as an historical merit of his, Marx’s polemic on this decisive point is directed against Lenin himself!

According to Lenin, a social-democratic consciousness can only be “brought to the workers from without.”The history of all countries would prove that by their own strength they only acquire a trades-unionist consciousness, whereas socialism would have been developed by the educated representatives of the bourgeoisie, the intelligentsia: “In the very same way, in Russia, the theoretical doctrine of Social-Democracy arose altogether independently of the spontaneous growth of the working-class movement; it arose as a natural and inevitable outcome of the development of thought among the revolutionary socialist intelligentsia.” (c15)

The dictatorship of the Jacobins

Russian Social-Democracy thereby could only be a cartel, an alliance of the leading intelligentsia with the masses following them: “A Jacobin who wholly identifies himself with the organization of the proletariat—a proletariat conscious of its class interests—[just that is] a revolutionary Social-Democrat.” (c16) Well, the dictatorship of the Jacobins in the great French revolution also was a reign of the intelligentsia, the only class able to govern after the fall of the court nobility and the high finance allied to it, a “lawyers’ regiment”, as Kautsky accurately designated it. With regards to this confession Rosa Luxemburg pointed out that Lenin has “characterized his position perhaps keener than anyone of his opponents could do.” (c17)

Precisely in this utterance the old ideas of Russian utopianism are expressed, that the revolution must be the work of the radical-democratic intelligentsia, aiming at the dictatorship of its conspiratorial organization, the Jacobin party. Because the spontaneous historical movement does not lead to a revolution: “Without revolutionary theory there can be no revolutionary movement.” Only the revolutionary theoreticians and intellectuals are guarantors of revolution, “the sages who discover the truth” are the real historical “personalities”, be they in need of propagandists, of “preachers who diffuse the truth.” But for Leninist ideology as well the workers are only the “executors” who “do not know” the real “truth”.


Annotations

Marx-Engels, Werke (m.e.w.) and Lenin, Werke, (l.w.) refer to the German editions, which are used as the primary reference for the quotations. If available, their English translation at the Marxists Internet Archive  website has been used and a reference to the latter has been included. Differences with the German language editions are indicated.

1. m.e.w. Bd. 21, S. 491, “Juristen-Sozialismus” / Friedrich Engels/Karl Kautsky (In: Die Neue Zeit, 1887, Heft 2.

2. Marx/Engels, The Communist Manifesto; 3. Critical-Utopian Socialism and Communism .

3. m.e.w. Bd. 16, S. 25. Letter from Marx to J.B. von Schweitzer, January 24, 1865; on Proudhon.

4. m.e.w. Bd. 14, S. 439.

5. m.e.w. Bd. 4, S. 143.

6. m.e.w. Bd. 22, S. 57; Preface to the 4th German edition of the Communist Manifesto  / Engels (1890).

7. The quotation from Trotsky has not been found at MIA.

8. Reference to works by Pavel Axelrod could not be found at Marxists Internet Archive .

9. l.w. Bd. 32, S. 3-4: The Trade Unions, The present Situation and Trotsky’s Mistakes  / Lenin (December 30, 1920).

10. l.w. Bd. 1, S. 152. What the “Friends of the People” are and how they fight the Social-Democrats / Lenin (1894); Part I. The English translation speaks of “individuals”, the German of “personalities”. Huhn uses the latter term.

11. Translator’s note: Huhn’s texts twice uses the expression “a sea” (of “acts” or “actions”). We use “a welter” in accordance to the translation in l.w.

12. l.w. Bd. 5, S. 396. What is to be done?  / Lenin (1902). II. The Spontaneity of the Masses and the Consciousness of the Social-Democrats.

13. m.e.w. Bd. 32, S. 569. (Marx to Johann Baptist von Schweitzer).

14. m.e.w. Bd. 33, S. 329. (Marx to Friedrich Bolte in New York – Abstract).

15. l.w. Bd. 5, S. 386. What is to be done? / Lenin (see footnote 12).

16. l.w. Bd. 7, S. 386. One Step Forward, Two Steps Back / Lenin (1904); q) The New Iskra. Opportunism In Questions Of Organization .

17. Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie  / Rosa Luxemburg (1904). The sentence has been left out in the English translation on Marxists Internet Archive 


Karl Marx gegen den Stalinismus : Was Marx und Engels unter „Kommunismus“ verstanden / Willy Huhn, 1950

Quelle: Kurasje  (The Council Communist Archive, verschwunden); archive.org . Originalquelle: Pro und Contra ; Weder Ost noch West – eine ungeteilte sozialistische Welt!, Nr. 4 (Februar 1950), S. 5–11.


I.

Wenn es etwas gibt, das noch erstaunlicher ist als die Arroganz, mit der die s.e.d.-Scholastiker die bolschewistische Ideologie mit der marxistischen Theorie gleichsetzen, dann ist es die Ignoranz, mit der heute in gewissen Kreisen der politischen Traditionsträgerin der marxistischen Arbeiterbewegung in Deutschland, der s.p.d., Kommunismus und Bolschewismus identifiziert werden. Aber auch bei klügeren Köpfen, die wohl wissen, daß der Bolschewismus ein „russifizierter Marxismus“ ist (Sering), findet man kaum eine richtige Auffassung des Kommunismus im marxistischen Sinne. Es ist also tatsächlich einmal notwendig, an Hand der Werke von Marx und Engels ihren Begriff des Kommunismus herauszuarbeiten. Wenn ein Philosophieprofessor, in der Regel also ein Ideologe, sich einmal über Marxens und Engels’ Kommunismus äußern soll, dann darf man sicher sein, daß dabei wieder nur eine neue Ideologie herauskommt, die logisch-genetisch mit dem ideologischen Denken irgendwelcher „Vorgänger“ zusammenhängt. Nach Professor Paul Vogel z.B. sahen Marx und Engels im Kommunismus „die folgerichtige Fortentwicklung der junghegelschen Philosophie“, soll er „zu Ende gedachter Hegelianismus“ gewesen sein (b1).

