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Antonie Pannekoek Archives
 

Herrn Tugan-Baranowkys Marx-Kritik
Von Ant[on]. Pannekoek


Herrn Tugan-Baranowskis Marx-Kritik [1-3] / Ant[on]. Pannekoek. – In: Die Neue Zeit, 28. Jg. (1909-1910), 1. Bd., Nr. 22, 25. Februar 1910, S. 772-783

Quelle: aaap.be.


Übersicht


1. Wie Herr Tugan rechnet

Vor einigen Jahren hat Herr Tugan-Baranowsky eine Schrift „Theoretische Grundlagen des Marxismus“ veröffentlicht, worin er die Unrichtigkeit der Marxschen Theorie nachzuweisen sich bemüht. Während seine Ausführungen über die materialistische Geschichtsauffassung sich nicht über die bekannten bürgerlichen Mißverständnisse und Beschränktheiten erheben und also keinen Anlaß zu einer besonderen Besprechung geben, erheischt seine Kritik der Marxschen Wert- und Mehrwertlehre eingehende Widerlegung. Denn als Nationalökonom hat Tugan-Baranowsky einen großen Namen unter der bürgerlichen Gelehrten; er gilt als Sachverständiger, un damit kann der Gehalt seiner Kritik zugleich als ein Prüfstein der Fähigkeit der bürgerlichen Nationalökonomie überhaupt zur theoretischen Behandlung ökonomischer Fragen dienen.

Im 25. Bande der „Neuen Zeit“ hat dann Genosse J.B. Boudin in einer ausführlichen Besprechung nachgewiesen, daß Herrn Tugans Kritik als völlig verfehlt anzusehen ist. (1) Man hätte glauben können, dieser Nachweis der Unrichtigkeit seiner Schlußfolgerungen reichte zur Entscheidung der Frage aus. Trotzdem hat Herr Tugan diese Kritik zu entkräften und den Lesern der „Neuen Zeit“ einzureden versucht, es sei nur Schein, daß er dadurch widerlegt sei. (2) Mögen seine Resultate sehr sonderbar erscheinen und deshalb vom „gesunden Menschenverstand“ als unrichtig verworfen werden, sie seien trotzdem „wissenschaftliche Wahrheit“, denn sei seien von ihm durch seine „Schemata“ bewiesen worden, und in diesen sei kein „logischer Fehler“ zu entdecken. Daß sie dem gesunden Menschenverstand widersinnig erscheinen, liege nur an der Beschränktheit dieses Menschenverstandes, dem alles, was neu ist und von dem abweicht, was gewohnheitsmäßig angenommen wird, unrichtig dünkt. Diese eigentümliche Antikritik macht es nötig, auf Tugans Rechnungen noch einmal einzugehen und zu sehen, wie es mit seiner „wissenschaftlichen Wahrheit“ bestellt ist.

Es handelt sich hier um die Frage, wie sich die durchschnittlichen Preise auf Grundlage des Marxschen Wertgesetzes bilden. Der Wert einer in der kapitalistischen Produktion hergestellten Ware besteht außer dem Werte, der zuvor in den Rohstoffen und Maschinen steckte, und dem Werte der Arbeitskraft, die alle vom Kapitalisten ausgelegt werden müssen, noch dazu aus dem Werte, den die Arbeiter über den Wert ihrer eigenen Arbeitskraft hinaus bilden. Um diesen Teil wird die in der Gesellschaft vorhandene Wertmasse vergrößert; er bildet den Mehrwert, der dem Kapitalisten zufällt. Dieser Mehrwert wird im allgemeinen der in der Unternehmung beschäftigten Arbeiterzahl proportional sein. In einem Produktionszweig mit hochentwickelter Technik, wo das Kapital hauptsächlich auf teure Maschinen verwendet wird und verhältnismäßig wenig Arbeiter sind, wird also wenig Mehrarbeit gebildet; in einem anderen mit unentwickelter Technik, wo auf eine große Arbeiterzahl nur wenig Maschinerie kommt und das Kapital hauptsächlich auf Arbeitslohn verwendet wird, wird viel Mehrwert gebildet. Bei gleichen Kapitalaufwand wird durch die Verschiedenheit der organischen Zusammensetzung des Kapitals in der einen Branche viel, in der anderen wenig Mehrwert hervorgebracht. Würden die Waren alle zu ihrem Werte verkauft, so würde also die eine Kapitalistengruppe seht hohe, die andere sehr niedrige Profite machen. Da das Kapital frei in jedem Produktionszweig angelegt werden kann, wird es dorthin gehen, wo die höchsten Profite winken; dort entsteht durch das zuströmende Kapital eine Zunahme der Produktion, die die Preise erniedrigt und damit auch den Profit auf das normale Maß herabdrückt. So bewirkt die Konkurrenz der Kapitalien, daß eine solche Ungleichheit nicht bestehen bleiben kann. Die Kapitalisten, die zu viel Mehrwert machen, müssen so tief unter dem Werte, die anderen, die zu wenig machen, so hoch über dem Werte verkaufen, daß ihre Profite bei gleichem Kapital einander gleich werden. Der eine steckt also Mehrwert in seine Tasche, der nicht in seiner eigenen, sondern in einer anderen Branche erzeugt wurde; es ist genau so, als ob alle Kapitalisten den Mehrwert, den jeder seinen Arbeitern ausgepreßt hat, zusammentäten, um ihn dann untereinander im Verhältnis zu den eingebrachten Kapitalien zu verteilen. Der Arbeiter wird also nicht von seinem unmittelbaren Beschäftiger, sondern von der ganzen Kapitalistenklasse ausgebeutet.

