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Antonie Pannekoek Archives

Charles Darwin

Charles Darwin
Original source: unclear


Charles Darwin to Karl Marx, 1 October 1873

“I thank you for the honour which you have done me by sending me your great work on Capital & I heartily wish that I was more worthy to receive it, by understanding more of the deep & important subject of political economy. Though our studies have been so different, I believe that we both earnestly desire the extension of knowledge, & that this in the long run is sure to add to the happiness of mankind.”

In 1873 Karl Marx sent the second edition of the first volume of Capital to Charles Darwin; Darwin replied politely, he had opened the first quire but not the rest of the book.

 There was no second letter of Charles Darwin to Karl Marx, and Marx did not, as suggested by a soviet myth of 1931, propose to dedicate the second volume of Capital to Darwin, see: Didn't Karl Marx offer to dedicate Das Kapital to Darwin? . The letter concerned was to Edward Aveling, who published in 1881 a pamphlet under the title The Students’ Darwin, which not only fulminated against religion, but which also was particularly racist. Charles Darwin did not want it to be dedicated to him. Aveling became a lover of Marx’ daughter Eleanor, and Darwin’s letter got mixed up in Marx’ papers. Edward Aveling visited Charles Darwin with another vulgar-materialist: Ludwig Büchner. Also see: Did Marx Offer to Dedicate Capital to Darwin?  : A Reassessment of the Evidence / Margaret A. Fay. – In : Journal of the History of Ideas, Vol. 39 (1978), No. 1 (Jan.-Mar.), p. 133-146. Also see: The Case of the Marx-Darwin Letter / Prof. Lewis S. Feuer. – In : Encounter, Oct. 1978, p. 62-78; the letter by Aveling to Darwin was discovered in 1975 by Father Thomas Carroll.


Thema: Entwicklung in Natur und Gesellschaft


Karl Marx und Friedrich Engels über Charles Darwin

Exerpte aus die Marx-Engels Werke


M.E.W., Bd. 16


[Rezension des „Kapitals“ für die „Düsseldorfer Zeitung“] / Friedrich Engels. - Herausgegeben 17. November 1867

Quelle:  m.e.w., Bd. 16, S. 217

Was uns in diesem Buch besonders aufgefallen, ist dies: daß der Verfasser die Sätze der Nationalökonomie nicht, wie gewöhnlich geschieht, als ewig gültige Wahrheiten, sondern als Resultate bestimmter geschichtlicher Entwicklungen auffaßt. Während selbst die Naturwissenschaft sich mehr und mehr in eine geschichtliche Wissenschaft verwandelt – man vergleiche Laplaces astronomische Theorie, die gesamte Geologie und die Schriften Darwins –, war die Nationalökonomie bisher eine ebenso abstrakte, allgemeingültige Wissenschaft wie die Mathematik.

[Rezension des Ersten Bandes „Das Kapital“ für den „Beobachter“] / Friedrich Engels , Geschrieben am 12./13. Dezember 1867

Quelle:  m.e.w., Bd. 16, S. 226-227

Was nun die Tendenz des Verfassers angeht, so können wir auch darin wieder eine doppelte Richtung unterscheiden. Soweit er sich bemüht nachzuweisen, daß die jetzige Gesellschaft, ökonomisch betrachtet, mit einer Rezension des „Kapitals“ für den „Beobachter“ andern, höheren Gesellschaftsform schwanger gehe, insoweit bestrebter sich, nur denselben allmählichen Umwälzungsprozeß auf dem sozialen Gebiet als Gesetz hinzustellen, den Darwin naturgeschichtlich nachgewiesen hat. Eine solche allmähliche Veränderung hat ja auch bisher in den gesellschaftlichen Verhältnissen vom Altertum durch das Mittelalter bis jetzt stattgefunden, und es ist unsres Wissens noch nie von irgendwelcher wissenschaftlichen Seite ernsthaft behauptet worden, daß Adam Smith und Ricardo in Beziehung auf die künftige Weiterentwicklung der heutigen Gesellschaft das letzte Wort gesagt hätten.

[Aus einem Brief von Jenny Marx an Johann Philipp Becker vom 29. Januar 1866]

Quelle:  m.e.w. , Bd. 16, S. 510

„In religiöser Hinsicht geht jetzt in dem verdumpften England eine bedeutungsvolle Bewegung vor sich. Die ersten Männer der Wissenschaft, Huxley (Darwins Schule) an der Spitze, mit Charles Lyell, Bowring, Carpenter usw. geben in St. Martin's Hall höchst aufgeklärte, wahrhaft kühne, freigeistige Vorlesungen für das Volk, und zwar an Sonntagabenden, gerade zu der Stunde, wo sonst die Schäflein zur Weide des Herrn pilgerten; die Halle war massenhaft voll und der Jubel des Volkes so groß, daß am ersten Sonntagabend, wo ich mit meiner Familie zugegen war, mehr als 2000 Menschen keinen Einlaß mehr in den zum Ersticken angefüllten Raum finden konnten. Dreimal ließen die Pfaffen das Entsetzliche geschehen. – Gestern abend jedoch wurde der Versammlung angekündigt, daß keine Vorlesungen mehr gehalten werden dürften, bis der Prozeß der Seelsorger gegen die Sunday evenings for the people (Sonntagsvorträge für das Volk) erledigt sei. Die Entrüstung der Versammlung sprach sich entschieden aus, und mehr als 100 Pfund Sterling wurden sofort zur Führung des Prozesses gesammelt. Wie dumm von den Pfäfflein, sich einzumischen. Zum Ärger der Frömmlerbande schlössen die Abende auch noch mit Musik. Chöre von Händel, Mozart, Beethoven, Mendelssohn und Gounod wurden gesungen und mit Enthusiasmus von den Engländern aufgenommen, denen bisher an Sonntagen nur erlaubt war ‚Jesus, Jesus meek and mild‘ (Jesus, Jesus sanft und mild) zu grölen oder in den Ginpalast (Schnapsschenke) zu wandern.“

M.E.W., Bd. 19, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zum Wissenschaft


Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft : Vorwort zur ersten Auflage [in deutscher Sprache (1882)] / Friedrich Engels

Quelle:  m.e.w. , Bd. 19, S. 187-188

Solche Leser werden sich auch wundern, in einer skizzierten Entwicklungsgeschichte des Sozialismus auf die Kant-Laplacesche Kosmogonie, auf die moderne Naturwissenschaft und Darwin, auf die klassische deutsche Philosophie und Hegel zu stoßen. Aber der wissenschaftliche Sozialismus ist nun einmal ein wesentlich deutsches Produkt und konnte nur bei der Nation entstehn, deren klassische Philosophie die Tradition der bewußten Dialektik lebendig erhalten hatte: in Deutschland (*) . Die materialistische Geschichtsanschauung und ihre spezielle Artwendung auf den modernen Klassenkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie war nur möglich vermittelst der Dialektik. Und wenn die Schulmeister der deutschen Bourgeoisie die Erinnerung an die großen deutschen Philosophen und die von ihnen getragne Dialektik ertränkt haben im Sumpf eines öden Eklektizismus, so sehr, daß wir die moderne Naturwissenschaft anzurufen genötigt sind als Zeugin für die Bewährung der Dialektik in der Wirklichkeit - wir deutschen Sozialisten sind stolz darauf, daß wir abstammen nicht nur von Saint-Simon, Fourier und Owen, sondern auch von Kant, Fichte und Hegel.
*) „In Deutschland" ist ein Schreibfehler. Es muß heißen: „bei Deutschen“. Denn so Unumgänglich einerseits die deutsche Dialektik war bei der Genesis des wissenschaftlichen Sozialismus, ebenso unumgänglich dabei waren die entwickelten ökonomischen und politischen Verhältnisse Englands und Frankreichs. Die, anfangs der vierziger Jahre noch weit mehr als heute, zurückgebliebne ökonomische und politische Entwicklungsstufe Deutschlands konnte höchstens sozialistische Karikaturen erzeugen (vgl. „Kommun. Manifest“, III, 1, c: „Der deutsche oder ‚wahre‘ Sozialismus“). Erst indem die in England und Frankreich erzeugten ökonomischen und politischen Zustande der deutsch-dialektischen Kritik unterworfen wurden, erst da konnte ein wirkliches Resultat gewonnen werden. Nach dieser Seite hin ist also der wissenschaftliche Sozialismus kein ausschließlich deutsches, sondern ebensosehr ein internationales Produkt . [Diese Fußnote wurde von Engels in der dritten deutschen Auflage von 1883 ein gefügt.] [Fußnote m.e.w.].

Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, II / Friedrich Engels, 1882

Quelle:  m.e.w. , Bd. 19, S. 205

Alle diese Vorgänge und Denkmethoden passen nicht in den Rahmen des metaphysischen Denkens hinein. Für die Dialektik dagegen, die die Dinge und ihre begrifflichen Abbilder wesentlich in ihrem Zusammenhang, ihrer Verkettung, ihrer Bewegung, ihrem Entstehn und Vergehn auffaßt, sind Vorgänge wie die obigen ebensoviel Bestätigungen ihrer eignen Verfahrungsweise. Die Natur ist die Probe auf die Dialektik, und wir müssen es der modernen Naturwissenschaft nachsagen, daß sie für diese Probe ein äußerst reichliches, sich täglich häufendes Material geliefert und damit bewiesen hat, daß es in der Natur, in letzter Instanz, dialektisch und nicht metaphysisch hergeht, daß sie sich nicht im ewigen Einerlei eines stets wiederholten Kreises bewegt, sondern eine wirkliche Geschichte durchmacht. Hier ist vor allen Darwin zu nennen, der der metaphysischen Naturauffassung den gewaltigsten Stoß versetzt hat durch seinen Nachweis, daß die ganze heutige organische Natur, Pflanzen und Tiere und damit auch der Mensch, das Produkt eines durch Millionen Jahre fortgesetzten Entwicklungsprozesses ist. Da aber die Naturforscher bis jetzt zu zählen sind, die dialektisch zu denken gelernt haben, so erklärt sich aus diesem Konflikt der entdeckten Resultate mit der hergebrachten Denkweise die grenzenlose Verwirrung, die jetzt in der theoretischen Naturwissenschaft herrscht und die Lehrer wie Schüler, Schriftsteller wie Leser zur Verzweiflung bringt.

Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, III / Friedrich Engels, 1882

Quelle:  m.e.w., Bd.  19, S. 216

Die große Industrie endlich und die Herstellung des Weltmarkts haben den Kampf universell gemacht und gleichzeitig ihm eine unerhörte Heftigkeit gegeben. Zwischen einzelnen Kapitalisten wie zwischen ganzen Industrien und ganzen Ländern entscheidet die Gunst der natürlichen oder geschaffnen Produktionsbedingungen über die Existenz. Der Unterliegende wird schonungslos beseitigt. Es ist der Darwinsche Kampf ums Einzeldasein, aus der Natur mit potenzierter Wut übertragen in die Gesellschaft. Der Naturstandpunkt des Tiers erscheint als Gipfelpunkt der menschlichen Entwicklung. Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung stellt sich nun dar als Gegensatz zwischen der Organisation der Produktion in der einzelnen Fabrik der Anarchie der Produktion in der ganzen Gesellschaft.

[Entwurf zur Grabrede für Karl Marx] / Friedrich Engels, 17 März 1883

Quelle:  m.e.w., Bd. 19, S. 333

Karl Marx war einer jener hervorragenden Männer, von denen ein Jahrhundert nur wenige hervorbringt. Charles Darwin entdeckte das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur auf unserem Planeten. Marx ist der Entdecker jenes grundlegenden Gesetzes, das den Gang und die Entwicklung der menschlichen Geschichte bestimmt, ein Gesetz, so einfach und einleuchtend, daß gewissermaßen seine bloße Darlegung genügt, um seine Anerkennung zu sichern. Doch damit nicht genug, hat Marx auch jenes Gesetz entdeckt, das unsere gegenwärtige Stufe der Gesellschaft und ihre große Klassenteilung in Kapitalisten und Lohnarbeiter hervorgebracht hat. Es ist das Gesetz, demgemäß sich diese Gesellschaft organisiert, sich entwickelt, bis sie so weit über sich selbst hinausgewachsen ist, daß sie schließlich untergehen muß wie alle vorangegangenen historischen Phasen der Gesellschaft. Solche Ergebnisse machen es um so schmerzlicher, daß er uns mitten aus seinem Schaffen entrissen worden ist, daß er – so viel er hervorgebracht hat – dennoch weit mehr unvollendet zurückläßt.

Das Begräbnis von Karl Marx  / Friedrich Engels, 22. März 1883

Quelle:  m.e.w., Bd. 19, S. 335

Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte: die bisher unter ideologischen Überwucherungen verdeckte einfache Tatsache, daß die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können; daß also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeitabschnitts die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben, und aus der sie daher auch erklärt werden müssen – nicht, wie bisher geschehen, umgekehrt.

Einleitung [zur englischen Ausgabe (1892) „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft"] / Friedrich Engels

Quelle:  m.e.w., Bd. 19, S. 524-525

Die vorliegende kleine Schrift ist ursprünglich Teil eines größern Ganzen. Um 1875 verkündete Dr. E. Dühring, Privatdozent an der Berliner Universität, plötzlich und ziemlich geräuschvoll seine Bekehrung zum Sozialismus und bescherte dem deutschen Publikum nicht allein eine umständliche sozialistische Theorie, sondern auch einen kompletten praktischen Plan zur Reorganisation der Gesellschaft. Es war eine selbstverständlichkeit, daß er über seine Vorgänger herfiel; vor allem beehrte er Marx damit, daß er die volle Schale seines Grimms über ihn ausgoß. Dies geschah um die Zeit, als die beiden Sektionen der Sozialistischen Partei in Deutschland – Eisenacher und Lassalleaner – eben ihre Verschmelzung vollzogen hatten und damit nicht nur einen immensen Kraftzuwachs, sondern, was mehr war, die Fähigkeit zum Einsatz dieser ganzen Kraft gegen den gemeinsamen Feind erhielten. Die Sozialistische Partei in Deutschland war im Begriff, rasch zu einer Macht zu werden. Sie aber zu einer Macht zu machen, dazu war die erste Bedingung, daß die neugewonnene Einheit nicht gefährdet wurde. Dr. Dühring nun schickte sich offen an, um seine Person herum eine Sekte, den Kern einer künftigen separaten Partei zu bilden. So wurde es notwendig, den uns hingeworfnen Fehdehandschuh aufzunehmen und den Strauß auszufechten, ob uns das nun behagen mochte oder nicht. Nun war dies, wenn auch kein allzu schwieriges, so doch augenscheinlich ein langwieriges Geschäft. Wie man wohl weiß, besitzen wir Deutsche eine erschreckend gewichtige Gründlichkeit, einen fundamentalen Tiefsinn oder eine tiefsinnige Fundamentalität, wie man es immer nennen mag. Sooft einer von uns etwas darlegt, was er als eine neue Doktrin ansieht, hat er es zunächst zu einem allumfassenden System auszuarbeiten. Er hat zu beweisen, daß sowohl die ersten Prinzipien der Logik als auch die Grundgesetze des Universums von aller Ewigkeit her zu keinem andern Zweck existiert haben als dazu, in letzter Instanz zu dieser neuentdeckten, allem die Krone aufsetzenden Theorie hinzuleiten. Und Dr. Dühring war in dieser Hinsicht ganz nach dem nationalen Standard. Nicht weniger als ein komplettes „System der Philosophie“, der Geistes-, Moral-, Natur- und Geschichtsphilosophie; ein komplettes „System der politischen Ökonomie und des Sozialismus“ und zum Schluß eine „Kritische Geschichte der politischen Ökonomie“ – drei dicke Oktavbände, schwerfällig von außen und von innen, drei Armeekorps von Argumenten, ins Feld geführt gegen alle vorhergehenden Philosophen und Ökonomen im allgemeinen und gegen Marx im besondern – in der Tat, der Versuch einer kompletten „Umwälzung der Wissenschaft“ – das war’s, was ich aufs Korn nehmen sollte. Ich hatte alle nur möglichen Gegenstände zü behandeln; von den Begriffen der Zeit und des Raums bis zum Bimetallismus; von der Ewigkeit der Materie und der Bewegung bis zu der vergänglichen Natur der moralischen Ideen; von Darwins natürlicher Zuchtwahl bis zur Jugenderziehung in einer zukünftigen Gesellschaft. Immerhin gab mir die systematische Weitläufigkeit meines Opponenten Gelegenheit, in Opposition zu ihm und in einer zusammenhängenderen Form, als dies früher geschehn war, die von Marx und mir vertretnen Ansichten über diese große Mannigfaltigkeit von Gegenständen zu entwickeln. Und das war der Hauptgrund, der mich diese sonst undankbare Aufgabe in Angriff nehmen ließ.

M.E.W., Bd. 20, Anti-Dühring, Dialektik der Natur


Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft („Anti-Dühring“) / Friedrich Engels, 1878

Quelle:  m.e.w., Bd. 20, S. 29

Den Naturforschern geht’s nicht besser, doch wird nur Darwin namentlich aufgeführt, und so müssen wir uns auf diesen beschränken:
„Darwinistische Halbpoesie und Metamorphosenfertigkeit mit ihrer grobsinnlichen Enge der Auffassung und Stumpfheit der Unterscheidungskraft … Unseres Erachtens ist der spezifische Darwinismus, wovon natürlich die Lamarckschen Aufstellungen auszunehmen sind, ein Stück gegen die Humanität gerichtete Brutalität.“

Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft („Anti-Dühring“) / Friedrich Engels, 1878

