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Antonie Pannekoek Archives
 

Thema: Die ökonomische Lösung für die Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus


Die gesellschaftliche Organisation / Anton Pannekoek


Quelle: Arbeiterräte ; Texte zur sozialen Revolution / Anton Pannekoek. – Bochum : Germinal, 2008. – p. 44-49


Die Arbeit ist ein gesellschaftlicher Prozeß. Jedes Unternehmen ist nur ein Teil des Produktionskörpers der Gesellschaft. Erst die zwischen den verschiedenen Unternehmen bestehenden Zusammenhänge und die Zusammenarbeit der einzelnen Unternehmen bilden die gesamte gesellschaftliche Produktion. Gleich den einen lebenden Organismus bildenden Zellen können die einzelnen Unternehmen für sich isoliert und außerhalb des Gesamtkörpers gar nicht bestehen. Deshalb ist die Organisation der Arbeit innerhalb des Betriebes nur eine Hälfte der vor den Arbeitern stehenden Aufgabe. Darüber hinaus, als eine noch wichtigere Aufgabe, geht es um die Verbindung der verschiedenen Einzelbetriebe, um ihre Zusammenfügung zur gesellschaftlichen Organisation.

Während Organisation innerhalb des Betriebes bereits im Kapitalismus bestand, also nur durch eine andere, auf neuer Grundlage beruhende ersetzt zu werden braucht, ist die gesellschaftliche Organisation aller Betriebe zu einem Ganzen etwas vollkommen Neues, oder war es zumindest bis vor kurzem. Etwas so gänzlich Neues, daß die Schaffung einer solchen Organisation während des ganzen 19. Jahrhunderts unter dem Namen „Sozialismus“ als Hauptaufgabe der Arbeiterklasse angesehen wurde. Der Kapitalismus bestand aus einer unorganisierten Masse unabhängiger Unternehmen – „aus einem wilden Haufen aufeinanderprallender einzelner Privatunternehmer“, wie es im Programm der britischen Arbeiterpartei heißt; ihr Zusammenhang ergab sich lediglich aus dem Zufall von Markt und Wettbewerb, Bankrotte, Überproduktion und Krisen, Arbeitslosigkeit und ungeheure Verschwendung von Material und Arbeitskraft waren das Ergebnis. Um diese zu beseitigen, sollte die Arbeiterklasse die politische Macht erobern und sie dann dazu benutzen, Industrie und Produktion zu organisieren. Dieser Staatssozialismus wurde dann als erster Schritt einer neuen Entwicklung angesehen.

Nun hat sich die Situation in den letzten Jahren so weit geändert, daß der Kapitalismus selbst mit einer vom Staate aus betriebenen Organisation einen Anfang gemacht hat. Allerdings kam der Kapitalismus dazu nicht allein aus dem schlichten Bestreben heraus, Produktivität und Profite durch rationelle Planung weiter zu erhöhen. In Rußland war es für die bolschewistische Regierung die Notwendigkeit, die Rückständigkeit in der wirtschaftlichen Entwicklung mit Hilfe wohlüberlegter, rascher Organisierung der Industrie schnellstens aufzuholen. In Deutschland führte der Kampf um Weltmacht zur staatlichen Kontrolle der Produktion und zur staatlichen Organisierung der Industrie. Dieser Kampf war eine so schwierige Aufgabe, daß für die deutsche Kapitalistenklasse dann Aussicht auf Erfolg gegeben war, wenn sie die Gewalt über alle Produktivkräfte in den Händen des Staates konzentrierte: In der. nationalsozialistischen Organisation verbleiben Eigentum und Profit dem Privatkapitalisten, wenn auch wegen der Staatsnotwendigkeiten stark beschnitten. Die Verfügung über die Produktionsmittel, ihre Ausrichtung und Lenkung wurde indessen von staatlichen Stellen übernommen. Durch eine wirkungsvolle Organisation ist die ungeschmälerte Schaffung von Profiten für den Staat und für die Kapitalisten sichergestellt. Diese Organisation der Gesamtproduktion beruht auf dem gleichen Grundsatz wie die kapitalistische Organisation in der Fabrik, auf dem persönlichen Kommando des Generaldirektors der Gesellschaft, des Führers, des Staatsoberhauptes. Überall dort, wo die Regierung die Kontrolle der Industrie übernimmt, tritt an die Stelle der früheren Freiheit der kapitalistischen Unternehmen Autorität und Zwang. Die politische Gewalt des Staatsapparates wird durch seine wirtschaftliche Gewalt, durch das Kommando über die Produktionsmittel als Grundlage der Gesellschaft ungeheuer gestärkt.