Der durchschnittliche Preis, der Produktionspreis, wird also in der Weise gebildet, daß der Kapitalauslage ein bestimmter Durchschnittsprofit hinzugefügt wird.Wie hoch dieser Durchschnittprofit ist, hängt davon ab, wieviel Mehrwert im ganzen zu verteilen ist und wieviel Kapital im ganzen an dieser Verteilung teilnimmt. Die Summe aller Profite ist nicht mehr und nicht weniger als die ganze aus den Arbeitern gepreßte Mehrwertmasse, die durch den automatischen Konkurrenzprozeß über die einzelnen Produktionszweige nach Maßstab der angewandten Kapitalien verteilt wird.

Zur Erläuterung mag folgendes Schema dienen, wo der Einfachheit halber nur zwei Produktionszweige angenommen sind und der Mehrwert dem Arbeitslohn gleichgesetzt wird. Alle Zahlen sind hier willkürlich angenommen, und sie gelten für Zeiträume, in denen die Maschinen vollkommen abnutzen und deren Wert also ganz in das Produkt übergeht.

I300 Produktionsmittel+100 Lohn+100 Mehrwert=500 Wert des Produktes
II200 Produktionsmittel+200 Lohn+200 Mehrwert=600 Wert des Produktes

Werden die Waren zu ihrem Werte verkauft, so bringt das Kapital von 400 in I einen Profit von 100, in II einem Profit von 200. Die Konkurrenz der Kapitalien zwingt also, den Preis in I so viel höher, in II so viel niedriger zu stellen, daß beide einen Profit von 150, das heißt ⅜ des Kapitals machen. Die Produktionspreise werden also ausmachen:

in I400 Kapital+150 Profit=550 Produktionspreis
in II400 Kapital+150 Profit=550 Produktionspreis

Diese Theorie will Herr Tugan nun widerlegen. Versucht er etwa nachzuweisen, daß sie mit der Erfahrung in Widerspruch steht? Nein, er will bloß nachweisen, daß die an inneren Widersprüchen leidet, die er durch Rechnungsschemata ans Licht bringen will.

Bei der Bedeutung, die Herr Tugan seinen Schematas beimißt – wiederholt erklärt er, daß seine Behauptungen durch diese Schemata „bewiesen“ seien –, ist er angebracht, an seinem ersten Schema die Art und Weise zu beleuchten, in der Herr Tugan rechnet. Die Schemata in der Ökonomie – mit Recht preist Tugan ihre Bedeutung – entsprechen den Figuren in der Geometrie; an sich beweisen sie nichts, sondern sie veranschaulichen nur, und durch ihre Anschaulichkeit kann man an ihnen Sätze beweisen, die sonst Abstraktion und Algebra erfordern. Sie sind willkürlich angenommen, aber nicht ganz; sie müssen den Bedingungen der zu veranschaulichenden Begriffe genügen. Wer an einer Figur die Eigenschaften des Kreises demonstrieren will, muß dafür sorgen, daß seine Figur ein Kreis ist; wer durch Schemata etwas über die Marxsche Theorie beweisen will, muß dafür sorgen, daß sie deren Grundgedanken entsprechen. Herr Tugan jedoch beweist gleichsam an einem Viereck die Unrichtigkeit der Theoreme über den Kreis.

Er geht von den Produktionspreisen und Profiten aus, um aus ihnen Wert und Mehrwert zu berechnen. Sein erstes Schema nimmt drei Abteilungen der gesellschaftlichen Produktion an – I die der Produktionsmittel, II die der Konsumtionsmittel für die Arbeiter, III die der Konsumtionsmittel für die Kapitalisten. Für diese setzt er den Preis in Geld der dazu nötigen Produktionsmittel p an – die sich der Annahme nach in einer Umschlagsperiode ganz abnutzen –, den Arbeitslohn a und den Profit r. Diesen Profit nimmt er zu einem Viertel des angewandten Kapitals p + a an. Die in dieser Weise angenommenen Zahlen bedingen den ganzen wirtschaftlichen Zustand; Kapital, Mehrwert, Ausbeutung muß alles daraus zu berechnen sein.

I180p+60a+60r=300
II80p+80a+40r=200
III40p+60a+25r=125

Aus diesem Schema soll nun ein anderes konstruiert werden, das nicht die Preise, sondern die Werte darstellt. Tugan führt zugleich eine neue Einheit ein; während die Einheit des vorigen Schemas eine Geldsumme, eine Million Mark darstellt, sollen die Arbeitswerte in Zeit, in Tausenden von Arbeitsjahren ausgedrückt werden. Das sieht verdammt marxistisch aus; der Wert ist bei Marx ja ein Ausdruck der Arbeitszeit; aber Herr Tugan hat offenbar vergessen, daß nach Marx Geld das Maß der Werte ist. Er hätte also unbedenklich seine alte Einheit beibehalten können; aber dann hätte er nicht den Gallimathias mit der Mathematik treiben können, der jetzt den meisten Lesern entgeht, weil sie sich durch die größere Komplikation der Rechnung abschrecken lassen.

Herr Tugan nimmt an, daß die Zahlen in I das Produkt der Jahresarbeit von 150 000 Arbeitern darstellen. Nach dem Verhältnis der Lohnsummen 60, 80, 60 sind dan in II 150 000 Arbeiter beschäftigt. „Mit Hilfe der Produktionsmittel, deren Geldpreis 180 Millionen Mark beträgt, schaffen die 150 000 Arbeiter im Jahre eine Menge des Produktes für den Geldpreis von 300 Millionen Mark“, also schaffen die 150 000 Arbeitsjahre die Differenz von 120 Millionen Mark, oder 5 Y.A. (Tausend Arbeitsjahre) = 4 M.M. (Millionen Mark). Durch dieses Verhältnis der beiden Einheiten verwandelt Tugan die erste Zeile seines Schemas in folgende Form:

225p + 150 (a + r) = 375

Dies sind, sagt er, jetzt Arbeitswerte. In Wirklichkeit sind es dieselben Zahlen des ersten Schemas, die Preise, nur in einer anderen Einheit ausgedrückt.

