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Antonie Pannekoek Archives


Thema: Theorien über kapitalistischer Krisen und Imperialismus


Die Akkumulation des Kapitals : Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus / Anton Pannekoek, 1923 (1913)


Quelle: Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals : Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus / Anton Pannekoek. – In: Bremer Bürger-Zeitung, 29-30. Januar 1913, Feuilleton, Nr. 24-25 [Nicht aus der Zeitungskorrespondenz]; Abdruck in Proletarier, Nr.&bsp;3, 1923; Transkription nach:  Proletarier; vergleich Niederländisch, De Nieuwe Tijd, 1916


[Einleitung „Proletarier“]

Die Theorie, die Rosa Luxemburg in ihrer „Akkumulation des Kapitals“ niedergelegt hat, war zur Zeit ihrer Veröffentlichung dazu bestimmt, dem Kampfe gegen den Imperialismus einen festen theoretischen Boden zu geben. Praktisch sah sie die Notwendigkeit, daß das Proletariat den Kampf gegen den Imperialismus als Klassenkampf (d.h. als Klasse gegen die Klasse der Bourgeoisie) aufnahm, entgegen der gemäßigten Kautskyschen Auffassung, daß der Imperialismus als Extravaganz des Eisen- und Stahlkapitals durch die Arbeiter zusammen mit der übrigen Bourgeoisie zurück gedrängt werden sollte. Konnte sie beweisen, daß der Imperialismus für den Kapitalismus notwendig sei, also eine wirtschaftliche Notwendigkeit darstellte, so war damit dieser Kompromißpolitik der Boden entzogen. Sie fand nun bei der Betrachtung der Marxschen Beispiele für die Reproduktionsverhältnisse der gesellschaftliche Arbeit, daß bei der Akkumulation von Mehrwert zu Kapital die Produktion und die Konsumtion sich nicht deckte: es blieb ein Überschuß unverkäuflicher Ware einerseits, ein unbefriedigtes Bedürfnis anderseits übrig. Marx hatte das nicht bemerkt, weil er das Schema nicht weit genug durchgerechnet hatte und hatte geglaubt, daß sie zu einander stimmten. Jetzt zeigt sich aber, daß der Kapitalismus als in sich abgeschlossene Wirtschaft unmöglich bestehen könne. Um das Zuviel in der Produktion, wofür im Kapitalismus keine Käufer da seien, doch los zu werden, muß der Kapitalismus außerhalb seines Gebietes Käufer suchen und sich stets weiter ausbreiten. Daher ist diese Ausbreitungspolitik des Kapitals eine absolute innere Notwendigkeit des Kapitalismus als System. Damit war die Notwendigkeit des Imperialismus erwiesen, und war es aussichtlos, von der Vernunft der Bourgeoisie eine Rückkehr zum älteren heimzufriedenen Kapitalismus zu erwarten.
Pannekoek had damals nachgewiesen, daß hier einfach ein Fehler Rosa’s vorlag; bei gehöriger Aufstellung der Reproduktionsschemata sieht man, daß Produktion und Konsumtion sich immer decken können, wenn nur die relative Umfang der verschiedenen Produktionssphären sich allmählich dem sich ändernden Warenbedürfnis entsprechend verschiebt. Selbstverständlich entspricht die wirkliche Produktion nie genau dem vereinfachten Schema; die stellt einen Durchschnitt dar, dem sich die Praxis mehr oder weniger anpassen muß und sich anzupassen sucht; auch die Verschiebung des relativen Umfangs der Produktionssphären findet nicht nach dem präzisen Rechnungsbeispiel statt, da jeder Produzent unbewußt von dessen Existenz handelt; sondern in Durchschnitt der chaotischen Masse der Neugründungen, der Produktionserweiterungen und Einschränkungen, der Konkurze und Stillegungen und zuletzt gewaltsam in den Krisen, die die Proportionalität durch Zerstörung wieder herzustellen suchen. Der Einwand, daß in Rechnungsbeispielen alles schön aneinander zu passen is, daß aber die Praxis damit spottet, hat also nichts zu besagen. Das Nichtstimmen mußte Rosa Luxemburg ja auch an Vereinfachten Rechenschemas zu beweisen suchen.
Rosa Luxemburg hat, wie man weiß, eine Antwort geschrieben auf die Kritik aller ihrer Gegner. Merkwürdigerweise aber nicht auf diejenigen Pannekoeks, der sie völig widerlegt hatte. Über ihn schreibt sie nur in einer kurzen Note, daß seine Kritik nur bei den von ihm selbst gewälten Beispiele und Zahlen stimme. Der aufmerksame Leser wird aber sehen, daß dies dasselbe bedeutet, wie wenn man zu einem, der bewiesen hätte, daß die drei Ecken eines Dreiecks gleich zwei Rechten sind, sagen würde, daß dies nur für das von ihm gewählte Dreiech stimmt.
