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Antonie Pannekoek Archives
 

Theoretisches zur Ursache der Krisen
Von Ant[on]. Pannekoek


Theoretisches zur Ursache der Krisen [1-4] / Ant[on]. Pannekoek. – In: Die Neue Zeit, 31. Jg. (1912-1913), 1. Bd., Nr. 22, 28 Februar 1913, S. 780-792

Quelle: aaap.be


Übersicht

1. Die Periodizität der Produktion

Bei der Frage der Ursachen der Krisen handelt es sich um zwei verschiedene Erscheinungen, die getrennt zu behandeln sind. Erstens um das periodische Auf- und Abschwanken der Produktion in dem industriellen Zyklus; und die erste Frage ist: Wieso müssen die aus dem kapitalistischen Produktionsprozeß entstehenden Kräfte notwendig zu einer periodischen Bewegung führen? Die zweite Frage ist, weshalb in dieser Wellenbewegung der Niedergang kritisch, plötzlich, wie ein Sturz auftritt. In der Regel wird, wenn über die Ursachen der Krisen geredet wird, dieser zweite Punkt ins Auge gefaßt, der Kredit, das Geld als Zahlungsmittel, das Kaufmannskapital, die Spekulation spielen dabei die bekannte Rolle, dem Niedergang einen katastrophenartigen Charakter zu geben. Aber die Hauptfrage ist diese, weshalb Aufschwung und Niedergang regelmäßig abwechseln, die Frage nach der Ursache der Periodizität selbst.

Periodische Bewegungen in der Natur treten dort auf, wo bei der Abweichung von einer Gleichgewichtslage eine Kraft auftritt, die den Körper zu dieser Lage zurückzieht und um so größer ist, je größer die Abweichung selbst. Liegt die Sache ähnlich bei der Periodizität der Produktion? Auf den ersten Blick scheint diese Frage zu bejahen zu sein. Man redet ja hier auch von Überproduktion und Unterproduktion; und wenn von irgend einer Ware zu viel produziert worden ist, tritt sofort eine Kraft auf, die die Abweichung aufzuheben sucht, die Preissenkung, die eine Einschränkung der Produktion bewirkt. Die Preise sind die Regulatoren der Produktion; ihre Änderung bewirkt, daß die Produktion bei jedem Abweichen von der Nachfrage wieder dorthin zurückgetrieben wird. So wäre die Analogie vollkommen; die Produktion in ihrer Gesamtheit erhebt sich abwechselnd über und sinkt unter den gesellschaftlichen Bedarf; in der höchsten und tiefsten Lage tritt dann eine Kraft auf, die sie zur Mittellage, zur Gleichgewichtslage, worin sie den Bedarf genau deckt, zurücktreibt; ähnlich wie bei einem Pendel oder einer Feder muß daraus eine periodische Bewegung entstehen.

Bei genauer Betrachtung zeigt sich, daß diese Übereinstimmung nur scheinbar ist. Weil der Pendel während seiner Rückkehr zur Gleichgewichtslage eine immer größere Geschwindigkeit bekommt, fliegt er durch diese Lage hindurch und entfernt sich an der andere Seite von ihr; daraus entsteht eben das Hin- und Herpendeln. Wenn aber der Umfang der Produktion eine Ware sich durch Senkung ihres Preises zum Normalmaß verringert, gibt es keinen Grund, weshalb diese Änderung weitergeben und zu einem gleich großen Ausschlag nach der anderen Seite führen soll. Bei den gesellschaftlichen Vorgängen treten zwar Verzögerungen auf, aber von einem Beharren in der vorhandenen Bewegung und Änderung, das in der Physik eine Hauptrolle spielt, ist hier keine Rede. Hier geht es, wie wenn ein Pendel in einer zähen Flüssigkeit hängt, wo er keine Geschwindigkeit sammeln kann; aus der Gleichgewichtslage gebracht, kehrt er einfach langsam und immer langsamer dorthin zurück. In ähnlicher Weise führen die Preisschwankungen infolge der Abweichungen der Produktion von dem Bedarf immer wieder statt zu regelmäßigen Schwingungen zur Aufhebung dieser Abweichungen, und die Gleichgewichtslage selbst besteht nur in dem Durchschnitt, in der Mittellage all dieser Schwankungen.

Der Wellengang in der Produktion kann also nicht in ähnlicher Weise wie in der Natur aus Kräften erklärt werden, die mit der Abweichung von einer Gleichgewichtslage wachsen. Solche Kräfte sind zwar vorhanden, aber durch die Abwesenheit eines Beharrungsvermögens führen sie nicht zu periodischen Bewegungen, sondern zu einfachen, langsamen Anpassungen. Die bestimmenden Ursachen liegen anderswo. Um sie zu finden, braucht man nur zu bedenken, wie die Kräfte wirken müssen, um einen Wellengang der Produktion hervorzubringen. In der Mittellage ist kein Gleichgewicht; da ist noch immer eine Kraft vorhanden, sonst müßte diese Lage erhalten bleiben; im Aufschwung wirkt da eine Kraft, die die Produktion weiter emportreibt, im Niedergang umgekehrt eine Kraft, die sie hinuntertreibt. Solange der Aufschwung dauert, ist offenbar eine emportreibende Kraft vorhanden, während des ganzen Niederganges eine herunterdrückende Kraft; nur dadurch ist der periodische Wechsel möglich. Die bestimmenden Momente in der Bewegung sind nicht große und geringe Produktion, Abweichung nach oben und nach unten von einer mittleren Produktion, sondern sie sind Aufschwung und Niedergang, Auf- und Abwärtsbewegung. Woher die Kräfte stammen, die diese Momente begleiten, zeigt eine Betrachtung des Gesamtprozesses der kapitalistischen Reproduktion.