Es wäre logisch gewesen, wenn er jetzt in derselben Weise mit den anderen Abteilungen verfahren wäre. In II schafften dann 200 T.A. aus Produktionsmittel im Preise von 80 M.M. Produkte, deren Preis 200 M.M. Ist; also 120 M.M. Entsprechen 200 T.A., und das Verhältnis der Einheiten ist wie 5 : 3, nicht mehr wie oben 5 : 4. Ähnlich hätte man in III das Verhältnis 30 : 17 gefunden. Dabei wäre also die Fehlerhaftigkeit des ganzen Verfahrens offen zutage getreten, denn nur ein einziges Verhältnis der Einheiten kann das richtige sein. Deshalb hat Tugan diesen Weg nicht eingeschlagen. Er behält vielmehr das Verhältnis 5 : 4 auch für die Produktionsmittel in II und III bei und setzt daneben den aus der Arbeitszahl folgenden Wertzuwachs. So entsteht das zweite Schema, das wir neben das erste stellen.

Schema I. GeldpreiseSchema II, Arbeitswerte
pa + rProduktpa + rProdukt
I180+120=300225+150=375
II80+120=200100+200=300
III40+86=12550+150=200

Die fettgedruckten Zahlen sind dieselben wie die des ersten Schemas, nur im Verhältnis von 5 : 4 vergrößert; die anderen Zahlen der zweite Spalte in der zweiten Tabelle sind so gebildet, daß all a + r dort der Arbeiterzahl a der ersten Tabelle proportional sind. Die Willkür dieses ganzen Verfahrens tritt am klarsten daran zutage, daß alle Zahlen ganz andere geworden wären, hätte Tugan seine Rechnung statt mit Abteilung I mit Abteilung II oder III begonnen.

Wo liegt der Fehler? In der Annahme, daß der von den 150 T.A. In I geschaffene neue Wert der Differenz der Preise des Produktes und der verbrauchten Produktionsmittel gleich ist. Die Preise der Produkte stehen über oder unter ihren Werten, je nachdem die organische Zusammensetzung des Kapitals über oder unter der durchschnittlichen des gesellschaftlichen Gesamtkapitals steht. Nur für die Gesamtproduktion gilt es, daß der Preis des Produktes den der Produktionsmittel, Rohstoff usw. (des konstanten Kapitals) um den von allen Arbeitern zusammen erzeugten Wert übertrifft. Was Herr Tugan für Abteilung I ausführt und was er mit demselben Recht – das heißt Unrecht – und ganz anderen Ergebnissen für Abteilung II oder III hätte machen können, ist nur richtig für die gesellschaftliche Gesamtproduktion. Er hätte also sagen müssen: 325 M.M. (der gesamte Preiszuwachs) = 500 T.A. (der Wertzuwachs), also das Verhältnis der Einheiten ist 20 : 13. Danach wären alle Zahlen der ersten Spalte umzurechnen.

Aber diese ganze Umrechnung auf die neue Einheit ist eine unnötige Schwerfälligkeit. Die Frage läßt sich, ohne irgend eine Arbeiterzahl einzuführen, viel einfacher behandeln. Der Preiszuwachs in den drei Abteilungen ist 120, 120, 85. Seine Summe ist auch die Summe der in den drei Abteilungen geschaffenen Werte, die sich wie die Arbeiterzahlen, also wie die a, wie 60 : 80 : 60 verhalten. Die Summe von 120 + 120 + 85 = 325 ist also in diesem Verhältnis zu verteilen; man bekommt dann 97,5 : 130 : 97,5. Der in Abteilung I neu geschaffene Wert ist demnach 97,5, ebenso hoch der in Abteilung III, in Abteilung II 130, und das „Schema der Werte“ wird zu:

I180+97,5=277,5
II80+130=210
III40+97,5=137,5

Dies Resultat hätte – wenn auch in anderer Einheit ausgedrückt – Herr Tugan bekommen müssen, wäre er richtig verfahren. Aber damit soll er nicht glauben, daß die Zahlen in diesem Schema nun alle Werte seien. Nun wenn man annimmt, daß die Zahlen der ersten Spalt schon Werte darstellen, wenn also für die Produktionsmittel, die in den Prozeß eingehen, Wert und Produktionspreis sich decken, bedeuten auch die Zahlen der Letzten Spalte den wirklichen Wert der Produkte. Nur in diesem Falle, der in Wirklichkeit nicht zutrifft, kann man solche schematisch Umrechnungen vornehmen, die das Verhältnis von Wert und Produktionspreis veranschaulichen sollen.

Folgen wir jetzt Herrn Tugan weiter auf seiner falschen Fährte. Der Wertzuwachs a + r im zweiten Schema soll jetzt in Wert der Arbeitskraft (Lohn) und Mehrwert verteilt werden. Die Daten zu dieser Verteilung liegen in der ursprünglich angenommenen Zahlen schon enthalten. Der Gesamtmehrwert ist die Summe aller r, also 125; der Gesamtlohn die Summe der a, also 200; die Rate des Mehrwerts ist also 125 : 200 = ⅝ oder 62,5 Prozent.