Wir behaupten nicht, daß diese Feststellung falsch ist, aber wir behaupten, daß sie einseitig ist und sich lediglich auf die theoretische Form bezieht. Der Marxismus ist aber Theorie der sozialen Praxis, keine Ideologie, die erst nach ihrer logischen Genesis an die gesellschaftliche Wirklichkeit mit recht überheblichen Ansprüchen auf „Verwirklichung“ herantritt. Genau dies gilt aber auch für den Kommunismus, soweit er mit dem Marxismus identisch ist. Er ist das Selbstbewußtsein des gesellschaftlichen Seins im Kapitalismus (Georg Lukàcs). Seine Forderungen an die sozialen Wirklichkeit stammen aus ihr selbst, nicht etwa aus einer ideologischen Sphäre. Er ist die kapitalistische Epoche, „in Gedanken erfaßt“; er spricht aus, was ist.

Aufhebung des Eigentums

Dieser Grundgedanke durch zieht alle Äußerungen von Marx und Engels, in denen sie das Verhältnis ihrer Theorie zur Arbeiterbewegung näher zu bestimmen versuchen. Schon 1841/1842 heißt es in bezug auf die Aufhebung des Privateigentums, daß diese Forderung kein Prinzip außerhalb und gegenüber der gesellschaftlichen Wirklichkeit sei, sondern das Prinzip der kapitalistischen Gesellschaft selbst:

„Wenn das Proletariat die Negation des Privateigentums verlangt, so erhebt es nur zum Prinzip der Gesellschaft, was die Gesellschaft zu seinem Prinzip erhoben hat, was in ihm als negatives Resultat der Gesellschaft schon ohne sein Zutun verkörpert ist.“ (b2).

Die Arbeiterbewegung, die für die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln kämpft, vertritt damit nicht ein der kapitalistischen Wirklichkeit widersprechendes, sondern ein ihr entsprechendes Prinzip, da der geschichtliche Prozeß innerhalb des Kapitalismus in einer solchen ständigen Negation des Privateigentums an den Produktionsmitteln besteht:

„Das Privateigentum treibt allerdings sich selbst in seiner national­ökonomischen Bewegung zu seiner eigenen Auflösung fort, aber nur durch eine von ihm unabhängige, bewußtlose, wider seinen Willen stattfindende, durch die Natur der Sache bedingte Entwicklung, nur indem es das Proletariat als Proletariat erzeugt, das seines geistigen und physischen Elends bewußte Elend, die ihrer Entmenschung bewußte und darum sich selbst aufhebende Entmenschung. Das Proletariat vollzieht das Urteil, welches „daß Privateigentum durch die Erzeugung des Proletariats über sich selbst verhängt (denn das Proletariat ist jene Klasse, die über keine individuellen Produktionsmittel mehr verfügt, W.H.), wie es das Urteil vollzieht, welches die Lohnarbeit „über sich selbst verhängt, indem sie den fremden Reichtum und das eigene Elend erzeugt.“ (b3).

Soweit also der Kommunismus seine Theorie in dem Ausdruck „Aufhebung des Privateigentums“ zusammenfaßt, handelt es sich lediglich um den „letzten und vollendetsten Ausdruck der Erzeugung und Aneignung der Produkte, die auf Klassengegensätzen, auf der Ausbeutung der einen durch die anderen beruht“, also auf der tatsächlich in der kapitalistischen Wirklichkeit vor sich gehenden Enteignung der Produzenten.

„Man hat uns Kommunisten vorgeworfen, wir wollten das persönlich erworbene, selbst erarbeitete Eigentum abschaffen; das Eigentum, welches die Grundlage aller persönlichen Freiheit, Tätigkeit und Selbständigkeit bilde. Erarbeitetes, erworbenes, selbstverdientes Eigentum! Sprecht Ihr von dem kleinbürgerlichen, kleinbäuerlichen Eigentum, welches dem bürgerlichen Eigentum vorherging? Wir brauchen es nicht abzuschaffen, die Entwicklung der Industrie hat es abgeschafft und schafft es täglich ab. Oder sprecht Ihr vom modernen bürgerlichen Privateigentum? Schafft aber die Lohnarbeit, die Arbeit des Proletariers ihm Eigentum? Keineswegs. Sie schafft das Kapital, d.h. das Eigentum, welches die Lohnarbeit ausbeutet, welches sich nur unter der Bedingung vermehren kann, daß es neue Lohnarbeit erzeugt, um sie von neuem auszubeuten. Das Eigentum in seiner heutigen Gestalt bewegt sich in dem, Gegensatz von Kapital und Lohnarbeit.“ (b4).