2. Die Reproduktion des Kapitals

Marx hat im zweiten Teil von „Das Kapital“ in einem Schema die Bedingungen dargestellt für eine stetige Reproduktion des kapitalistischen Prozesses (1). Damit jeder Kapitalist die Elemente für die Produktion (Rohmaterialien, Maschinen, Lebensmittel für sich selbst und die Arbeiter) immer auf dem Markte findet und jeder stets dadurch seine Produkte verkaufen kann, muß eine bestimmte Proportion zwischen den verschiedenen Produktionsgebieten vorhanden sein. Für den Fall der einfachen Reproduktion und bei der vereinfachten Annahme, daß das ganze konstante Kapital in einer Produktionsperiode erneuert wird, wird diese Proportion für zwei Hauptgebiete der Produktion durch folgendes Schema veranschaulicht:

I4000c+1000v+1000m=6000 Produktionsmittel,
II2000c+500v+500m=3000 Konsumtionsmittel.

Zu diesem Beispiel ist eine Teilung des Kapitals in ⅘ konstantes, ⅕ variables angenommen sowie eine Mehrwertrate von 100 Prozent; der ganze Mehrwert wird verzehrt. Dann finden die Arbeiter und die Kapitalisten aus I und II die Lebensmittel, die sie für ihre v und m kaufen wollen, gerade in dem Produkt 3000 der Abteilung II vor, während die verbrauchten Produktionsmittel der beiden Abteilungen (4000 + 2000) in dem Produkt 6000 der Abteilung I ihren Ersatz finden. Ist die richtige Proportion zwischen den beiden Abteilungen vorhanden (und natürlich auch zwischen allen kleineren Unterabteilungen, den einzelnen Produktionszweigen), so findet alles Produkt Absatz. Der nötige Austausch zwischen den verschiedenen Sphären vollzieht sich durch ein bestimmtes, relativ kleines Quantum Geld als Zirkulationsmittel. Da in der Wirklichkeit das fixe Kapital (Maschinen usw.) seinen Wert nur allmählich an das Produkt abgibt, um nachher auf einmal aus dem gesammelten Geldschatz erneuert zu werden, ist weiter nötig, daß durchschnittlich in jedem Jahre gleichviel fixes Kapital erneuert wird.

An diesem Ergebnis ist als das Wichtige und Bemerkenswerte hervorzuheben, daß hier nur von einer Proportion die Rede ist. Die Zahlen des Schemas mögen groß oder klein sein, die Einheit im obigen Beispiel mag 10 Mark, 1000 Mark, 100 000 Mark sein, in jedem dieser Fälle ist der Absatz gesichert. Bekanntlich hat Tugan-Baranowski diese Tatsache in der sinnlosen Weise ausgedrückt, daß in dem Kapitalismus die Produktion von der Konsumtion unabhängig ist und sich ins Ungemessene steigern kann, ohne mit dem beschränkten Konsumbedürfnis der Menschen irgend etwas zu tun zu haben – als eine zwecklose, nur für sich selbst immer drehende und riesig wachsende Maschinerie. Der wirkliche Sinn ist dieser, daß die Konsumtion selbst als ein Element des Produktionsprozesses auftritt. Die kapitalistische Produktion ist nicht die Produktion zur Befriedigung eines von außen gegebenen Bedarfes. Der Bedarf wird durch die Produktion selbst geschaffen und bestimmt; er ist Bedarf der Kapitalisten nach Produktionselementen, der Arbeiter nach Lebensmitteln, die sie für ihren Lohn kaufen, der Kapitalisten und aller Klassen, die vom Mehrwert leben, nach Lebens- und Luxusmitteln. Der Bedarf ist nicht eine Bestimmte Größe, wie es der Fall sein würde, wenn das wirkliche Bedürfnis der Menschen Zweck und Maß der Produktion wäre; der Kapitalismus kennt nur Nachfrage, das heißt zahlungsfähigen Bedürfnis, und das Geld dazu muß – wenn auch Schatzbildung oft dazwischen kommt – aus der Produktion selbst kommen. Die Nachfrage steigt und sinkt mit der Produktion selbst, wie es bei steigender Konjunktur handgreiflich zutage tritt.

Der Umfang der Produktion ist also mit einem gewichtlosen Ding zu vergleichen, das aus sich selbst nicht empor- oder hinabstrebt und das in jeder Höhe schweben kann. Für den Umfang der Produktion gibt es keine Gleichgewichtslage, zu der er bei Abweichungen zurückgezogen wird; ob er groß oder klein ist, es besteht keine in ihm selbst liegende Kraft, die ihn zu einem anderen Betrag zu steigern oder zu verringern sucht; in jedem Umfang kann die Produktion im Gleichgewicht sein. Daher genügt die kleinste Kraft von außen, genügen sekundäre Einflüsse, die Produktion entweder zu immer größerer Stufenleiter zu erweitern oder sie immer mehr einzuschränken. In Zeiten der steigenden Konjunktur genügen der Verwertungstrieb des Kapitals und das Vertrauen der Kapitalisten, um die Produktion zu einem größeren Umfang zu erweitern; sinken die Profite und wird das Vertrauen erschüttert, so tritt eine Abwärtsbewegung, eine Verringerung des Produktionsumfanges ein.

Natürlich bleibt dabei der Umfang der Produktion durch natürliche oder allgemein gesellschaftliche Umstände begrenzt. Sehen wir von dem Naturstoff ab, der vorläufig noch in praktisch unbegrenzten Mengen zu haben ist, so liegt eine Schranke in dem Kapital, da (c+v) nicht über die Gesamtsumme des vorhandenen Kapitals steigen kann, und eine andere in der vorhandenen Arbeiterbevölkerung, da (v+m), der neu geschaffene Wert, dieser Bevölkerungsmasse proportional ist.

Für die erweiterte Produktion gelten nun die Zahlen des obigen Schemas nicht mehr; die Proportion ist jetzt eine andere. Marx hat auch diesen Fall in seiner Darlegung der Akkumulation und erweiterten Produktion behandelt.

In seinem ersten Beispiel (Band II, S. 487 (2)) nimmt er an:

I4000c+1000v+1000m=6000 Produktionsmittel,
II 1500c+750v+750m=3000 Konsumtionsmittel.