Herr Tugan dagegen glaubt, die Mehrwertrate sei noch willkürlich von ihm zu wählen, und er nimmt zu 200/300 = 66 Prozent an. In jeder Abteilung verteilt er den von ihm berechneten Wertzuwachs im Verhältnis von 2 : 3 und kommt auf diese Weise zu seinem „Schema der Arbeitswerte“:

I225p+90a+60r=375
II100p+120a+80r=300
III50p+90a+60r=200

Auf dieses aus Schnitzern und Willkür geborene phantastische Schema baut er nun seine Marxsche Wertlehre vernichtenden Schlüsse. „Die Profitrate, nach den Geldpreisen gerechnet, ist gleich 25%. Nach den Arbeitswerten aber erreicht sie 200 : 675 = beinahe 30 Prozent. Hätte er zufällig die Mehrwertrate zu 400/100 = 400 Prozent angenommen, so wären alle Zahlen r doppelt so groß geworden, und dann wäre die Profitrate „nach den Arbeitswerten“ 400 : 675 = beinahe 60 Prozent geworden. Man hat die Wahl, jedes beliebige Resultat herauszurechnen. Man wird jetzt die unbewußte Komik verstehen, die in Tugans Schlußfolgerung steckt: „Wir sehen also, daß die gesellschaftliche oder allgemeine Profitrate verschieden ausfällt, je nachdem sie nach den Geldpreisen der Waren oder nach ihren Arbeitswerten gerechnet wird.“

Die Tugansche Beweismethode läßt sich am besten an einem noch einfacheren Beispiel veranschaulichen. Man denke sich, Marx habe den Welthandel erläutern wollen und Zahlen für Einfuhr und Ausfuhr aller Länder angenommen, die selbstverständlich der Bedingung genügen, daß die Summe der gesamten Einfuhr und die Summe der gesamten Ausfuhr aller Länder einander gleich sind. Tagan nehme auch Zahlen für die Einführ an, die zum Beispiel 1000 betragen – was für ein Schema zulässig ist. Dann nimmt er Zahlen für die Ausfuhr an – die Zahlen eines Schema darf ich ja willkürlich wählen, sagt er – und setzt für deren Summe 800 an. Und dann schließt er: wir sehen also, daß Marx unrecht hatte mit seiner Annahme, daß die Einfuhr- und Ausfuhrsummen einander gleich seien; denn 800 ist von 1000 verschieden. In dieser Weise führt Herr Tugan durch ein Schema seinen Beweis.

Aber das allerschönste dabei ist, daß diese ganze fehlerhafte Beweisführung dazu dienen soll, einen Marxschen Satz zu widerlegen, der ganz kein Marxschen Satz is, von Marx nicht behauptet wurde, und auch nicht behauptet werden konnte, den Sätz nämlich, daß die Profitrate mit demselben Resultat aus den Produktionspreisen wie aus den Werten berechnet werden könne. Die gesellschaftliche Profitrate ist das Verhältnis der Gesamtmehrwerts zun gesamten angewandten Kapital; für die Elemente, die dieses Kapital bilden, ist, wie schon oben bemerkt, im allgemeinen Wert und Produktionspreis verschieden, und nur der Produktionspreis ist die sichtbare Wirklichkeit, die bei der Bestimmung der Profitrate maßgebend ist. (3)

Woher kommt nun der Irrtum Tugans, daß er glaubt, mit seinem vermeintlichen Nachweis, gesetzt er hätte ihn in der richtigen Weise gefüht, die Marxsche Theorie widerlegt zu haben? In seiner Erwiderung an Boudin schreibt er: „Die Vergleichung dieser beiden Schemata zeigt […] daß die Durchschnittsprofitraten in beiden Schematas verschieden sind. Nach der Marxschen Theorie mußten sie in beiden Schematas dieselben sein. Es wird also bewiesen, daß die Marxsche Profitheorie in dieser in dieser Richtung falsch ist, daß nämlich die Durchschnittsprofitrate, in Preisverhältnissen ausgedrückt (also die reale Profitrate, wie sie in der kapitalistischen Wirklichkeit erscheint), eine andere sein muß als die in Arbeitswerten ausgedrückte, nach der Marxschen Methode ausgerechnete. Das wird durch meine Schemata unbestreitbar bewiesen“ (S. 644). Er glaubt also, nach Marx solle die Profitrate nicht mittels der Preise, sondern mittels der dahinter versteckt liegenden Werte berechnet werden. Dies ist auch einer Änderung zu entnehmen, die er an einem Marxschen Zitat vornimmt (S. 170 seines Buches). Marx sagt, die Profitrate werde durch die organische Zusammensetzung der Kapitale bestimmt, und Tugan glaubt das als „(Wert)zusammensetzung“ ergänzen zu müssen.

Zu dieser Ansicht ist Tugan offenbar gekommen, weil Marx in der Tat die Profitrate, wo er sie in den ersten Kapiteln des dritten Bandes einführt, mittels des Wertes berechnet in derselben Weise, wie wir es in unserem ersten Beispiel machten. Sein Mißverständnis ist also derselben Natur, wie das alte Gerede, Marx behaupte, daß die Waren zu ihrem Werten verkauft werden. Sie verkennt in derselben Weise den ganzen Aufbau des Marxschen Wertes. Marx hat im ersten Bande den Wert und dem Produktionsprozeß im allgemeinen behandelt. Dann wird im dritten Bande entwickelt, wie sich auf dieser Grundlage der Produktionspreis bildet. In allen Beispielen stellen die Ausgangszahlen Werte dar, und die Resultate sind die aus dem Ausgleich der Mehrwerte zu Durchschnittsprofiten hervorgehenden Produktionspreise. Hier sind also die Zahlen, die als konstantes und variables Kapital und als Kostpreis in die Berechnung der Durchschnittsprofitrate eingehen, noch alle Werte, wie es bei einem stufenweise logischer Ausbau nicht anders möglich ist. Daß dies nicht der Realität entspricht, hat Marx klar genug hervorgehoben. Er sagt („Kapital“, III, S. 143):