Quelle:  m.e.w., Bd. 20, S. 62-69

Wir sind hiermit bei einer bewußt denkenden und handelnden Natur angekommen, stehn also schon auf der „Brücke“ zwar nicht vom Statischen zum Dynamischen, aber doch vom Pantheismus zum Deismus. Oder beliebt es Herrn Dühring etwa, auch einmal ein wenig „naturphilosophische Halbpoesie“ zu treiben?
Unmöglich. Alles was uns unser Wirklichkeitsphilosoph über die organische Natur zu sagen weiß, beschränkt sich auf den Kampf gegen diese naturphilosophische Halbpoesie, gegen „die Scharlatanerie mit ihren leichtfertigen Oberflächlichkeiten und sozusagen wissenschaftlichen Mystifikationen“, gegen die „dichtelnden Züge“ des Darwinismus.
Vor allen Dingen wird Darwin vorgeworfen, daß er die Malthussche Bevölkerungstheorie aus der Ökonomie in die Naturwissenschaft übertrage, daß er in den Vorstellungen des Tierzüchters befangen sei, daß er mit dem Kampf ums Dasein unwissenschaftliche Halbpoesie treibe, und daß der ganze Darwinismus, nach Abzug des von Lamarck Entlehnten, ein Stück gegen die Humanität gekehrte Brutalität sei.
Darwin hatte von seinen wissenschaftlichen Reisen die Ansicht nach Hause gebracht, daß die Arten der Pflanzen und Tiere nicht beständige, sondern sich verändernde sind. Um diesen Gedanken zu Hause weiter zu verfolgen, bot sich ihm kein besseres Feld als das der Tier- und Pflanzenzüchtung. Grade hierfür ist England das klassische Land; die Leistungen andrer Länder, z.B. Deutschlands, können nicht entfernt einen Maßstab abgeben für das in dieser Beziehung in England Erreichte. Dabei gehören die meisten Erfolge den letzten hundert Jahren an, so daß die Konstatierung der Tatsachen wenig Schwierigkeiten macht. Darwin fand nun, daß diese Züchtung künstlich, an Tieren und Pflanzen derselben Art, Unterschiede hervorgerufen hatte, größer als diejenigen, die bei allgemein als verschieden anerkannten Arten vorkommen. Einerseits war also die Veränderlichkeit der Arten bis auf einen gewissen Grad achgewiesen, andrerseits die Möglichkeit gemeinschaftlicher Vorfahren für Organismen, die verschiedne Artcharaktere besaßen. Darwin untersuchte nun, ob nicht etwa in er Natur sich Ursachen finden, die – ohne die bewußte Absicht des Züchters – dennoch auf die Dauer an den lebenden Organismen ähnliche Veränderungen hervorrufen mußten, wie die künstliche Züchtung. Diese Ursachen fand er in dem Mißverhältnis zwischen der ungeheuren Zahl der von der Natur geschaffenen Keime und der geringen von wirklich zur Reife gelangenden Organismen. Da nun aber jeder Keim zur Entwicklung strebt, so entsteht notwendig ein Kampf ums Dasein, der nicht bloß als direkte, körperliche Bekämpfung oder Verzehrung, sondern auch als Kampf um Raum und Licht, selbst bei Pflanzen noch, sich zeigt. Und es ist augenscheinlich, daß in diesem Kampfe diejenigen Individuen am meisten Aussicht haben, zur Reife zu gelangen und sich fortzupflanzen, die irgendeine, noch so unbedeutende, aber im Kampf ums Dasein vorteilhafte individuelle Eigentümlichkeit besitzen. Diese individuellen Eigentümlichkeiten haben demnach die Tendenz, sich zu vererben, und wenn sie bei mehreren Individuen dierselben Art vorkommen, sich durch gehäufte Vererbung in der einmal angenommenen Richtung zu steigern; während die diese Eigentümlichkeit nicht besitzenden Individuen im Kampf ums Dasein leichter erliegen und allmählich verschwinden. Auf diese Weise verändert sich eine Art durch natürliche Züchtung, durch das Überleben der Geeignetsten.
Gegen diese Darwinsche Theorie sagt nun Herr Dühring, der Ursprung der Vorstellung vom Kampf ums Dasein sei, wie es Darwin selbst eingestanden habe, in einer Verallgemeinerung der Ansichten des nationalökonomischen Bevölkerungstheoretikers Malthus zu suchen und demgemäß auch mit allen denjenigen Schäden behaftet, die den priesterlich malthusianischen Anschauungen über das Bevölkerungsgedränge eigen sind. – Nun fällt es Darwin gar nicht ein zu sagen, der Ursprung der Vorstellung vom Kampf ums Dasein sei bei Malthus zu suchen. Er sagt nur: seine Theorie vom Kampf ums Dasein sei die Theorie von Malthus, angewandt auf die ganze tierische und pflanzliche Welt. Wie groß auch der Bock sein mag, den Darwin geschossen, indem er in seiner Naivetät die Malthussche Lehre so unbesehn akzeptierte, so sieht doch jeder auf den ersten Blick, daß man keine Malthus-Brille braucht, um den Kampf ums Dasein in der Natur wahrzunehmen – den Widerspruch zwischen der zahllosen Menge von Keimen, die die Natur verschwenderisch erzeugt, und der geringen Anzahl von ihnen, die überhaupt zur Reife kommen können; einen Widerspruch, der sich in, der Tat größtenteils in einem – stellenweise äußerst grausamen - Kampf ums Dasein löst. Und wie das Gesetz des Arbeitslohns seine Geltung behalten hat, auch nachdem die malthusianischen Argumente längst verschollen sind, auf die Ricardo es stützte -, so kann der Kampf ums Dasein in der Natur ebenfalls stattfinden, auch ohne irgendeine malthusianische Interpretation. Übrigens haben die Organismen der Natur ebenfalls ihre Bevölkerungsgesetze, die so gut wie gar nicht untersucht sind, deren Feststellung aber für die Theorie von der Entwicklung der Arten von entscheidender Wichtigkeit sein wird. Und wer hat auch in dieser Richtung den entscheidenden Anstoß gegeben? Niemand anders als Darwin.
Herr Dühring hütet sich wohl, auf diese positive Seite der Frage einzugehn. Statt dessen muß der Kampf ums Dasein immer wieder vorhalten. Von einem Kampf ums Dasein unter bewußtlosen Pflanzen und gemütlichen Pflanzenfressern könne von vornherein keine Rede sein:
„in genau bestimmtem Sinne ist nun der Kampf ums Dasein innerhalb der Brutalität insoweit vertreten, als die Ernährung durch Raub und Verzehrung erfolgt“.
Und nachdem er den Begriff: Kampf ums Dasein, auf diese engen Grenzen reduziert, kann er über die Brutalität dieses von ihm selbst auf die Brutalität beschränkten Begriffs seiner vollen Entrüstung freien Lauf lassen. Diese sittliche Entrüstung trifft aber nur Herrn Dühring selbst, der ja der alleinige Verfasser des Kampfs ums Dasein in dieser Beschränkung und daher auch allein dafür verantwortlich ist. Es ist also nicht Darwin, der
„im Gebiet der Bestien die Gesetze und das Verständnis aller Naturaktion sucht“ –
Darwin hatte ja grade die ganze organische Natur mit in den Kampf eingeschlossen –, sondern ein von Herrn Dühring selbst zurechtgemachter Phantasiepopanz. Der Name: Kampf ums Dasein, kann übrigens dem hochmoralischen Zorn des Herrn Dühring gern preisgegeben werden. Daß die Sache auch unter Pflanzen existiert, kann ihm jede Wiese, jedes Kornfeld, jeder Wald beweisen, und nicht um den Namen handelt es sich, ob man das „Kampf ums Dasein“ nennen soll oder „Mangel der Existenzbedingungen und mechanische Wirkungen“, sondern darum, wie diese Tatsache auf die Erhaltung oder Veränderung der Arten einwirkt. Darüber verharrt Herr Dühring in einem hartnäckig sich selbst gleichen Stillschweigen. Es wird also wohl vorläufig bei der Naturzüchtung sein Bewenden haben.
Aber der Darwinismus „produziert seine Verwandlungen und Differenzen aus nichts“.
Allerdings sieht Darwin, wo er von der Naturzüchtung handelt, ab von den Ursachen, die die Veränderungen in den einzelnen Individuen hervorgerufen haben, und handelt zunächst von der Art und Weise, in der solche individuelle Abweichungen nach und nach zu Kennzeichen einer Race, Spielart oder Art werden. Für Darwin handelt es sich zunächst weniger darum, diese Ursachen zu finden – die bis jetzt teilweise ganz unbekannt, teilweise nur ganz allgemein angebbar sind -, als vielmehr eine rationelle Form, in der sich ihre Wirkungen festsetzen, dauernde Bedeutung erhalten. Daß Darwin dabei seiner Entdeckung einen übermäßigen Wirkungskreis zuschrieb, sie zum ausschließlichen Hebel der Artveränderung machte und die Ursachen der iederholten individuellen Veränderungen über der Form ihrer Verallgemeinerung vernachlässigte, ist ein Fehler, den er mit den meisten Leuten gemein hat, die einen wirklichen Fortschritt machen. Zudem, wenn Darwin seine individuellen Verwandlungen aus nichts produziert und dabei „die Weisheit des Züchters“ ausschließlich anwendet, so muß hiernach der Züchter seine nicht bloß vorgestellten, sondern wirklichen Verwandlungen der Tier- und Pflanzenformen ebenfalls aus nichts produzieren. Wer aber den Anstoß gegeben hat, zu untersuchen, woraus denn eigentlich diese Verwandlungen und Differenzen entstehn, ist wieder niemand anders als Darwin.
Neuerdings ist, namentlich durch Haeckel, die Vorstellung von der Naturzüchtung erweitert und die Artveränderung gefaßt als Resultat der Wechselwirkung von Anpassung und Vererbung, wobei dann die Anpassung als die ändernde, die Vererbung als die erhaltende Seite des Prozesses dargestellt wird. Auch dies ist Herrn Dühring wieder nicht recht.
„Eigentliche Anpassung an Lebensbedingungen, wie sie durch die Natur geboten oder entzogen werden, setzt Antriebe und Tätigkeiten voraus, die sich nach Vorstellungen bestimmen. Andernfalls ist die Anpassung nur ein Schein und die alsdann wrkende Kausalität erhebt sich nicht über die niedern Stufen des Physikalischen, Chemischen und pflanzlich Physiologischen.“
Es ist wieder der Name, der Herrn Dühring zum Ärgernis dient. Wie er aber auch den Vorgang bezeichnen möge: die Frage ist hier die, ob durch solche Vorgänge Veränderungen in den Arten der Organismen hervorgerufen werden oder nicht? Und Herr Dühring gibt wieder keine Antwort.
„Wenn eine Pflanze in ihrem Wachstum den Weg nimmt, auf welchem sie das meiste Licht erhält, so ist diese Wirkung des Reizes nichts als eine Kombination physikalischer Kräfte und chemischer Agenzien, und wenn man hier nicht metaphorisch, sondern eigentlich von einer Anpassung reden will, so muß dies in die Begriffe eine spiritistische Verworrenheit bringen.“
So streng gegen andre ist derselbe Mann, der ganz genau weiß, um wessen Willen die Natur dies oder jenes tut, der von der Subtilität der Natur spricht, ja von ihrem Willenl Spiritistische Verworrenheit in der Tat – aber wo, bei Haeckel oder bei Herrn Dühring?
Und nicht nur spiritistische, sondern auch logische Verworrenheit. Wir sahen, daß Herr Dühring mit aller Gewalt darauf besteht, den Zweckbegriff in der Natur geltend zu machen:
„Die Beziehung von Mittelund Zweck setzt keineswegs eine bewußte Absicht voraus.“
Was ist nun aber die Anpassung ohne bewußte Absicht, ohne Vermittlung von Vorstellungen, gegen die er so eifert, anders als eine solche unbewußte Zwecktätigkeit?
Wenn also Laubfrösche und laubfressende Insekten grüne, Wüstentiere sandgelbe, Polarlandtiere vorwiegend schneeweiße Farbe haben, so haben sie sich diese sicher nicht absichtlich oder nach irgendwelchen Vorstellungen angeeignet; im Gegenteil lassen sich die Farben nur aus physikalischen Kräften und chemischen Agenzien erklären. Und doch ist es unleugbar, daß diese Tiere, durch jene Farben, dem Mittel, in dem sie leben, zweckmäßig angepaßt sind, und zwar so, daß sie ihren Feinden dadurch weit weniger sichtbar geworden. Ebenso sind die Organe, womit gewisse Pflanzen die sich darauf niedersetzenden Insekten fangen und verzehren, dieser Tätigkeit angepaßt, und sogar zweckmäßig angepaßt. Wenn nun Herr Dühring darauf besteht, daß die Anpassung durch Vorstellungen bewirkt sein muß, so sagt er nur mit andern Worten, daß die Zwecktätigkeit ebenfalls durch Vorstellungen vermittelt, bewußt, absichtlich sein muß. Womit wir wieder, wie gewöhnlich in der Wirklichkeitsphilosophie, beim gwecktätigen Schöpfer, bei Gott angekommen sind.
„Sonst nannte man eine solche Auskunft Deismus und hielt nicht viel davon“ (sagt Herr Dühring); „jetzt aber scheint man sich auch in dieser Beziehung rückwärtsentwickelt zu haben.“
Von der Anpassung kommen wir auf die Vererbung. Auch hier ist der Darwinismus, nach Herrn Dühring, vollständig auf dem Holzwege. Die ganze organische Welt, behaupte Darwin, soll von einem Urwesen abstammen, sozusagen die Brut eines einzigen Wesens sein. Die selbständige Nebenordnung gleichartiger Naturproduktionen ohne Abstammungsvermittlung sei für Darwin gar nicht vorhanden, und er müsse daher mit seinen rückwärtsgekehrten Anschauungen sofort am Ende sein, wo ihm der Faden der Zeugung oder sonstigen Fortpflanzung reißt.
Die Behauptung, Darwin leite alle jetzigen Organismen von Einem Urwesen her, ist, um uns höflich auszudrücken, eine “eigne freie Schöpfung und Imagination“ des Herrn Dühring. Darwin sagt ausdrücklich auf der vorletzten Seite der „Origin of Species“, 6. Auflage, er sehe
„alle Wesen nicht als besondre Schöpfungen, sondern als die Nachkommen, in gerader Linie, einiger weniger Wesen“ [41] an.
Und Haeckel geht noch bedeutend weiter und nimmt
„einen ganz selbständigen Stamm für das Pflanzenreich, einen zweiten für das Tierreich“ an und zwischen beiden „eine Anzahl von selbständigen Protistenstämmen, deren jeder ganz unabhängig von jenen aus einer eignen archigonen Monerenform [42] sich entwickelt hat“ („Schöpfungsgeschichte“ S.397).
Dieses Urwesen ist von Herrn Dühring nur erfunden worden, um es durch Parallele mit dem Urjuden Adam möglichst in Verruf zu bringen; wobei ihm – nämlich Herrn Dühring – das Unglück passiert, daß ihm unbekannt geblieben, wieso dieser Urjude durch [George] Smiths assyrische Entdeckungen sich als Ursemit entpuppt; daß die ganze Schöpfungs- und Sündflutgeschichte der Bibel sich erweist als ein Stück aus dem altheidnischen, den Juden mit Babyloniern, Chaldäern und Assyrerri gemeinsamen religiösen Sagenkreise.
Es ist allerdings ein harter, aber nicht abzuweisender Vorwurf gegen Darwin, daß er sofort am Ende ist, wo ihm der Faden der Abstammung reißt. Leider verdient ihn unsre gesamte Naturwissenschaft. Wo ihr der Faden der Abstammung reißt, ist sie „am Ende“. Sie hat es bisher noch nicht fertiggebracht, organische Wesen ohne Abstammung zu erzeugen; ja noch nicht einmal einfaches Protoplasma oder andre Eiweißkörper aus den chemischen Elementen herzustellen. Sie kann also über den Ursprung des Lebens bis jetzt nur soviel mit Bestimmtheit sagen, daß er sich auf chemischem Wege vollzogen haben muß. Vielleicht aber ist die Wirklichkeitsphilosophie in der Lage, hier abhelfen zu können, da sie über selbständig nebengeordnete Naturproduktonen verfügt, die nicht durch Abstammung untereinander vermittelt sind. Wie können diese entstanden sein? Durch Urzeugung? Aber bis jetzt haben selbst die verwegensten Vertreter der Urzeugung nichts als Bakterien, Pilzkeime und andere sehr ursprüngliche Organismen auf diesem Wege zu erzeugen beansprucht –keine Insekten, Fische, Vögel oder Säugetiere. Wenn nun diese gleichartigen Naturproduktionen – wohlverstanden organische, von denen ist hier allein die Rede – nicht durch Abstammung zusammenhängen, so müssen sie oder jeder ihrer Vorfahren da, „wo der Faden der Abstammung reißt“, durch einen aparten Schöpfungsakt in die Welt gesetzt sein. Also schon wieder beim Schöpfer und dem, was man Deismus nennt.
Ferner erklärt Herr Dühring es für eine große Oberflächlichkeit von Darwin,
„den bloßen Akt geschlechtlicher Komposition von Eigenschaften zum Fundamentalprinzip der Entstehung dieser Eigenschaften zu machen“.
Dies ist wieder eine freie Schöpfung und Imagination unseres wurzelhaften Philosophen. Im Gegenteil erklärt Darwin bestimmt: der Ausdruck Naturzüchtung schließe nur ein die Erhaltung von Veränderungen, nicht aber ihre Erzeugung (S.63). Diese neue Unterschiebung von Sachen, die Darwin nie gesagt, dient aber dazu, uns zu folgendem Dühringschen Tiefsinn zu verhelfen:
„Hätte man im innern Schematismus der Zeugung irgendein Prinzip der selbständigen Veränderung aufgesucht, so würde dieser Gedanke ganz rationell gewesen sein; denn es ist ein natürlicher Gedanke, das Prinzip der allgemeinen Genesis mit dem der geschlechtlichen Fortpflanzung zu einer Einheit zusammenzufassen und die sogenannte Urzeugung aus einem höhern Gesichtspunkt nicht als absoluten Gegensatz der Reproduktion, sondern eben als eine Produktion anzusehn.“
Und der Mann, der solchen Gallimathias verfassen konnte, geniert sich nicht, Hegel seinen „Jargon“ vorzuwerfen!
Doch genug der verdrießlichen, widerspruchsvollen Quengelei und Nörgelei, mit der Herr Dühring seinem Ärger über den kolossalen Aufschwung Luft macht, den die Naturwissenschaft dem Anstoß der Darwinschen Theorie verdankt. Weder Darwin noch seine Anhänger unter den Naturforschern denken daran, die großen Verdienste Lamarcks irgendwie zu verkleinern; sind sie es doch grade, die ihn zuerst wieder auf den Schild gehoben haben. Aber wir dürfen nicht übersehn, daß zu Lamarcks Zeit die Wissenschaft bei weitem noch nicht über hinreichendes Material verfügte, um die Frage nach dem Ursprung der Arten anders als antizipierend, sozusagen prophetisch beantworten zu können. Außer dem enormen Material aus dem Gebiet der sammelnden wie der anatomischen Botanik und Zoologie, das seitdem angehäuft, sind aber seit Lamarck zwei ganz neue Wissenschaften entstanden, die hier von Entscheidender Wichtigkeit sind: die Untersuchung der Entwicklung der pflanzlichen und tierischen Keime (Embryologie) und die der, in den verschiednen Schichten der Erdoberfläche aufbewahrten, organischen Überreste (Paläontologie). Es findet sich nämlich eine eigentümliche Übereinstimmung zwischen der stufenweisen Entwicklung der organischen Keime zu reifen Organismen und der Reihenfolge der nacheinander in der Geschichte der Erde auftretenden Pflanzen und Tiere. Und grade diese Übereinstimmung ist es, die der Entwicklungstheorie die sicherste Grundlage gegeben hat. Die Entwicklungstheorie selbst ist aber noch sehr jung, und es ist daher unzweifelhaft, daß die weitere Forschung die heutigen, auch die streng darwinistischen Vorstellungen von dem Hergang der Artenentwicklung sehr bedeutend modifizieren wird.
Was hat uns nun die Wirklichkeitsphilosophie über die Entwicklung des organischen Lebens Positives zu sagen?
„Die … Abänderlichkeit der Arten ist eine annehmbare Voraussetzung.“ Daneben gilt aber auch „die selbständige Nebenordnung gleichartiger Naturproduktionen, ohne Abstammungsvermittlung“.
Hiernach sollte man meinen, die ungleichartigen Natur Produktionen, d.h. die sich ändernden Arten stammten voneinander ab, die gleichartigen aber nicht. Dies stimmt aber auch nicht ganz; denn auch bei sich ändernden Arten dürfte
„die Vermittlung durch Abstammung im Gegenteil erst ein ganz sekundärer Akt der Natur sein“.
Also doch Abstammung, aber „zweiter Klasse“. Seien wir froh, daß die Abstammung, nachdem Herr Dühring ihr soviel Übles und Dunkles nachgesagt, dennoch endlich durch die Hintertür wieder zugelassen wird. Ebenso geht es der Naturzüchtung, denn nach all der sittlichen Entrüstung über den Kampf ums Dasein, vermittelst dessen die Naturzüchtung sich ja vollzieht, heißt es plötzlich:
„Der tiefere Grund der Beschaffenheit der Gebilde ist mithin in den Lebensbedingungen und kosmischen Verhältnissen zu suchen, während die von Darwin betonte Naturzüchtung erst in zweiter Linie in Frage kommen kann.“

Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft („Anti-Dühring“) / Friedrich Engels, 1878

Quelle:  m.e.w., Bd. 20, S. 255

Die große Industrie endlich und die Herstellung des Weltmarkts haben den Kampf universell gemacht und gleichzeitig ihm eine unerhörte Heftigkeit gegeben. Zwischen einzelnen Kapitalisten wie zwischen ganzen Industrien und ganzen Ländern entscheidet die Gunst der natürlichen oder geschaffenen Produktionsbedingungen über die Existenz. Der Unterliegende wird schonungslos beseitigt. Es ist der Darwinsche Kampf ums Einzeldasein, aus der Natur mit potenzierter Wut übertragen in die Gesellschaft. Der Naturstandpunkt des Tiers erscheint als Gipfelpunkt der menschlichen Entwicklung. Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung reproduziert sich als Gegensatz zwischen der Organisation der Produktion in der einzelnen Fabrik und der Anarchie der Produktion in der ganzen Gesellschaft.