Wenn die Kapitalisten I die Hälfte ihres Mehrwertes verzehren, die andere Hälfte akkumulieren, wobei letztere in 400c und 100v verteilt werden muß, so ist in den 6000 Produktionsmitteln, nach Abgang von 4000 + 400c für I und 1500c zur Erneuerung des konstanten Kapitals von II nur noch 100 an Produktionsmitteln übrig für die Erweiterung der Geschäfte in II. Die Kapitalisten II müßen also 150 ihres Mehrwertes akkumulieren (zerfallend in 100c + 50v) und die übrigen 600 verzehren. In derselben Weise wird nun weitergegangen; indem die I immer die Hälfte des Mehrwertes akkumulieren, stellt sich heraus, daß die II immer 3/10 ihres Mehrwertes akkumulieren müßen und daß dabei in beiden Sphären der Umfang jedesmal um ⅒ steigt. Scheinbar sind hier die Kapitalisten II gebunden in der Verteilung ihres Mehrwertes; aber das kommt nur daher, daß die Zahlen des Schemas im bestimmter Weise angenommen sind. In Wirklichkeit können alle Kapitalisten einen beliebigen Teil ihres Mehrwertes akkumulieren, und die Produktion ist dann derart auf beide Gebiete zu verteilen, als für die richtige Proportion nötig ist. Nimmt man ein Beispiel, wo einfachheitshalber für beide Gebiete dasselbe Verhältnis c/v = 4 und m = v angenommen ist, und nehmen wir an, daß überall die hälfte von m akkumuliert wird, so ergibt sich sofort, daß der Umfang von II zu dem von I sich verhält wie {v + ½m + (⅕ × ½m)} zu {c + (⅘ × ½m)}, also wie 4 zu 11. Das dazu passende Schema ist also:

I4400c+1100v+1100m(= 550m1 + 440mc + 110mv)=6600 Produktionsmitteln,
II1600c+400v+400m(= 200m1 + 160mc +40mv)=2400 Konsumtionsmittel.

Die Kapitalisten I und ihre Arbeiter müssen also für 1100v + 550 m1 + 110mv = 1760 Lebensmittel von II kaufen, während die Kapitalisten II für 1600c + 160mc = 1760 Produktionsmittel von I brauchen; alles Produkt findet also Absatz und das nächste Jahr kann die Produktion auf einer um ⅒ gestiegenen Stufenleiter stattfinden. (a)

Wie verwirklicht sich dieser Umsatz in der Praxis? Um die Sache in möglichst übersichtlicher Einfachheit darzustellen, nehmen wir an, daß für alle Waren dieselbe Produktions- und Umschlagsperiode besteht, sagen wir ein Jahr. Also ein Jahr lang produzieren alle mit den gekauften Vorräten, am Schlusse des Jahres kommen sie alle zusammen, tauschen ihre Waren aus und schlagen die Produktionselemente, auch die Lebensmittel, für das ganze nächste Jahr ein. Dieser Austausch wird durch Geld vermittelt, und zwar durch ein kleines Quantum, da er in sehr viele einzelne Kauf- und Verkaufakte zerfällt. Marx hat diesen Prozeß der Realisierung durch Hin- und Herfliegen eines Geldquantums wiederholt dargestellt; in dieser Weise ersetzen alle Kapitalisten ihr konstantes Kapital, indem die Kapitalisten I für 4400 voneinander, die II für 1600 von den I kaufen; ähnlich wird für den Konsum der Arbeiter 1100 + 400 verausgabt und dafür Lebensmittel aus dem Warenvorrat II gekauft. Von dem Vorrat und Produktionsmitteln ist also 600 verkauft, von den Lebensmittel 1500; oder, wenn man hinzurechnet, daß die Kapitalisten I 500 mehr von den II erhielten, als sie ihnen bezahlten, also für 500 Lebensmittel für sich selbst hinzukaufen können, wird die letzte Zahl 2000. Beide Gruppen haben noch unverkaufte Waren, worin gerade der Mehrwert steckt, den sie sonst akkumulieren könnten. Aber jede Gruppe muß verkauft haben, bevor sie den Mehrwert in der Hand hat und ihn neu anlegen kann, und diese neue Anlage ist eben die Vorbedingung zum Verkauf.

Hier scheint ein Widerspruch zu liegen, der in der Frage auszudrücken ist, wer die Waren kaufen soll, in denen der Mehrwert verkörpert ist. Aber er ist nur ein scheinbarer, ein Widerspruch derselben Art, wie wenn Schuster, Schneider, Bäcker auf S. 33 von Kautskys „Marx’ Ökonomische Lehren“ einander mit ihren Waren gegenüberstehen, die sie gegenseitig brauchen, und das Geld hinzukommen muß, den Zauberkreis zu brechen. Denn auch hier werden schließlich die Kapitalisten I und II die noch unverkauften Waren voneinander brauchen, wenn diese Zirkulation nur in Fluß gebracht werden kann. In der Wirklichkeit warten die Kapitalisten nicht angstvoll mit neuen Operationen, bis sie allen Vorrat verkauft und den Mehrwert als Geld in der Hand haben; sie betrachten den Mehrwert schon als vorhanden, wenn er in Warenform besteht, denn sie wissen, daß die Waren in normalen Falle verkauft werden. Sie haben auch einen bestimmten Geldschatz, um Vorschüsse zu machen, und den Teil des Mehrwertes, den sie selbst verzehren, schießen sie auch wirklich, wenn nötig, vor. Vielleicht haben sie persönlich auch schon den Warenvorrat, in dem der Mehrwert steckt, einem Kaufmann verkauft, so daß ein Kapitalist I diesen Vorrat gekauft haben. Neue Unternehmungen werden gegründet, das Geld teilweise von den Banken zur Verfügung gestellt, Maschinen bei den Kapitalisten I gekauft, die, wenn sie das Geld, einen Teil ihres Mehrwertes, erhalten haben, es auf die Bank bringen und damit deren Geldvorrat wieder ergänzen, so daß sie im Grunde ihren jetzt realisierten Mehrwert in den Fabriken angelegt haben, die ihr Produkt kauften. Weil einmal der Spielraum eines bedeutenden Kapitalvorrats, zumeist als Bankkapital, da ist, aus dem stetig hineinfließt kann in der Praxis, normalenfalls, kein Hemmnis der Warenbewegung vorhanden sein. Auch in diesem Falle der Akkumulation finden alle Produkte Absatz. Und nachdem alle Kapitalisten ihre Waren verkauft und die Elemente der neuen Produktion gekauft haben, geht alles im nächsten Jahre in einem um 10 Prozent größeren Umfang vor sich:

I4840c+1210v+1210m(= 605m1 + 484mc + 121mv)=7260 Produktionsmittel,
II1760c+440v+440m(= 220m1 + 176mc + 44mv)=2640 Konsumtionsmittel.

In derselben Proportion steigend, in jedem Jahre um 10 Prozent größer als im vorigen Jahre, kann es dann weitergehen, ohne eine Grenze zu finden.

Es ist klar, daß dasselbe gilt, wenn die Voraussetzungen weniger einfach sind; die Rechnungsbeispiele werden schwieriger und verwickelter, daß die Kapitalzusammensetzung in II anders ist als in I; in I sei c = 4v, in II c = 2v. Akkumuliert dann wieder jeder Kapitalist den halben Mehrwert und vergrößert er damit sein Kapital, so paßt dazu folgendes Zahlenbeispiel:

I7000c+1750v+1750m(= 875m1 + 700mc + 175mv)=10500 Produktionsmittel,
II2400c+1200v+1200m(= 600m1 + 400mc + 200mv)=4800 Konsumtionsmittel.

Hier ist (v + m1 + mv) I = 2800 und (c + mc) II = 2800, also decken sich Angebot und Nachfrage. Wenn dann aber das zweite Jahr in I mit 7700 c + 1925v, in II mit 2800c + 1400v produziert wird, ist das richtige Verhältnis gestört; II nimmt zu rasch zu. In Wirklichkeit wird dann Kapital aus der einen Gruppe in die andere übertragen werden; in diesem Falle kann also der akkumulierte Mehrwert nicht in der eigenen Gruppe bleiben, sondern er muß anders verteilt werden. Dann muß auch das Anfangsverhältnis anders sein, und zwar wird den Bedingungen durch folgende Zahlen nahezu genügt:

I7528c+1882v+941m1+941m2=11292 Produktionsmittel,
II2560c+1280v+640m1+640m2=5120 Konsumtionsmittel.

I941m2= 1581 Gesamtakkumulation1123=898c+225vwird in I angelegt,
II640m2458=305c+153vwird in II angelegt.

Benötigte Produktionsmittel

(7528c + 898c) I + (2560c + 305c) II = 11291.

Benötigte Konsumtionsmittel

(1882v + 941m1 + 225v) I + (1280v + 640m1 + 153v) II = 5121.

Der Kapitalzuwachs in beiden Abteilungen ist den Anfangskapitalien genau proportional, so daß in dieser Weise und in dieser Proportion immer weiter produziert werden kann, wenn immer wieder am Schlusse des Jahres der akkumulierte Mehrwert in dem richtigen Verhältnis über beide Sphären verteilt wird.

Mann könnte die Voraussetzungen noch weniger einfach nehmen, zum Beispiel eine verschiedene Mehrwertrate in den beiden Abteilungen annehmen, oder eine stetig sich ändernde Mehrwertrate, sowie auch ein allmählich sich änderndes Verhältnis von c und v, um der steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals Rechnung zu tragen. Mögen die Beispiele da schwieriger aufzustellen sein, im Grunde liefern sie nichts Neues.

Es stellt sich also heraus, daß auch bei einer sich stetig erweiternder kapitalistischen Produktion keine Schwierigkeit mit dem Absatz vorhanden ist, wenn nur die richtige Proportion besteht. Diese Proportion ist aber verschieden je nach der Rate der Erweiterung des Produktionsumfanges.


3. Der Einfluß der einfachen Warenproduktion

Ein Kapitalismus wäre also möglich und denkbar, der ohne Verbindung mit einer Umwelt sich stetig erweiterte, wenn nur ein wachsendes Menschenmaterial herangezogen werden könnte, zum Beispiel durch Verwandlung von ehedem selbstwirtschaftenden Menschen in Bestandteile der kapitalistische Produktion. In der Wirklichkeit haben wir aber nicht mit einer kapitalistischen Welt zu tun, vermischt und umgeben durch Naturalwirtschaft, die hier mit einem leeren Raume zu vergleichen wäre und für den Kapitalismus gleichsam nicht existiert. Zwischen beiden befindet sich wie ein den Kapitalismus umgebendes Randgebiet die nichtkapitalistische Warenproduktion, mit der er im Austauschverkehr steht – Randgebiet hier nicht im geographischen Sinne, sondern bildlich genommen. Der Reproduktionsprozeß des Kapitals bleibt unvollständig und die Darstellung unrichtig, wenn diese Warenproduktion nicht mit hineinbezogen wird. (b) Mögen nun in diesem Randgebiet verschiedene Stufen der Warenproduktion vorkommen, dem Kapitalismus am nächsten die Produktionssphären, die nur für den Markt produzieren, während an der äußersten Grenze sich Menschen und Völker befinden, die neben ihrer Naturalwirtschaft nur vereinzelte Produkte zum Weltmarkt beisteuern – für die prinzipielle Erfassung der Wirkung der nichtkapitalistischen Produktion genügt es, in das Schema der kapitalistischen Reproduktion auch die einfache Warenproduktion, die nur für den Weltmarkt produziert, aufzunehmen. Wir nehmen also außer den beiden früheren Sphären kapitalistischer Produktion zwei Sphären einfacher Warenproduktion an, eine für Konsumtionsmittel, eine für Produktionsmittel, und wir nehmen an, daß in dem Werte des Produktes ⅕ übertragener Wert der verbrauchten Produktionsmittel (p) ist ⅘ durch neue Arbeit (a) gebildet ist, wofür diese Kleinproduzenten eine gleiche Menge Konsumtionsmittel verbrauchen.