„Es ist durch die jetzt gegebene Entwicklung allerdings eine Modifikation eingetreten bezüglich der Bestimmung des Kostpreises der Waren. Ursprünglich wurde angenommen, daß der Kostpreis einer Ware gleich sei dem Werte der in ihren Produktion konsumierten Waren. Das Produktionspreis einer Ware ist aber für den Käufer derselben ihr Kostpreis und kann somit als Kostpreis in die Preisbildung einer anderen Ware eingehen. Da der Produktionspreis abweichen kann vom Werte der Ware, so kann auch der Kostpreis einer Ware, worin dieser Produktionspreis anderer Ware eingeschlossen, über oder unter dem Teile ihres Gesamtwertes stehen, der durch den Wert der in sie eingehenden Produktionsmittel gebildet wird. Es ist nötig, sich an diese modifizierte Bedeutung des Kostpreises zu erinnern und sich daher zu erinnern, daß wenn in einer besonderen Produktionssphäre der Kostpreis der Ware dem Werte der in ihrer Produktion verbrauchten Produktionsmittel gleich gesetzt wird, stets ein Irrtum möglich ist. Fur unsere gegenwärtige Untersuchung ist nicht nötig, näher auf diesen Punkt einzugehen.“ (4)

Damit bricht die ganze verfehlte Beweisführung als eine zwecklose Spiegelfechterei zusammen.


2. Die steigende Profitrate

Nachdem im vorigen der Wert oder besser die Wertlosigkeit der Tuganschen Schemata beleuchtet worden ist, können wir uns bei seinen übrigen „Resultaten“ kurzer fassen. Der Mangel dieser Schemata ist überall ihre Kompliziertheit; Tugan hat es nicht verstanden, die verschiedenen wirkenden Faktoren zu trennen, sondern wirft sie zusammen und erschwert dadurch dem Leser den Einblick in deren Bedeutung. Unsere Aufgabe soll darin bestehen, durch Trennung dieser Faktoren die Sache auf ihre einfachste Form zurückzuführen; dann wird sich von selbst ergeben, so seine Fehler stecken.

Marx erklärt das sinken der Profitrate aus dem Steigen der Masse des Konstanten Kapitals. Die Profitrate ist das Verhältnis der Gesamtmehrwertes zum Gesamtkapital. Es folgt also aus den einfachsten Regeln der Mathematik, die jeder Schuljunge kennt: wenn bei gleichbleibender Mehrwertmasse –  daß sie durch das Steigen des Ausbeutungsgrades in Wirklichkeit wächst, führt Marx als Gegentendenz an – das konstante, also auch das Totalkapital zunimmt, muß die Profitrate sinken.

Wie kommt Tugan zu dem entgegengesetzten Resultat? Einfach dadurch, daß er das konstante Kapital abnehmen läßt; wenn das konstate Kapital abnimmt, muß die Profitrate selbstverständlich steigen. Aber weshalb nimmt das konstante Kapital ab, während die Masse der Maschinen, der Produktionsmittel doch zunimmt? Durch die Erhöhung der Produktivität der Arbeit sinkt der Wert pro Stück in so viel stärkerem Maße, daß der Gesamtwert abnimmt. Das ist des Pudels Kern, und wenn Tugan wirklich beweisen kann, die Entwicklung der Gesellschaft bringe eine so starke Vergrößerung der Arbeitsproduktivität, daß der Gesamtwert der steigenden Maschinenmasse immerfort sinkt, wird jeder ihm bei seiner Schlußfolgerung zustimmen müssen.

Tugan beweist dies nun,indem er es nach seiner bewährten Methode in seinem Schema annimmt. Er nimmt zuerst an, daß die Produktionsmittel von 400 zu 500 vermehrt werden, und dann verfolgt er: „Es wird unterstellt, daß die Einführung neuer Produktionsmittel die Arbeitsproduktivität um 25 Prozent erhöht.“ Wer nach diesen Annahmen richtig rechnet, wird in der Tat eine Steigerung der Profitrate finden, wenn auch infolge der Fehler, die Boudin schon nachgewiesen hat, eine andere, als Tugan findet. Man kann selbstverständlich durch geeignete Wahl der Zahlen nach Belieben ein Steigen oderein Fallen der Profitrate herausbekommen. Die Frage, wie es sich in der Praxis verhält, ist nicht durch Rechnungsschemata zu lösen.

Tugan zitiert einen Satz von Marx, in dem dieser sagt, daß die relative Abnahme des variablen Kapitals zum konstanten nur ein anderer Ausdruck für die Entwicklung der Arbeitsproduktivität ist. Damit glaubt Tugan sich berechtigt, in der ganzen Entwicklung nur diese Vergrößerung der Arbeitsproduktivität hervorzuheben, und kommt er zu der komischen Behauptung, Marx habe, weil er eine sinkende Profitrate fand, eine sinkende Arbeitsproduktivität angenommen. Nun braucht man jedoch kein – oder vielleicht darf man gerade kein – Professor der Nationalökonomie zu sein, um zu wissen, daß des Wachstum des konstanten Kapitals eine Sache ist, und die Vergrößerung der Arbeitsproduktivität eine andere. Sie hängen zwar eng zusammen; die kostspieligeren Maschinen werden ja gerade deshalb eingeführt, weil sie produktiver sind. Auf die Profitrate aber wirken sie jedoch entgegengesetzt, und die Frage ist: welcher dieser beiden Faktoren wirkt am stärksten?