Der Grundsatz der Arbeiterklasse ist in jeder Beziehung das genaue Gegenteil. Die Organisierung der Produktion durch die Arbeiter beruht auf wirklich freier Zusammenarbeit: keine Herren, keine Knechte. Nach dem gleichen Grundsatz erfolgt die Verbindung und Zusammenfügung aller Unternehmen zur gesellschaftlichen Organisation. Der zu diesem Zwecke erforderliche Mechanismus muß von den Arbeitern aufgebaut werden.

Natürlich ist es unmöglich, die Arbeiter aller Fabriken in einer Versammlung zusammenzufassen; sie können ihren Willen nur durch Delegierte zum Ausdruck bringen. Für solche Gremien der Arbeiter hat sich seit einiger Zeit der Name Arbeiterräte eingebürgert, Jede zusammenarbeitende Gruppe oder Betriebsbelegschaft bestimmt die Mitglieder, die ihre Ansichten und ihre Wünsche in den Räteversammlungen vortragen und vertreten sollen. Diese Delegierten nehmen an den vorausgegangenen Beratungen der Gruppe selbst tätigen Anteil. Sie rückten deshalb in den Vordergrund, weil sie sich in diesen Beratungen als fähige Vertreter und Verteidiger des Standpunktes erwiesen, den sich die Mehrheit zu eigen machte. Nun werden sie also als Sprecher der Gruppe abgesandt, um die Meinung dieser Gruppe mit den Auffassungen der anderen Gruppen abzuwägen, damit eine gemeinsame Entscheidung zustande kommt. Doch liegt ihre Kraft nicht so sehr in ihren persönlichen Fähigkeiten, wenn diese auch zur Verdeutlichung der Probleme und zum Überzeugen der Kollegen von großer Bedeutung sind, sondern vielmehr in der Kraft der Gemeinschaft, die sie delegierte. Denn es kommt ja nicht allein auf Anschauungen an, sondern in viel größerem Maße auf den Willen und die Bereitschaft der Gruppen, dementsprechend zu handeln. Auch wird es sich von selbst ergeben, daß je nach Art der anstehenden Fragen und Probleme unterschiedliche Personen als Delegierte ausgewählt und tätig sein werden.

Das Hauptproblem, die Grundlage alles anderen, ist die Produktion selbst. Ihre Organisierung hat zwei Seiten, einmal die Aufstellung allgemeiner Regeln und Normen, zum anderen die praktische Arbeit selbst. Für die gegenseitigen Beziehungen bei der Arbeit, für die Rechte und Pflichten müssen Normen und Regeln aufgestellt werden. Im Kapitalismus bestand die Norm ganz einfach im Kommando des Herrn, des Direktors. Im Staatskapitalismus lag sie in dem mächtigeren Kommando des Führers, der zentralen Regierung. Jetzt aber sind alle Produzenten frei und gleich. Jetzt muß auf dem wirtschaftlichen Feld der Arbeit der gleiche Wechsel erfolgen wie er mit dem Emporkommen des Bürgertums in früheren Jahrhunderten auf dem politischen Felde vor sich ging. Als die Herrschaft der Bürger an die Stelle der Herrschaft des absoluten Monarchen trat, bedeutete dies keineswegs und konnte auch nicht bedeuten, daß seine Willkür nun durch die Willkür eines jeden ersetzt sei. Es bedeutete vielmehr, daß von nun an die öffentlichen Rechte und Pflichten durch das gemeinsam beschlossene Gesetz geregelt werden sollten. So hat nun im Reiche der Arbeit, um Rechte und Pflichten in Produktion und Konsumtion festzulegen, das Kommando des Herren gemeinsam aufzustellenden Regeln Platz zu machen. Ihre Formulierung wird die erste Aufgabe der Arbeiterräte sein. Dies wird keine besonders schwierige Aufgabe sein, keine Angelegenheit tiefgründigen Studiums und auch keine Sache für ernste Zwietracht. Jedem Arbeiter werden diese Regeln als natürliche Grundlage der neuen Gesellschaft unmittelbar vor Augen stehen: eines jeden Pflicht, entsprechend seinen Kräften und seinen Fähigkeiten in der Produktion mitzuarbeiten, und eines jeden Recht, vom gemeinsamen Produkt seinen angemessenen Anteil zu erhalten.