Als Beispiel nehmen wir die Zahlen:

Ia4400c+1100v+1100m=6600Produktionsmittel
Ib220p+880a=1100
IIa2800c+700v+700m=4200Konsumtionsmittel
IIb280p+1120a=1400

Die verbrauchten Produktionsmittel (4400c + 220p) I + (2800c + 280p) II werden ersetzt durch die 6600 + 1100 neuen Produktionsmittel; die verbrauchten Konsumtionsmittel (1100v + 1100m + 880a) I + (700v + 700m + 1120a) II durch die 4200 + 1400 neuen Konsumtionsmittel. Das ist die einzige Bedingung, denen obige Zahlen genügen müssen. In welchem Verhältnis Ib zu Ia, IIb zu IIa stehen muß, wird durch den Stand der Technik und der ökonomischen Struktur der Gesellschaft bestimmt und ist also – mag es sich daher auch stetig mit der Entwicklung der Technik ändern – für einem bestimmten Augenblick gegeben. Je mehr von den in c enthaltenen Rohmaterialien (zum Beispiel Getreide, Rohbaumwolle, Gespinst) noch kleinbäuerlich oder kleinbürgerlich produziert wird, um so größeren Umfang haben die Abteilungen b. Wir haben oben angenommen, daß von den Produktionsmitteln ⅐, von den Konsumtionsmitteln ¼ durch die einfache Warenproduktion geliefert werden.

Auch hier können die Zahlen des Beispiels größere oder kleinere absolute Beträge bezeichnen; auch hier ist der Umfang der Produktion nicht von außen gegeben und kann er groß oder klein sein, ohne daß irgend ein Produkt unverkäuflich wird, solange die richtigen Proportionen gewahrt bleiben. Auch hier ist also eine beliebige Erweiterung der Produktion möglich. Aber zu den früher gegebenen Bedingungen tritt jetzt eine neue hinzu. Früher, bei der rein kapitalistischen Produktion, war die Bedingung, daß Kapital (c + v) und daß die Arbeitermasse (v + m) sich im genügenden Maße vergrößerten; nur in dem Maße, wie sie zunehmen, kann die Produktion sich erweitern. Jetzt ergibt sich als neue Bedingung, daß die Gebiete Ib und IIb sich in demselben Verhältnis erweitern müssen, daß also das Randgebiet der einfachen Warenproduktion, das mit dem Kapitalismus in Tauschverkehr steht, stetig an Umfang wächst. Weil die Erweiterung der Produktion vom Kapital ausgeht, weil die Akkumulation des Kapitals die treibende Kraft ist und das Tempo des Wachstums bestimmt, kommen diese Bedingungen darauf hinaus, 1. daß für ein genügendes Wachstum des Proletariats gesorgt wird, daß also, wenn der natürliche Zuwachs aus den anderen Schichten nicht ausreicht, durch die Einwanderung nachgeholfen wird; 2. daß für die Lieferung von Rohmaterialien immer mehr Bezugsquellen und für die kapitalistischen Produkte immer mehr Absatzmärkte eröffnet werden. Weil für jeden einzelnen Kapitalisten das erste, das Kaufen der Rohmaterialien, kaum Schwierigkeiten bietet, das zweite, der Absatz seiner Produkte, dagegen um so schwieriger ist, kommt diese Notwendigkeit der stetigen Erweiterung des Randgebiets den Kapitalisten als die Schwierigkeit der Beschaffung immer neuer Absatzmärkte zum Bewußtsein.

Dieses immer weiter Umsichgreifen der Warenproduktion auf Kosten der Naturalwirtschaft, die Einbeziehung von stets mehr Menschen und Völkern in das Ganze der zusammenhängenden Weltproduktion, diese ökonomische Expansion ist also eine Notwendigkeit für den Kapitalismus und beherrscht daher auch die kapitalistische Politik. Natürlich müssen nun auch hier, um diese Erweiterung der Stufenleiter der ganzen Produktion durch ein Schema darzustellen, die Zahlen des obigen Beispiels geändert werden. Nehmen wir dieselben technischen Voraussetzungen wie oben und eine Akkumulation der Hälfte des Mehrwertes an. Am Schlusse jedes Jahres, wenn nach unserer vereinfachten Annahme der allgemeine Austausch stattfindet, muß der Umfang der Sphären b um ⅒ erweitert werden durch Hinzuziehung zu dem Weltmarkt von Produkten, die zuvor keine Waren waren, und von Produzenten, die jetzt zum ersten Male durch den Weltmarkt mit Produktions- und Konsumtionsmitteln ausgestattet werden.

Das Schema der Warenproduktion eines Jahres sei also:

Ia4000c+1000v+500m1+500m2=6000Produktionsmittel,
Ib182p+727a=909
IIa2000c+500v+250m1+250m2=3000Konsumtionsmittel,
IIb182p+727a=909

und das Schema des Austausches, der die Elemente der Produktion für das nächste Jahr herbeischafft:

Ia4000c+1000v+500m1+(400c + 100v)=6000Produktionsmittel,
Ib200p+800a=1000
IIa2000c+500v+250m1+(200c + 50)=3000Konsumtionsmittel.
IIb200p+800a=1000

Es sind (4000c + 400c + 200p) I + (2000c +200c + 200p) II = 7000 Produktionsmittel sowie (1100c + 500m1 + 800a) I + (550v + 250m1 + 800a) II = 4000 Konsumtionsmittel nötig. Das zweite Jahr führt dann die Produktion auf einer um ⅛ erweiterten Stufenleiter weiter:

Ia4400c+1100v+550m1+550m2=6600Produktionsmittel,
Ib200p+800a=1000
IIa2200c+550v+275m1+275m2=3300Konsumptionsmittel,
IIb200p+800a=1000

und am Schluß des Jahres müssen aufs neue Produktenmassen, 20p + 80a = 100 Ib Produktionsmittel und 20p + 80a = 100 IIb Konsumtionsmittel, hinzugezogen werden, damit die Kapitalisten alle Produkte los werden und die Produktionselemente für eine neue Erweiterung der Produktion beschaffen können.