Marx sagt: das Wachstum des konstanten Kapitals; der andere Einfluß wirkt nur als verlangsamende Gegentendenz, und das Resultat ist nicht nur eine Massen-, sondern auch eine Wertsteigerung der Produktionsmittel. Jeder weiß übrigens, daß trotz der größeren Produktivität der Arbeit doch der Dampfhammer noch immer mehr Geld kostet als früher der gewöhnliche Hammer. Und schließlich weiß Tugan es selbst auch ganz gut, denn in einem späteren Kapitel seines Buches sagt er: „Zwar wächst die absolute Zahl der Arbeiter, aber in viel stärkerem Grade nimmt die Masse und der Wert der durch die Arbeiter in Bewegung gesetzten und verarbeiteten Produktionsmittel zu“ (S. 228). Damit erkennt er selbst an, daß die Annahmen zu seinem Schema, womit er so überzeugend zu beweisen versteht, zu dem wirklichen Tatbestand im Widerspruch stehen und nur dazu dienen können, den Leser irrezuführen, wie sie selbst in seinem Resultat der steigenden Profitrate irreführten.


3. Der Zusammenbruch

Tugan schließt seine Kritik des Marxismus mit dem Ausspruch: „Die Menschheit […] muß die neue Gesellschaftsordnung zielbewußt erarbeiten – und erkämpfen.“

Marx war vollkommen derselben Ansicht.

Wo liegt dann ihr Unterschied? Tugan erwartet die Auflehnung der Menschheit gegen den Kapitalismus von ihrem wachsenden Gerechtigkeitsgefühl, das sich an dem Widerspruch des Kapitalismus mit der fundamentalen ethische (Kantschen) Norm stoße. Marx sieht in der Auflehnung der Arbeiterklasse gegen den Kapitalismus eine Wirkung der ökonomischen Widersprüche dieser Produktionsweise.

Bürgerliche Gelehrte, die wie Tugan von dem historischen Materialismus nichts verstehen, irren sich fortwährend in der Rolle, welche die ökonomischen Widersprüche und der sogenannte Zusammenbruch in dem Marxismus spielen. Sie sehen in unserer Theorie die Proklamierung einer mechanischen Wirkung materieller Faktoren, ohne daß die Menschen dabei tätig auftreten; wenn wir den Übergang zum Sozialismus als eine durch die ökonomischen Widersprüche bedingte Naturnotwendigkeit darstellen, verstehen sie das als eine ökonomische Unmöglichkeit des Fortbestehens des Kapitalismus. In Wirklichkeit wirken die ökonomischen Verhältnisse nur durch die Menschen. Die ökonomischen Widersprüche sind dem Kapitalismus deshalb verhängnisvoll, weil sie den Menschen, hier den darunter am meisten leidenden Arbeitern, eine revolutionäre Gesinnung beibringen.

Wenn also Tugan beweisen will, daß der Kapitalismus durch seine Entwicklung gar nicht zu ökonomischen Unmöglichkeiten führt, daß kein ökonomischer Zusammenbruch ihm ein Ende bereiten wird, so daß mit der von Marx gegebenen wissenschaftlichen Begründung des Sozialismus nichts zu tun. Der ökonomische „Zusammenbruch“ der uns angeht, ist das jedesmalige Zusammenbrechen der Wirtschaft in den Krisen. Die Krisen rütteln die Massen auf, lassen sie die Unerträglichkeit ihres ihres Loses schlimmer empfinden, verhindern eine stetige Verbesserung der Arbeitsbedingungen und sind dadurch die kräftigsten Faktoren zur Revolutionierung der Proletarier, zur Herbeiführung des Sozialismus.

Die Kritik des Genossen Boudin wies schon fortwährend auf die lebendigen Menschen hin, von deren Auffassungen das Fortbestehen oder das Ende des Kapitalismus abhänge; aber Herr Tugan hat das nicht tapiert und besteht auf der Richtigkeit seiner Rechnungen. Wir verlasse also das Gebiet des historischen Materialismus und bleiben bei den rein ökonomischen Fragen. Et klar, daß es sich dabei nun nicht mehr um die Frage handelt, ob der Kapitalismus in der Zukunft ökonomisch unmöglich wird, sondern um die Frage der Ursachen der wirklichen jeweiligen Zusammenbrüche, der Krisen. Die erste Frage ist an sich für den Sozialismus vollkommen gleichgültig und belanglos. Sie kann uns bloß interessieren als abstrakte Gestalt für die zweite Frage, aber als solche hat sie eine große Wichtigkeit. Die Beweisführung Tugans, daß der Kapitalismus ökonomisch nie zusammenzubrechen braucht, hat Bedeutung für uns als abstrakter Ausdruck seiner These, daß im Kapitalismus Produktion und Konsum nichts miteinander zu schaffen haben, also die wirklichen Zusammenbrüche, die Krisen, aus allerlei zufälligen Ereignissen, nur nicht notwendig aus der Natur des Kapitalismus entstehen. Der Konsum mag beschränkt sein, die Produktion wird dadurch nicht gehindert, sich schrankenlos zu erweitern, ohne durch eine Krise gestört zu werden.