Aber wie wird die Menge der geleisteten Arbeit und die Menge des von ihm zu beanspruchenden Produktes gemessen? In einer Gesellschaft, in der die Güter direkt für den Bedarf produziert werden, gibt es keinen Markt, auf dem die Güter getauscht werden. Deshalb kann sich auch nicht automatisch, durch den Prozeß des Kaufens und Verkaufens, ein Wert der Güter als Ausdruck der darin enthaltenen Arbeit bilden. Jetzt muß die geleistete Arbeit durch die Anzahl der Arbeitsstunden auf unmittelbare Weise zum Ausdruck gebracht werden. Die Verwaltung führt Buch über die in jedem Stück oder jeder Mengeneinheit des Produktes enthaltene Arbeit, ebenso auch über die von jedem Arbeiter geleisteten Stunden. Durch Ermittlung des Durchschnittes der Einzelzahlen der Arbeiter eines Betriebes und dann aller Betriebe gleicher Art werden die persönlichen Unterschiede ausgeglichen und die Ergebnisse der Einzelnen vergleichbar.

In der ersten Zeit des Überganges, wenn voraussichtlich viel Zerstörung und Verwüstung behoben werden muß, handelt es sich zunächst darum, den Produktionsapparat wieder aufzubauen und die Menschen am Leben zu erhalten. Es ist durchaus möglich, daß in dieser Zeit die durch Krieg und Hungersnot entstandene Gewohnheit, die unerläßlichen Nahrungsmittel unterschiedslos zu verteilen, zunächst einfach beibehalten wird. So ist durchaus wahrscheinlich, daß in der Zeit des Wiederaufbaus, in der alle Kräfte bis zum Äußersten angestrengt werden müssen, in der sich die neuen moralischen Grundsätze gemeinschaftlicher Arbeit aber erst allmählich ausbilden, das Anrecht an der Verteilung an die Verrichtung von Arbeit gekoppelt wird. Die alte volkstümliche Rede, daß derjenige, der nicht arbeitet, auch nicht essen soll bringt ein instinktmäßiges Rechtsgefühl zum Ausdruck. Darin steckt nicht nur die Erkenntnis, daß Arbeit die Grundlage allen menschlichen Lebens ist, es wird damit auch feierlich festgestellt, daß kapitalistische Ausbeutung und Aneignung der Früchte fremder Arbeit durch die Eigentumsrechte einer unnützen Klasse nun ein Ende haben.