Natürlich braucht diese stetige Erweiterung nicht zu bedeuten, daß das Randgebiet der einfachen Warenproduktion selbst größer wird. Denn die technisch-ökonomische Entwicklung, die innerhalb des Kapitalismus eine eine allmähliche Änderung des Verhältnisses c : v mit sich bringt, bewirkt auch, daß das Gebiet des Kapitalismus selbst sich immer mehr auf Kosten des Randgebiets ausdehnt und die innere Grenze des Randes sich nach außen verschiebt, entweder durch Ersetzung der primitiven Werkzeuge durch Maschinen oder durch Verwandlung selbständiger Produzenten in Heimarbeiter.


4. Die Ursachen des Konjunkturwechsels

In dem Aufsteigen und Absteigen der Konjunktur liegt nach dem Vorhergehenden also an sich nichts Sonderbares: der absolute Umfang der Produktion ist in weiten Grenzen unbestimmt und willkürlich. Zu erklären bleiben die Wendepunkte; weshalb erzeugt jede dieser Bewegungen nach einiger Zeit Kräfte, die sie hemmen und zur Umkehr bringen? Die Kraft, die in dem Tiefstand der Produktion wirkt, liegt klar zutage: der Verwertungstrieb des Kapitals. In der Zeit der Depression sammelt sich das Kapital an, teils gerettet aus der vorigen Krise, teils aus dem Mehrwert akkumuliert. Dieses Kapital drängt nach Anlage – was sich in dem niedrigen Zinsfuß ausdrückt –, es erfordert eine Erweiterung der Produktion; daher werden Unternehmungen gegründet, und damit fängt die Aufwärtsbewegung an. Was sich oben theoretisch in der Form darstellte, daß der Umfang der Produktion unbestimmt ist, da die Nachfrage durch die Produktion selbst bestimmt wird, tritt hier praktisch in der Weise zutage, daß jede neue Unternehmung eine neue Nachfrage nach Produktionsmitteln und Lebensmitteln schafft und damit weitere Gründungen hervorruft. Das allgemeine Vertrauen, die optimistische Unternehmungslust, die in der Zeit der aufsteigenden Konjunktur herrscht, wird oft in der Weise dargestellt, als ob jedermann sich einfach durch die Massenstimmung mitreißen ließe, mit dem großen Haufen gedankenlos mitliefe, wie ein richtiges Herdentier, ähnlich wie bei der Börsenspekulation – und deshalb auch nachher in der Krise seinen Lohn für diese Dummheit ausgezahlt bekäme. Aber hier zeigt sich, daß es sich nicht einfach um eine geistige Ansteckung ohne materielle Grundlage handelt; wenn die anderen Unternehmungen gründen, so wird eben dadurch die materielle Grundlage zu neuen Gründungen geschaffen. Die Kraft, die während der steigenden Konjunktur den Umfang der Produktion steigert, besteht in der Höhe der Preise, die infolge der wachsenden Nachfrage über dem normalen Produktionspreis stehen und daher auch die Profitrate erhöhen.

Diese aufsteigende Bewegung wäre als ein Stück der normalen allgemeinen Aufwärtsbewegung der gesellschaftlichen Produktion anzusehen, die wir durch das Schema der erweiterten Reproduktion darstellen. Es fragt sich dann bloß, woher die Kräfte stammen, die nach einiger Zeit diese Aufwärtsbewegung aufhalten und zur Umkehr zwingen. Solche finden sich in den oben aufgestellten Bedingungen, die die erweiterte Produktion begleiten müssen und die bei ihrer Nichterfüllung als Hemmnisse der Entwicklung auftreten. In dieser negativen Form heißen sie: Mangel an Arbeitern, Mangel an genügenden Rohstoffen, Mangel an Absatz.

Dazu kann aber noch ein Viertes kommen. Denn die Bewegung der guten Konjunktur ist nicht einfach ein Stück der allgemeinen Produktionserweiterung auf der Grundlage der Akkumulation. Sie ist rascher, weil die Produktion sich nicht in dem Maße erweitert, wie das Kapital durch Akkumulation wächst, sondern wie das bisher brachliegende Kapital in die Produktion hineingeworfen wird. Soll die Produktion sich immerfort in diesem Maßstab erweitern, so muß auch das Kapital in demselben Verhältnis wachsen; geht aber das früher brachliegende Kapital zu Ende, so ist es fraglich, ob die Akkumulation neuen Mehrwertes genügend Ersatz bietet, da doch zugleich immer mehr Zirkulationsgeld nötig ist. In diesem Falle käme also Mangel an Kapital hinzu, der allmählich an die Stelle des früheren Überflusses tritt und sich in dem steigenden Zinsfuß dokumentiert.