Dialektik der Natur / Friedrich Engels, 1873-1886

Quelle:  m.e.w., Bd. 20, S. 319

Es war bezeichnend, daß fast gleichzeitig mit Kants Angriff auf die Ewigkeit des Sonnensystems C.F. Wolff 1759 den ersten Angriff auf die Beständigkeit der Arten erließ und die Abstammungslehre proklamierte. Aber was bei ihm nur noch geniale Antizipation, das nahm bei Oken, Lamarck, Baer feste Gestalt an und wurde genau 100 Jahre später, 1859, von Darwin sieghaft durchgeführt.

Dialektik der Natur / Friedrich Engels, 1873-1886

Quelle:  m.e.w., Bd. 20, S. 323-324

Mit dem Menschen treten wir ein in die Geschichte. Auch die Tiere haben eine Geschichte, die ihrer Abstammung und allmählichen Entwicklung bis auf ihren heutigen Stand. Aber diese Geschichte wird für sie gemacht, und soweit sie selbst daran teilnehmen, geschieht es ohne ihr Wissen und Wollen. Die Menschen dagegen, je mehr sie sich vom Tier im engeren Sinn entfernen, desto mehr machen sie ihre Geschichte selbst, mit Bewußtsein, desto geringer wird der Einfluß unvorhergesehener Wirkungen, unkontrollierter Kräfte auf diese Geschichte, desto genauer entspricht der geschichtliche Erfolg dem vorher festgestellten Zweck. Legen wir aber diesen Maßstab an die menschliche Geschichte, selbst der entwickeltsten Völker der Gegenwart, so finden wir, daß hier noch immer ein kolossales Mißverhältnis besteht zwischen den vorgesteckten Zielen und den erreichten Resultaten, daß die unvorhergesehenen Wirkungen vorherrschen, daß die unkontrollierten Kräfte weit mächtiger sind als die planmäßig in Bewegung gesetzten. Und dies kann nicht anders sein, solange die wesentlichste geschichtliche Tätigkeit der Menschen, diejenige, die sie aus der Tierheit zur Menschheit emporgehoben hat, die die materielle Grundlage aller ihrer übrigen Tätigkeiten bildet, die Produktion ihrer Lebensbedürfnisse, d.h. heutzutage die gesellschaftliche Produktion, erst recht dem Wechselspiel unbeabsichtigter Einwirkungen von unkontrollierten Kräften unterworfen ist und den gewollten Zweck nur ausnahmsweise, weit häufiger aber sein grades Gegenteil realisiert. Wir haben in den fortgeschrittensten Industrieländern die Naturkräfte gebändigt und in den Dienst der Menschen gepreßt; wir haben damit die Produktion ins unendliche ervielfacht, so daß ein Kind jetzt mehr erzeugt als früher hundert Erwachsene. Und was ist die Folge? Steigende Überarbeit und steigendes Elend der Massen und alle zehn Jahre ein großer Krach. Darwin wußte nicht, welch bittre Satire er auf die Menschen und besonders auf seine Landsleute schrieb, als er nachwies, daß die freie Konkurrenz, der Kampf ums Dasein, den die Ökonomen als höchste geschichtliche Errungenschaft feiern, der Normalzustand des Tierreichs ist. Erst eine bewußte Organisation der gesellschaftlichen Produktion, in der planmäßig produziert und verteilt wird, kann die Menschen ebenso in gesellschaftlicher Beziehung aus der übrigen Tierwelt herausheben, wie dies die Produktion überhaupt für die Menschen in spezifischer Beziehung getan hat. Die geschichtliche Entwicklung macht eine solche Organisation täglich unumgänglicher, aber auch täglich möglicher. Von ihr wird eine neue Geschichtsepoche datieren, in der die Menschen selbst, und mit ihnen alle Zweige ihrer Tätigkeit, namentlich auch die Naturwissenschaft, einen Aufschwung nehmen werden, der alles Bisherige in tiefen Schatten stellt.

Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen / Friedrich, 1876

Quelle:  m.e.w., Bd. 20, S. 444-455

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Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums (a), sagen die politischen Ökonomen. Sie ist dies – neben der Natur, die ihr den Stoff liefert, den sie in Reichtum verwandelt. Aber sie ist noch unendlich mehr als dies. Sie ist die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, daß wir in gewissem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen.
Vor mehreren hunderttausend Jahren, während eines noch nicht fest bestimmbaren Abschnitts jener Erdperiode, die die Geologen die tertiäre nennen, vermutlich gegen deren Ende, lebte irgendwo in der heißen Erdzone – wahrscheinlich auf einem großen, jetzt auf den Grund des Indischen Ozeans versunkenen Festlande – ein Geschlecht menschenähnlicher Affen von besonders hoher Entwicklung [Dit (verkeerde) idee komt bij Ernst Haeckel vandaan om om het probleem van de “missing link” heen te komen. Later ging Eugène Dubois, met dit idee in het hoofd, zoeken op Java, alwaar hij Homo erectus ontdekte. Charles Darwin hield het, geheel juist en goed beredeneerd, op Afrika]. Darwin hat uns eine annähernde Beschreibung dieser unsrer Vorfahren gegeben. Sie waren über und über behaart, hatten Bärte und spitze Ohren, und lebten in Rudeln auf Bäumen (b). Wohl zunächst durch ihre Lebensweise veranlaßt, die beim Klettern den Händen andre Geschäfte zuweist als den Füßen, fingen diese Affen an, auf ebner Erde sich der Beihülfe der Hände beim Gehen zu entwöhnen und einen mehr und mehr aufrechten Gang anzunehmen. Damit war der entscheidende Schritt getan für den Übergang vom Affen zum Menschen.
Alle noch jetzt lebenden menschenähnlichen Affen können aufrecht stehn und sich auf den beiden Füßen allein fortbewegen. Aber nur zur Not und höchst unbehülflich. Ihr natürlicher Gang geschieht in halbaufgerichteter Stellung und schließt den Gebrauch der Hände ein. Die meisten stützen die Knöchel der Faust auf den Boden und schwingen den Körper mit eingezogenen Beinen zwischen den langen Armen durch, wie ein Lahmer, der auf Krücken geht. Überhaupt können wir bei den Affen alle Übergangsstufen vom Gehen auf allen vieren bis zum Gang auf den beiden Füßen noch jetzt beobachten. Aber bei keinem von ihnen ist der letztere mehr als ein Notbehelf geworden.
Wenn der aufrechte Gang bei unsern behaarten Vorfahren zuerst Regel und mit der Zeit eine Notwendigkeit werden sollte, so setzt dies voraus, daß den Händen inzwischen mehr und mehr anderweitige Tätigkeiten zufielen. Auch bei den Affen herrscht schon eine gewisse Teilung der Verwendung von Hand und Fuß. Die Hand wird, wie schon erwähnt, beim Klettern in andrer Weise gebraucht als der Fuß. Sie dient vorzugsweise zum Pflücken und Festhalten der Nahrung, wie dies schon bei niederen Säugetieren mit den Vorderpfoten geschieht. Mit ihr bauen sich manche Affen Nester in den Bäumen oder gar, wie der Schimpanse, Dächer zwischen den Zweigen zum Schutz gegen die Witterung. Mit ihr ergreifen sie Knüttel zur Verteidigung gegen Feinde oder bombardieren diese mit Früchten und Steinen. Mit ihr vollziehen sie in der Gefangenschaft eine Anzahl einfacher, den Menschen abgesehener Verrichtungen. Aber grade hier zeigt sich, wie groß der Abstand ist zwischen der unentwickelten Hand selbst der menschenähnlichsten Affen und der durch die Arbeit von Jahrhunderttausenden hoch ausgebildeten Menschenhand. Die Zahl und allgemeine Anordnung der Knochen und Muskeln stimmen bei beiden; aber die Hand des niedrigsten Wilden kann Hunderte von Verrichtungen ausführen, die keine Affenhand ihr nachmacht. Keine Affenhand hat je das rohste Steinmesser verfertigt.
Die Verrichtungen, denen unsre Vorfahren im Übergang vom Affen zum Menschen im Lauf vieler Jahrtausende allmählich ihre Hand anpassen lernten, können daher anfangs nur sehr einfache gewesen sein. Die niedrigsten Wilden, selbst diejenigen, bei denen ein Rückfall in einen mehr tierähnlichen Zustand mit gleichzeitiger körperlicher Rückbildung anzunehmen ist, stehn immer noch weit höher als jene Übergangsgeschöpfe. Bis der erste Kiesel durch Menschenhand zum Messer verarbeitet wurde, darüber mögen Zeiträume verflossen sein, gegen die die uns bekannte geschichtliche Zeit unbedeutend erscheint. Aber der entscheidende Schritt war getan: Die Hand war frei geworden und konnte sich nun immer neue Geschicklichkeiten erwerben, und die damit erworbene größere Biegsamkeit vererbte und vermehrte sich von Geschlecht zu Geschlecht.
So ist die Hand nicht nur das Organ der Arbeit, sie ist auch ihr Produkt. Nur durch Arbeit, durch Anpassung an immer neue Verrichtungen, durch Vererbung der dadurch erworbenen besondern Ausbildung der Muskel, Bänder, und in längeren Zeiträumen auch der Knochen, und durch immer erneuerte Anwendung dieser vererbten Verfeinerung auf neue, stets verwickeltere Verrichtungen hat die Menschenhand jenen hohen Grad von Vollkommenheit erhalten, auf dem sie Raffaelsche Gemälde, Thorvaldsensche Statuen, Paganinische Musik hervorzaubern konnte.
Aber die Hand stand nicht allein. Sie war nur ein einzelnes Glied eines ganzen, höchst zusammengesetzten Organismus. Und was der Hand zugute kam, kam auch dem ganzen Körper zugute, in dessen Dienst sie arbeitete – und zwar in doppelter Weise.
Zuerst infolge des Gesetzes der Korrelation des Wachstums, wie Darwin es genannt hat. Nach diesem Gesetz sind bestimmte Formen einzelner Teile eines organischen Wesens stets an gewisse Formen andrer Teile geknüpft, die scheinbar gar keinen Zusammenhang mit jenen haben. So haben alle Tiere, welche rote Blutzellen ohne Zellenkern besitzen und deren Hinterkopf mit dem ersten Rückgratswirbel durch zwei Gelenkstellen (Kondylen) verbunden ist, ohne Ausnahme auch Milchdrüsen zum Säugen der Jungen. So sind bei Säugetieren gespaltene Klauen regelmäßig mit dem mehrfachen Magen zum Wiederkäuen verbunden. Änderungen bestimmter Formen ziehn Änderungen der Form andrer Körperteile nach sich, ohne daß wir den Zusammenhang erklären können. Ganz weiße Katzen mit blauen Augen sind immer, oder beinahe immer, taub. Die allmähliche Verfeinerung der Menschenhand und die mit ihr Schritt haltende Ausbildung des Fußes für den aufrechten Gang hat unzweifelhaft auch durch solche Korrelation auf andre Teile des Organismus rückgewirkt. Doch ist diese Einwirkung noch viel zu wenig untersucht, als daß wir hier mehr tun könnten, als die allgemein konstatieren.
Weit wichtiger ist die direkte, nachweisbare Rückwirkung der Entwicklung der Hand auf den übrigen Organismus. Wie schon gesagt, waren unsre äffischen Vorfahren gesellig; es ist augenscheinlich unmöglich, den Menschen, das geselligste aller Tiere, von einem ungeselligen nächsten Vorfahren abzuleiten. Die mit der Ausbildung der Hand, mit der Arbeit, beginnende Herrschaft über die Natur erweiterte bei jedem neuen Fortschritt den Gesichtskreis des Menschen. An den Naturgegenständen entdeckte er fortwährend neue, bisher unbekannte Eigenschaften. Andrerseits trug die Ausbildung der Arbeit notwendig dazu bei, die Gesellschaftsglieder näher aneinanderzuschließen, indem sie die Fälle gegenseitiger Unterstützung, gemeinsamen Zusammenwirkens vermehrte und das Bewußtsein von der Nützlichkeit dieses Zusammenwirkens für jeden einzelnen klärte. Kurz, die werdenden Menschen kamen dahin, daß sie einander etwas zu sagen hatten. Das Bedürfnis schuf sich sein Organ: Der unentwickelte Kehlkopf des Affen bildete sich langsam aber sicher um, durch Modulation für stets gesteigerte Modulation, und die Organe des Mundes lernten allmählich einen artikulierten Buchstaben nach dem andern aussprechen.
Daß diese Erklärung der Entstehung der Sprache aus und mit der Arbeit die einzig richtige ist, beweist der Vergleich mit den Tieren. Das wenige, was diese, selbst die höchstentwickelten, einander mitzuteilen haben, können sie einander auch ohne artikulierte Sprache mitteilen. Im Naturzustand fühlt kein Tier es als einen Mangel, nicht sprechen oder menschliche Sprache nicht verstehn zu können. Ganz anders, wenn es durch Menschen gezähmt ist. Der Hund und das Pferd haben im Umgang mit Menschen ein so gutes Ohr für artikulierte Sprache erhalten, daß sie jede Sprache leicht soweit verstehn lernen, wie ihr Vorstellungskreis reicht. Sie haben sich ferner die Fähigkeit für Empfindungen wie Anhänglichkeit an Menschen, Dankbarkeit usw. erworben, die ihnen früher fremd waren; und wer viel mit solchen Tieren umgegangen ist, wird sich kaum der Überzeugung verschließen können, daß es Fälle genug gibt, wo sie jetzt die Unfähigkeit zu sprechen als einen Mangel empfinden, dem allerdings bei ihren allzusehr in bestimmter Richtung spezialisierten Stimmorganen leider nicht mehr abzuhelfen ist. Wo aber das Organ vorhanden ist, da fällt auch diese Unfähigkeit innerhalb gewisser Grenzen weg. Die Mundorgane der Vögel sind sicher so verschieden wie nur möglich von denen des Menschen, und doch sind Vögel die einzigen Tiere, die sprechen lernen; und der Vogel mit der abscheulichsten Stimme, der Papagei, spricht am besten. Man sage nicht, er verstehe nicht, was er spricht. Allerdings wird er aus reinem Vergnügen am Sprechen und an der Gesellschaft von Menschen stundenlang seinen ganzen Wortreichtum plappernd wiederholen. Aber soweit sein Vorstellungskreis reicht, soweit kann er auch verstehen lernen, was er sagt. Man lehre einen Papagei Schimpfwörter, so daß er eine Vorstellung von ihrer Bedeutung bekommt (ein Hauptvergnügen aus heißen Ländern zurücksegelnder Matrosen); man reize ihn, und man wird bald finden, daß er seine Schimpfwörter ebenso richtig zu verwerten weiß wie eine Berliner Gemüsehökerin. Ebenso beim Betteln um Leckereien.
Arbeit zuerst, nach und dann mit ihr die Sprache – das sind die beiden wesentlichsten Antriebe, unter deren Einfluß das Gehirn eines Affen in das bei aller Ähnlichkeit weit größere und vollkommnere eines Menschen allmählich übergegangen ist. Mit der Fortbildung des Gehirns aber ging Hand in Hand die Fortbildung seiner nächsten Werkzeuge, der Sinnesorgane. Wie schon die Sprache in ihrer allmählichen Ausbildung notwendig begleitet wird von einer entsprechenden Verfeinerung des Gehörorgans, so die Ausbildung des Gehirns überhaupt von der der sämtlichen Sinne. Der Adler sieht viel weiter als der Mensch»## aber des Menschen Auge sieht viel mehr an den Dingen als das des Adlers. Der Hund hat eine weit feinere Spürnase als der Mensch, aber er unterscheidet nicht den hundertsten Teil der Gerüche, die für diesen bestimmte Merkmale verschiedner Dinge sind. Und der Tastsinn, der beim Affen kaum in seinen rohsten Anfängen existiert, ist erst mit der Menschenhand selbst, durch die Arbeit, herausgebildet worden.
Die Rückwirkung der Entwicklung des Gehirns und seiner dienstbaren Sinne, des sich mehr und mehr klärenden Bewußtseins, Abstraktions- und Schlußvermögens auf Arbeit und Sprache gab beiden immer neuen Anstoß zur Weiterbildung, einer Weiterbildung, die nicht etwa einen Abschluß fand, sobald der Mensch endgültig vom Affen geschieden war, sondern die seitdem bei verschiednen Völkern und zu verschiednen Zeiten verschieden nach Grad und Richtung, stellenweise selbst unterbrochen durch örtlichen und zeitlichen Rückgang, im ganzen und großen gewaltig vorangegangen ist; einerseits mächtig vorangetrieben, andrerseits in bestimmtere Richtungen gelenkt durch ein mit dem Auftreten des fertigen Menschen neu hinzutretendes Element – die Gesellschaft.
Hunderttausende von Jahren – in der Geschichte der Erde nicht mehr als eine Sekunde im Menschenleben (c) – sind sicher vergangen, ehe aus dem Rudel baumkletternder Affen eine Gesellschaft von Menschen hervorgegangen war. Aber schließlich war sie da. Und was finden wir wieder als den bezeichnenden Unterschied zwischen Affenrudel und Menschengesellschaft? Die Arbeit. Das Affenrudel begnügte sich damit, seinen Futterbezirk abzuweiden, der ihm durch die geographische Lage oder durch den Widerstand benachbarter Rudel zugeteilt war; es unternahm Wanderungen und Kämpfe, um neues Futtergebiet zu gewinnen, aber es war unfähig, aus dem Futterbezirk mehr herauszuschlagen, als er von Natur bot, außer daß es ihn unbewußt mit seinen Abfällen düngte. Sobald alle möglichen Futterbezirke besetzt waren, konnte keine Vermehrung der Affenbevölkerung mehr stattfinden; die Zahl der Tiere konnte sich höchstens gleichbleiben. Aber bei allen Tieren findet Nahrungsverschwendung in hohem Grade statt, und daneben Ertötung des Nahrungsnachwuchses im Keime. Der Wolf schont nicht, wie der Jäger, die Rehgeiß, die ihm im nächsten Jahr die Böcklein liefern soll; die Ziegen in Griechenland, die das junge Gestrüpp abweiden, eh’ es heranwächst, haben alle Berge des Landes kahlgefressen. Dieser „Raubbau“ der Tiere spielt bei der allmählichen Umwandlung der Arten eine wichtige Rolle, indem er sie zwingt, andrer als der gewohnten Nahrung sich anzubequemen, wodurch ihr Blut andre chemische Zusammensetzung bekommt und die ganze Körperkonstitution allmählich eine andre wird, während die einmal fixierten Arten absterben. Es ist nicht zu bezweifeln, daß dieser Raubbau mächtig zur Menschwerdung unsrer Vorfahren beigetragen hat. Bei einer Affenrasse, die an Intelligenz und Anpassungsfähigkeit allen andern weit voraus war, mußte er dahin führen, daß die Zahl der Nahrungspflanzen sich mehr und mehr ausdehnte, daß von den Nahrungspflanzen mehr und mehr eßbare Teile zur Verzehrung kamen, kurz, daß die Nahrung immer mannigfacher wurde und mit ihr die in den Körper eingehenden Stoffe, die chemischen Bedingungen der Menschwerdung. Das alles war aber noch keine eigentliche Arbeit. Die Arbeit fängt an mit der Verfertigung von Werkzeugen. Und was sind die ältesten Werkzeuge, die wir vorfinden? Die ältesten, nach den vorgefundenen Erbstücken vorgeschichtlicher Menschen und nach der Lebensweise der frühesten geschichtlichen Völker wie der rohesten jetzigen Wilden zu urteilen? Werkzeuge der Jagd und des Fischfangs, erstere zugleich Waffen. Jagd und Fischfang aber setzen den Übergang von der bloßen Pflanzennahrung zum Mitgenuß des Fleisches voraus, und hier haben wir wieder einen wesentlichen Schritt zur Menschwerdung. Die Fleischkost enthielt in fast fertigem Zustand die wesentlichsten Stoffe, deren der Körper zu seinem Stoffwechsel bedarf; sie kürzte mit der Verdauung die Zeitdauer der übrigen Vegetativen, dem Pflanzenleben entsprechenden Vorgänge im Körper ab und gewann damit mehr Zeit, mehr Stoff und mehr Lust für die Betätigung des eigentlich tierischen (animalischen) Lebens. Und je mehr der werdende Mensch sich von der Pflanze entfernte, desto mehr erhob er sich auch über das Tier. Wie die Gewöhnung an Pflanzennahrung neben dem Fleisch die wilden Katzen und Hunde zu Dienern des Menschen gemacht, so hat die Angewöhnung an die Fleischnahrung neben der Pflanzenkost wesentlich dazu beigetragen, dem werdenden Menschen Körperkraft und Selbständigkeit zu geben. Am wesentlichsten aber war die Wirkung der Fleischnahrung auf das Gehirn, dem nun die zu seiner Ernährung und Entwicklung nötigen Stoffe weit reichlicher zuflössen als vorher, und das sich daher von Geschlecht zu Geschlecht rascher und vollkommener ausbilden konnte. Mit Verlaub der Herren Vegetarianer, der Mensch ist nicht ohne Fleischnahrung zustande gekommen, und wenn die Fleischnahrung auch bei allen uns bekannten Völkern zu irgendeiner Zeit einmal zur Menschenfresserei geführt hat (die Vorfahren der Berliner, die Weletaben oder Wilzen, aßen ihre Eltern noch im 10. Jahrhundert (d)), so kann uns das heute nichts mehr ausmachen.
Die Fleischkost führte zu zwei neuen Fortschritten von entscheidender Bedeutung: zur Dienstbarmachung des Feuers und zur Zähmung von Tieren. Die erstere kürzte den Verdauungsprozeß noch mehr ab, indem sie die Kost schon sozusagen halbverdaut an den Mund brachte; die zweite machte die Fleischkost reichlicher, indem sie neben der Jagd eine neue regelmäßigere Bezugsquelle dafür eröffnete, und lieferte außerdem in der Milch und ihren Produkten ein neues, dem Fleisch an Stoffmischung mindestens gleichwertiges Nahrungsmittel. So wurden beide schon direkt neue Emanzipationsmittel für den Menschen; auf ihre indirekten Wirkungen im einzelnen einzugehn, würde uns hier zu weit führen, von so hoher Wichtigkeit sie auch für die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft gewesen sind.
Wie der Mensch alles Eßbare essen lernte, so lernte er auch in jedem Klima leben. Er verbreitete sich über die ganze bewohnbare Erde, er, das einzige Tier, das in sich selbst die Machtvollkommenheit dazu besaß. Die andren Tiere, die sich an alle Klimata gewöhnt haben, haben dies nicht aus sich selbst, nur im Gefolge des Menschen, gelernt: Haustiere und Ungeziefer. Und der Übergang aus dem gleichmäßig heißen Klima der Urheimat in kältere Gegenden, wo das Jahr sich in Winter und Sommer teilte, schuf neue Bedürfnisse: Wohnung und Kleidung zum Schutz gegen Kälte und Nässe, neue Arbeitsgebiete und damit neue Betätigungen, die den Menschen immer weiter vom Tier entfernten.
Durch das Zusammenwirken von Hand, Sprachorganen und Gehirn nicht allein bei jedem einzelnen, sondern auch in der Gesellschaft, wurden die Menschen befähigt, immer verwickeltere Verrichtungen auszuführen, immer höhere Ziele sich zu stellen und zu erreichen. Die Arbeit selbst wurde von Geschlecht zu Geschlecht eine andre, vollkommnere, vielseitigere. Zur Jagd und Viehzucht trat der Ackerbau, zu diesem Spinnen und Weben, Verarbeitung der Metalle, Töpferei, Schiffahrt. Neben Handel und Gewerbe trat endlich Kunst und Wissenschaft, aus Stämmen wurden Nationen und Staaten. Recht und Politik entwickelten sich, und mit ihnen das phantastische Spiegelbild der menschlichen Dinge im menschlichen Kopf: die Religion. Vor allen diesen Gebilden, die zunächst als Produkte des Kopfs sich darstellten und die die menschlichen Gesellschaften zu beherrschen schienen, traten die bescheidneren Erzeugnisse der arbeitenden Hand in den Hintergrund; und zwar um so mehr, als der die Arbeit planende Kopf schon auf einer sehr frühen Entwicklungsstufe der Gesellschaft (z.B. schon in der einfachen Familie) die geplante Arbeit durch andre Hände ausführen lassen konnte als die seinigen. Dem Kopf, der Entwicklung und Tätigkeit des Gehirns, wurde alles Verdienst an der rasch fortschreitenden Zivilisation zugeschrieben; die Menschen gewöhnten sich daran, ihr Tun aus ihrem Denken zu erklären statt aus ihren Bedürfnissen (die dabei allerdings im Kopf sich widerspiegeln, zum Bewußtsein kommen) – und so entstand mit der Zeit jene idealistische Weltanschauung, die namentlich seit Untergang der antiken Welt die Köpfe beherrscht hat. Sie herrscht noch so sehr, daß selbst die materialistischsten Naturforscher der Darwinschen Schule sich noch keine klare Vorstellung von der Entstehung des Menschen machen können, weil sie unter jenem ideologischen Einfluß die Rolle nicht erkennen, die die Arbeit dabei gespielt hat.
Die Tiere, wie schon angedeutet, verändern durch ihre Tätigkeit die äußere Natur ebensogut, wenn auch nicht in dem Maße wie der Mensch, und diese durch sie vollzogenen Änderungen ihrer Umgebung wirken, wie wir sahen, wieder verändernd auf ihre Urheber zurück. Denn in der Natur geschieht nichts vereinzelt. Jedes wirkt aufs andre und umgekehrt, und es ist meist das Vergessen dieser allseitigen Bewegung und Wechselwirkung, das unsre Naturforscher verhindert, in den einfachsten Dingen klarzusehn. Wir sahen, wie die Ziegen die Wiederbewaldung von Griechenland verhindern; in Sankt Helena haben die von den ersten Anseglern ans Land gesetzten Ziegen und Schweine es fertiggebracht, die alte Vegetation der Insel fast ganz auszurotten, und so den Boden bereitet, auf dem die von späteren Schiffern und Kolonisten zugeführten Pflanzen sich ausbreiten konnten. Aber wenn die Tiere eine dauernde Einwirkung auf ihre Umgebung ausüben, so geschieht dies unabsichtlich und ist, für diese Tiere selbst, etwas Zufälliges. Je mehr die Menschen sich aber vom Tier entfernen, desto mehr nimmt ihre Einwirkung auf die Natur den Charakter vorbedachter, planmäßiger, auf bestimmte, vorher bekannte Ziele gerichteter Handlung an. Das Tier vernichtet die Vegetation eines Landstrichs, ohne zu wissen, was es tut. Der Mensch vernichtet sie, um in den freigewordnen Boden Feldfrüchte zu säen oder Bäume und Reben zu pflanzen, von denen er weiß, daß sie ihm ein Vielfaches der Aussaat einbringen werden. Er versetzt Nutzpflanzen und Haustiere von einem Land ins andre und ändert so die Vegetation und das Tierleben ganzer Weltteile. Noch mehr. Durch künstliche Züchtung werden Pflanzen wie Tiere unter der Hand des Menschen in einer Weise verändert,daß sie nicht wiederzuerkennen sind. Die wilden Pflanzen, von denen unsre Getreidearten abstammen, werden noch vergebens gesucht. Von welchem wilden Tier unsre Hunde, die selbst unter sich so verschieden sind, oder unsre ebenso zahlreichen Pferderassen abstammen, ist noch immer streitig.
Es versteht sich übrigens von selbst, daß es uns nicht einfällt, den Tieren die Fähigkeit planmäßiger, vorbedachter Handlungsweise abzustreiten. Im Gegenteil. Planmäßige Handlungsweise existiert im Keime schon überall, wo Protoplasma, lebendiges Eiweiß existiert und reagiert, d.h. bestimmte, wenn auch noch so einfache Bewegungen als Folge bestimmter Reize von außen vollzieht. Solche Reaktion findet statt, wo noch gar keine Zelle, geschweige eine Nervenzelle, besteht. Die Art, wie insektenfressende Pflanzen ihre Beute abfangen, erscheint ebenfalls in gewisser Beziehung als planmäßig, obwohl vollständig bewußtlos. Bei den Tieren entwickelt sich die Fähigkeit bewußter, planmäßiger Aktion im Verhältnis zur Entwicklung des Nervensystems und erreicht bei den Säugetieren eine schon hohe Stufe. Auf der englischen Fuchsparforcejagd kann man täglich beobachten, wie genau der Fuchs seine große Ortskenntnis zu verwenden weiß, um seinen Verfolgern zu entgehn, und wie gut er alle Boden vorteile kennt und benutzt, die die Fährte unterbrechen. Bei unsern im Umgang mit Menschen höher entwickelten Haustieren kann man tagtäglich Streiche der Schlauheit beobachten, die mit denen menschlicher Kinder ganz auf derselben Stufe stehn. Denn wie die Entwicklungsgeschichte des menschlichen Keims im Mutterleibe nur eine abgekürzte Wiederholung der millionenjährigen körperlichen Entwicklungsgeschichte unsrer tierischen Vorfahren, vom Wurm angefangen, darstellt, so die geistige Entwicklung des menschlichen Kindes eine, nur noch mehr abgekürzte, wiederholung der intellektuellen Entwicklung derselben Vorfahren, wenigstens der späteren. Aber alle planmäßige Aktion aller Tiere hat es nicht fertiggebracht, der Erde den Stempel ihres Willens aufzudrücken. Dazu gehörte der Mensch.
Kurz, das Tier benutzt die äußere Natur bloß und bringt Änderungen in ihr einfach durch seine Anwesenheit zustande; der Mensch macht sie durch seine Änderungen seinen Zwecken dienstbar, beherrscht sie. Und das ist der letzte, wesentliche Unterschied des Menschen von den übrigen Tieren, und es ist wieder die Arbeit, die diesen Unterschied bewirkt (e).
Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben. Die Leute, die in Mesopotamien, Griechenland, Kleinasien und anderswo die Wälder ausrotteten, um urbares Land zu gewinner (f), träumten nicht, daß sie damit den Grund zur jetzigen Verödung jener Länder legten, indem sie ihnen mit den Wäldern die Ansammlungszentren und Behälter der Feuchtigkeit entzogen.[259] Die Italiener der Alpen, als sie die am Nordabhang des Gebirgs so sorgsam gehegten Tannenwälder am Südabhang vernutzten, ahnten nicht, daß sie damit der Sennwirtschaft auf ihrem Gebiet die Wurzel abgruben; sie ahnten noch weniger, daß sie dadurch ihren Bergquellen für den größten Teil des Jahrs das Wasser entzogen, damit diese zur Regenzeit um so wütendere Flutströme über die Ebene ergießen könnten. Die Verbreiter der Kartoffel in Europa wußten nicht, daß sie mit den mehligen Knollen zugleich die Skrofelkrankheit verbreiteten. Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht – sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und daß unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.
Und in der Tat lernen wir mit jedem Tag ihre Gesetze richtiger verstehn und die näheren und entfernteren Nachwirkungen unsrer Eingriffe in den herkömmlichen Gang der Natur erkennen. Namentlich seit den gewaltigen Fortschritten der Naturwissenschaft in diesem Jahrhundert werden wir mehr und mehr in den Stand gesetzt, auch die entfernteren natürlichen Nachwirkungen wenigstens unsrer gewöhnlichsten Produktionshandlungen kennen und damit beherrschen zu lernen. Je mehr dies aber geschieht, desto mehr werden sich die Menschen wieder als Eins mit der Natur nicht nur fühlen, sondern auch wissen, und je unmöglicher wird jene widersinnige und widernatürliche Vorstellung von einem Gegensatz zwischen Geist und Materie, Mensch und Natur, Seele und Leib, wie sie seit dem Verfall des klassischen Altertums in Europa aufgekommen und im Christentum ihre höchste Ausbildung erhalten hat.
Hat es aber schon die Arbeit von Jahrtausenden erfordert, bis wir einigermaßen lernten, die entferntem natürlichen Wirkungen unsrer auf die Produktion gerichteten Handlungen zu berechnen, so war dies noch weit schwieriger in bezug auf die entfernteren gesellschaftlichen Wirkungen dieser Handlungen. Wir erwähnten die Kartoffel und in ihrem Gefolge die Ausbreitung der Skrofeln. Aber was sind die Skrofeln gegen die Wirkungen, die die Reduktion der Arbeiter auf Kartoffelnahrung auf die Lebenslage der Volksmassen ganzer Länder hatte, gegen die Hungersnot, die 1847 im Gefolge der Kartoffelkrankheit Irland betraf, eine Million kartoffel- und fast nur kartoffelessender Irländer unter die Erde und zwei Millionen über das Meer warf? Als die Araber den Alkohol destillieren lernten, ließen sie sich nicht im Traume einfallen, daß sie damit eins der Hauptwerkzeuge geschaffen, womit die Ureinwohner des damals noch gar nicht entdeckten Amerikas aus der Weltgeschafft werden sollten. Und als dann Kolumbus dies Amerika entdeckte, wußte er nicht, daß er damit die in Europa längst überwundne Sklaverei zu neuem Leben erweckte und die Grundlage zum Negerhandel legte. Die Männer, die im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert an der Herstellung der Dampfmaschine arbeiteten, ahnten nicht, daß sie das Werkzeug fertigstellten, das mehr als jedes andre die Gesellschaftszustände der ganzen Welt revolutionieren und namentlich in Europa durch Konzentrierung des Reichtums auf Seite der Minderzahl, und der Besitzlosigkeit auf Seite der ungeheuren Mehrzahl, zuerst der Bourgeoisie die soziale und politische Herrschaft verschaffen, dann aber einen Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat erzeugen sollte, der nur mit dem Sturz der Bourgeoisie und der Abschaffung aller Klassengegensätze endigen kann. – Aber auch auf diesem Gebiet lernen wir allmählich, durch lange, oft harte Erfahrung und durch Zusammenstellung und Untersuchung des geschichtlichen Stoffs, uns über die mittelbaren, entfernteren gesellschaftlichen Wirkungen unsrer produktiven Tätigkeit Klarheit zu verschaffen, und damit wird uns die Möglichkeit gegeben, auch diese Wirkungen zu beherrschen und zu regeln.
Um diese Regelung aber durchzuführen, dazu gehört mehr als die bloße Erkenntnis. Dazu gehört eine vollständige Umwälzung unsrer bisherigen Produktionsweise und mit ihr unsrer jetzigen gesamten gesellschaftlichen Ordnung.
Alle bisherigen Produktionsweisen sind nur auf Erzielung des nächsten, unmittelbarsten Nutzeffekts der Arbeit ausgegangen. Die weiteren erst in späterer Zeit eintretenden, durch allmähliche Wiederholung und Anhäufung wirksam werdenden Folgen blieben gänzlich vernachlässigt. Das ursprüngliche gemeinsame Eigentum am Boden entsprach einerseits einem Entwicklungszustand der Menschen, der ihren Gesichtskreis überhaupt auf das Allernächste beschränkte, und setzte andrerseits einen gewissen Überfluß an verfügbarem Boden voraus, der gegenüber den etwaigen schlimmen Folgen dieser waldursprünglichen Wirtschaft einen gewissen Spielraum ließ. Wurde dieser Überschuß von Land erschöpft, so verfiel auch das Gemeineigentum. Alle höheren Formen der Produktion aber sind zur Trennung der Bevölkerung in verschiedne Klassen und damit zum Gegensatz von herrschenden und unterdrückten Klassen vorangegangen; damit aber wurde das Interesse der herrschenden Klasse das treibende Element der Produktion, soweit diese sich nicht auf den notdürftigsten Lebensunterhalt der Unterdrückten beschränkte. Am vollständigsten ist dies in der jetzt in Westeuropa herrschenden kapitalistischen Produktionsweise durchgeführt. Die einzelnen, Produktion und Austausch beherrschenden Kapitalisten können sich nur um den unmittelbarsten Nutzeffekt ihrer Handlungen kümmern. Ja selbst dieser Nutzeffekt – soweit es sich um den Nutzen des erzeugten oder ausgetauschten Artikels handelt – tritt vollständig in den Hintergrund; der beim Verkauf zu erzielende Profit wird die einzige Triebfeder.