Dies kann jedoch nicht bedeuten, daß nun das volle Arbeitsergebnis, das Gesamtprodukt, auf die Produzenten entsprechend der von jedem geleisteten Arbeitszeit verteilt wird. Oder anders ausgedrückt, es bedeutet nicht, daß nun jeder Arbeiter genau die Menge von Arbeitsstunden in Form von Gütern erhält, die er zur Arbeit beigetragen hat. Ein beträchtlicher Teil der Arbeit muß für das Gemeineigentum verbraucht werden, d.h. zur Vervollkommnung und Vergrößerung des Produktionsapparates. Im Kapitalismus wird ein Teil des Mehrwertes zu diesem Zwecke verwendet. Der Kapitalist muß einen Teil seines Profites zur Erneuerung, zur Vergrößerung und Modernisierung seiner technischen Einrichtung verwenden – also zu neuem Kapital anhäufen – wenn er nicht von seinen Konkurrenten überflügelt werden will. So kommt der technische Fortschritt unter den Formen der Ausbeutung zustande. In der neuen Produktionsweise ist dieser technische Fortschritt gemeinsame Sache der Arbeiter. Sich selbst am Leben zu erhalten ist zwar das Nächstliegende, aber weit erhebender und begeisternder ist es, die Grundlagen für künftigen Fortschritt zu schaffen. Die Arbeiter werden festlegen müssen, welcher Anteil ihrer gesamten Arbeit auf die Erstellung besserer Werkzeuge und produktiverer Maschinen, auf Forschung und Experiment zur Erleichterung und Verbesserung der Produktion verwendet werden soll.

Darüber hinaus muß ein Teil von der Gesamtzeit oder Gesamtarbeit für sogenannte unproduktive Tätigkeiten - die ebenso notwendig wie die übrigen sind - aufgewendet werden, für die allgemeine Verwaltung, für Erziehung, für Krankenfürsorge und Gesundheitspflege. Kinder und alte Menschen werden ihren Anteil am Produkt ohne entsprechende Leistungen erhalten sowie auch die aus verschiedenen Gründen arbeitsunfähigen Menschen. Gerade in der ersten Zeit wird es viele menschliche Wracks geben, die die frühere kapitalistische Welt hinterlassen hat. Vermutlich wird sich der Leitgedanke durchsetzen, daß die produktive Tätigkeit die Aufgabe des jüngeren Teils der Erwachsenen ist; oder anders ausgedrückt, daß produktive Arbeit während derjenigen Periode seines Lebens Aufgabe eines jeden einzelnen ist, in der seine Neigung und Fähigkeit zu kraftvoller Tätigkeit am größten sind. Durch das schnelle Anwachsen der Arbeitsproduktivität wird sich der zur Erzeugung der Lebensnotwendigkeiten benötigte Teil beständig vermindern und ein zunehmender Teil des Lebens für andere Zwecke und andere Tätigkeit verfügbar werden.

Das Fundament der gesellschaftlichen Organisation, die Grundlage der Organisation der gesellschaftlichen Produktion bildet eine sorgfältige Verwaltung in der Form der Statistik und Buchführung. Statistiken über den Verbrauch der verschiedenen Güter, Statistiken über die Leistungsfähigkeit der industriellen Anlagen, der Maschinen, des Bodens, der Bergwerke und Transportmittel, Statistiken über Bevölkerung und Hilfsquellen der Städte, Bezirke und Länder, dieses alles bildet in zweckmäßig geordneten Aufstellungen, in zahlenmäßigen Daten, die Grundlage des gesamten Wirtschaftsprozesses. Statistiken über den Wirtschaftsprozeß sind auch im Kapitalismus wohl bekannt. Doch blieben sie wegen der Unabhängigkeit und der Beschränktheit der privaten Geschäftsleute unvollkommen und fanden auch nur eine beschränkte Verwendung.