Der Kommunismus erhebt also nicht die Forderung nach der Aufhebung des Eigentums überhaupt, sondern die nach der Abschaffung des bürgerlichen Eigentums, das sich selbst schon in dem Gegensatz von Kapital und Lohnarbeit bewegt, also in dem Antagonismus von Eigentum und Nicht-Eigentum an den Produktionsmitteln. In diesem Sinne ist der Kommunismus nichts anderes als „die Lehre von den Bedingungen der Befreiung des Proletariats“ (b5), also von der Aufhebung sowohl des Kapitals wie der Lohnarbeit.

Die sozialistischen Realitäten

Auch der Kommunismus ist also nur „Sohn seiner Zeit“, ein durch ein bestimmtes gesellschaftliches Sein erzeugtes Bewußtsein und mit ihm entstanden. Die marxistische Theorie geht in ihren Forderungen nicht über die Tendenzen der gegenwärtigen Welt hinaus. „Als der Gedanke der Welt erscheint“ auch sie „erst in der Zeit, nachdem die Wirklichkeit ihren Bildungsprozeß vollendet und sich fertig gemacht hat“. Auch für das kommunistische „Ideal“ gilt das Wort Hegels, „daß erst in der Reife der Wirklichkeit das Ideale dem Realen gegenüber erscheint“. (b6).

Wie könnte bei den Arbeitern ohne eine tendenziell kommunistische Wirklichkeit eine kommunistische Denkweise entstehen? Wenn das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bedingt, dann muß dies auch für das sozialistische Bewußtsein gelten. Worin bestehen aber jene sozialistischen Realitäten innerhalb des Kapitalismus, die es notwendig hervorbringen?

In Rußland, wo es den modernen Kapitalismus in entwickelterer Form so wenig gab wie das moderne europäische Proletariat, löste Lenin das Problem durch den Hinweis auf die Intelligenz, die den modernen Sozialismus in Westeuropa oder in seiner Literatur studiert hatte, um ihn dann den russischen Arbeitern „beizubringen“. Für Marx und seine ersten Schüler stand die Sache ganz anders: die Maschine hatte für sie das individualistische Gewerbe „in eine kommunistische Industrie umgewandelt“, damit war aus dem individualistischen „ein kommunistisches Produkt geworden“. Dadurch kam aber ein schneidender Widerspruch in die Produktionsweise hinein: während „der Organismus der Produktion und des Austausches die kommunistische Form annimmt“, blieb „die Aneignungsweise individualistisch“. In Wahrheit bedeutet dies aber, daß die „auf das Eigentum basierte Gesellschaft selbst“ ständig das kleinere Eigentum zerstört. Daher sind auch den Arbeitern in den modernen Fabriken die alten „Instinkte des Klein­besitzers“ großenteils „ausgetrieben worden“:

„Das ungeheure Maschinengetriebe, an dem sie beschäftigt sind, stets vor Augen, begreifen sie instinktiv, daß es für sie unmöglich ist, dasselbe jemals individuell zu besitzen, daß es nur Gemeineigentum werden kann. Die mechanische Produktion hat die Idee des individuellen Besitzes aus den proletarischen Köpfen ausgetrieben und ihnen statt dessen die Idee des Gemeinbesitzes eingetrichtert. Diese geistige Revolution hat sich ohne Zutun der Kommunisten vollzogen; sie ist das Ergebnis der unter der Herrschaft der kapitalistischen Bourgeoisie organisierten mechanischen Produktion. Die kommunistischen Ideen existieren bereits im latenten Zustande in den Köpfen der Lohnarbeiter; die kommunistischen Agitatoren tun weiter nichts, als die Ideen zu erwecken und in Handlungen umzusetzen.“ (b7).

Lafargue, einer der ersten und begabtesten Schüler, später auch der Schwiegersohn von Marx, betonte daher ausdrücklich, daß die Kommunisten ihre Ideen „nicht von irgendwoher mitbringen, sondern (sie) aus den ökonomischen Erscheinungen ableiten, deren Spielball und Märtyrer die Arbeiter sind“ (ebenda).

Dieser Gedanke, daß der Kommunismus nicht eine utopistische Forderung an die Wirklichkeit darstellt, nach der sich die völlig entgegengesetzte Realität richten soll, indem sie „verwirklicht“ wird, sondern das innere tendenzielle Prinzip dieser Wirklichkeit selbst ist, das der Marxist nur in wissenschaftlicher Klarheit ausspricht, um das noch unklare Bewußtsein der Arbeiter zu klären und dadurch seine halbbewußten Reaktionen zu bewußten Aktionen zu erheben, zieht sich ebenfalls durch alle Werke von Marx und Engels.

II.

Schon 1844 bestimmt Marx im Unterschied zum „rohen“ Kommunismus, der zwar seinen Begriff bereits erfaßt habe, aber noch nicht sein Wesen, den vollendeten Kommunismus „als vollständige, bewußte und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordene Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d.h. menschlichen Menschen.“ Die Arbeiterbewegung selbst stellt eben „die ihrer Entmenschung bewußte und darum sich selbst aufhebende Entmenschung“ dar (Vgl. das Zitat lt. Fuß­note 3). In diesem Sinne hat auch Engels schon 1843 den Kommunismus als „wahre Freiheit und wahre Gleichheit“ erklärt (b8)! Doch nicht im Sinne ihrer Auffassung als „Ideale“, die der Wirklichkeit ideologisch gegenüberstehen und „verwirklicht“ werden sollen, sondern als reale Tendenzen der Befreiung und der Herstellung der Gleichheit in der proletarischen Bewegung selbst.