Den Beweis führt Tugan abermals mittels einiger Schemata. Da er diese durch allerhand Komplikationen wieder seht unübersichtlich gestaltet hat, werden wir sie zur Erläuterung seines Gedankenganges auf die einfachste Gestalt zurückführen. Wir nehmen einen immer gleichbleibende Konsum an, teilen die Produktion in nur zwei Abteilungen, die der Produktionsmittel und die der Konsumtionsmittel, und trennen auch Mehrwert und Arbeitslohn nicht voneinander, daß die Verteilung zwischen Kapitalisten und Arbeitern uns hier nicht kümmert. Wir nehmen das Verhältnis des neu geschaffenen Wertes zum konstanten Kapital in der ersten Abteilung gleich 1 : 2 an, in der zweiten 1 : 1. In irgend einem Jahre sei das Schema also:

I600 konstantes Kapital+300 neuer Wert=900 Produkt
II100 konstantes Kapital+100 neuer Wert=200 Produkt

Der Wert der neu geschaffenen Konsummittel beträgt 200. Diese werden konsumiert. Von den 900 fabrizierten Produktionsmitteln dienen 100 zum Ersatz der in II verbrauchten, die übrigen dienen dazu, die Produktion in I auf größerer Stufenleiter weiter zu führen:

I800c+400 neuer Wert=1200
II100c+100 neuer Wert=200

Ähnlich geht es nun in jedem folgenden Jahre; II bleibt immer dasselbe; I wird

im 3. Jahre zu 1100c+550 neuer Wert=1650
im 4. Jahre zu 1550c+775 neuer Wert=2325
im 5. Jahre zu 1100c+550 neuer Wert=3338 usw.

Eine Grenze gibt es nicht für diese Zahlenreihen. Die Produktion kann sich also ins Ungemessene ausdehnen, ohne unmöglich zu werden – bis schließlich der Eisen- und Kohlenvorrat der Erde zu Ende geht –, während der Konsum sich gleich bleibt. Damit ist bewiesen worden, daß die Produktion im Kapitalismus von der Konsumtion unabhängig ist.

Dies ist der Inhalt der Tuganschen Beweisführung. Versuchen wir jetzt, was Tugan unterlassen hat, den Sinn dieser Zahlen zu ermitteln. Die Maschinen II dienen zur Herstellung von Konsummitteln, die Maschinen I dienen zur Herstellung der Maschinen II sowie zur eigenen Reproduktion. Wir nehmen an, daß dieselben Maschinen I zu beiden Zwecken dienen können. Bei den vorausgesetzten technische Bedingungen findet eine einfache Reproduktion unter folgenden Verhältnissen statt:

I200c+100=300, davon 200 Maschinen I und 100 Maschinen II
II100c+100=200 Maschinen

Direkt oder indirekt dient hier alles der Konsumtion. Wird nun in I mehr produziert, als diesen Zahlen entspricht, und ist eine Größere Anzahl Maschinen II nicht unterzubringen, so macht man einfach mehr Maschinen I; man richtet sich gleichsam auf einen größeren Konsum fürs nächste Jahr ein. Kommt das nächste Jahr und soll man jetzt mit diesem vergrößerten Maschinenpark I die größere Masse Maschine II machen, so steht man wieder, daß sie nicht unterzubringen sind; man macht also an ihrer Stelle eine noch größere Masse Maschine I, die zu einem noch größeren künftigen Konsum die Grundlage bilden; man schiebt also die Schwierigkeit weiter. So geht es fort; die Schwierigkeit wird also in der Weise weggehext, daß man sie immer wieder hinausschiebt, und dieser soliden Methode theoretisch keine Grenze zu stecken ist. Weil der Augenblick, wo sich die Abhängigkeit der Produktion von der Konsumtion praktisch bestätigen muß, immer weiter, theoretisch ohne Grenze, aufgeschoben werden kann, schließt Tugan, das sie nicht besteht.

Diese Methode läßt sich mit Erfolg auch auf andere Gebiete anwenden, wo sie gleichfalls imstande ist, althergebrachte Meinungen des „gesunden Menschenverstandes“ umzustoßen. Ein Hans Liederlich, der eine Schuld von 100 Mark zahlen muß, geht zu einem Geldverleiher, der ihm das Geld gegen einen Schuldschein zu 110 Mark gibt. Muß er nachher diese 110 Mark zahlen, so nimmt er bei einem zweiten eine Schuld von 120 Mark auf. So zahlt er jedesmal die vorige Schuld mit Zinsen durch eine neue Anleihe. Der gesunde Menschenverstand glaubt, diese Wirtschaft müsse zusammenbrechen, denn nur wo der Geldleiher selbst über eine Einkommensquelle verfügt, aus der er Zinsen zahlen kann – zum Beispiel die produktive Verwendung des geliehenen Kapitals –, hat der Kredit einen festen Boden. Unser nach Tugan konstruiertes Beispiel zeigt, daß der gesunde Menschenverstand sich darin irrt; die „wissenschaftlich Wahrheit“ lautet anders; der Kredit kann ganz gut in der Weise bestehen, daß jede vorige Schuld mit einer folgenden größeren Anleihe bezahlt wird; mathematisch ist für dieses Verfahren keine Grenze zu finden.

Dieses Beispiel zeigt uns, wo wir den Ursprung der Tuganschen Theorie zu suchen haben. Genosse Boudin hat schon ironisch seine Verwunderung darüber geäußert, weshalb bis jetzt kein Marxkritiker auf den Tuganschen Einwand verfallen war. Tugan selbst hebt hervor, daß bisher die Abhängigkeit der Produktion von der Konsumtion von Marxisten, Revisionisten und bürgerlichen Ökonomen einstimmige angenommen wurde, und daß es ihm vorbehalten blieb, diese Lehre umzustoßen. Die Erklärung liegt jetzt auf der Hand: neue theoretische Ansichten kommen erst, wenn die Erfahrung das praktische Beispiel vorzeichnet. Das praktische Beispiel ist in diesem Falle die russische Finanzpolitik; die Tugansche Theorie ist eine wesentlich russische Theorie, und sie konnte nur angesichts dieser erfolgreichen Pumpwirtschaft entstehen.