Jetzt aber sind sie Ausgangspunkt zur Organisierung der Produktion; denn um die richtige Menge der einzelnen Güter produzieren zu können, muß die benötigte oder gewünschte Menge bekannt sein. Auch den Verlauf der Produktionsentwicklung bringen die Statistiken als verdichtete Ergebnisse der zahlenmäßigen Aufzeichnungen des Produktionsprozesses, als Zusammenfassung der Buchführung zum Ausdruck. Die allgemeine Buchführung faßt das Zahlenmaterial der Verwaltungen all der verschiedenen einzelnen Unternehmen zusammen und verbindet es zu einer geschlossenen Darstellung des gesamten Wirtschaftsprozesses der Gesellschaft. Sie registriert – in verschiedenen Stufen geordnet – den ganzen Vorgang der Umwandlung des Stoffes. verfolgt den Gang des Rohmaterials von seinem ursprünglichen Zustand an durch alle Fabriken und durch alle Hände bis zu den zur Benutzung oder zum Verbrauch fertigen Gütern. Durch die Zusammenfassung und Verbindung der Ergebnisse von Unternehmen der gleichen Art werden die für die gleichen Produkte durchschnittlich benötigten Arbeitsstunden berechnet, wird die Ertragsfähigkeit der einzelnen Betriebe verglichen und die Aufmerksamkeit auf die für den weiteren Fortschritt geeigneten Wege gelenkt. Wenn die eigentliche Organisation der Produktion erst einmal zustande gebracht ist, dann wird die Verwaltung die verhältnismäßig einfache Aufgabe eines Netzes miteinander in Verbindung stehender Rechnungsstellen sein. Jedes einzelne Unternehmen, jede Teilgruppe von Unternehmen, jede Produktionsbranche, jede Stadt oder jeder Bezirk haben ihr Rechnungsbüro – für Produktion wie für Konsumtion –, das für die Verwaltung zu sorgen hat, das die notwendigen Daten erfaßt und sichtet, durcharbeitet und diskutiert und sie in eine klare, durchsichtige und leicht übersichtliche Form bringt. Durch ihre vereinte Arbeit wird die materielle Grundlage des Lebens zu einem geistig beherrschten Prozeß. Als ein klares und leicht verständliches Zahlenbild liegt der Produktionsprozeß offen vor den Augen eines jeden einzelnen. Hier überschaut und beherrscht die Menschheit ihr eigenes Leben. Was die Arbeiter mit ihren Räten in organisierter Zusammenarbeit ausdachten und durchführten, zeigt sich als Plan und als Ergebnis in den Zahlen der Buchführung. Die Lenkung der gesellschaftlichen Produktion durch die Produzenten selbst wird überhaupt nur dadurch möglich, daß dieses Abbild des Produktionsgeschehens beständig vor den Augen der Arbeiter liegt.

Von den im Kapitalismus entwickelten Organisationsformen ist diese Organisation des wirtschaftlichen Lebens völlig verschieden. Sie ist vollkommener und zugleich einfacher. Die Kompliziertheit und Schwierigkeiten der kapitalistischen Organisation – um derentwillen das so oft gerühmte Genie des großen Unternehmers notwendig war – betrafen immer den gegenseitigen Kampf der Kapitalisten, die Listen und Fallstricke des Konkurrenzkampfes, die Verdrängung oder Vernichtung des Konkurrenten. Dies alles verschwindet nun. Das klare Ziel, die Beschaffung der Lebensnotwendigkeiten für die Menschheit, macht die gesamte Struktur klar, eindeutig und bestimmt. Die Verwaltung großer Quantitäten ist im Grunde kaum schwieriger und komplizierter als die kleiner Quantitäten; den Zahlen brauchen dazu nur ein paar Nullen hinzugefügt werden. Der reichhaltigen und vielgestaltigen Verschiedenheit der Bedürfnisse und Wünsche, die in kleinen Gruppen von Menschen kaum geringer als in großen Massen sein wird, kann nun gerade wegen des Massencharakters leichter und vollkommener Genüge getan werden.

Die Funktion und die Stellung einer zahlenmäßigen Verwaltung in der Gesellschaft hängen vom Charakter dieser Gesellschaft ab. Die Finanzverwaltung von Staaten war notwendigerweise stets Teil der zentralen Regierung. Die Rechnungsbeamten waren gehorsame Diener der Könige oder anderer Herrscher. Dagegen werden überall dort, wo im modernen Kapitalismus die Produktion einer umfassenden Zentralorganisation unterworfen ist, diejenigen, die die zentrale Organisation in Händen haben, die leitenden Wirtschaftsdirektoren sein und sich zu einer herrschenden Bürokratie entwickeln. Als die Revolution in Rußland im Jahre 1917 zu einer schnellen Ausdehnung der Industrie führte und Scharen von Arbeitern, die noch von der barbarischen Unwissenheit der Dörfer geprägt waren, sich in den neuen Fabriken zusammenballten, da ermangelte es ihnen an Kraft, das entstehende Übergewicht der Bürokratie rechtzeitig in Schach zu halten. So konnte sich diese Bürokratie dann zu einer neuen herrschenden Klasse organisieren. Als in Deutschland im Jahre 1933 eine straff organisierte Partei die Staatsmacht eroberte, nahm sie als Organ der Zentralverwaltung die Organisation aller Kräfte des Kapitalismus in ihre Hände.