***

Die Sozialwissenschaft der Bourgeoisie, die klassische politische Ökonomie, beschäftigt sich vorwiegend nur mit den unmittelbar beabsichtigten gesellschaftlichen Wirkungen der auf Produktion und Austausch gerichteten menschlichen Handlungen. Dies entspricht ganz der gesellschaftlichen Organisation, deren theoretischer Ausdruck sie ist. Wo einzelne Kapitalisten um des unmittelbaren Profits willen produzieren und austauschen, können in erster Linie nur die nächsten, unmittelbarsten Resultate in Betracht kommen. Wenn der einzelne Fabrikant oder Kaufmann die fabrizierte oder eingekaufte Ware nur mit dem üblichen Profitchen verkauft, so ist er zufrieden, und es kümmert ihn nicht, was nachher aus der Ware und deren Käufer wird. Ebenso mit den natürlichen Wirkungen derselben Handlungen. Die spanischen Pflanzer in Kuba, die die Wälder an den Abhängen niederbrannten und in der Asche Dünger genug für eine Generation höchst rentabler Kaffeebäume vorfanden – was lag ihnen daran, daß nachher die tropischen Regengüsse die nun schutzlose Dammerde herabschwemmten und nur nackten Fels hinterließen? Gegenüber der Natur wie der Gesellschaft kommt bei der heutigen Produktionsweise vorwiegend nur der erste, handgreiflichste Erfolg in Betracht; und dann wundert man sich noch, daß die entfernteren Nachwirkungen der hierauf gerichteten Handlungen ganz andre, meist ganz entgegengesetzte sind, daß die Harmonie von Nachfrage und Angebot in deren polaren Gegensatz umschlägt, wie der Verlauf jedes zehnjährigen industriellen Zyklüs ihn vorführt und wie auch Deutschland im „Krach“ (g) ein kleines Vorspiel davon erlebt hat; daß das auf eigne Arbeit gegründete Privateigentum sich mit Notwendigkeit fortentwickelt zur Eigentumslosigkeit der Arbeiter, während aller Besitz sich mehr und mehr in den Händen von Nichtarbeitern konzentriert; daß [...] (h).
Anmerkungen
a. „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ lautet die Überschrift dieses Artikels im Inhaltsverzeichnis des 2.Konvoluts des Materials zur „Dialektik der Natur“. Der Artikel wurde von Engels ursprünglich als Einleitung zu einer umfangreicheren Arbeit mit dem Titel „Über die drei Grundformen der Knechtschaft“ geschrieben. Später änderte Engels diesen Titel in „Die Knechtung des Arbeiters. Einleitung“. Aber da diese Arbeit nicht vollendet wurde, gab Engels schließlich dem von ihm geschriebenen einführenden Teil die Überschrift „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“, der dem Hauptinhalt des Manuskripts dieser Arbeit entspricht. Der Artikel wurde offenbar im Juni 1876 geschrieben. Für diese Annahme spricht ein Brief Wilhelm Liebknechts an Engels vom 10. Juni 1876, in dem Liebkriecht u.a. schreibt, er warte ungeduldig auf die von Engels versprochene Arbeit „Über die drei Grundformen der Knechtschaft“ für den „Volksstaat“. 1896 wurde dieser Artikel in der Zeitschrift „Die Neue Zeit“ veröffentlicht (Jahrgang XIV, Band 2, S. 545-554) [Endnote m.e.w.].
b. Charles Darwin, „The descent of man, and selection in relation to sex“, vol. 1, London 1871, 6. Kapitel: „Über die Verwandtschaften und die Genealogie des Menschen“ [Endnote m.e.w.]. Highly unlikely; Friedrich Engels, like Karl Marx, doesn’t give a single explicit reference to this work and most probably they never read it; see: The Descent of Man and Selection in Relation to Sex  / By Charles Darwin M.A., fellow of the Royal Society, etc., with illustrations – New Edition, Revised and Augmented, Complete in One Volume. – New York : D. Appleton and Company, 1889. – p. 146-165, more particularly p. 160: “The early progenitors of man must have been once covered with hair, both sexes having beards; their ears were probably pointed, and capable of movement; and their bodies were provided with a tail, having the proper muscles.” On p. 158 Darwin refers back to Häckel, Generelle Morphologie (elaborate tables) and Natürliche Schöpfungsgeschichte (more about man). Friedrich Engels probably based himself on Ernst Haeckel. [Redaktionelle Bemerkung].
c. Eine Autorität ersten Rangs in dieser Beziehung, Sir W. Thomson, hat berechnet, daß nicht viel mehr als hundert Millionen Jahre verflossen sein können seit der Zeit, wo die Erde soweit abgekühlt war, daß Pflanzen und Tiere auf ihr leben konnten.[Fußnote von Friedrich Engels] [...] Die Zeitannahme für die erste Entstehung des Lebens auf der Erde geht bei den verschiedenen Forschern weit auseinander und schwankt heute zwischen 2000 bis 5000 Millionen Jahren [Endnote m.e.w.].
d. Engels meint das von Jacob Grimm in seinem Buch „Deutsche Rechtsalterthümer“, Göttingen 1828 (zweite Aufl. 1854) auf der Seite 488 angeführte Zeugnis des Mönches Notker Labeo (der Großlippige) (etwa 952 bis 1022). Dieses Zeugnis zitiert Engels nach Jacob Grimm in seiner unvollendet gebliebenen Arbeit „Die Geschichte Irlands“ (siehe Band 16 unserer Ausgabe, S. 489) [Endnote m.e.w.].
e. Am Rande des Manuskripts ist mit Bleistift vermerkt: „Veredlung“ [Fußnote m.e.w.].
f. Zur Frage des Einflusses der menschlichen Tätigkeit auf die Veränderung der Pflanzenwelt und des Klimas benutzte Engels das Buch von Carl Fraas: „Klima und Pflanzenwelt in der Zeit, ein Beitrag zur Geschichte beider“, Landshut 1847. Auf dieses Werk hatte Marx am 25. März 1868 Engels brieflich aufmerksam gemacht [Endnote m.e.w.].
g. Gemeint ist die Weltwirtschaftskrise von 1873. In Deutschland begann diese Krise im Mai 1873 mit dem „großen Krach“, der das Vorspiel einer langandauernden Krise war, die sich bis ans Ende der siebziger Jahre hinzog [Endnote m.e.w.].
h. Hier bricht das Manuskript ab. [Fußnote m.e.w.].

Dialektik der Natur – Notizen und Fragmente – Historisches

Quelle:  m.e.w., Bd. 20, S. 466

Es ist bezeichnend, daß diese konservative Naturanschauung sowohl im Anorganischen wie im Organischen [...] ()
Astronomie
Mechanik
Mathematik
Physik
Chemie
Geologie
Paläontologie
Mineralogie
Pflanzenphysiologie
Tierphysiologie
Anatomie
Therapeutik
Diagnostik.
1te Bresche: Kant und Laplace. 2te: Geologie und Paläontologie (Lyell, langsame Entwicklung). 3te: organische Chemie, die organische Körper herstellt und die Gültigkeit der chemischen Gesetze für die lebenden Körper darstellt. 4te: 1842, mechanische [Theorie der] Wärme, Grove. 5te: Darwin, Lamarck, Zelle etc. (Kampf, Cuvier und Agassiz). 6te: das vergleichende Element in Anatomie, Klimatologie (Isothermen), Tier- und Pflanzengeographie (wissenschaftliche Reiseexpeditionen seit Mitte 18. Jahrhunderts), überhaupt physikalischer Geographie (Humboldt), das Zusammenbringen des Materials in Zusammenhang. Morphologie (Embryologie, Baer) ().
Die alte Teleologie ist zum Teufel, aber fest steht jetzt die Gewißheit, daß die Materie in ihrem ewigen Kreislauf nach Gesetzen sich bewegt, die auf bestimmter Stufe – bald hier, bald da – in organischen Wesen den denkenden Geist mit Notwendigkeit produzieren.
Die normale Existenz der Tiere gegeben in den gleichzeitigen Verhältnissen, worin sie leben und denen sie sich adaptieren – die des Menschen, sobald er sich vom Tier im engern Sinn differenziert, sind noch nie dagewesen, erst durch künftige historische Entwicklung herauszuarbeiten. Der Mensch ist das einzige Tier, das sich aus dem bloß tierischen Zustand herausarbeiten kann – sein Normalzustand ein seinem Bewußtsein angemessener, von ihm selbst zu schaffender.
Anmerkungen
†) Der Satz ist unvollendet geblieben - [Fußnote m.e.w.]
‡) bis hierher ist der gesamte Text der Notiz im Manuskript, als von Engels im ersten Teil der „Einleitung" benutzt, mit einem senkrechten Strich durchstrichen (siehe vorl. Band, S. 311-320). Weiter folgen noch zwei Absätze, die teilweise im zweiten Teil der „Einleitung" (S. 320-327) benutzt wurden, aber im Manuskript nicht gestrichen sind [Fußnote m.e.w.]

Dialektik der Natur – Notizen und Fragmente – Historisches – Ausgelassenes aus „Feuerbach“

Quelle:  m.e.w., Bd. 20, S. 468

Aber noch blieb eine wesentliche Lücke. Wenn alle vielzelligen Organismen – Pflanzen wie Tiere mit Einschluß des Menschen – aus je einer Zelle nach dem Gesetz der Zellspaltung herauswachsen, woher dann die unendliche Verschiedenheit dieser Organismen? Diese Frage wurde beantwortet durch die dritte große Entdeckung, die Entwicklungstheorie, die zuerst von Darwin im Zusammenhang dargestellt und begründet wurde. So manche Umwandlungen diese Theorie auch noch im einzelnen durchmachen wird, so löst sie im ganzen und großen schon jetzt das Problem in mehr als genügender Weise. Die Entwicklungsreihe der Organismen von wenigen einfachen zu stets mannigfacheren und komplizierteren, wie wir sie heute vor uns sehn, und bis zum Menschen herauf, ist in den großen Grundzügen nachgewiesen; es ist damit nicht nur die Erklärung ermöglicht für den vorgefundnen Bestand an organischen Naturprodukten, sondern auch die Grundlage gegeben für die Vorgeschichte des Menschengeistes, für die Verfolgung seiner verschiednen Entwicklungsstufen vom einfachen strukturlosen, aber Reize empfindenden Protoplasma der niedrigsten Organismen bis zum denkenden Menschenhirn. Ohne diese Vorgeschichte aber bleibt das Dasein des denkenden Menschenhirns ein Wunder.

Dialektik der Natur – Notizen und Fragmente – Zufälligkeit und Notwendigkeit

Quelle:  m.e.w., Bd. 20, S. 489-490

Darwin, in seinem epochemachenden Werk, geht aus von der breitesten vorgefundnen Grundlage der Zufälligkeit. Es sind grade die unendlichen zufälligen Verschiedenheiten der Individuen innerhalb der einzelnen Arten, Verschiedenheiten, die sich bis zur Durchbrechung des Artcharakters steigern und deren selbst nächste Ursachen nur in den wenigsten Fällen nachweisbar sind, die ihn zwingen, die bisherige Grundlage aller Gesetzmäßigkeit in der Biologie, den Artbegriff in seiner bisherigen metaphysischen Starrheit und Unveränderlichkeit, in Frage zu stellen. Aber ohne den Artbegriff war die ganze Wissenschaft nichts. Alle ihre Zweige hatten den Artbegriff als Grundlage nötig: Die Anatomie des Menschen und die vergleichende – die Embryologie, die Zoologie, Paläontologie, Botanik etc., was waren sie ohne den Artbegriff? Alle ihre Resultate waren nicht nur in Frage gestellt, sondern direkt aufgehoben. Die Zufälligkeit wirft die Notwendigkeit, wie sie bisher aufgefaßt, über den Haufen. (i) Die bisherige Vorstellung von der Notwendigkeit versagt. Sie beizubehalten heißt, die sich selbst und der Wirklichkeit widersprechende Willkürbestimmung des Menschen der Natur als Gesetz aufzudiktieren, heißt damit alle innere Notwendigkeit in der lebenden Natur leugnen, heißt das chaotische Reich des Zufalls allgemein als einziges Gesetz der lebenden Natur proklamieren. „Gilt nichts mehr der Tausves-Jontof!“ (ii) – schrien die Biologen aller Schulen ganz konsequent.
Darwin (iii)
Anmerkungen
i. am Rande des Manuskripts steht etwas über dieser Stelle folgender Satz in Klammern: „Das inzwischen angehäufte Material von Zufälligkeiten hat die alte Vorstellung der Notwendigkeit erdrückt und durchbrochen.“ [Fußnote m.e.w.]
ii. Zitat aus Heines satirischem Gedicht „Disputation“, in dem ein mittelalterlicher Streit zwischen einem katholischen Kapuzinermönch und einem gelehrten jüdischen Rabbiner dargestellt wird. Letzterer beruft sich im Verlauf des Streits auf das jüdische Religionsbuch „Tausves-Jontof“, worauf der Kapuziner den „Tausves-Jontof“ zum Teufel wünscht. Nun gerät der wütende Rabbi außer sich und schreit: „Gilt nichts mehr der Tausves-Jontof, was soll gelten? Zeter! Zeter!“ [Endnote m.e.w.].
iii. Vgl. vorl. Band, S. 563 [Fußnote m.e.w.].

Dialektik der Natur – Notizen und Fragmente – Biologie

Quelle:  m.e.w., Bd. 20, S. 557-578

Bemerkenswert der Nachweis, wie sehr Liebig in der doch an die Chemie angrenzenden Wissenschaft, der Biologie, Dilettant war.
Darwin las er erst 1861, viel später erst die auf Darwin folgenden wichtigen biologischen und paläontologisch-geologischen Schriften. Lamarck hatte er „nie gelesen“. „Ebenso waren ihm die schon vor 1859 erschienenen wichtigen paläontologischen Spezialuntersuchungen von L. v. Buch, d’Orbigny, Münster, Klipstein, Hauer, Quenstedt über die fossilen Zephalopoden, welche ein so merkwürdiges Licht auf den genetischen Zusammenhang der verschiedenen Schöpfungen werfen, gänzlich unbekannt geblieben. All die genannten Forscher waren... durch die Macht der Tatsachen, fast wider ihren Willen, zur Lamarckschen Abstammungshypothese hingedrängt worden“, und zwar vor Darwins Buch. „Die Deszendenztheorie hatte demnach in den Ansichten derjenigen Forscher, welche sich eingehender mit einer vergleichenden Untersuchung der fossilen Organismen beschäftigten, bereits in aller Stille Wurzeln geschlagen. L. v. Buch hatte schon 1832 in ,Über die Ammoniten und ihre Sonderung in Familien‘ und 1848 in einer vor der Berliner Akademie gelesenen Abhandlung ,die Lamarcksche Idee von der typischen Verwandtschaft der organischen Formen als Zeichen ihrer gemeinsamen Abstammung‘ mit aller Bestimmtheit in die Petrefaktenkunde (!) eingeführt“, und auf seine Ammonitenuntersuchung stützte er 1848 den Ausspruch: „daß das Verschwinden alter und das Erscheinen neuer Formen keine Folge einer gänzlichen Vernichtung der organischen Schöpfungen, sondern daß die Bildung neuer Arten aus älteren Formen höchstwahrscheinlich nur durch veränderte Lebensbedingungen erfolgt sei“.

Dialektik der Natur – Notizen und Fragmente – Biologie

Quelle:  m.e.w., Bd. 20, S. 563-566

Darwinsche Theorie nachzuweisen als die praktische Beweisführung der Hegelschen Darstellung des innern Zusammenhangs von Notwendigkeit und Zufälligkeit (k).

–––

Kampf ums Dasein. Vor allen Dingen streng zu beschränken auf die durch pflanzliche und tierische Übervölkerung hervorgerufenen Kämpfe, die auf gewissen pflanzlichen und niedrigen tierischen Stufen in der Tat vorkommen. Aber davon scharf zu trennen die Verhältnisse, wo Arten sich ändern, alte aussterben und neue, entwickelte, an ihre Stelle treten ohne diese Übervölkerung: z.B. bei Wanderung von Tieren und Pflanzen in neue Gegenden, wo neue klimatische Boden- etc. Bedingungen die Abänderung besorgen. Wenn da die sich anpassenden Individuen überleben und sich durch stets wachsende Anpassung zu einer neuen Art fortbilden, während die andern, stabileren Individuen absterben und schließlich aussterben, und mit ihnen die unvollkommenen Mittelstufen, so kann dies vor sich gehn und geht vor sich ohne allen Malthusianismus, und sollte dieser je dabei vorkommen, so ändert er nichts am Prozeß, kann ihn höchstens beschleunigen. – Ebenso bei der allmählichen Veränderung der geographischen, klimatischen etc. Verhältnisse in einem gegebnen Gebiet (Entwässerung von Zentralasien z.B.). Ob da die tierische oder pflanzliche Bevölkerung aufeinander drückt oder nicht, ist gleichgültig; der durch sie bedingte Entwicklungsprozeß der Organismen geht doch vor sich. – Ebenso bei der sexuellen Zuchtwahl [Die Abstammung], wo der Malthusianismus auch ganz beiseite bleibt. –
Daher auch die Haeckelsche „Anpassung und Vererbung“ den ganzen Entwicklungsprozeß besorgen kann, ohne die Zuchtwahl und den Malthusianismus nötig zu haben.
Es ist eben der Fehler von Darwin, daß er in „Natural selection or the survival of the fittest“ (l) (m) zwei wildfremde Sachen durcheinanderwirft:
1. Selektion durch den Druck der Übervölkerung, wo die Stärksten vielleicht am ersten überleben, aber auch die Schwächsten in mancher Beziehung sein können.
2. Selektion durch größere Anpassungsfähigkeit an veränderte Umstände, wo die Überlebenden für diese Umstände besser geeignet, aber wo diese Anpassung ebensowohl Fortschritt wie Rückschritt im ganzen bedeuten kann (z.B. Anpassung an Parasitenleben immer Rückschritt).
Hauptsache: daß jeder Fortschritt in der organischen Entwicklung zugleich ein Rückschritt, indem er einseitige Entwicklung fixiert, die Möglichkeit der Entwicklung in vielen andern Richtungen ausschließt [generalist en specialist].
Dies aber Grundgesetz.

–––

Struggle for life (n) (o). Bis auf Darwin von seinen jetzigen Anhängern grade das harmonische Zusammenwirken der organischen Natur hervorgehoben, wie das Pflanzenreich den Tieren Nahrung und Sauerstoff liefert, und diese den Pflanzen Dünger und Ammoniak und Kohlensäure. Kaum war Darwin anerkannt, so sehen dieselben Leute überall nur Kampf. Beide Auffassungen innerhalb enger Grenzen berechtigt, aber beide gleich einseitig und borniert. Die Wechselwirkung toter Naturkörper schließt Harmonie und Kollision, die lebender bewußtes und unbewußtes Zusammenwirken wie bewußten und unbewußten Kampf ein. Es ist also schon in der Natur nicht erlaubt, den einseitigen „Kampf“ allein auf die Fahne zu schreiben. Aber ganz kindisch ist es, den ganzen mannigfaltigen Reichtum der geschichtlichen Ent- und Verwicklung unter die magre und einseitige Phrase „Kampf ums Dasein“ subsumieren zu wollen. Man sagt damit weniger als nichts.
Die ganze Darwinsche Lehre vom Kampf ums Dasein ist einfach die Übertragung der Hobbesschen Lehre vom bellum omnium contra omnes (p) (q) und der bürgerlichen ökonomischen von der Konkurrenz, sowie der Malthusschen Bevölkerungstheorie aus der Gesellschaft in die belebte Natur. Nachdem man dies Kunststück fertiggebracht (dessen unbedingte Berechtigung, besonders was die Malthussche Lehre angeht, noch sehr fraglich), ist es sehr leicht, diese Lehren aus der Naturgeschichte wieder in die Geschichte der Gesellschaft zurückzuübertragen, und eine gar zu starke Naivität, zu behaupten, man habe damit diese Behauptungen als ewige Naturgesetze der Gesellschaft nachgewiesen.
Akzeptieren wir die Phrase: Kampf ums Dasein, für einen Moment, for argument's sake (r). Das Tier bringt’s höchstens zum Sammeln, der Mensch produziert, er stellt Lebensmittel im weitesten Sinn des Worts dar, die die Natur ohne ihn nicht produziert hätte. Damit jede Übertragung von Lebensgesetzen der tierischen Gesellschaften so ohne weiteres auf menschliche unmöglich gemacht. Die Produktion bringt es bald dahin, daß der sog. struggle for existence (s) sich nicht mehr um reine Existenzmittel, sondern um Genuß- und Entwicklungsmittel dreht. Hier schon – bei gesellschaftlich produzierten Entwicklungsmitteln – die Kategorien aus dem Tierreich total unanwendbar. Endlich erreicht unter der kapitalistischen Produktionsweise die Produktion eine solche Höhe, daß die Gesellschaft die produzierten Lebens-, Genuß- und Entwicklungsmittel nicht mehr verzehren kann, weil der großen Masse der Produzenten der Zugang zu diesen Mitteln künstlich und gewaltsam versperrt wird; daß also alle 10 Jahre eine Krisis das Gleichgewicht wiederherstellt durch Vernichtung nicht allein der produzierten Lebens-, Genuß- und Entwicklungsmittel, sondern auch eines großen Teils der Produktivkräfte selbst – daß der sog. Kampf ums Dasein also die Form annimmt: die von der bürgerlichen kapitalistischen Gesellschaft produzierten Produkte und Produktivkräfte gegen die vernichtende, zerstörende Wirkung dieser kapitalistischen Gesellschaftsordnung selbst zu schützen, indem die Leitung der gesellschaftlichen Produktion und Verteilung der dazu unfähig gewordenen herrschenden Kapitalistenklasse abgenommen und der produzierenden Masse übertragen wird – und das ist die sozialistische Revolution.
Schon die Auffassung der Geschichte als einer Reihe von Klassenkämpfen viel inhaltsvoller und tiefer als die bloße Reduktion auf schwach verschiedne Phasen des Kampfs ums Dasein.
Anmerkungen
k. Siehe vorl. Band, S. 486-490 [Fußnote m.e.w.]
l. „Die natürliche Zuchtwahl oder das Überleben der Tauglichsten“ [Fußnote m.e.w.]
m. Dies ist der Titel des IV. Kapitels von Charles Darwins Werk „On the origin of species by means of natural selection...“ [Endnote m.e.w.]
n. Kampf ums Leben [Fußnote m.e.w.]
o. Der Inhalt dieser Notiz stimmt fast wörtlich mit dem Inhalt des Briefes von Engels an P.L. Lawrow vom 12. November 1875 überein. [Endnote m.e.w.]
p. Krieg aller gegen alle [Fußnote m.e.w.]
q. Bellum omnium contra omnes – Äußerung von Thomas Hobbes, die in der Vorrede an die Leser zu seinem Buch „Elementa philosophica de cive“ (1647) sowie im Kapitel XIII und XIV seiner Schrift „Leviathan“ or the matter, form, and power of a Commonwealth, ecclesiastical and civil“ (1651; die lateinische Ausgabe erschien 1668) enthalten ist. [Endnote m.e.w.]
r. zwecks Analyse des Beweises [Fußnote m.e.w.]
s. Kampf ums Dasein [Fußnote m.e.w.]