Für den praktiscdhen Kampf, in dem Pannekoek mit Rosa Luxemburg an derselbe Seite gegen Kautsky und die Mehrheit der s.p.d. stand, war diese theoretische Differenz nicht von großer Bedeutung. Denn ihr Schluß: die Notwendigkeit des Imperialismus als Politik des gesamten Kapitalismus, war vollkommen richtig, hatte bloß eine ganz andere wirtschaftliche Grundlage als sie gläubte.
In den letzten Jahren wird nun aber die Theorie Rosa Luxemburgs von der dritten Internationale, der k.p.d. und der „Roten Fahne“ wieder hervorgeholt für neue praktische Zwecke. Nicht um die Notwendigkeit des Imperialismus, sondern um die Unmöglichkeit des Kapitalismus zu beweisen, muß sie jetzt herhalten. In der Tat, wenn der Kapitalismus auf sichselbst angewiesen, unmöglich bestehen kann, einerseits mit unverkäuflichen Produkten sitzen bleibt, anderseits zu wenig Konsumtionsmittel bekommt – wenn das zu seinem inneren Wesen gehört, denn muß er zusammenbrechen. Und damit kann dann diese Lehre als Theorie zu der Politik der dritten Internationale dienen, die die Proletarier immerfort hinweist auf den bevorstehenden Zusammenbruch des Kapitalismus, ohne dem Proletariat zugleich die Mittel und Wege zu zeigen, wie es sich die gewaltige, unbesiegbare Macht aufbauen kann, die zum Niederwerfen des Kapitalismus nötig ist. Es ist ein Wiederaufleben des ökonomischen Fatalismus der Richtung Kautsky in neuer Form. Sie legt das Schwergewicht auf die Unvermeidlichkeit des Zusammenbruchs, sagt ihn vorher, will damit den Mut der Anhänger beleben, und leitet damit das Proletariat immer tiefer in die Untätigkeit und die Machtlosigkeit – bloß Parlamentsvertreter, Gewerkschaftbeamte wählen, Beiträge zahlen, Zeitungen lesen, den Führern Gefolgschaft leisten, Bündnisse schließen mit Nichtkommunisten usw., ist in den jetztigen Verhältnissen alles Untätigkeit des Proletariats. Dem gegenüber is es jetzt mehr als theoretisches Spintisieren, wenn man auf die Unrichtigkeit der ökonomischen Schlußfolgerung Rosa Luxemburgs hinweist. Das Proletariat würde sich einer furchtbaren Selbsttäuschung hingeben, wenn es sich darauf verlassen sollte, der Kapitalismus sei unmöglich geworden und müße notwendig zusammenbrechen, wenn die Arbeiter nicht mit wirklich revolutionären Maßnahmen eingreifen. Wird das Proletariat sich diesem Glauben hingeben und darob versäumen sich selbst die Macht aufzubauen, d.h. k.a.p., Betriebsorganisationen und Unionen zu gründen und damit den Kampf aufzunehmen, um ihn zu überwinden, so wird es erleben, daß, daß der „unmögliche“ Kapitalismus sich allmählich wieder erhebt und unter den schwersten Opfern die Proletariats sich wieder aufbaut. Er würde dann die Proletarier zu Leibeigenen, zu Sklaven machen, einigen wenigen riesenhaft Konzerns von großen Kapitalisten unterworfen, und das wäre dann wirklich der Untergang in die Barbarei. Solche schwere Krisen, wie jetzt durch den Krieg, werden nur dann und dadurch Todeskrise, wenn das Proletariat zum Kampfe angestachelt wird und daraus lernt, wie, mit welchen Organisationen der Kapitalismus zu besiegen ist. Nur die revolutionäre Tat des Proletariats kann den Kapitalismus vernichten. Die ökonomischen Grundlagen des Kapitalismus, richtig theoretisch erfaßt, bewirken immerwährende Störungen, Mangel and Gleichgewicht, Expansion, Streit und Widerspruch, die das Proletariat immerfort aufrütteln und zum revolutionären Handeln treiben. Jetzt ist zwar die Störung eine solche, daß keine Rettung möglich scheint. Wird das Proletariat aber an seinem revolutionären Handeln durch überlieferte Losungen, Ideologien, falsche Theorien, wie die der Genossin Rosa Luxemburg, Glaubensseligkeit, Gedankenlosigkeit behindert, so bleibt der Kapitalismus eben so lange Herrscher, bis es diese alle abgestreift hat.
Die Theorie der dritten Internationale und der k.p.d. insbesonders, ist gleich morsch wie ihre Praxis und beiden führen das Proletariat dem Untergang entgegen.
Es ist darum, daß wir die Ausführungen des Genossen Pannekoek, die er damals gegen Rosa Luxemburg in der Bremer Bürgerzeitung schrieb, noch einmal veröffentlichen. Denn die k.a.p. und k.a.i. müssen, wie auf den richtigen praktischen Organisationen, so auch aufrichtigen praktischen Organisationen, so auch auf richtigen theoretischen Grundsätzen stehen.