„Der Kommunismus ist […] das wirkliche, für die nächste geschichtliche Entwicklung notwendige Moment der menschlichen Emanzipation und Wiedergewinnung. Der Kommunismus ist die notwendige Gestalt und ein organisches Prinzip der nächsten Zukunft, aber der Kommunismus ist nicht als solcher das Ziel der menschlichen Entwicklung- die Gestalt der menschlichen Gesellschaft.“ (b9).

Der Kommunismus ist kein Ideal

Der Kommunismus ist also kein Endziel der Geschichte, kein Ideal, sondern nichts anderes als die reale Bewegung des Kapitals und der Lohnarbeit selbst. Es ist eine in Gegensätzen ablaufende Bewegung, nämlich der Klassenkampf zwischen Monopolisten und Proletariern. Das gesellschaftliche Sein des tatsächlich vorhandenen Klassenkampfes zwischen den Kapitals­eigentümern und Kapitalsfunktionären einerseits und den Lohnarbeitern andererseits ist die reale Basis des kommunistischen Bewußtseins. Das Wesen, d.h. der geschichtliche Sinn des Kommunismus, ist die Aufhebung der Entmenschung des Proletariats, und in diesem Sinne ist er „der durch Aufhebung des Privateigentums vermittelte Humanismus“. Er ist also „keine Flucht, keine Abstraktion, kein Verlieren der von den Menschen erzeugten gegenständlichen Welt. […] Vielmehr erst das wirkliche Werden, die wirklich für den Menschen gewordene Verwirklichung seines Wesens und seines Wesens als eines wirklichen.“ (b10).

Die Existenz revolutionärer, kommunistischer Ideen in einer bestimmten Epoche setzt eben bereits die Existenz einer revolutionären, kommunistischen Klasse voraus. Aus ihrem unmittelbaren Klassenkampfe heraus empfanden, handelten und dachten die Arbeiter längst im kommunistischen Sinne, bevor es moderne proletarische kommunistische Theorien gab. Deshalb haben Marx und Engels 1845 ihren Standpunkt klar und deutlich bekannt:

„Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten habe. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“ (b11).

Die wirkliche Bewegung aber, die den jetzigen Zustand aufhebt, geht sowohl auf der Seite des Kapitals wie auf der Seite der Lohnarbeit vor sich, denn sie bilden trotz ihrer Gegensätze „ein Ganzes“, stellen beide „Gestaltungen der Welt des Privateigentums dar“. Sowohl die Wandlungen des Kapitals (Abtrennung der Kapitalsfunktion vom Kapitaleigentum!) wie die Arbeiterbewegung sind in diesem marxistischen Sinne kommunistisch.

Praktische Materialisten

Die Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt, ist aber auf selten des Kapitals eine widerwillige, notgedrungene; dagegen auf selten des Proletariats in zunehmendem Maße eine gewollte und bewußte. In dem Maße, in dem die Arbeiter vom theoretischen (abstrakten, naturwissenschaftlichen) Materialismus zum praktischen (konkreten, historischen) Materialismus übergehen, werden sie „praktische Materialisten, d.h. Kommunisten“, denen es sich darum handelt, „die bestehende Welt zu revolutionieren, die vorgefundenen Dinge praktisch anzugreifen und zu verändern“. Während die theoretischen Materialisten wie alle bloßen Theoretiker „nur ein richtiges Bewußtsein über ein bestehendes Faktum hervorbringen“ wollen, kommt es „dem wirklichen Kommunisten darauf an, dies Bestehende umzustürzen“. Was also den proletarischen (kommunistischen) Materialisten vom bürgerlichen (naturalistischen) Materialisten unterscheidet, ist dies, daß der erstere „die Notwendigkeit und zugleich die Bedingung einer Umgestaltung sowohl der Industrie wie der gesellschaftlichen Gliederung sieht“. (b12).

„Der Kommunismus unterscheidet sich von allen bisherigen Bewegungen dadurch, daß er die Grundlage aller bisherigen Produktions- und Verkehrsverhältnisse umwälzt und alle naturwüchsigen Voraussetzungen zum ersten Mal mit Bewußtsein als Geschöpfe der bisherigen Menschen behandelt, ihrer Naturwüchsigkeit entkleidet und der Macht der vereinigten Individuen unterwirft.“ (b13).

Naturwüchsigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang: Verhältnisse, die ohne bewußtes Zutun der Menschen entstanden und gegeben sind. So wird auch die naturwüchsige Form des weltgeschichtlichen Zusammenwirkens der Individuen, „die allseitige Abhängigkeit“, durch die kommunistische Revolution „in die Kontrolle und bewußte Beherrschung dieser Mächte“ verwandelt, jener Machte, die zwar aus dem Aufeinanderwirken der Menschen erzeugt werden, diese aber „bisher als durchaus fremde Mächte […] beherrscht haben“. So setzt der Kommunismus an die Stelle der naturgegebenen und naturgesetzlichen Evolution die soziale Revolution als bewußte und gewollte ‚Tat‘ der Vereinigung der Arbeiter. Während „in allen bisherigen Revolutionen die Art der Tätigkeit stets unangetastet blieb und es sich nur um eine andere Distribution dieser Tätigkeit, um eine neue Verteilung der Arbeit an andere Personen handelte, richtet sich die kommunistische Revolution gegen die bisherige Art der Tätigkeit und beseitigt sie die (Lohn-) Arbeit und die Herrschaft aller Klassen mit den Klassen selbst.“