Dialektik der Natur – Notizen und Fragmente – Aus Engels’ Vorarbeiten zum „Anti-Dühring“ (t)

Quelle:  m.e.w., Bd. 20, S. 576-578

zu: VII. Naturphilosophie. Organische Welt, S. 64-67
[Natürliche Zuchtwahl]
Dühring sollte froh sein über die natural selection, da sie doch das beste Exempel gibt für seine bewußte Zweck- und Mittellehre. – Wenn Darwin die Form untersucht, eine natural Selection, in der sich eine langsame Veränderung vollzieht, so verlangt Dühring, Darwin solle auch die Ursache der Veränderung angeben, über die Herr Dühring ebenfalls nichts weiß. Man nehme welchen Fortschritt der Wissenschaft man wolle, Herr Dühring wird immer erklären, es fehle noch was dran, und so hinreichenden Grund zur Verdrießlichkeit haben.
zu: VII. Naturphilosophie. Organische Welt
[Über Darwin]
Wie groß erscheint der durch und durch bescheidne Darwin, der nicht nur Tausende von Tatsachen aus der gesamten Biologie zusammenträgt, ordnet und verarbeitet, sondern auch mit Freude jeden Vorgänger, selbst zur Verkleinerung seines eignen Ruhms zitiert, und wäre er noch so unbedeutend, gegenüber dem prahlenden Dühring, der selbst nichts leistet, dem aber niemand genug leisten kann und der ...
zu: VII. Naturphilosophie. Organische Welt, S. 65-67
und VIII. (Schluß), S. 73/74
Dühringiana. Darwinismus p. [409] (u)
Anpassung der Pflanzen eine Kombination physikalischer Kräfte oder chemischer Agenzien, also keine Anpassung. Wenn „die Pflanze in ihrem Wachstum den Weg nimmt, auf dem sie das meiste Licht erhält“, so tut sie das auf verschiednen Wegen und in verschiedner Weise, die je nach Art und Beschaffenheit der Pflanze verschieden ist. Die physikalischen Kräfte und chemischen Agenzien wirken aber hier in jeder Pflanze besonders, und helfen der Pflanze, die doch etwas andres ist als diese „chemischen und physikalischen etc.“, das ihr nötige Licht auf dem ihr durch lange Vorentwicklung eigen gewordnen Wege zu erreichen. Ja, dies Licht wirkt wie ein Reiz auf die Pflanzenzellen und setzt in ihnen eben diese Kräfte und Agenzien als Reaktion in Bewegung. Indem die Sache in einem organischen Zellenbau vor sich geht und die Form von Reiz und Reaktion durchmacht, die hier ebensogut vorkommt wie in der Nervenvermittlung im menschlichen Gehirn, ist bei beiden derselbe Ausdruck Anpassung angebracht. Und wenn Anpassung platterdings durch Bewußtsein vermittelt sein soll, wo fängt das Bewußtsein und die Anpassung an, und wo hört sie auf? Bei der Monere[42] (v), bei der insektenfressenden Pflanze, beim Schwamm, bei der Koralle, beim ersten Nerv? Dühring würde den Naturforschern alten Schlages einen enormen Gefallen tun, wenn er die Grenze ziehen wollte. Protoplasmareiz und Protoplasmareaktion finden sich überall, wo lebendes Protoplasma ist – und indem die Einwirkung langsam sich verändernder Reize es bedingt, daß das Protoplasma sich ebenfalls verändert, wenn es nicht untergehn soll, so ist der Ausdruck Anpassung notwendig für alle organischen Körper derselbe. (w)
zu: VII. Naturphilosophie. Organische Welt, S. 65/66ff.
[Anpassung und Vererbung]
Anpassung und Vererbung von Haeckel als Anpassung = negativ oder ändernd, Vererbung = positiv oder erhaltend in Beziehung auf Entwicklung der Arten gefaßt. Dagegen Dühring p. 122, daß die Vererbung auch negative Resultate, verändernd wirke. (Wobei schöner Kohl von Präformation. (x)) Nun ist nichts leichter, wie bei allen solchen Gegensätzen, sie umzukehren und nachzuweisen, daß die Anpassung grade durch Veränderung der Form das Wesentliche, das Organ selbst, erhält, während die Vererbung schon durch Mischung von stets 2 andern Individuen stets Veränderungen hervorbringt, deren Häufung einen Artwechsel nicht ausschließt. Sie vererbt ja auch die Resultate der Anpassung! Dabei kommen wir aber keinen Schritt weiter. Wir müssen den Tatbestand nehmen und untersuchen, wie er ist, und da findet sich allerdings, daß Haeckel ganz recht hat, die Vererbung wesentlich als die konservative, positive, die Anpassung als die revolutionierende, negative Seite des Prozesses anzusehn. Zähmung und Züchtung sowie unwillkürliche Anpassung sprechen da lauter als alle „subtilen Auffassungen“ Dührings.
Anmerkungen
t. Engels’ Vorarbeiten zum „Anti-Dühring“ bestehen aus zwei Teilen. Den ersten Teil bilden einzelne Blätter verschiedenen Formats (insgesamt 35 Seiten), die Auszüge aus Büchern von Dühring und Notizen von Engels enthalten, die teilweise durchgestrichen sind, soweit sie im Text des „Anti-Dühring“ benutzt worden waren. Den zweiten Teil bilden Blätter großen Formats (insgesamt 17 Seiten), die in zwei Spalten aufgeteilt sind: links stehen hauptsächlich die Auszüge aus der zweiten Ausgabe von Eugen Dührings „Cursus der National- und Socialökonomie“ und rechts die kritischen Bemerkungen von Engels; einzelne Stellen sind ebenfalls vertikal durchgestrichen, da sie im „Anti-Dühring“ benutzt worden waren.
Außerdem kommen zu den Vorbereitungsmaterialien für den „Anti-Dühring“ hinzu: eine Notiz über die Sklaverei (siehe die Seiten 585/586), Auszüge aus Fouriers Buch „Le nouveau monde industriel et sociétaire“ (siehe die Seite 589) sowie eine Note über en modernen Sozialismus, die die ursprüngliche Variante der „Einleitung“ zum „Anti-Dühring“ ist. Diese drei Notizen befinden sich unter den Materialien des 1. Konvoluts der „Dialektik der Natur“. In der vorliegenden Ausgabe werden die ersten beiden Notizen unter den Vorarbeiten zum „Anti-Dühring“ gegeben. Die wichtigsten Abweichungen des endgültigen Textes von der ursprünglichen Fassung der „Einleitung“ werden in den Fußnoten zum 1. Kapitel der „Einleitung“ wiedergegeben (siehe die Seiten 16, 19, 23 und 25).
In der vorliegenden Ausgabe werden diejenigen Vorarbeiten gebracht, die den Grundtext des „Anti-Dühring“ wesentlich ergänzen. Die Notizen des ersten Teils der Vorarbeiten sind entsprechend dem Text des „Anti-Dühring“ geordnet, auf die sie sich beziehen. Die Fragmente des zweiten Teils werden in der Reihenfolge gegeben, wie sie sich im Manuskript vorfinden. Der Inhalt der Auszüge aus Dührings Büchern, worauf sich die kritischen Bemerkungen von Engels beziehen, werden gekürzt gebracht und in eckige Klammern eingeschlossen.
Die Notizen, die den ersten Teil der Vorarbeiten zum „Anti-Dühring“ bilden, wurden offensichtlich 1876 geschrieben; der zweite Teil 1877. Zum erstenmal wurden diese Vorarbeiten teilweise in der Ausgabe: Marx-Engels Archiv. Band 2, Frankfurt a.M. 1927 und vollständiger in: Marx/Engels Gesamtausgabe. Friedrich Engels, „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft. - Dialektik der Natur. 1873-1882“. Sonderausgabe zum vierzigsten Todestage von Friedrich Engels (Moskau-Leningrad 1935), veröffentlicht [Endnote m.e.w.].
u. Die hier und im folgenden angeführten Seitenzahlen beziehen sich auf Dührings „Cursus der Philosophie...“, Leipzig 1875 [Endnote m.e.w.].
v. Protisten - nach der Klassifikation Haeckels eine umfangreiche Gruppe einfachster Organismen, die sowohl einzellig als auch zellenlos sind und neben den beiden Reichen der vielzelligen Organismen (dem Pflanzen- und Tierreich) ein besonderes drittes Reich der organischen Natur bilden.
Die Moneren sind nach Haeckels Hypothese „als die Urquellen alles organischen Lebens“ „vollkommen homogene, strukturlose, formlose Eiweißklumpen“, die alle wesentlichen Lebensfunktionen wie Nahrungsaufnahme, Bewegung, Reaktion auf Reize, Fortpflanzung erfüllen. Haeckel unterschied ursprüngliche, ausgestorbene Moneren, die durch Selbstzeugung oder Autogonie (Archigonie) „aus dem Urmeere durch Zusammenwirken rein physikalischer und chemischer Bedingungen, durch molekulare Bewegungen der Materie“ entstanden waren (archigonische Moneren), und noch lebende Moneren. Haeckel ließ die ersten zum Ausgangspunkt der Entwicklung aller drei Reiche der organischen Natur werden, da er glaubte, daß aus der archigonischen Monera sich historisch die Zelle entwickelt hatte. Die zweiten rechnete er zum Reich der Protisten, wo sie ihre erste, einfachste Klasse bilden. Die von Haeckel angenommenen heutigen Moneren unterteilte er in verschiedene Arten: Protamoeba primitiva, Protomyxa aurantiaca, Bathybius Haeckelii.
Die Termini „Protisten“ und „Moneren“ wurden von Haeckel 1866 (in seinem Buch „Generelle Morphologie der Organismen...“) eingeführt, haben sich jedoch in der Wissenschaft nicht eingebürgert. Heute werden die von Haeckel als Protisten angesehenen Organismen entweder als Pflanzen oder als Tiere klassifiziert. Die Annahme der Existenz von Moneren hat sich nicht bestätigt. Jedoch wurde die allgemeine Idee der Entwicklung der Zellenorganismen aus vorzelligen Gebilden und die Idee der Differenzierung der ursprünglichen Lebewesen in Pflanzen und Tiere in der Wissenschaft allgemein anerkannt [Endnote m.e.w.].
w. Randbemerkung von Engels: „Und die unwillkürliche Anpassung auch bei Tieren die Hauptsache“ [Fußnote m.e.w.].
x. Caspar Friedrich Wolff veröffentlichte 1759 seine Dissertation „Theoria generationis“, worin die Präformationstheorie umgestoßen und die Theorie der Epigenesis wissenschaftlich begründet wird.
Die Anhänger der metaphysischen Präformationstheorie, einer Theorie, die im 17. und 18. Jahrhundert unter den Biologen vorherrschend war, behaupteten, daß der heranreifende neue Organismus bereits im Keime in allen Einzelheiten vorgebildet sei, die Entwicklung des Organismus nur ein rein quantitatives Wachstum bedeute und eine Entwicklung, die auf einer ununterbrochen fortgesetzten Kette von Neubildungen (Epigenesis) beruhe, nicht vorkomme. Die Theorie der Epigenesis wurde durch eine Reihe bedeutender Biologen – von Wolff bis Darwin – begründet und entwickelt [Endnote m.e.w.].

Dialektik der Natur – Ergänzungen und Änderungen im Text des „Anti-Dühring“
die Engels für die Broschüre „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ vorgenommen hat (z)

Quelle:  m.e.w., Bd. 20, S. 607-608

Zur S.22
[Der Satz „Die Natur ist die Probe auf die Dialektik, und wir müssen es der modernen Naturwissenschaft nachsagen, daß sie für diese Probe ein äußerst reichliches, sich täglich häufendes Material geliefert und damit bewiesen hat, daß es in der Natur, in letzter Instanz, dialektisch und nicht metaphysisch hergeht" wurde wie folgt ergänzt:]
Die Natur ist die Probe auf die Dialektik, und wir müssen es der modernen Naturwissenschaft nachsagen, daß sie für diese Probe ein äußerst reichliches, sich täglich häufendes Material geliefert und damit bewiesen hat, daß es in der Natur, in letzter Instanz, dialektisch und nicht metaphysisch hergeht, daß sie sich nicht im ewigen Einerlei eines stets wiederholten Kreises bewegt, sondern eine wirkliche Geschichte durchmacht. Hier ist vor allen Darwin zu nennen, der der metaphysischen Naturauffassung den gewaltigsten Stoß versetzt hat durch seinen Nachweis, daß die ganze heutige organische Natur, Pflanzen und Tiere und damit auch der Mensch, das Produkt eines durch Millionen Jahre fortgesetzten Entwicklungsprozesses ist [Band 19, S. 205.] [Endnote m.e.w.].
Anmerkungen
z. Bei der Umarbeitung der drei Kapitel des „Anti-Dühring“ (das Kapitel I der Einleitung und die Kapitel I und II des dritten Abschnitts) zu der selbständigen Broschüre „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ ergänzte Engels den Text durch einige Zusätze und änderte einige Stellen. Engels hielt es für notwendig, einen Teil dieser Zusätze in den Text der zweiten Auflage des „Anti-Dühring“ (1885) aufzunehmen (siehe vorl. Band, S. 10). Hier werden die Zusätze, Einfügungen und Änderungen angeführt, die Engels bei der Vorbereitung der ersten (1882) und der vierten (1891) deutschen Auflage der Broschüre verfaßte, aber nicht in den Text des „Anti-Dühring“ aufgenommen hatte [Endnote m.e.w.].

M.E.W., Bd. 21


[Vorwort zum „Manifest der Kommunistischen Partei“ (deutsche Ausgabe von 1883) (aa) [28. Juni 1883]]

Quelle:  m.e.w., Bd. 21, S. 3-4

Der durchgehende Grundgedanke des „Manifestes“: daß die ökonomische Produktion und die aus ihr mit Notwendigkeit folgende gesellschaftliche Gliederung einer jeden Geschichtsepoche die Grundlage bildet für die politische und intellektuelle Geschichte dieser Epoche; daß demgemäß (seit Auflösung des uralten Gemeinbesitzes an Grund und Boden) die ganze Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen gewesen ist, Kämpfen zwischen ausgebeuteten und ausbeutenden, beherrschten und herrschenden Klassen auf verschiedenen Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung; daß dieser Kampf aber jetzt eine Stufe erreicht hat, wo die ausgebeutete und unterdrückte Klasse (das Proletariat) sich nicht mehr von der sie ausbeutenden und unterdrückenden Klasse (der Bourgeoisie) befreien kann, ohne zugleich die ganze Gesellschaft für immer von Ausbeutung, Unterdrückung und Klassenkämpfen zu befreien – dieser Grundgedanke gehört einzig und ausschließlich Marx an (bb).
Ich habe das schon oft ausgesprochen; es ist aber gerade jetzt nötig, daß es auch vor dem „Manifest“ selbst steht.
Anmerkungen
aa. Siehe vorl. Band, S. 357-358 [Fußnote m.e.w.].
bb. „Diesem Gedanken“, sage ich in der Vorrede zur englischen Übersetzung, „der nach meiner Ansicht berufen ist, für die Geschichtswissenschaft denselben Fortschritt zu begründen, den Darwins Theorie für die Naturwissenschaft begründet hat – diesem Gedanken hatten wir beide uns schon mehrere Jahre vor 1845 allmählich genähert. Wieweit ich selbständig mich in dieser Richtung voranbewegt, zeigt meine Lage der arbeitenden Klasse in England. Als ich aber im Frühjahr 1845 Marx in Brüssel wiedertraf, hatte er ihn fertig ausgearbeitet und legte ihn mir vor in fast ebenso klaren Worten wie die, worin ich ihn oben zusammengefaßt.“ [Anmerkung von Engels zur deutschen Ausgabe von l890.] [Fußnote m.e.w.].

Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie : Kapitel II / Friedrich Engels, 1886 (cc)

Quelle:  m.e.w., Bd. 21, S. 280

Indes ist hier zweierlei zu bemerken. Erstens war auch zu Feuerbachs Lebzeiten die Naturwissenschaft noch in jenem heftigen Gärungsprozeß begriffen, der erst in den letzten fünfzehn Jahren einen klärenden, relativen Abschluß erhalten hat; es wurde neuer Erkenntnisstoff in bisher unerhörtem Maß geliefert, aber die Herstellung des Zusammenhangs und damit der Ordnung in diesem Chaos sich überstürzender Entdeckungen ist erst ganz neuerdings möglich geworden. Zwar hat Feuerbach die drei entscheidenden Entdeckungen – die der Zelle, der Verwandlung der Energie und der nach Darwin benannten Entwicklungstheorie - noch alle erlebt. Aber wie sollte der einsame Philosoph auf dem Lande die Wissenschaft hinreichend verfolgen können, um Entdeckungen vollauf zu würdigen, die die Naturforscher selbst damals teils noch bestritten, teils nicht hinreichend auszubeuten verstanden? Die Schuld fällt hier einzig auf die erbärmlichen deutschen Zustände, kraft deren die Lehrstühle der Philosophie von spintisierenden eklektischen Flohknackern in Beschlag genommen wurden, während Feuerbach, der sie alle turmhoch überragte, in einem kleinen Dorf verbauern und versauern mußte. Es ist also nicht Feuerbachs Schuld, wenn die jetzt möglich gewordne, alle Einseitigkeiten des französischen Materialismus entfernende, historische Naturauffassung ihm unzugänglich blieb.
Anmerkungen
cc. „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“ zählt zu den grundlegenden Werken des Marxismus. Diese Arbeit zeigt das Verhältnis des Marxismus zu seinen philosophischen Vorgängern in Gestalt der bedeutendsten Repräsentanten der deutschen klassischen Philosophie – Hegel und Feuerbach – und gibt eine systematische Darstellung der Grundlagen des dialektischen und historischen Materialismus. Sie wurde erstmalig 1886 in der „Neuen Zeit" veröffentlicht und erschien 1888, mit einer Vorbemerkung von Engels, als revidierter Sonderabdruck. 1889 wurde „Ludwig Feuerbach“ in russischer Sprache auszugsweise in der Petersburger Zeitschrift „Sewerny Westnik“ und 1892 vollständig in der Übersetzung von G.W. Plechanow veröffentlicht. Im gleichen Jahr erschien eine bulgarische Übersetzung. 1894 wurde in der Pariser Zeitschrift „L’Ere nouvelle“ Nr. 4 und 5 die von Laura Lafargue besorgte und von Engels durchgesehene französische Übersetzung veröffentlicht. Zu Lebzeiten von Engels erschienen keine weiteren Ausgaben. Später wurde diese Schrift mehrmals in deutscher Sprache und verschiedenen anderen Sprachen herausgegeben. „L’Ere nouvelle“ – französische sozialistische Monatszeitschrift; erschien von 1893 bis 1894 in Paris, Mitarbeiter dieser Zeitschrift waren J. Guesde, J. Jaures, P. Lafargue, G.W. Plechanow u.a. [Endnote m.e.w.].

Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie : Kapitel IV / Friedrich Engels, 1886

Quelle:  m.e.w., Bd. 21, S. 295

Vor allem sind es aber drei große Entdeckungen, die unsere Kenntnis vom Zusammenhang der Naturprozesse mit Riesenschritten vorangetrieben haben: Erstens die Entdeckung der Zelle als der Einheit, aus deren Vervielfältigung und Differenzierung der ganze pflanzliche und tierische Körper sich entwickelt, so daß nicht nur die Entwicklung und das Wachstum aller höheren Organismen als nach einem einzigen allgemeinen Gesetz vor sich gehend erkannt, sondern auch in der Veränderungsfähigkeit der Zelle der Weg gezeigt ist, auf dem Organismen ihre Art verändern und damit eine mehr als individuelle Entwicklung durchmachen können. – Zweitens die Verwandlung der Energie, die uns alle zunächst in der anorganischen Natur wirksamen sogenannten Kräfte, die mechanische Kraft und ihre Ergänzung, die sogenannte potentielle Energie, Wärme, Strahlung (Licht, resp. strahlende Wärme), Elektrizität, Magnetismus, chemische Energie, als verschiedene Erscheinungsformen der universellen Bewegung nachgewiesen hat, die in bestimmten Maßverhältnissen die eine in die andere übergehn, so daß für die Menge der einen, die verschwindet, eine bestimmte Menge einer andern wiedererscheint und so daß die ganze Bewegung der Natur sich auf diesen unaufhörlichen Prozeß der Verwandlung aus einer Form in die andre reduziert. – Endlich der zuerst von Darwin im Zusammenhang entwickelte Nachweis, daß der heute uns umgebende Bestand organischer Naturprodukte, die Menschen eingeschlossen, das Erzeugnis eines langen Entwicklungsprozesses aus wenigen ursprünglich einzelligen Keimen ist und diese wieder aus, auf chemischem Weg entstandenem, Protoplasma oder Eiweiß hervorgegangen sind.

Vorrede [zum „Manifest der Kommunistischen Partei" (englische Ausgabe von 1888)]

Quelle:  m.e.w., Bd. 21, S. 357-358

Diesem Gedanken, der nach meiner Ansicht berufen ist, für die Geschichtswissenschaft denselben Fortschritt zu begründen, den Darwins Theorie für die Naturwissenschaft begründet hat – diesem Gedanken hatten wir beide uns schon mehrere Jahre vor 1845 allmählich genähert.

Vorwort zum „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ (vierte Auflage 1891)

Quelle:  m.e.w., Bd. 21, S. 481

Diese Wiederentdeckung der ursprünglichen mutterrechtlichen Gens als der Vorstufe der vaterrechtlichen Gens der Kulturvölker hat für die Urgeschichte dieselbe Bedeutung wie Darwins Entwicklungstheorie für die Biologie und Marx’ Mehrwertstheorie für die politische Ökonomie. Sie befähigte Morgan, zum erstenmal eine Geschichte der Familie zu entwerfen, worin wenigstens die klassischen Entwicklungsstufen im ganzen und großen, soweit das heute bekannte Material erlaubt, vorläufig festgestellt sind. Daß hiermit eine neue Epoche der Behandlung der Urgeschichte beginnt, ist vor aller Augen klar. Die mutterrechtliche Gens ist der Angelpunkt geworden, um den sich diese ganze Wissenschaft dreht; seit ihrer Entdeckung weiß man, in welcher Richtung und wonach man zu forschen und wie man das Erforschte zu gruppieren hat. Und dementsprechend werden jetzt auf diesem Gebiet ganz anders rasche Fortschritte gemacht als vor Morgans Buch.

B. Aufzeichnungen und Dokumente (September 1883-Juni 1889) 3. Juristen-Sozialismus (dd), geschrieben November bis Anfang Dezember 1886

Quelle:  m.e.w., Bd. 21, S. 505

Wir wollen hier absehen davon, daß Menger immer noch glaubt, Adam Smith habe die Teilung der Arbeit „entdeckt“, während schon Petty diesen Punkt achtzig Jahre vor Smith vollständig entwickelt hatte. Das in bezug auf Darwin von Menger Gesagte dreht sich aber jetzt einigermaßen um. Der ionische Philosoph Anaximander stellte bereits im sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die Ansicht auf, daß der Mensch sich aus einem Fisch entwickelt habe, und wie bekannt, ist dies auch die Ansicht der heutigen evolutionistischen Naturwissenschaft. Wenn nun jemand auftreten wollte und erklären, hier sei bereits der Gedankengang und sogar die Ausdrucksweise Darwins zu erkennen, und Darwin sei nichts als ein Plagiator des Anaximander, habe aber sorgfältig seine Quelle verheimlicht, so würde er in bezug auf Darwin und Anaximander gerade so verfahren, wie Herr Menger in bezug auf Marx und Thompson wirklich verfährt. Der Herr Professor hat recht: „Nur auf dem Gebiete der Sozialwissenschaften“ darf man auf jene Unwissenheit rechnen, welche „erfolgreiche Versuche dieser Art denkbar“ macht.
Anmerkungen
dd. Den Artikel „Juristen-Sozialismus“ hatte Engels im Oktober 1886 als Antwort auf das Buch „Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag in geschichtlicher Darstellung“ des österreichischen bürgerlichen Soziologen und Juristen Anton Menger geplant. Menger versucht darin nachzuweisen, daß Marx seine ökonomische Theorie bei den englischen utopischen Sozialisten der Ricardoschen Schule, insbesondere bei Thompson, entlehnt habe. Da Engels über diese Verleumdungen sowie über Mengers Verfälschung des Wesens der Marxschen Lehre unmöglich achtlos hinweggehen konnte, wollte er zunächst selbst Menger in der Presse zurechtweisen. Da er aber annehmen mußte, daß sein persönliches Auftreten gegen Menger bis zu einem gewissen Grade zur Reklame für diesen selbst in der bürgerlichen Wissenschaft bedeutungslosen Mann benutzt werden könnte, hielt er es für angebrachter, in einem redaktionellen Artikel der „Neuen Zeit“ oder in einer von Karl Kautsky, dem Redakteur der Zeitschrift, veröffentlichten Rezension zu dem Buche Mengers diesem die gebührende Abfuhr zu erteilen. Engels veranlaßte daher Kautsky, einen Artikel gegen Menger zu verfassen. Engels selbst wollte ursprünglich den Hauptteil dazu schreiben, mußte jedoch wegen Krankheit die begonnene Arbeit abbrechen; unter Berücksichtigung der Hinweise von Engels hat Kautsky dann den Artikel zu Ende geschrieben und in der „Neuen Zeit“, Heft 2, 1887, ohne Unterschrift veröffentlicht. Erst in dem 1905 herausgekommenen Index zu dieser Zeitschrift sind Engels und Kautsky als Verfasser dieses Artikels genannt. Als Artikel von Engels erschien dieser 1904 in französischer Sprache in Nr. 132 der Zeitschrift „Mouvement socialiste“. Da die Handschrift dieses Artikels nicht aufzufinden ist und somit nicht festgestellt werden kann, welchen Teil des Artikels Engels und welchen Kautsky geschrieben hat, wird der Artikel im vorliegenden Band als Beilage vollständig wiedergegeben [Endnote m.e.w.].

M.E.W., Bd. 22


[Vorwort zur vierten Auflage (1891) des „Ursprungs der Familie, des Privateigentums und des Staats“ (ee)]

Quelle:  m.e.w., Bd. 22, S. 220

Diese Wiederentdeckung der ursprünglichen mutterrechtlichen Gens als der Vorstufe der vaterrechtlichen Gens der Kulturvölker hat für die Urgeschichte dieselbe Bedeutung wie Darwins Entwicklungstheorie für die Biologie und Marx’ Mehrwertstheorie für die politische Ökonomie. Sie befähigte Morgan, zum erstenmal eine Geschichte der Familie zu entwerfen, worin wenigstens die klassischen Entwicklungsstufen im ganzen und großen, soweit das heute bekannte Material erlaubt, vorläufig festgestellt sind. Daß hiermit eine neue Epoche der Behandlung der Urgeschichte beginnt, ist vor aller Augen klar. Die mutterrechtliche Gens ist der Angelpunkt geworden, um den sich diese ganze Wissenschaft dreht; seit ihrer Entdeckung weiß man, in welcher Richtung und wonach man zu forschen und wie man das Erforschte zu gruppieren hat. Und dementsprechend werden jetzt auf diesem Gebiet ganz anders rasche Fortschritte gemacht als vor Morgans Buch.
Anmerkungen
ee. Engels’ Vorwort zur vierten Auflage seines Buches „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ (siehe Band 21 unserer Ausgabe) wurde bereits vor dem Erscheinen der 4. Auflage mit seiner Zustimmung in der „Neuen Zeit“, Nr. 41, 9. Jahrgang, 2. Band, 1890-1891, unter folgendem Titel veröffentlicht: „Zur Urgeschichte der Familie (Bachofen, McLennan, Morgan)“ [Endnote m.e.w.].

M.E.W., Bd. 23, Kritik der politischen Ökonomie


Das Kapital : Kritik der politischen Ökonomie : Erster Band, Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band : Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals

Quelle:  m.e.w., Bd. 23, S. 361-362

Die Manufakturperiode vereinfacht, verbessert und vermannigfacht die Arbeitswerkzeuge durch deren Anpassung an die ausschließlichen Sonderfunktionen der Teilarbeiter. (ff)
Anmerkungen
ff. Darwin bemerkt in seinem epochemachenden Werk „Über die Entstehung der Arten“ mit Bezug auf die natürlichen Organe der Pflanzen und Tiere: „Solange ein und dasselbe Organ verschiedne Arbeiten zu verrichten hat, läßt sich ein Grund für seine Veränderlichkeit vielleicht darin finden, daß natürliche Züchtung jede kleine Abweichung der Form weniger sorgfältig erhält oder unterdrückt, als wenn dasselbe Organ nur zu einem besondren Zwecke allem bestimmt wäre. So mögen Messer, welche allerlei Dinge zu schneiden bestimmt sind, im ganzen so ziemlich von einerlei Form sein, während ein nur zu einerlei Gebrauch bestimmtes Werkzeug für jeden andren Gebrauch auch eine andre Form haben muß.“ [Fußnote von Karl Marx].

Das Kapital : Kritik der politischen Ökonomie : Erster Band, Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band : Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals

Quelle:  m.e.w., Bd. 23, S. 392-393

Als John Wyatt 1735 seine Spinnmaschine und mit ihr die industrielle Revolution des 18. Jahrhunderts ankündigte, erwähnte er mit keinem Wort, daß statt eines Menschen ein Esel die Maschine treibe, und dennoch fiel diese Rolle dem Esel zu. Eine Maschine, „um ohne Finger zu spinnen“, lautete sein Programm. (gg)
Anmerkungen
gg. Schon vor ihm wurden, wenn auch sehr unvollkommene, Maschinen zum Vorspinnen angewandt, wahrscheinlich zuerst in Italien. Eine kritische Geschichte der Technologie würde überhaupt nachweisen, wie wenig irgendeine Erfindung des 18. Jahrhunderts einem einzelnen Individuum gehört. Bisher existiert kein solches Werk. Darwin hat das Interesse auf die Geschichte der natürlichen Technologie gelenkt, d.h. auf die Bildung der Pflanzen- und Tierorgane als Produktionsinstrumente für das Leben der Pflanzen und Tiere. Verdient die Bildungsgeschichte der produktiven Organe des Gesellschaftsmenschen, der materiellen Basis jeder besondren Gesellschaftsorganisation, nicht gleiche Aufmerksamkeit? Und wäre sie nicht leichter zu liefern, da, wie Vico sagt, die Menschengeschichte sich dadurch von der Naturgeschichte unterscheidet, daß wir die eine gemacht und die andre nicht gemacht haben? Die Technologie enthüllt das aktive Verhalten des Menschen zur Natur, den unmittelbaren Produktionsprozeß seines Lebens, damit auch seiner gesellschaftlichen Lebensverhältnisse und der ihnen entquellenden geistigen Vorstellungen. Selbst alle Religionsgeschichte, die von dieser materiellen Basis abstrahiert, ist – unkritisch. Es ist in der Tat viel leichter, durch Analyse den irdischen Kern der religiösen Nebelbildungen zu finden, als umgekehrt, aus den jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhimmelten Formen zu entwickeln. Die letztre ist die einzig materialistische und daher wissenschaftliche Methode. Die Mängel des abstrakt naturwissenschaftlichen Materialismus, der den geschichtlichen Prozeß ausschließt, ersieht man schon aus den abstrakten und ideologischen Vorstellungen seiner Wortführer, sobald sie sich über ihre Spezialität hinauswagen [Fußnote von Karl Marx].

M.E.W., Bd. 26.2, Kritik der politischen Ökonomie


Theorien über den Mehrwert. Zweiter Teil / Karl Marx, Neuntes Kapitel. 2. Entwicklung der Produktivkräfte als Grundprinzip Ricardos in der Einschätzung ökonomischer Erscheinungen. Malthus’ Verteidigung der reaktionärsten Elemente der herrschenden Klassen. Faktische Widerlegung der Malthusschen Bevölkerungstheorie durch Darwin]

Quelle:  m.e.w., Bd. 26.2, S. 110-114

Ricardo betrachtet mit Recht, für seine Zeit, die kapitalistische Produktionsweise als die vorteilhafteste für die Produktion überhaupt, als die vorteilhafteste zur Erzeugung des Reichtums. Er will die Produktion der Produktion halber, und dies ist recht. Wollte man behaupten, wie es sentimentale Gegner Ricardos getan haben, daß die Produktion nicht als solche der Zweck sei, so vergißt man, daß Produktion um der Produktion halber nichts heißt, als Entwicklung der menschlichen Produktivkräfte, also Entwicklung des Reichtums der menschlichen Natur als Selbstzweck. Stellt man, wie Sismondi, das Wohl der einzelnen diesem Zweck gegenüber, so behauptet man, daß die Entwicklung der Gattung aufgehalten werden muß, um das Wohl der einzelnen zu sichern, daß also z.B. kein Krieg geführt werden dürfe, worin einzelne jedenfalls kaputtgehn. (Sismondi hat nur recht gegen die Ökonomen, die diesen Gegensatz vertuschen, leugnen.) Daß diese Entwicklung der Fähigkeiten der Gattung Mensch, obgleich sie sich zunächst auf Kosten der Mehrzahl der Menschenindividuen und ganzer Menschenklassen macht, schließlich diesen Antagonismus durchbricht und zusammenfällt mit der Entwicklung des einzelnen Individuums, daß also die höhere Entwicklung der Individualität nur durch einen historischen Prozeß erkauft wird, worin die Individuen geopfert werden, wird nicht verstanden, abgesehn von der Unfruchtbarkeit solcher erbaulichen Betrachtungen, da die Vorteile der Gattung im Menschenreich wie im Tier- und Pflanzenreich sich stets durchsetzen auf Kosten der Vorteile von Individuen, weil diese Gattungsvorteile zusammenfallen mit den Vorteilen besondrer Individuen, die zugleich die Kraft dieser Bevorzugten bilden.
Die Rücksichtslosigkeit Ricardos war also nicht nur wissenschaftlich ehrlich, sondern wissenschaftlich geboten für seinen Standpunkt. Es ist ihm aber deshalb auch ganz gleichgültig, ob die Fortentwicklung der Produktivkräfte Grundeigentum totschlägt oder Arbeiter. Wenn dieser Fortschritt das Kapital der industriellen Bourgeoisie entwertet, so ist es ihm ebenso willkommen. Wenn die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit das vorhandne capital fixe um die Hälfte entwertet, was liegt dran, sagt Ricardo. Die Produktivität der menschlichen Arbeit hat sich verdoppelt. Hier ist also wissenschaftliche Ehrlichkeit. Wenn die Auffassung Ric[ardos] im ganzen im Interesse der industriellen Bourgeoisie ist, so nur, weil und soweit deren Interesse koinzidiert mit dem der Produktion oder der produktiven Entwicklung der menschlichen Arbeit. Wo sie in Gegensatz dazu tritt, ist er ebenso rücksichtslos gegen die Bourgeoisie, als er es sonst gegen das Proletariat und die Aristokratie ist.
Aber Malthus! Ce miserable (*1) zieht aus den wissenschaftlich gegebenen (und von ihm stets gestohlenen) Vordersätzen nur solche Schlüsse, die der Aristokratie gegen die Bourgeoisie und beiden gegen das Proletariat „angenehm“ sind (nützen). Er will deshalb nicht die Produktion um der Produktion willen, sondern nur soweit sie das Bestehende erhält oder ausbauscht, dem Vorteil der herrschenden Klassen konveniert.
Gleich seine erste Schrift, eines der merkwürdigsten literarischen Beispiele vom Erfolg des Plagiats auf Kosten der Originalwerke, hatte den praktischen Zweck, die Perfektibilitätstendenzen der Französischen Revolution und ihrer Anhänger in England im Interesse der bestehenden englischen Regierung und Grundaristokratie als Utopie „ökonomisch“ nachzuweisen. D.h., es war ein panegyrisches Pamphlet für die bestehenden Zustände gegen die historische Entwicklung, dazu eine Rechtfertigung des Kriegs gegen das revolutionäre Frankreich.
Seine Schriften 1815 über Schutzzölle und Grundrente sollten teils die frühere Apologie des Elends der Produzenten bestätigen, speziell aber das reaktionäre Grundeigentum gegen das „aufgeklärte“, „liberale“ und „progressive“ Kapital verteidigen, ganz speziell einen beabsichtigten Rückschritt der englischen Gesetzgebung im Interesse der Aristokratie gegen die industrielle Bourgeoisie rechtfertigen. (*2) Endlich seine „principles of olitical economy“ gegen Ricardo hatten wesentlich den Zweck, die absoluten Forderungen des „industriellen Kapitals“ und der Gesetze, unter denen sich seine Produktivität entwickelt, zu den den existierenden Interessen der Grundaristokratie, der „Established Church“ (zu der Malthus gehörte), der Regierungspensionäre und Steuerverzehrer „vorteilhaften“ und „wünschenswerten Grenzen“ zurückzuführen. Einen Menschen aber, der die Wissenschaft einem nicht aus ihr selbst (wie irrtümlich sie immer sein mag), sondern von außen, ihr fremden, äußerlichen Interessen entlehnten Standpunkt zu akkommodieren sucht, nenne ich „gemein“.
Es ist nicht gemein von Ricardo, wenn er die Proletarier der Maschinerie oder dem Lastvieh oder der Ware gleichsetzt, weil es die „Produktion“ (von seinem Standpunkt aus) befördert, daß sie bloß Maschinerie oder Lastvieh oder weil sie wirklich bloß Waren in der bürgerlichen Produktion seien. Es ist dies stoisch, objektiv, wissenschaftlich. Soweit es ohne Sünde gegen seine Wissenschaft geschehn kann, ist R[icardo] immer Philanthrop, wie er es auch in der Praxis war.
Der Pfaffe Malthus dagegen setzt der Produktion wegen die Arbeiter zum Lasttier herab, verdammt sie selbst zum Hungertod und zum Zölibat. Wo dieselben Forderungen der Produktion dem landlord seine „Rente“ schmälern oder dem „Zehnten“ der Established Church oder dem Interesse der „Steuerverzehrer“ zu nahe treten oder auch den Teil der industriellen Bourgeoisie, dessen Interesse den Fortschritt hemmt, dem Teil der Bourgeoisie opfern, der den Fortschritt der Produktion vertritt – wo es also irgendein Interesse der Aristokratie gegen die Bourgeoisie oder der konservativen und stagnanten Bourgeoisie gegen die progressive (*3) gilt –, in allen diesen Fällen opfert „Pfaffe“ Malthus das Sonderinteresse nicht der Produktion, sondern sucht, soviel an ihm, die Forderungen der Produktion dem Sonderinteresse bestehender herrschender Klassen oder Klassenfraktionen zu opfern. Und zu diesem Zweck verfälscht er seine wissenschaftlichen Schlußfolgerungen. Das ist seine wissenschaftliche Gemeinheit, seine Sünde gegen die Wissenschaft, abgesehn von seinem schamlosen und handwerksmäßig betriebnen Plagiarismus. Die wissenschaftlichen Konsequenzen von Malthus sind „rücksichtsvoll“ gegen die herrschenden Klassen in general (*4) und gegen die reaktionären Elemente dieser herrschenden Klassen in particular (*5); d.h. er verfälscht die Wissenschaft für diese Interessen. Sie sind dagegen rücksichtslos, soweit es die unterjochten Klassen betrifft. Er ist nicht nur rücksichtslos. Er affektiert Rücksichtslosigkeit, gefällt sich zynisch darin und übertreibt die Konsequenzen, soweit sie sich gegen die miserables (*6) richten, selbst über das Maß, das von seinem Standpunkt aus wissenschaftlich gerechtfertigt wäre. (*7)
Der Haß der englischen Arbeiterklassen gegen Malthus – den „mountebank-parson“ (*8), wie ihn Cobbett roh nennt (Cobbett ist zwar der größte politische Schriftsteller Englands während dieses Jahrhunderts; es fehlte ihm aber die Leipziger Professoralbildung (*9), und er war ein direkter Feind der „learned languages“ (*10) – ist also völlig gerechtfertigt; und das Volk ahnte hier mit richtigem Instinkt, daß es keinen homme de science (*11), sondern einen gekauften Advokaten seiner Gegner, einen schamlosen Sykophanten der herrschenden Klassen gegenüber habe.
Der Erfinder einer Idee mag sie ehrlich übertreiben; der Plagiarius, der sie übertreibt, macht stets „ein Geschäft“ aus dieser Übertreibung.
Malthus’ Schrift „On Population“ – die erste Ausgabe –, da sie kein neues wissenschaftliches Wort enthält, ist bloß als eine zudringliche Kapuziner-predigt, eine Abraham a Santa Clara-Version [https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_a_Sancta_Clara#Anmerkungen_zum_Werk] der Entwicklungen von Townsend, Steuart, Wallace, Herbert usw. zu betrachten. Da sie in der Tat nur durch die populäre Form imponieren will, dreht sich mit Recht dagegen der populäre Haß.
Das einzige Verdienst des Malthus, den elenden Harmonielehrern der bürgerlichen Ökonomie gegenüber, ist eben die pointierte Hervorhebung der Disharmonien, die er zwar in keinem Fall entdeckt hat, die er aber in jedem Fall mit pfäffisch wohlgefälligem Zynismus festhält, ausmalt und bekannt macht.
Charles Darwin „On the Origin of species by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life“, London 1860 (5th thousand) sagt in der Einleitung:
„Im nächsten Abschnitte soll der Kampf ums Dasein unter den organischen Wesen der ganzen Welt abgehandelt werden, welcher unvermeidlich aus ihrem hoch geometrischen Zunahmevermögen hervorgeht. Es ist dies die Lehre von Malthus, auf das ganze Tier- und Pflanzenreich angewandt.“
Darwin, in seiner vortrefflichen Schrift, sah nicht, daß er Malthus’ Theorie umstieß, indem er die „geometrische“ Progression im Tier- und Pflanzenreich entdeckte. Malthus’ Theorie beruht grade darauf, daß er Wallaces geometrische Progression des Menschen der chimärischen „arithmetischen“ Progression der Tiere und Pflanzen gegenüberstellte. In Darwins Werk, z.B. über das Erlöschen von Arten, findet sich auch im Detail (abgesehn von seinem Grundprinzip) die naturhistorische Widerlegung der Malthusschen Theorie. Soweit Malthus’ Theorie aber auf Andersons Renttheorie beruht, war sie von Anderson selbst widerlegt. (*12)
Anmerkungen
*1. Dieser Elende [Fußnote m.e.w.].
*2. Hinweis auf das Korngesetz von 1815, das die Einfuhr von Getreide nach England verbot, solange der Getreidepreis in England unter 80 sh. pro Quarter blieb [Endnote m.e.w.].
*3. In der Handschrift: oder der progressiven Bourgeoisie gegen die konservative und stagnante [Fußnote m.e.w.].
*4. im allgemeinen [Fußnote m.e.w.].
*5. im besonderen [Fußnote m.e.w.].
*6. im Elend Lebenden [Fußnote m.e.w.].
*7. Ricardo z.B. (sieh oben), wenn seine Theorie ihn dahin bringt, daß das Steigen des Arbeitslohns über sein Minimum den Wert der Waren nicht erhöht, sagt dies gradeheraus. Malthus will den Arbeitslohn down [niedrich] halten, damit der Bourgeois profitiere [Fußnote von Karl Marx].
*8. marktschreierischen Pfaffe [Fußnote m.e.w.].
*9. Marx spielt hier auf den Leipziger Universitätsprofessor Roscher an [Endnote m.e.w.].
*10. des „gelehrten Stil“ [Fußnote m.e.w.].
*11. Mann der Wissenschaft [Fußnote m.e.w.].
*12. Im Manuskript folgt hier eine kurze Einfügung, die auf S. 113 als Fußnote wiedergegeben wird [Endnote m.e.w.].