I. Das Problem

In dem Vorwort zu ihrem umfangreichen, 446 Seiten starken Werk teilt die Verfasserin mit, wie sie zu dieser Arbeit gekommen ist. Mit der Abfassung einer populären Einführung in die Nationalökonomie beschäftigt, stieß sie auf Schwierigkeiten bei der Darstellung des kapitalistischen Reproduktionsprozess. Als sie tiefer in diese Frage eindrang, kam sie zu der Überzeugung, daß Marx’ Darstellung im Band II des „Kapital“ nicht einfach der Form nach unvollständig geblieben ist, sondern daß hier auch materiell eine Lücke vorliegt, ein Problem, das Marx nicht mehr gelöst hat. Die Lösung dieses Problems soll nun das vorliegende Werk liefern; indem damit die ökonomische Theorie von Marx wesentlich ergänzt wird, wird zugleich eine theoretische Grundlage gewonnen für die modernen Erscheinungsformen des Kapitalismus, die wir unter dem Namen Imperialismus zusammenfassen.

Legen wir zunächst das Problem dar. Bekanntlich zerfällt für jeden Kapitalisten der Wert seines Produkts in drei Teile:
1. Ersatz der verbrauchten Produktionsmittel und Rohstoffe, deren Wert auf das Produkt übertragen worden ist;
2. Ersatz der bezahlten Arbeitslohnes der in einem Teil des neuen, durch die Arbeit der Arbeiter geschaffenen Wertes besteht;
3. Mehrwert, der von dem Rest dieses neuen Wertes gebildet wird.
Hat er das Produkt verkauft, so kann er aus dem Ertrag die verbrauchten Produktionsmittel ersetzen, er hat wieder Geld für neuen Arbeitslohn und Geld für seinen persönlichen Konsum (eventuell für Akkumulation). Er kann also aufs neue produzieren; sein Kapital ist reproduziert, und die Produktion wird zu einem immer sich wiederholenden Kreislauf. Damit nun jeder Kapitalist die dazu nötigen Elemente auf dem Markt vorfindet, muß das Ganze der gesellschaftlichen Produktion bestimmten Bedingungen genügen; es muß gerade so viel von jeder Ware (Lebensmittel, Rohstoffe, Maschinen, Luxusmittel) produziert werden, als für die Erneuerung aller Elemente der Produktion nötig ist. Beachten wir nur die zwei großen Abteilungen der Produktionsmittel und Konsumtionsmittel, so ist von der ersten Sorte Waren gerade so viel nötig, wie der erste der oben erwähnten drei Teile betragt, von der zweite so viel, wie der Arbeitslohn und der Mehrwert zusammen betragen. Ein Beispiel dafür liefert das Marxsche Schema der einfachen Reproduktion:

Die Produktion von Produktionsmitteln beträgt:
I. 4 000 c + 1 000 v + 1 000 m = 6 000 Produkt.

Die Produktion von Konsumtionsmitteln beträgt:
II. 2 000 + 500 v + 500 m = 3 000 Produkt.

Angenommen is in diesem Beispiel, daß das verbrauchte konstante Kapital viermal so groß ist wie das variable Kapital (das ist durch den Stand der Technik gegeben), und daß die Ausbeutungsrate 100 pCt. ist, also Mehrwert gleich variablem Kapital (was auch durch die tatsächlichen Verhältnisse bestimmt is). In diesem Falle muß das obige Verhältnis zwischen den beiden Produktionssphären bestehen; für die Erneuerung des konstanten Kapitals ist nötig 4 000 in I, 2 000 in II, wozu die 6 000 Produkt von I ausreichen; Lebensmittel müssen vorrätig sein für 1 000 v plus 1 000 m in I, 500 v plus 500 m in II, wozu das Produkt 3 000 inII gerade stimmt. Durch gegenseitigen Austausch zwischen den Kapitalisten, wozu das Geld als Zirkulationsmittel dient, werden alle Waren von den Produzenten in die Hände derjenigen gebracht, die sie brauchen. Ist dieses Verhältnis innegehalten, so werden alle Produzenten ihre Waren los und jeder findet, was er braucht, auf dem Markt. Inmitten aller Schwankungen der realen kopflosen Produktion muß sich dieses Verhältnis also schließlich immer wieder durchsetzen.