Natürlich handelt es sich in allen vier Fällen nicht um einen absoluten Mangel. Schon lange bevor dieser eintreten könnte, tritt ein relativer Mangel, eine graduell steigende Erschwerung auf, die die Profitrate herabdrückt und die Verwertungsmöglichkeiten des Kapitals allmählich verschlechtert. (Wir lassen die Frage, auch eine Senkung der Profitrate als Wirkung steigender organischer Zusammensetzung des Kapitals hinzukommt, deren Beantwortung einige Schwierigkeiten mit sich bringt, hier beiseite.) Mögen auch noch ausreichend Arbeiter da sein, so gestattet die Aufhebung des Druckes der Arbeitslosigkeit während der guten Konjunktur den Gewerkschaften, die Löhne zu steigern; übertritt diese diese Erhöhung die Preissteigerung, so bedeutet sie eine Verringerung der Mehrwertrate. Die Produktion der agrarischen Rohstoffe kann sich in der Regel nicht so rasch ausdehnen, daß die den Anforderungen der Hochkonjunktur genügt; ihre Preise steigen. (c) Die Notwendigkeit, den Markt zu erweitern und entferntere Absatzgebiete zu suchen, vergößert die Umschlagszeit und die Zirkulationskosten (wobei die Notwendigkeit, das Kapital dementsprehend zu vergrößern, die Geldknappheit steigert), senkt also auch den Profit; und schließlich, wenn sich der Markt nicht mehr in demselben Tempo erweitern läßt, tritt Absatzstockung ein. Die beiden letzten Hemmungen entspringen dem Zusammenhang der kapitalistischen mit der nichtkapitalistischen Warenproduktion.

So bringt die Steigerung der Konjunktur Erschwerungen, die sich im Sinken der Profitrate äußern. Dieses Sinken muß notwendig eine Einschränkung der Unternehmungslust bewirken, soweit diese nicht schon durch Kapitalmangel geboten ist. Das bedeutet, daß das Tempo der Erweiterung der Produktion sich verlangsamt. Und diese Verlangsamung wird zur Ursache weiterer Änderungen. Jetzt wendet sich das im Reproduktionsschema enthaltene Gesetz, das sich bisher nur in seiner den Kapitalisten günstigen Seite, als die Möglichkeit schrankenloser Ausdehnung der Produktion zeigte, gegen dieselben Kapitalisten. Denn das Schema schreibt auch eine bestimmte Proportionalität vor, die für jedes Tempo der Erweiterung verschieden ist. Eine Verlangsamung dieses Tempos bewirkt also, daß die notwendige Proportion der Produktion gestört ist.

Die Bedeutung der Störungen der Proportionalität der Produktion als Ursache der Krisen ist von den verschiedensten Seiten anerkannt und dargelegt worden. Tugan-Baranowski macht die sogar zur alleinigen Grundursache des industriellen Zyklus. Er legt dar, daß durch das Gründen neuer Unternehmungen aufs Geratewohl, ohne auf die Nachfrage zu achten, nur durch Spekulationsbedürfnisse geleitet, schließlich jede Proportionalität fehlen muß, und wie die Krise dazu dient, gewaltsam die richtige Proportionalität wieder herzustellen. (d) Bei ihm entsteht der Mangel an Proportion gewissermaßen als Zufall, oder besser, weil es Zufall wäre, wenn gerade die richtige Proportion getroffen würde. Es ist bei dieser Erklärung nicht abzusehen, weshalb diese Disproportionalitäten sich nicht schon früher fühlbar machen und zur Geschäftsstockung führen. Hilferding sucht eine Ursache der auftretenden Disproportionalität darin, daß in den Produktionssphären mit höchster organischer Zusammensetzung die technische Fortschritte größer sind als anderswo und diese daher das neue Kapital stärker anziehen. (e) Es erscheint uns zweifelhaft, ob die Grundannahme, daß dort die meisten neuen Erfindungen stattfinden, wo die Technik schon am höchsten entwickelt ist, wirklich als allgemeines Gesetz gelten kann. Und es ist nicht nötig, zu dieser Erklärung zu greifen, weil außer der von uns angegebenen allgemeinen Ursache einer Störung der Proportionalität, die in einem Zuviel an Produktionsmitteln besteht, noch ein spezieller Grund für eine Überproduktion von Produktionsmitteln vorliegt, der von verschiedenen Autoren hervorgehoben und auch von Hilferding behandelt worden ist: die Reproduktion des fixen Kapitals.

Die Reproduktion des fixen Kapitals vollzieht sich ohne Störung, wenn in jedem Jahre gleichviel davon erneuert wird, also der Betrag, der als an das Produkt abgegebener Wert (für Verschleiß) angesammelt wird, und der Betrag, der für Neuanschaffungen verausgabt wird, sich für die Gesellschaft als Ganzes decken. Aber in der Praxis wird dieser Bedingung nicht genügt. Gerade weil der industrielle Zyklus einmal besteht, findet die Erneuerung des fixen Kapitals nicht gleichmaßig in allen Jahren statt. In den Zeiten der steigenden Konjunktur werden überall neue Produktionsmittel eingestellt; in diesen ersten Jahren ihrer viel längeren Lebenszeit drängt sich ihre Produktion zusammen. Der verhältnismäßige Anteil der Produktion der Produktionsmittel an der Gesamtproduktion muß also in den Jahren des Aufschwunges viel höher sein als durchschnittlich, auch wenn die Erweiterung der Produktion in demselben Tempo weiter ginge, möglich wäre. Daher muß in dieser Produktionssphäre eine Erschwerung des Absatzes entstehen, die in einer Disproportionalität wurzelt. Man kann sie allerdings nicht unter den primären Ursachen der Krisen mitzählen, da sie das Vorhandensein der Periodizität der Produktion bereits voraussetzt; wäre diese nicht aus anderen Gründen unvermeidlich, so wäre es denkbar, daß sich die Erneuerung des fixen Kapitals gleichmäßig über alle Jahre erstreckte; nun aber wirkt sie als Kraft, die die anderen krisenbildenden Kräfte in hohem Maße verstärkt.