Revolution notwendig

Allerdings ist das Proletariat in seiner bisherigen Gestalt nicht ohne weiteres imstande, eine solche ungeheuere geschichtliche Aufgabe auf sich zu nehmen. Die kommunistische Revolution ist auch schon deswegen notwendig, weil die Arbeiterklasse „nur in einer Revolution kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen, um zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden.“ (b14). Die Arbeiter können und ihre bewußten Elemente wollen auch nicht die alten Menschen bleiben, sie wissen, daß sie im Feuer der Klassenkämpfe umgewandelt werden.

„Stirner glaubt, […] daß die kommunistischen Proletarier, die die Gesellschaft revolutionieren, die Produktionsverhältnisse und die Form des Verkehrs auf eine neue Basis, d.h. auf sich als die Neuen, auf ihre neue Lebensweise setzen, ‚die Alten‘ bleiben. Die unermüdliche Propaganda, die diese Proletarier machen, die Diskussionen, die sie täglich unter sich führen, beweisen hinlänglich, wie wenig sie selbst ‚die Alten‘ bleiben wollen und wie wenig sie überhaupt wollen, daß die Menschen ‚die Alten‘ bleiben sollen. ‚Die Alten‘ würden sie nur dann bleiben, wenn sie mit Sankt Sancho (Stirner, W.H.) ‚die Schuld in sich suchten‘; sie wissen aber zu gut, daß sie nur unter veränderten Umständen aufhören werden, ‚die Alten‘ zu sein, und darum sind sie entschlossen, diese Umstände bei der ersten Gelegenheit zu verändern. In der revolutionären Tätigkeit fällt das Sich-Verändern mit dem Umändern der Umstände zusammen.“ (b15).

In den marxistischen Begriff des Kommunismus gehört also auch diese innere Bewegung der Arbeiterklasse, ihre sittliche und geistige Umformung hinein, wie sie sich aus ihren vereinigten Aktionen und Diskussionen ergibt. In diesem Sinne sagte Marx auch den Arbeitern im September 1850, daß sie die kommenden Bürgerkriege und Völkerkämpfe bis etwa zum Jahre 1900 nicht nur deswegen durchzumachen hätten, „um die Verhältnisse zu ändern, sondern um Euch selbst zu ändern“.

Die reale Bewegung

Wenn der Kommunismus aber die reale Bewegung der kapitalistischen Gesellschaft selbst, ihr immanent ist, wenn seine gesellschaftliche Wirklichkeit vor allem im Klassenkampfe der Arbeiterbewegung gegen das Kapital besteht, dann handelt es sich für den Marxismus lediglich darum, ihn innerhalb der kapitalistischen Erscheinungen als das Wesen des Kapitalismus zu entdecken, wenn seine Tendenzen zu manifestieren und in begrifflicher Form ins Bewußtsein zu heben. Er vollbringt damit eine ähnliche Arbeit wie die bürgerliche Nationalökonomie, als sie dem Wesen der bürgerlichen wirtschaftlichen Beziehungen nachspürte. „Wie die Ökonomen die wissenschaftlichen Vertreter der Bourgeoisklasse sind, so sind die Sozialisten und Kommunisten die Theoretiker der Klasse des Proletariats.“ (b16).

Klarer kann der Marxist in seinem Verhältnis zur Arbeiterklasse und in seiner Abgrenzung vom bürgerlichen Ökonomen überhaupt nicht bestimmt werden: die Kommunisten sind die wissenschaftlichen Vertreter der Proletarier. In diesem Sinne sprach auch Engels „vom Kommunismus […] als dem theoretischen Ausdruck einer „Bewegung‘“. Und Marx hat diese praktische Bewegung, deren theoretischer Ausdruck der Kommunismus nur ist, und die der Kommunist als wissenschaftlicher Vertreter der Arbeiterklasse begrifflich zu erfassen sucht, in aller Klarheit wie folgt beschrieben:

„Da zum Beispiel das Privateigenthum nicht ein einfaches Verhältnis oder gar ein abstrakter Begriff, ein Prinzip ist, sondern in der Gesammtheit der bürgerlichen Produktionsverhältnisse besteht – es handelt sich nämlich nicht vom untergeordneten, untergegangenen, sondern vom bestehenden, bürgerlichen Privateigentum –, da diese sämmtlichen bürgerlichen Produktionsverhältnisse Klassenverhältnisse sind, eine Einsicht, die jeder Schüler aus seinem Adam Smith oder Ricardo sich angeeignet haben muß –, so kann die Veränderung oder gar Abschaffung dieser Verhältnisse natürlich nur aus einer Veränderung dieser Klassen und ihrer wechselseitigen Beziehung hervorgehen, und die Veränderung in der Beziehung von Klassen ist – eine geschichtliche Veränderung, ein Produkt der gesammten gesellschaftlichen Tätigkeit, das Produkt einer bestimmten, ‚geschichtlichen Bewegung‘.“ (b17).

III.