Nun verzehren aber die Kapitalisten ihren Mehrwert nicht; einen Teil akkumulieren sie, d.h. sie verwandeln ihn in Kapital, kaufen also dafür die beiden Produktionselemente, konstantes Kapital und Arbeitskraft. Dan stimmt das eben gegebene Schema nicht mehr. Marx hat dafür auch einzelne Beispiele gegeben, die den Mangel zeigen, daß sie zu den tatsächlichen Bedingungen nicht gut passen: an sie knüpft die Kritik der Genossin Luxemburg an. Marx nimmt an, daß die Kapitalisten I die Hälfte ihres Mehrwertes akkumulieren; aus den angenommenen Zahlen für I und II läßt sich dann berechnen, wieviel ihres Mehrwertes die Kapitalisten  II akkumulieren und wieviel sie verzehren müssen. In der Darstellung tritt das in der Form hervor, daß die Kapitalisten I selbstherrlich bestimmen, und die Kapitalisten II sich dem zu fügen haben; in Wirklichkeit können sie beide verfügen, indem das Verhältnis der beiden Produktionsgebiete sich dem anzupassen hat. Nimmt man das erste Beispiel von Marx (Bd. II, S. 487), worin er für I ein Verhältnis c : v = 4, für II ein verhältnis c : v = 2 annimmt, so sieht dies vom zweiten Jahre an so aus :

I4 400 c+1 100 v+1 100 m=6 600
II1 600 c+800 v+800 m=3 200

Er nimmt an, daß die Kapitalisten I die Hälfte ihres Mehrwertes, die Kapitalisten II 0,3 ihres Mehrwertes akkumulieren und zum Kapital schlagen; also die m zerfallen in

1100=550 verzehrt+550 akkumuliert (= 440 c + 110 v)
800=560 verzehrt+240 akkumuliert (= 160 c + 80 v)

Also ist 4 400 plus 1 600 für den Ersatz, 440 plus 160 für neue Produktionsmittel nötig, zusammen gerade 6 600, das Produkt von I; an Lebensmitteln ist für die Kapitalisten und die alten Arbeiter 1 100 plus 550 plus 800 plus 560 nötig, für die neueinzustellenden 110 plus 80, zusammen 3 200, gerade das Produkt von II. Jeder schlägt seine Produkte los und jedermann findet für die erweiterte Produktion die Elemente auf dem Markte vor. Der Zuwachs von v und c ist in beiden Gebieten 10 pCt, die Kapitalien sind um 10 pCt. gewachsen, und im nächsten Jahre findet die Produktion auf einer um 10 pCt. erweiterten Stufenleiter statt;

II1 760 c+880 v+880 m=3 520
I4 840 c+1 210 v+1 210 m=7 260

Hier gilt wieder dasselbe, so daß in dieser Weise die Akkumulation stets weitergehen kann. Genossin Luxemburg hat die Gesetzmäßigkeit der von Marx in diesem Beispiel angenommen Zahlen nicht erkannt (die Zahlen, die sie Seite 95 gibt, sind teilweise fehlerhaft) und glaubt deshalb, daß Marx die Akkumulation in II durch die Akkumulation in I diktieren läßt.

Diese Kritik bietet jedoch nur den Anlauf zu der eigentlichen Frage. Denn mögen diese Bedingungen eines gut klappenden Schema auch erfüllt sein, mag der Wille zu Akkumulation vorhanden sein, das genügt nicht.

Nicht von dem Konsum der Kapitalisten, wozu nur der andere Teil des Mehrwertes dient; Akkumulation bedeutet ja Nichtkonsumtion des Mehrwerts. Für wen produziert der akkumulierte Teil des Mehrwertes? Abteilung I fabriziert mehr Produktionsmittel. Wer braucht diese vermehrten Produktionsmittel? Das Schema antwortet: die Abteilung II braucht sie, um mehr Lebensmittel herstellen zu können.