Der „gesunde Menschenverstand“ der bisherigen Ökonomen glaubte, es sei bei jeder Finanzwirtschaft nötig, daß ein Land über genügende Einkommensquellen verfügt, um die Zinken seiner Anleihen zahlen zu können. Daher haben sie schon längst, seitdem die Mißernten die Grundlage des die Grundlage des russischen Staatshaushaltes zu untergraben anfingen, den Zusammenbruch der russischen Finanzen prophezeit. Die russische Regierung hat demgegenüber in genialer Weise die „wissenschaftliche Wahrheit“ bewiesen, daß für Staatsschulden kein eigenes Staatseinkommen nötig ist; sie pumpt neue Anleihen und bezahlt damit die Zinsen der alten Schulden. Trotz unserer düsteren Prophezeiungen lebt man in Petersburg lustig weiter, und wenn man es mathematisch nach Tuganscher Methode nachrechnet, zeigt sich, daß dies flotte Leben unbeschränkt weitergeführt werden kann, ohne jemals zusammenbrechen zu müssen. Tugan hat sich also nicht nur um die bürgerliche Welt, sondern, ohne es zu bemerken, auch um die zarische Regierung verdient gemacht; er hat nicht nur den notwendigen Zusammenbruch des Kapitalismus, sondern auch den notwendigen Zusammenbruch der russischen Finanzwirtschaft wissenschaftlich, mathematisch widerlegt.

Allerdings nur auf dem Papier; und Papier ist geduldig. In der Wirklichkeit haben wir es mit lebendigen Menschen zu tun. Die Gläubiger werden sich für die schöne Rolle, die ihnen in der ewigen Pumpwirtschaft auf immer größerer Stufenleiter zugedacht wurde, höflichst bedanken. Die Kapitalistenklasse, die nach der Tuganschen Rechnung unbeschränkt produzieren könnte, ohne die Konsumtion zu beachten, besteht aus Einzelkapitalisten, die jeder für sich bei ihren Ankäufen den voraussichtlichen Absatz in Rechnung stellen. Wenn sie einen Überfluß von Maschinen haben und der Absatz von Maschinen für für Konsumtionsmittel stockt, so werden sie sich nicht damit behelfen, daß sie sich gegenseitig eine steigende Masse der Maschinen verkaufen, die mit den von einander gekauften Maschinen angefertigt sind, sondern sie werden aufhören, weitere Maschinen zu kaufen und anzufertigen. Die wirkliche Produktion von Maschinen ist auch nicht eine Überproduktion weit über den Bedarf hinaus, die sich auf einen phantastischen Zukunftbedarf stützt, sondern sie steht in engster Fühlung mit den bestehenden und zunächst zu erwartenden Bedarf. Die tatsächliche gewaltige Ausdehnung des Produktion von Maschinen verlangt eine wirkliche gewaltige Steigerung des Bedarfes; durch sie werden die anderen Weltteile alle neuen, vom Großbetrieb eroberten Produktionszweige mit Produktionsmitteln versehen.

Die Tugansche Theorie der kapitalistischen Entwicklung gehört den mathematischen Spielereien an, denen keine praktische Gültigkeit zukommt. Mit der Marxschen Lehre des Ausganges des Kapitalismus hat sie, selbst wenn sie richtig wäre, nichts zu tun. Als Marx-Kritik reiht sie sich also würdig den bisherigen Marx-Kritiken an.


Noten

1. Mathematische Formeln gegen Karl Marx. „Neue Zeit“, XXV, 1, S. 524.

2. Gesunder Menschenverstand und wissenschaftliche Wahrheit. „Neue Zeit“, XXVI, 1, S. 640.

3. Auf diesem Gedankengang beruht der zweite, von Tugan in seiner Erwiderung („Neue Zeit“, S. 644 bis 645) gegebene algebraische Beweis, der also mit dem schematischen Beweis in seinem Buche nichts zu tun hat.

4. M.E.W., Bd. 25, S. 174: „Es ist durch die jetzt gegebne Entwicklung allerdings eine Modifikation eingetreten bezüglich der Bestimmung des Kostpreises der Waren. Ursprünglich wurde angenommen, daß der Kostpreis einer Ware gleich sei dem Wert der in ihrer Produktion konsumierten Waren. Der Produktionspreis einer Ware ist aber für den Käufer derselben ihr Kostpreis und kann somit als Kostpreis in die Preisbildung einer andren Ware eingehn. Da der Produktionspreis abweichen kann vom Wert der Ware, so kann auch der Kostpreis einer Ware, worin dieser Produktionspreis andrer Ware eingeschlossen, über oder unter dem Teil ihres Gesamtwerts stehn, der durch den Wert der in sie eingehenden Produktionsmittel gebildet wird. Es ist nötig, sich an diese modifizierte Bedeutung des Kostpreises zu erinnern und sich daher zu erinnern, daß, wenn in einer besondren Produktionssphäre der Kostpreis der Ware dem Wert der in ihrer Produktion verbrauchten Produktionsmittel gleichgesetzt wird, stets ein Irrtum möglich ist. Für unsre gegenwärtige Untersuchung ist nicht nötig, näher auf diesen Punkt einzugehn.“ [Redaktion].


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Compiled by Vico, 6 June 2015


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