Eine Störung der Proportionalität, die wir als notwendige Folge der Erweiterung der Produktion kennen lernten, bedeutet, daß der Austausch der Produkte sich nicht mehr vollständig vollziehen kann; sie bedeutet, daß ein Teil der Produkte unverkäuflich wird. Aber damit hört die Sache nicht auf. Jetzt setzt sich das im Reproduktionsschema enthaltene Gesetz, daß Nachfrage und Produktion aufs engste zusammenhängen, in entgegengesetzter Weise wie früher durch. Wird wegen des unverkäuflich gewordenen Teiles der Produkte eine Fabrik irgendwo stillgesetzt, so bedeutet das eine Verringerung der Nachfrage, ein Unverkäuflich werden weiterer Produkte, die sonst für diese Fabrik und ihre Arbeiter bestimmt gewesen wäre. Einschränkung der Produktion bedeutet Verringerung der Nachfrage, also immer weitere Einschränkung der Produktion. Die bloße Verlangsamung des Erweiterungstempos der Produktion genügt also als Kraft, die ganze Produktion zur Umkehr zu bringen und die Erweiterung in eine fortschreitende Einschränkung der Produktion umschlagen zu lassen. Dabei verschärft sich die Kraft der Disproportionalität noch ungemein, da bei einer sich verengenden Produktion eine ganz andere Verteilung herrschen muß als bei einer Erweiterung. Hier zeigt sich die andere Seite der Unabhängigkeit des Produktionsumfanges von einer äußeren Bestimmung; er kann sich nicht nur immer mehr vergrößern, sondern auch immer mehr verringern und zusammenschrumpfen. Die Kraft, die ihn verringert, ist das Sinken der Preise und daher der Profite infolge der mangelnden Nachfrage. So wie in der Zeit des Aufschwunges Unterproduktion in Bezug auf die Nachfrage bestand, besteht in der Zeit des Niederganges Überproduktion. Sie ist allgemein, weil die Produktion hinter einer sinkenden Nachfrage herläuft; die Auffassung der Harmonieapostel, das Überproduktion nur als Störung der Proportion denkbar ist (was sie allerdings, wie sich oben zeigte, auch sein kann) und immer zugleich Unterproduktion in einem anderen Zweige bedeutet, ist also falsch.

In der Praxis ist allerdings von der Wirkung und Gegenwirkung dieser Kräfte und Erscheinungen während des Niedergangs der Produktion wenig zu bemerken, da nur selten dieser Niedergang allmählich vor sich geht. Durch die hinzukommenden Einflüsse des Kredits und der Spekulation vollzieht sich der Niedergang meist als ein rascher Zusammenbruch in der Gestalt einer Krise. Der Mechanismus dieses Vorganges ist wiederholt dargestellt worden und braucht uns hier nicht zu beschäftigen.

Worauf es hier ankommt, ist dies: der industrielle Zyklus ist kein Schwanken um irgend eine Mittellage, die durch irgend ein Bedürfnis gegeben wird. Er ist der Wechsel zwischen rascher Erweiterung und noch schnellerer, meist krisenartiger Einschränkung der Produktion, beides Bewegungen, die nur deshalb zum Stillstand und zur Umkehr kommen, weil sie sekundäre Kräfte erzeugen, die wie ein leichter Stoß gegen ein gewichtloses auf- oder absteigendes Ding wirken. Daher hängt es in hohem Maße von hinzukommenden Umständen ab, wie rasch diese Kräfte einsetzen. Je nachdem allgemeine Ursachen die Unternehmungslust dämpfen oder anstacheln, wird das eine Mal (wie in den achtziger Jahren) jeder Aufschwung bald erlahmen, so daß man aus der allgemeinen Depression kaum herauskommt, das andere Mal (wie in den letzten Jahrzehnten) wird jede Krise nur eine vorübergehende Unterbrechung einer anhaltenden Prosperität sein. Kautsky hat neulich (f) auf die Goldproduktion als die Ursache dieser großen Schwankung der Konjunktur hingewiesen. Unsere Darlegungen können dazu dienen, die Richtigkeit seiner Erklärung noch stärker ins Auge springen zu lassen. Denn sie zeigen, wie das Erscheinen immer neuer und größerer Goldmassen auf dem Markte, die als Nachfrage nach Waren auftreten, ohne daß die zu verkaufen brauchen, außerordentlich anstachelnd und belebend auf die ganze Produktion wirken muß.


Noten

a. Genossin Luxemburg kommt in ihrem neu erschienenen Werke „Die Akkumulation des Kapitals“ bei der Behandlung derselben Frage zu einem entgegengesetzten Schlusse; sie glaubt hier ein von Marx ungelöst gelassenes Problem zu sehen, einen inneren Widerspruch der erweiterten Reproduktion, der in der Frage enthalten ist: Wo finden sich die Abnehmer der Waren, in denen der Mehrwert enthalten ist? Wir halten ihre Ansicht für irrig; das Reproduktionsschema zeigt, daß hier keine Frage und kein Problem vorliegt. (Vergl. Unsere Besprechung jenes Werkes, „Bremer Bürgerzeitung“, 29./30. Januar.)

b. Auch in dem Werke der Genossin Luxemburg wird die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung dieses Tauschverkehrs mit nichtkapitalistischen Produzenten gelenkt. Allerdings wird dafür eine andere Begründung gegeben: dieser Verkehr soll nötig sein, um den oben erwähnten inneren Widerspruch der erweiterten Reproduktion zu lösen. Da ein solcher Widerspruch jedoch, wie unsere Darlegung zeigt, nicht besteht, ist auch diese Begründung der Notwendigkeit einer solchen Umgebung für den Kapitalismus hinfällig.

c. Ausführlich sind alle diese Momente wie auch die anderen, die den Wechselgang der Konjunktur begleiten und als wirkende Kräfte eine Rolle spielen, in Hilferdings Finanzkapital dargestellt. Daher können hier alle Einzelheiten übergangen werden.

d. Vergl. Tugan-Baranowski, Studien zur Theorie und Geschichte der Handelskrisen in England, S. 250 bis 251.

e. Hilferding, S. 324 bis 325.

f. K. Kautsky, Die Wandlungen der Goldproduktion und der wechselnde Charakter der Teuerung (Ergänzungsheft zur „Neuen Zeit“, Nr. 16.)


Redaktionelle Anmerkungen

1. M.E.W., Bd. 24, S. 396.

2. M.E.W., Bd. 24, S. 505.


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Compiled by Vico, 6 June 2015