Der natürliche Zuwachs der Bevölkerung kann auch die gesuchte Nachfrage nicht bieten, weil nicht ein von der Produktion unabhängiges Bedürfnis, sondern das variable Kapital die Quelle der Nachfrage der Volksmasse bildet. Auch die anderen Bevölkerungsschichten können nicht helfen, denn ihr Einkommen leitet sich entweder aus m, oder aus v ab, als Mitverzehrer des Mehrwertes oder Parasiten des Proletariats. Bleibt als Ausweg der auswärtige Handel; aber dieser verschiebt nur die Schwierigkeit von einem Lande in ein anderes.

Marx hat die Schwierigkeit zwar zu lösen versucht, aber nicht wirklich gelöst. Er behandelt in den letzten (21.) Kapitel des II. Bandes das Problem von allen Seiten, stößt dabei aber immer auf die Frage, woher das Geld kommt, das zur Zirkulation der wachsenden Produktenmasse nötig ist, und diese Frage stellt er auch genügend klar. Aber dabei läßt er das eigentliche Problem aus der Auge. Wer kauft die Ware, in denen der kapitalisierte Mehrwert steckt? De Kapitalisten selbst nicht; mögen sie auch Geld genug in der Tasche haben; durch die Akkumulation sind sie „Nichtabnehmer ihren Mehrwerts“ geworden. Wo finden sich also die Abnehmer, ohne die der Mehrwert nicht realisiert werden kann? Daß Marx diese Frage nicht behandelt hat, kann aber nicht wundernehmen, wenn man bedenkt, daß Band II des Kapitals aus mehreren unvollständigen Manuskripten zusammengestellt werden mußte, von denen viele nur erste Versuche und Bearbeitungen darstellten, und daher kein abgeschlossenes Ganzes bilden. Hier, in diesem Kapitel, liegen offenbar nur erste Arbeiten zur Selbstverständigung vor, unvollendet und fragmentarisch; daher muß hier gerade durch Weiterbauen seiner Schüler die Theorie ergänzt und vervollständigt werden.

II. Kritik

So stellt die Verfasserin das Problem dar, das sie weiterhin lösen will. Hier muß zu allererst die Frage gestellt werden: liegt hier ein wirkliches Problem vor? Die Frage, die hier gestellt wird, ist diese: Wo sind die Abnehmer der Produkte in einem einfachen abstrakten Fall kapitalistischer Produktion mit Akkumulation, wie es durch das Schema dargestellt wird? Die antwort gibt das Schema selbst in der einfachsten Weise, denn alle Produkte finden dort Absatz. Die abnehmer sind die Kapitalisten und Arbeiter selbst. Die Kapitalisten brauchen 6 000 Produktionsmittel zum Ersatz dessen, was verbraucht ist, und sie brauchen noch 600 Produktionsmittel, um das neuangelegte Kapital zur Erweiterung der Produktion dienen zu lassen. Neben dem Betrag an Lebensmitteln des voriges Jahres (1 900 + 1 360) ist für die neuangeworbene Arbeitermasse 190 an Lebensmitteln nötig, so daß damit gerade die ganze Lebensmittelproduktion aufgezehrt wird. Wenn diese Kapitalisten und Arbeiter, wie das Schema zeigt, alle Produkte kaufen, dann gibt es gar keine Produkte mehr, für die irgendwo Nachfrage zu suchen wäre. Es liegt also gar kein Problem vor, das zu lösen wäre.

Wenn die Verfasserin fragt: wer braucht die vermehrten Produktionsmittel, wer die vermehrten Lebensmittel? – so soll die Frage sein: wer kauft sie, wer nimmt sie ab? Und die Antwort is schon gegeben. Was sie eine Absurdität von kapitalistischen Standpunkt nennt – immer mehr Konsummittel herzustellen, um mehr Arbeiter zu ernähren, die immer mehr Produktionsmittel herstellen sollen, welche der Produktion dieser Konsummittel dienen – weil es eine zwecklose Kreisbewegung wäre, erscheint nur so, weil das treibende Moment hier ausgeschaltet ist. Immer mehr produzieren hat zum Zweck, immer mehr Mehrwert erzeugen und akkumulieren, aber diese angesammelten Kapitalmassen erfüllen ihren Zweck nur, neuen Mehrwert zu schaffen, indem sie immer wieder in den Strudel der Produktion hineingeworfen werden. Die Selbstverwertung des Kapitals in der Schaffung von Profit, die Verwandlung von Profit in neues Kapital, das ist das treibende Moment, das dem scheinbar Zwecklosen, immer erweiterten Kreislauf der Produktion, dieser angeblichen Absurdität, Sinn und Ziel gibt. In dieser „Absurdität“ tritt die innere Natur des Kapitalismus hervor, nicht zum Zwecke der Produktion da zu sein, sondern die Produktion als Mittel in den Dienst der Mehrwert- und Kapitalbildung als des höchsten Zweckes zu stellen.