Aus dieser Grundauffassung des Kommunismus als der realen Bewegung des Proletariats in seinem Klassenkampf gegen das Kapital selbst ergeben sich ganz bestimmte Folgerungen für das Verhältnis der „Kommunisten“, d.h. der Marxisten, zu den Arbeitern. Es ist im „Kommunistischen Manifest“ deutlich genug bestimmt worden:

„Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung.“

Daher stellen die Kommunisten, die Theoretiker des Proletariats, auch „keine besonderen Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln wollen“, wenn sie auch „vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraushaben“. Sie haben also auch keine besonderen Interessen, die von denen des ganzen Proletariats verschieden wären.

Keine besondere Partei

Die Kommunisten bilden „keine besondere Partei gegenüber den anderen Arbeiter­parteien“, sondern nur den im Sinne der „umwälzenden Praxis“ entschiedensten, immer weiter treibenden „Teil der Arbeiterparteien aller Länder“, in denen sie die internationalen Interessen der Proletarier zur Geltung bringen und auf den verschiedenen Entwicklungsstufen des Klassenkampfes zwischen Kapital und Lohnarbeit „stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten“. Ihr Ziel ist dasselbe wie das aller Arbeiterparteien: Organisation des Proletariats als Klasse, Entmachtung der Kapitals-Monopolisten, Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse. (b18).

Ganz in diesem Sinne bestimmte der erste Artikel der „Statuten des Bundes der Kommunisten“ vom 8. Dezember 1847: „Der Zweck des Bundes ist der Sturz der Bourgeoisie, die Herrschaft des Proletariats, die Aufhebung der alten, auf Klassengegensätzen beruhenden bürgerlichen Gesellschaft und die Gründung einer neuen Gesellschaft, ohne Klassen und ohne Privateigentum“. Infolgedessen wurde der Kommunistenbund zwar als eine „geheime Gesellschaft“ organisiert, Marx betont aber ausdrücklich, daß sie „die Bildung nicht der Regierungs-, sondern der Oppositionspartei der Zukunft bezweckte.“

„Der Bund der Kommunisten war daher keine konspiratorische Gesellschaft, sondern eine Gesellschaft, die die Organisation der proletarischen Partei im geheimen bewerkstelligte, weil das deutsche Proletariat igni et aqua, von Schrift, Rede und Assoziation öffentlich interdiziert ist“ („Enthüllungen über den Kommunistenprozeß“, 1853. VI.) (b19).

Aus dem hier dargestellten Material ergibt sich die Abgrenzung des Kommunismus oder Marxismus nach zwei Seiten hin: sowie nach derjenigen der reformistischen kleinbürgerlichen Demokratie („Sozial­demokratismus“ im engeren, deutschen Sinne), als auch nach derjenigen der radikalen kleinbürgerlichen Demokratie („Bolschewismus im russisch-jakobinischen Sinne).

Die sich rot nennen

Die kleinbürgerlichen Demokraten, „die sich jetzt rot und sozial­demokratisch nennen“, hat Marx in der „Ansprache der Zentralbehörde an den Bund der Kommunisten“ vom März 1850 folgendermaßen charakterisiert: Es gehe ihnen lediglich darum, den Druck des großen Kapitals auf das kleine, des Großbürgertums auf das Kleinbürgertum abzuschaffen. Mit der kleinbürgerlichen Demokratie sei für die revolutionäre Arbeiterpartei nur ein zeitweiliges Zusammengehen möglich, da ihre Forderungen der Partei des Proletariats nicht genügen können: „Die demokratischen Kleinbürger, weit entfernt, für die revolutionären Proletarier die ganze Gesellschaft umwälzen zu wollen, erstreben eine Änderung der gesellschaftlichen Zustände, wodurch ihnen die bestehende Gesellschaft möglichst erträglich und bequem gemacht wird.“

Man bemerkt mit Erstaunen, wie alt und „überlebt“ diese „sozialen“ Forderungen der kleinbürgerlichen Demokratie sind. Sie treten ferner dafür ein, daß der Herrschaft und raschen Vermehrung des Kapitals durch „Beschränkung des Erbrechts“ und „durch Überweisung möglichst vieler Arbeiten an den Staat“ entgegengewirkt werde.

„Was die Arbeiter angeht, so steht vor allem fest, daß sie Lohnarbeiter bleiben sollen wie bisher, nur wünschen die demokratischen Kleinbürger den Arbeitern besseren Lohn und eine gesicherte Existenz, und hoffen dies durch teilweise Beschäftigung von Seiten des Staates und durch Wohltätigkeitsmaßregeln zu erreichen, kurz, sie hoffen, die Arbeiter durch mehr oder minder versteckte Almosen zu bestechen und ihre revolutionäre Kraft durch momentane Erträglichmachung ihrer Lage zu brechen.“

Demgegenüber betont Marx, daß es sich für die Kommunisten nicht um die Veränderung des Privateigentums sondern nur um seine Vernichtung, nicht um die Vertuschung der Klassengegensätze, sondern um die Aufhebung der Klassen überhaupt, „nicht um Verbesserung der bestehenden Gesellschaft, sondern um Gründung einer neuen“ handeln könne (b20).