Wenn die Arbeiter als Herren ihrer Arbeit und als freie Produzenten die Produktion organisieren, dann sind die Bedingungen ganz andere. Die Verwaltung durch Buchführung und Kalkulation ist genau so Spezialaufgabe bestimmter Personen wie das Hämmern von Stahl oder das Backen von Brot Spezialaufgabe anderer Personen ist; alle diese Tätigkeiten sind gleich nützlich und gleich notwendig. Die Arbeiter in den Rechnungsbüros sind weder Untergebene noch Herrscher. Sie sind auch nicht Angestellte im Dienste der Arbeiterräte, die deren Anordnungen gehorsamst durchzuführen haben. Sie sind Gruppen von Arbeitern, die genauso wie andere Arbeitergruppen ihre Arbeit selbst gemeinsam regeln, über ihre technischen Hilfsmittel selbst verfügen und ihre Pflichten, gleich anderen Gruppen, in beständigem Zusammenhang mit den Erfordernissen des Ganzen erfüllen. Sie sind die Spezialisten, die Fachkräfte zur Beschaffung und Zusammenstellung der grundlegenden Daten für die Beratungen und Entscheidungen in den Versammlungen der Arbeiter und der Arbeiterräte. Sie haben die Daten zu sammeln und sie in leicht verständliche und übersichtliche Form von Tabellen, graphischen Darstellungen und Schaubildern zu bringen, damit jeder Arbeiter zu jeder Stunde eine klare Vorstellung vom Stand der Dinge hat. Ihre Kenntnisse sind kein Macht verleihendes Privateigentum; sie sind keine Körperschaft mit exklusiven Verwaltungskenntnissen, durch die sie irgendwie entscheidenden Einfluß gewinnen könnten. Das Ergebnis ihrer Arbeit, die zum Fortschreiten der Produktion notwendige zahlenmäßige Einsicht, ist für alle da. Diese allgemeinen Kenntnisse sind ja die Grundlage aller Aussprachen und Beschlüsse der Arbeiter und ihrer Räte, von denen die Organisierung der Arbeit durchgeführt wird.

Zum ersten Male in der Geschichte liegt das wirtschaftliche Leben, im Großen und in den Einzelheiten, als offenes Buch vor den Augen der Menschheit. Die Grundlagen der Gesellschaft, die im Kapitalismus als gewaltiger Block in den dunklen Tiefen verborgen lagen und nur hin und wieder durch Statistiken über Handel und Produktion notdürftig beleuchtet wurden, kommen nun ans volle Tageslicht und zeigen ihr gesamtes Gefüge in allen Einzelheiten. Hier verfügen wir über eine Wissenschaft von der Gesellschaft, die aus einem wohlgeordneten Wissen von Tatbeständen besteht, woraus dann die leitenden kausalen Beziehungen leicht abgeleitet werden können. Diese Wissenschaft bildet die Basis der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit, gerade so wie die Kenntnis der Tatbestände in der Natur, ebenfalls in kausale Beziehungen gebracht, die Grundlage der technischen Organisation bildet. Als Wissenschaft der allgemeinen einfachen Tatsachen des täglichen Lebens ist sie jedem Menschen zugänglich und ermöglicht es jedem Menschen, die Erfordernisse des Ganzen ebenso gut wie seinen persönlichen Anteil daran zu erfassen und zu überblicken. Sie bildet das geistige Rüstzeug, mit dem die Produzenten die Produktion lenken und leiten können und mit dem sie ihre Welt zu beherrschen vermögen.


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Compiled by Vico, 21 May 2016