Eine Schwierigkeit besteht allerdings: diejenige, mit der sich auch Marx beschäftigte, und die sich auf die Rolle des Geldes bezieht. Man könnte sie dahin formulieren, daß die Kapitalisten I und II, wenn sie beide die Elemente des Kapitals in der früheren Ausdehnung ersetzt haben, beide mit dem Produkt sitzen bleiben, worin der Mehrwert steckt, weil sie es einander verkaufen müssen, aber jeder erst kaufen (d.h. den realisierten Mehrwerts als Kapital verausgaben) kann, nachdem er den Mehrwert realisiert, d.h. verkauft hat, also beide auf einander warten, ohne weiter zu kommen. Diese Schwierigkeit is aber in der Tat, wie Marx sagt, eine scheinbare und löst sich praktisch durch die Rolle des Geldes als schatz und als Zirkulationsmittel; wir brauchen hier nicht darauf einzugehen, da sie bei den Ausführungen der Genossin Luxemburg keine Rolle spielt.

Wir kommen also, im völligen Gegensatz zu ihr, zu dem Schluß, daß hier kein Problem vorliegt, das Marx entgangen wäre und für das jetzt eine Lösung zu suchen wäre. Aber kommt usere Anschauung vieleicht daher, daß das Schema nicht zu der Wirklichkeit der Kapitalismus paßt? Das wäre dann ein zweiter Grund, von dem ersten, aus dem Schema abgeleiteten, verschieden; alber auch darauf scheint die Genossin Luxemburg ihre These gründen zu wollen, denn höhnisch redet sie dann und wann darüber, daß auf dem Papier alles schön miteinander in Übereinstimmung zu bringen ist, wenn man nur die Zahlen gehörig zurechtdrechselt, aber in der Wirklichkeit…! Eine solche Berufung auf die Wirklichkeit ist hier jedoch nicht am Platze; es handelt sich immr darum, in einfachen abstrakten Beispielen die verschiedenen Grundbedingungen, die man erkannt hat, derart wirken zu lassen, daß man ihre Konzequenzen, frei von allem anderen, erkennen kann; indem man immer mehr solche Bedingungen heranzieht, kan das Bild der Wirklichkeit immer ähnlicher gemacht werden. Nur in dieser Weise lassen sich die verschiedenen Kräfte und Erscheinungen in ihren Wirkungen trennen. Es fragt sich also bei jedem Beispiel, ob das wesentliche, worauf es ankommt, darin enthalten ist. Was das bisher gegebene Beispiel zeigt, ist Folgendes: nehmen wir für c : v, für m : v, und für die Verteilung des Mehrwerts in Konsumtions- und Akkumulationsfonds bestimmte Zahlen an, so wie sie der Wirklichkeit entsprechen mögen, so läßt sich ein Verhältnis zwischen dem Umfang der Produktion in I und in II finden, wobei Produktion und Nachfrage sich gegenseitig decken und die Produktion sich ständig zu einem größeren Umfang erweitert. Auf die Frage, für wen produzieren die Kapitalisten, wo sind die Abnehmer? is die Antwort: die Kapitalisten und Arbeiter sind selbst die Abnehmer.

Aber gehen wir auf die zweite Frage ein. Das Schema ist zweifellos nur eine allerabstrakteste und äußerst vereinfachte Darstellung der Produktion.

„Prüft man das Schema der erweiterten Reproduktion gerade vom Standpunkte der Marxschen Theorie, so muß man finden, daß es sich mit ihr in mehreren Hinsichten im Widerspruch befindet. Vor allem berücksichtigt das Schema die fortschreitende Produktivität der Arbeit gar nicht“ (S. 305).

In wirklichkeit wächst ja durch den technischen Fortschritt das Verhältnis c zu v allmählich, während auch das Verhältnis von m zu v allmählich steigt. Zieht man dies in Betracht, so sagt die Genossin Luxemburg,

„dan tritt ein Mißverhältnis zwischen der sachlichen Zusammensetzung des gesellschaftlichen Produkts und der Wertzusammensetzung des Kapitals in die Erscheinung“ (S. 307).