In diesem Sinne hat deshalb Engels noch 1890 in seiner „Vorrede“ zum „Kommunistischen Manifest“ die Bezeichnung desselben als „kommunistisch“ damit begründet, daß man sich damit einerseits von den Utopisten, andererseits aber von den „mannigfaltigen sozialen Quacksalbern, die mit ihren verschiedenen Allerweltsheilmitteln und mit jeder Art von Flickarbeit die gesellschaftlichen Mißstände beseitigen wollten, ohne dem Kapital und dem Profit im geringsten wehe zu tun“, habe distanzieren wollen (b21).

Kurz vor seinem Tode hat er erklärt weshalb weder er noch Marx für ihren Standpunkt die Bezeichnung „Sozialdemokrat“ hätten annehmen können, die übrigens auch für die deutsche Sozialdemokratie unpassend sei, weil ihr ökonomisches Programm (von Erfurt) „nicht bloß allgemein sozialistisch, sondern direkt kommunistisch und deren politisches Endziel die Überwindung des ganzen Staates also auch der (parlamentarischen, W.H.) Demokratie ist“ (b22).

Die Abgrenzung des Kommunismus oder Marxismus gegenüber dem Bolschewismus läßt sich in unserem Zusammenhange besonders an dem Verhältnis der marxistischen oder kommunistischen „Partei“ zur Arbeiterklasse verdeutlichen. Nach Marx hatten die Kommunisten keine künftige Regierungspartei zu bilden, sondern die Oppositionspartei der Zukunft. Deren Hauptaufgabe bestand aber in der Organisation des Proletariats als Klasse und damit in der Förderung der selbständigen Arbeiterbewegung, da die Befreiung der Arbeiterklasse nur ihr eigenes Werk sein konnte. Das entsprach durchaus ihrer Auffassung des „wissenschaftlichen Sozialismus“ oder Kommunismus, der „nichts anderes ist als die reale Massenbewegung selbst, nur auf einen begrifflichen Ausdruck gebracht“ (b23).

Jene zukünftige Oppositionspartei war also nicht die proletarische Klassenorganisation selbst, sondern nur die Organisation zur geistigen und politischen Vorbereitung derselben. Sollten doch die Marxisten oder Kommunisten keine besondere Partei bilden, sondern in den spontan entstehenden, historisch gewachsenen nationalen Arbeiterparteien den bewußtesten und entschiedensten Teil bilden, sozusagen das marxistische Ferment in der Arbeiterbewegung. Marx selbst hat nach der Auflösung des Kommunistenbundes im November 1852 dementsprechend gehandelt: er hat überall die realen, selbständigen Arbeiterparteien beraten und die I. Internationale derselben geistig geführt. Er konnte aber 1860 an Freiligrath mit Recht schreiben, daß „die Partei in diesem ganz ephemeren (vorübergehenden, W.H.) Sinne für mich seit acht Jahren zu existieren aufgehört hat“.

Er war seitdem der festen Überzeugung, daß seine „theoretischen Arbeiten der Arbeiterklasse mehr nutzten, als Einlassen in Verbindungen, deren Zeit auf dem Kontinent vorüber“ wäre. Man habe ihn deshalb wiederholt wegen seiner „Tatlosigkeit“ angegriffen. Er sei „Kritiker“ und habe genug „an den 1849 bis 1852 gemachten Erfahrungen“. Wie viele andere Vereinigungen sei auch der Kommunistenbund „nur eine Episode in der Geschichte der Partei, die aus dem Boden der modernen Gesellschaft naturwüchsig sich bildet.“

Für Marx gab es also eine aus dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft entstehende proletarische Partei, die ganz verschiedene Episoden in Gestalt verschiedener Organisationen durchlaufen konnte. Für ihn war also die Arbeiterpartei keine bestimmte Organisation, er sah sowohl die Organisation des Proletariats als Klasse wie auch die Bildung verschiedener politischer Arbeiter-Koalitionen als einen geschichtlichen Prozeß an. Und so schloß er seinen Brief an Freiligrath mit den Worten: „Ich habe […] das Mißverständnis zu beseitigen gesucht, als ob ich unter ‚Partei‘ einen seit acht Jahren verstorbenen ‚Bund‘ oder eine seit zwölf Jahren aufgelöste Zeitungsredaktion verstehe. Unter Partei verstand ich die Partei im großen historischen Sinne.“ (b24).

Es genügt, diese Auffassung von Marx neben diejenige Lenins zu halten, der bereits im Jahre 1897 „gegen jede selbständige Arbeiterorganisation als solche“ war (b25). Fünf Jahre später rühmt Lenin an Lassalle dessen „verzweifelten Kampf gegen die Spontaneität“ der deutschen Arbeiterbewegung. Dann fordert er „eine militärische Organisation von Agenten“ (b26), die imstande wäre „den gesamten Befreiungskampf des Proletariats zu leiten“: dazu bedarf es natürlich auch „einer stabilen und die Kontinuität wahrenden Führerorganisation“ (b27). Für Lenin entsteht natürlich auch nicht das sozialistische bzw. kommunistische Klassenbewußtsein auf Grund der realen Massenbewegung der Arbeiter selbst. Nach seiner Auffassung „konnten die Arbeiter ein sozialdemokratisches Bewußtsein gar nicht haben“, es konnte ihnen vielmehr „nur von außen gebracht werden“. Aus eigenen Kräften gelangen die Arbeiter nur zu einem „trade-unionistischen“, d.h. nur zu einem gewerkschaftlichen Bewußtsein. Die spontane Arbeiter­bewegung führe nur zur Herrschaft der bürgerlichen Ideologie, weil diese älter, vielseitiger und verbreiteter sei. Auf die Frage, woher dann überhaupt eine sozialistische Ideologie komme, antwortet Lenin, diese sei ein „natürliches und unvermeidliches Ergebnis der Ideenentwicklung der revolutionär-sozialistischen Intelligenz“.

„Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philosophischen, historischen und ökonomischen Theorien hervorgewachsen, die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden.“

Die theoretische Lehre der Sozialdemokratie sei „ganz unabhängig von dem spontanen Anwachsen der Arbeiterbewegung“ entstanden (b28). Für Lenin war also der Kommunismus nicht wie für Marx und Engels die wirkliche Bewegung der Arbeiterklasse, und der Marxismus nicht nur deren begrifflicher Ausdruck. Während für Lenin das Ziel seines Kampfes gegen die Spontaneität der Arbeiter darin besteht, die Proletarier „unter die Fittiche der revolutionären Sozialdemokratie“, d.h. der bolschewistischen Führerorganisation, „zu bringen“ (ebd.), verließ sich Marx für den schließlichen Sieg der im Manifest aufgestellten Sätze einzig und allein auf die intellektuelle Entwicklung der Arbeiterklasse, wie sie aus der vereinigten Aktion und der Diskussion notwendig hervorgehen mußte.

„Die Ereignisse und Wechselfälle im Kampf gegen das Kapital, die Niederlagen noch mehr als die Erfolge, konnten nicht umhin, den Kämpfenden die Unzulänglichkeit ihrer bisherigen Allerweltsheilmittel klarzulegen und ihre Köpfe empfänglicher zu machen für eine gründliche Einsicht in die wahren Bedingungen der Arbeiteremanzipation.“ (b29).

Zu diesen Allerweltsheilmitteln wird man wohl heute auch die Theorie der bolschewistischen Parteidiktatur zählen müssen. Der Bolschewismus ist also kein Kommunismus!

Anmerkungen

[Von Willy Huhn]

1. Paul Vogel, Hegels Gesellschaftsbegriff und seine geschichtliche Fortbildung durch Lorenz Stein, Marx, Engels und Lassalle, Berlin 1925, S. 239.

2. Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (1844), in: Marx-Engels Werke (m.e.w.), Bd. 1, S. 391.

3. Karl Marx, Die Heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik (1844/45), in: m.e.w., Bd. 2, S. 37.

4. Karl Marx/Friedrich Engels, Das Manifest der Kommunistischen Partei (1848), in: m.e.w., Bd. 4, S. 475.

5. Friedrich Engels, Grundsätze des Kommunismus (1847), in: m.e.w., Bd. 4, S. 363.

6. G.W.F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, in: Ders., Werke, Bd. 7, Frankfurt, 1970, S. 28.

7. Paul Lafargue, Kommunismus und Kapitalismus ; Der Kommunismus und die ökonomische Entwicklung, Berlin, 1894, S. 23.

8. Friedrich Engels, Der Fortschritt der Sozialreform auf dem Kontinent (1843), in: m.e.w., Bd. 1, S. 480 ff.

9. Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844), in: m.e.w.-Ergänzungsband 1, S. 546.

10. A.a.O., S. 583.

11. Karl Marx/Friedrich Engels, Die Deutsche Ideologie (1845/46), in: m.e.w., Bd. 3, S. 35.

12. A.a.O., S. 42 und 45.

13. A.a.O., S. 70.

14. Ebd.

15. A.a.O., S. 195.

16. Karl Marx, Das Elend der Philosophie (1847), in: m.e.w., Bd. 4, S. 143.

17. Karl Marx, Die moralisierende Kritik und die kritische Moral ; Gegen Karl Heinzen (1847), in: m.e.w., Bd. 4, S. 356.

18. Marx und Engels, Manifest, a.a.O.

19. Hermann Duncker, Materialien zur Geschichte des Bundes der Kommunisten, im Anhang seiner Ausgabe des Manifests, Berlin, 1929. S. 58 und 78.

20. A.a.O., S. 63 ff.

21. Friedrich Engels, Vorwort zu vierten deutschen Auflage des Manifests von 1890, in: m.e.w., Bd. 22, S. 58.

22. Friedrich Engels, Internationales aus dem „Volksstaat“, Berlin, 1894, S. 6 f.

23. Max Adler, Marx als Denker, Berlin, 1925, S. 83.

24. Franz Mehring, Freiligrath und Marx in ihrem Briefwechsel (= Nr. 12 der Ergänzungshefte zur „Neuen Zeit“ vom 12. April 1912, S. 42 ff.).

25. B.G. Gorew, Aus der Vergangenheit der Partei (Russischer Staatsverlag) 1924, zit. bei: W. I. Lenin, Sämtliche Werke, Bd. IV, 2. Halbband, S. 402.

26. W.I. Lenin, Was tun? in: Ders., Ausgewählte Werke, Moskau, 1946. Bd. I, S. 201 f.; Sämtliche Werke, Bd. IV, 2. Halbband, Fußnote auf S. 330. Diese fehlt in den Ausgewählten Werken, Bd. I, S. 309.

27. Lenin, Was tun?, a.a.O., S. 262 und 267.

28. Ebd.

29. Friedrich Engels, Vorwort zur vierten deutschen Auflage […], a.a.O., S. 57.


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Compiled by Vico, 18 April 2018



























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