Sie gibt dann als Beispiel ein Schema, wo in der Tat die Qualitäten nicht zusammenpassen, sondern ein wachsendes Defizit an Produktionsmitteln, ein Zuviel an Konsumtionsmitteln ergeben. Aber was beweist das? Beispiele, wo est nicht klappt, sind ohne Mühe aufzustellen; auch das allererste Reproduktionsschema von Marx würde mit anderen Zahlen niet klappen, aber das beweist nicht, daß die einfache Reproduktion nicht möglich ist, sondern es beweist, daß das Beispiel nicht richtig ist. Die Verfasserin hat hier, soll sie Recht haben, zu beweisen, daß est nicht klappen kann, daß est als unmöglich ist, ein Schema aufzustellen, wo alles zusammenpaßt. Ihr Zahlenbeispiel auf S. 307 us daher völlig wertlos. Es beweist nichts, und es kann auch nichts beweisen, weil die Behauptung selbst unrichtig ist. Es ist sehr gut möglich, eine Verteilung der Produktion aufzustellen, wobei c : v allmählich wächst und wo alles zusammenpaßt.

Wir nehmen an, um die Rechnungen nicht unnötig zu komplizieren, daß in beiden Abteilungen dasselbe c :  gilt, nämlich anfangs 4 : 1. Weiter soll der kapitalisierte halbe Mehrwert, also der Kapitalzuwachs, im Verhältnis 9 : 1 zwischen konstantem und variablem Kapital verteilt werden. Die Rechnung ergibt, daß dann das Verhältnis der beiden Produktionssphären 89 : 31 sein muß, seien also die Kapitalien 8 900 und 3 100:

I7 120 c+1 780 v+890 m1+890 m2=10 680 Produktionsmittel
II2 480 c+620 v+310 m1+310 m2=3 720 Konsumtionsmittel
Zusammen:9 600 c+2 400 v+1 200 m1+(1 080 c + 120 v)=14 400.

An Produktionsmitteln sind 960 plus 1 080 = 10 680 nötig, an Konsumtionsmitteln 2 400 plus 1 200 plus 120 = 3 720, wie sie auch vorhanden sind. Jetzt ist das konstante Kapital im Verhältnis 80 zu 89 gewachsen, das variable von 20 auf 21; das Verhältnis c : v ist von 4 auf 89 : 21 gestiegen, und wir nehmen an, daß das für beide Gebiete gilt. In dem zweiten Jahre muß also das Verhältnis der beiden Produktionssphären ein anderes sein; das neue Kapital 1 200 müß daher in einem anderen Verhältnis über I und II verteilt werden. Es ist ja auch klar, daß der relative Anteil von I in der Gesamtproduktion immer steigen muß, daß also Kapital immer von II, wo es produziert wurde, auf I übertragen wird; es ist den Kapitalisten ja gleichgültig, wo sie ihre Kapitalien anlegen. Wird wieder der Mehrwert zur Hälfte akkumuliert und in derselben Weise verteilt, so ergibt sich, daß die Kapitalien I und II 9 920 und 3 280 sein müssen, so daß von dem neuen Kapital = 1 200 1 020 in I und 180 in&nbsolI*I angelegt werden muß; dann wird für das zweite Jahr das Schema

I8 026 c+1 894 v+947 m1+947 m2=11 814 Produktionsmitteln
II2 654 c+626 v+313 m1+313 m2=3 906 Konsumtionsmitteln
Zusammen:10 680 c+2 540 v+1 260 m1+(1 134 c + 126 v)=15 720

An Produktionsmitteln ist nötig 10 680 plus 1 134 = 11 814, an Konsumtionsmitteln 2 520 plus 1 260 = 2 906, wie auch tatsächlich vorhanden ist. In dieser Weise kann die Produktion weiter gehen; war im ersten Jahre c : v = 80 :20, so ist es
im 2. Jahre = 89 : 21
im 3. Jahre = 98,45 : 22,05
im 4. Jahre = 108,37 : 23,15 usw.

Hier zeigt sich also die Möglichkeit, daß neben der Akkumulation eine Zunahme der organischen Zusammensetzung der Kapitals auftritt, ohne daß ein Widerspruch in der Gestalt von Defizit oder Surplus an Produkten auftritt. Wenn also Genossin Luxemburg zu dem von ihr gefundenen Widerspruch sagt:

„Diese Resultate sind kein Zufall“ (S. 309),

so muß darauf erwidert werde: diese Resultate sind nur Ausfluß unrichtiger Rechnungsbeispiele end daher wertlos. In ähnlicher Weise wie oben ließe sich auch eine allmähliche Änderung der Ausbeutungsrate berücksichtigen.

Noch andere Umstände führt die Verfasserin nun an, wodurch die Schemata nicht zu der Wirklichkeit passen; aber sie sind ebenso unwesentlich wie der vorige. So, daß nach dem Schema den Kapitalisten durch die Produktion des vorigen Jahres vorgeschrieben sein soll, wie sie die Produktion im nächsten Jahre technisch zu gestalten haben –, wobei sie übersieht, daß die Warenvorräte die Auswahl in gewissen Grenzen freilassen. So, daß die Rolle der Geldschätze nicht berücksichtigt ist – was für diese Fragen keine prinzipielle Bedeutung hat. Und dann stimmt das Schema nicht zu Marx’ Darlegung der immanenten Widersprüche des Gesetzes der fallenden Profitrate:

„Nach dem Schema besteht zwischen der Produktion des Mehrwerts und seiner Realisierung gar kein immanenter Widerspruch, vielmehr immanente Identität“ (S. 315).

Sehr richtig, aber es handelt sich nicht um die Frage der Ursache der Krisen, worin jener Widerspruch auftritt; die Krisen beweisen nicht, daß das Schema der erweiterten Reproduktion zur Wirklichkeit nicht paßt, umgekehrt sind die Krisen selbst erst auf Grundlage dieses Schemas, durch hinzukommende Kräfte zu erklären.

Irgend ein innerer Wiederspruch solcher Art, daß die kapitalistische Produktion bei ihrer Erweiterung durch Akkumulation notwendig Surplus oder Defizit an Waren erzeugen muß, liegt also nicht vor. Ein Problem, daß Marx ungelöst gelassen hat, das so tief die Grundlagen und das Wesen des ganzen Kapitalismus berührt und das er trotzdem nicht bemerkt hat – was an sich auch eine merkwürdige Tatsache wäre – is nicht vorhanden.

III. Die Lösung des Problems

Für die Genossin Luxemburg besteht also in dem Kapitalismus ein Widerspruch solcher Art, daß eine kapitalistische Gesellschaft, allein für sich, sich nicht auf immer größerer Stufenleiter erweitern kann. Dieser Widerspruch tritt in dem Problem, in der Frage hervor, wer die Waren kauft, in denen die Erweiterung der Produktion, also der akkumulierte Mehrwert verkörpert ist. Ihre Antwort ist:

„Die Realisierung des Mehrwerts erfordert als erste Bedingung einen Kreis von Abnehmern außerhalb der kapitalistischen Gesellschaft“ (S. 322).

Tatsächlich steht die kapitalistische Gesellschaft im stetigen Tauschverkehr mit nichtkapitalistische Völkern, die ihr Rohstoffe liefern und ihr Produkte abnehmen. In diesen ausgeführten Produkten kann auch ein größerer Teil des Gesamtprodukts stecken, als der Teil, der den Mehrwert darstellt. Aber die Realisierung der Mehrwerts macht die Hinzuziehung diese Auslandsmärkte notwendig. Die Realisierung des Mehrwerts

„ist von vornherein an nichtkapitalistische Produzenten und Konzumenten als solche gebunden. Die Existenz nichtkapitalistischer Abnehmer des Mehrwerts ist also direkte Lebensbedingung für das Kapital und seine Akkumulation,insofern also der entscheidende Punkt im Problem der Kapitalakkumulation“ (S. 338).

Dauraus ergibt sich erst, welche Bedeutung die Tätigkeit des Kapitalismus in anderen Weltteilen für seinen eigenen Bestand hat. Er kann ohne nichtkapitalistische Abnehmer nicht bestehen und muß sie sich also schaffen. Dieser Kampf gegen die Naturalwirtschaft, der im einzelnen die ökonomischen Zwecke verfolgt, sich der Produktivkräfte und Naturschätze zu bemächtigen, Arbeitskräfte frei zu machen, die Warenwirtschaft einzuführen und Landwirtschaft vom Gewerbe zu trennen, wird nun in den letzten Kapiteln des Werkes ausführlich behandelt. Es bestimmt auch das politische Eingreifen der kapitalistischen Staatsgewalt in die Geschicke fremder Weltteile. So findet die Verfasserin in ihrer ökonomischen Theorie zugleich eine theoretische Begründung des Imperialismus.

Wir haben nun gesehen, daß ihre Theorie verfehlt ist, daß das Problem nicht besteht, und daß der von ihr gefundene Wiederspruch in der kapitalistischen Akkumulation nicht vorhanden ist. Ein Kapitalismus würde, auf sich selbst gestellt, sich stetig erweitern können – Wachstum von Kapital und von Arbeitskraft vorausgesetzt – ohne auf Unmöglichkeiten des Absatzes zu stoßen. Für nichtkapitalistische Abnehmer ist theoretisch keine Notwendigkeit vorhanden.


Compiled by Vico, 5 July 2020





























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