M.E.W., Bd. 26.3, Kritik der politischen Ökonomie


Theorien über den Mehrwert. Dritter Teil / Karl Marx, [Einundzwanzigstes Kapitel]. Gegensatz gegen die Ökonomen (auf Basis der Ricardoschen Theorie). 3. Hodgkin. c) Sogenannte Aufhäufung als bloßes Phänomen der Zirkulation (Vorrat etc.) – Zirkulationsreservoirs

Quelle:  m.e.w., Bd. 26.2, S. 289

Indes Geld gibt jedem „command“ über „the labour of some men“ (*13), über die in ihren Waren realisierte Arbeit, wie über die Reproduktion dieser Arbeit, also insofern über die Arbeit selbst.
Was wirklich „aufgehäuft“ wird, aber nicht als tote Masse, sondern als Lebendiges, ist das Geschick des Arbeiters, der Entwicklungsgrad der Arbeit. {Allerdings (was H[odgskin] nicht hervorhebt, weil es ihm der rohen Auffassung der Ökonomen gegenüber gilt, den Akzent auf das Subjekt, sozusagen auf das Subjektive im Subjekt zu legen, im Gegensatz zur Sache) ist die jedesmalige Stufe der Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, von der ausgegangen wird, nicht nur als Anlage, Fähigkeit des Arbeiters vorhanden, sondern zugleich in den gegenständlichen Organen, die diese Arbeit sich geschaffen hat und täglich erneuert.} Es ist dies das wahre Prius, das den Ausgangspunkt bildet, und dies Prius ist das Resultat eines Entwicklungsgangs. Aufhäufung ist hier Assimilation, fortwährende Erhaltung und Umgestaltung zugleich des schon Überlieferten, Realisierten. Es ist in dieser Art, daß Darwin „Aufhäufung" durch Erblichkeit bei allem Organischen, Pflanzen und Tieren, zum treibenden Prinzip ihrer Gestaltung macht, so daß die verschiednen Organismen selbst sich durch „Häufung" bilden und nur „Erfindungen", allmählich gehäufte Erfindungen der lebendigen Subjekte sind. Aber es ist dies nicht das einzige Prius für die Produktion. Bei dem Tier und der Pflanze ist es die ihm äußere Natur, also sowohl die unorganische wie seine Beziehung zu andren Tieren und Pflanzen. Der Mensch, der in Gesellschaft produziert, findet ebenso schon eine modifizierte Natur vor (speziell auch Natürliches in Organ seiner eignen Tätigkeit verwandelt) und bestimmte Relationen der Produzenten untereinander. Diese Akkumulation ist teils Resultat des geschichtlichen Prozesses, teils bei dem einzelnen Arbeiter transmission of skill (*14). Bei dieser Akkumulation, sagt H[odgskin], ist für die große Masse der Arbeiter kein zirkulierendes Kapital mitwirkend.
Anmerkungen
*13. „Kommando“ über „die Arbeit einer Anzahl Menschen“ [Fußnote m.e.w.].
*14. Übertragung von Geschicklichkeit [Fußnote m.e.w.].

M.E.W., Bd. 29, Briefe, 1859


Friedrich Engels an Karl Marx, 11. oder 12. Dezember 1859

Quelle:  m.e.w., Bd. 29, S. 524

Übrigens ist der Darwin, den ich jetzt grade lese, ganz famos. (*15) Die Teleologie war nach einer Seite hin noch nicht kaputt gemacht, das ist jetzt geschehn. Dazu ist bisher noch nie ein so großartiger Versuch gemacht worden, historische Entwicklung in der Natur nachzuweisen, und am wenigsten mit solchem Glück. Die plumpe englische Methode muß man natürlich in den Kauf nehmen.
Anmerkungen
*15. Charles Darwins Buch „On the origin of species by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life“ war wenige Tage zuvor, am 24. November 1859, in London erschienen [Endnote m.e.w.].

M.E.W., Bd. 30, Briefe, 1860-1864


Karl Marx an Friedrich Engels, 19. Dezember 1860

Quelle:  m.e.w., Bd. 30, S. 131

In meiner Prüfungszeit – während der letzten 4 Wochen – habe ich allerlei gelesen. U.a. Darwins Buch über „Natural Selection“. Obgleich grob englisch entwickelt, ist dies das Buch, das die naturhistorische Grundlage für unsere Ansicht enthält.

Karl Marx an Friedrich Engels, 18. Juni 1862

Quelle:  m.e.w., Bd. 30, S. 249

Mit dem Darwin, den ich wieder angesehn, amüsiert mich, daß er sagt, er wende die „Malthussche“ Theorie auch auf Pflanzen und Tiere an, als ob bei Herrn Malthus der Witz nicht darin bestände, daß sie nicht auf Pflanzen und Tiere, sondern nur auf Menschen – mit der geometrischen Progression – angewandt wird im Gegensatz zu Pflanzen und Tieren. Es ist merkwürdig, wie Darwin unter Bestien und Pflanzen seine englische Gesellschaft mit ihrer Teilung der Arbeit, Konkurrenz, Aufschluß neuer Märkte, „Erfindungen“ und Malthusschem „Kampf ums Dasein“ wiedererkennt. Es ist Hobbes’ bellum omnium contra omnes (*16), und es erinnert an Hegel in der „Phänomenologie“, wo die bürgerliche Gesellschaft als „geistiges Tierreich“, während bei Darwin das Tierreich als bürgerliche Gesellschaft figuriert.
Anmerkungen
*16. Krieg aller gegen alle [Fußnote m.e.w.].

Karl Marx an Ferdinand Lasalle, 16. Januar 1861

Quelle:  m.e.w., Bd. 30, S. 578

Sehr bedeutend ist Darwins Schrift und paßt mir als naturwissenschaftliche Unterlage des geschichtlichen Klassenkampfes. Die grob englische Manier der Entwicklung muß man natürlich mit in den Kauf nehmen. Trotz allem Mangelhaften ist hier zuerst der „Teleologie“ in der Naturwissenschaft nicht nur der Todesstoß gegeben, sondern der rationelle Sinn derselben empirisch auseinandergelegt.

Karl Marx an Lion Philips, 25. Juni 1864

Quelle:  m.e.w., Bd. 30, S. 665

Meinen besten Dank für Deinen ausführlichen Brief. Ich weiß, wie lästig Dir der Augen wegen das Schreiben ist und erwarte in der Tat nichts weniger, als daß Du auf jeden meiner Briefe antwortest. Es hat mich gefreut, aus Deinem Schreiben zu sehn, daß Du körperlich wohl bist und daß Deine geistige Heiterkeit selbst von den Entdeckungen des Prof. Dozy (*17) unerschüttert ist. Seitdem jedoch Darwin unsre gemeinschaftliche Abkunft von den Affen bewiesen hat, kann kaum noch any shock whatever (*18) „unsern Ahnenstolz“ erschüttern. Daß der Pentateuch (*19) erst nach der Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft fabriziert ward, setzte schon Spinoza in seinem „Tractatus theologico-politicus“ auseinander.
Anmerkungen
*17. Siehe vorl. Band, S. 414/415 [Fußnote m.e.w.].
*18. Irgendein Schock überhaupt [Fußnote m.e.w.].
*19. Die fünf Bücher Mosis des Alten Testaments [Fußnote m.e.w.].

M.E.W., Bd. 31, Briefe, 1865-1867


Friedrich Engels an Karl Marx, 11. März 1865

Quelle:  m.e.w., Bd. 31, S. 97

Dem Lange seine Broschüre hat mir Siebel geschickt. (*20) Konfus, Malthusianer mit Darwin versetzt, nach allen Seiten liebäugelnd, doch einige nette Sachen gegen Lassalle und die Bourgeoiskonsumkerls. Ich schick’s Dir dieser Tage.
Anmerkungen
*20. Friedrich Albert Lange, „Die Arbeiterfrage in ihrer Bedeutung für Gegenwart und Zukunft“, Duisburg 1865 [Endnote m.e.w.].

Karl Marx an Friedrich Engels, 7. August 1866

Quelle:  m.e.w., Bd. 31, S. 248-249

Ein sehr bedeutendes Werk, das ich Dir (aber unter Bedingung des Zurückschickens, da es nicht mein Eigentum) schicken werde, sobald ich die nötigen Noten gemacht, ist: „P. Trémaux, Origine et Transformations de l’Homme et des autres Etres [https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k9688216h/f14.image.texteImage / https://wellcomelibrary.org/item/b28083970#?c=0&m=0&s=0&cv=2&z=-0.8729%2C0%2C2.7458%2C1.7248 / https://fr.wikipedia.org/wiki/Pierre_Tr%C3%A9maux / "I have never read a more absurd or poorly documentated thesis." Stephen Jay Gould, "A Darwinian at Marx's Funeral", in: Natural History, Vol. 108 (1999), 7 (Spring), p. 64 / https://www.researchgate.net/publication/23993451_Tremaux_on_Species_A_Theory_of_Allopatric_Speciation_and_Punctuated_Equilibrium_before_Wagner / http://www.stephenjaygould.org/ctrl/archive/stephen_jay_gould/gould_darwinian-gentleman.html / Trémaux fehlt in der Personenverzeichnis der 31. Band]. Paris 1865.“ Es ist, trotz aller Mängel, die mir auffallen, ein sehr bedeutender Fortschritt über Darwin. Die zwei Hauptsätze sind: die croisements (*21) produzieren nicht, wie man meint, die Differenz, sondern umgekehrt die typische Einheit der espèces (*22). Die Erdformation differenziert dagegen (nicht allein, aber als Hauptbasis). Der Fortschritt, der bei Darwin rein zufällig, hier notwendig, auf der Basis der Entwicklungsperioden des Erdkörpers, die degenerescence (*23), die Darwin nicht erklären kann, hier einfach; ditto das so rasche Erlöschen bloßer Übergangsformen, verglichen mit der Langsamkeit der Entwicklung des Typus der espèce, so daß die Lücken der Paläontologie, die den Darwin stören, hier notwendig. Ditto als notwendiges Gesetz entwickelt die Fixität (von individuellen usw. Variations abgesehn) der einmal konstituierten espèce. Die Schwierigkeiten der Hybridation bei Darwin hier umgekehrt Stützen des Systems, da nachgewiesen wird, daß eine espèce in der Tat erst konstituiert ist, sobald das croisement mit andern aufhört, fruchtbar oder möglich zu sein usw.
In der geschichtlichen und politischen Anwendung viel bedeutender und reichhaltiger als Darwin. Für gewisse Fragen, wie Nationalität etc., hier allein Naturbasis gefunden. Z.B. korrigiert er den Polen Duchinski, dessen Sachen über die geologischen Differenzen zwischen Rußland und den Westslawen er übrigens bestätigt, dahin, daß nicht, wie dieser glaubt, die Russen keine Slawen, vielmehr Tartaren usw. (*24), sondern daß auf der in Rußland vorherrschenden Bodenformation sich der Slaw tartarisiert und mongolisiert, wie er (er war lang in Afrika) nachweist, daß der gemeine Negertyp nur Degenereszenz eines viel höhern ist. „Hors des grandes lois de la nature, les projets des hommes ne sont que calamites, temoins les efforts des czars pour faire du peuple polonais des Moscovites. Meme nature, memes facultes, renaitront sur un meme sol. L’œuvre de destruction ne saurait toujours durer, l’œuvre de reconstitution est eternelle... Les races slaves et lithuaniennes ont avec les Moscovites, leur veritable limite dans la grande ligne geologique qui existe au nord des bassins du Niemen et du Dnieper... Au sud de cette grande ligne: les aptitudes et les types propres à cette region sont et demeureront toujours differents de ceux de la Russie.“ (*25) (*26)
Anmerkungen
*21. Kreuzungen [Fußnote m.e.w.].
*22. Arten [Fußnote m.e.w.].
*23. Entartung [Fußnote m.e.w.].
*24. siehe vorl. Band, S. 126/127 [Fußnote m.e.w.].
*25. „Außerhalb der großen Gesetze der Natur sind die Pläne der Menschen nur aussichtslose Unternehmungen; das beweisen die Anstrengungen der Zaren, aus dem polnischen Volk Moskowiter zu machen. Gleiches Naturell, gleiche Fähigkeiten wachsen auf dem gleichen Boden. Das Werk der Zerstörung kann nicht ewig dauern, das Werk der Erneuerung ist ewig... Die slawischen und litauischen Rassen haben gegenüber den Moskowitern ihre wirkliche Grenze in der großen geologischen Linie, die nördlich der Flußebenen des Njemen und des Dnepr verläuft... Südlich dieser großen Linie sind und werden die dieser Region eigenen Typen und Veranlagungen immer von denen Rußlands verschieden sein.“ [Fußnote m.e.w.].
*26. Pierre Trémaux, „Origine et transformations de l’homme et des autres etres“. Paris 1865, premiere partie, p. 402, 420, 421 [Endnote m.e.w.].

Friedrich Engels an Karl Marx, 10. August 1866

Quelle:  m.e.w., Bd. 31, S. 250

Wieviel ungefähr kostet das Buch von Trémaux? Wenn es nicht etwa wegen Illustrationen oder sonst was sehr teuer ist, schaff’ ich’s mir an, dann brauchst Du’s nicht zu schicken.

Karl Marx an Friedrich Engels, 13. August 1866

Quelle:  m.e.w., Bd. 31, S. 252

Der Titel des Buchs: „P. Trémaux: Origine et Transformations de l’Homme et des autres Iitres. Premiere Partie. Paris (Librairie de L. Hachette) 1865.“ Der zweite Teil ist noch nicht erschienen. Keine Planches (*27). Die geologischen maps (*28) des Manns sind in seinen andern Werken.
Anmerkungen
*27. Tafeln [Fußnote m.e.w.].
*28. Karten [Fußnote m.e.w.].

Friedrich Engels an KarlMarx, 2. Oktober 1866

Quelle:  m.e.w., Bd. 31, S. 256

Über Moilin und Trémaux schreib ich dieser Tage ausführlicher, letzteren habe ich noch nicht ganz durchgelesen, bin aber zu der Überzeugung gekommen, daß an seiner ganzen Theorie schon deswegen nichts ist, weil er weder Geologie versteht noch der ordinärsten literarisch-historischen Kritik fähig ist. Die Geschichten von dem Nigger Santa Maria und von der Verwandlung der Weißen in Neger sind zum Kranklachen. (*29)
Namentlich, daß die Traditionen der Senegalnigger unbedingten Glauben verdienen, grade weil die Kerle nicht schreiben können! Außerdem ist hübsch, die Unterschiede zwischen einem Basken, einem Franzosen, einem Bretonen und einem Elsasser auf die Bodenformation zu schieben, die natürlich auch daran schuld ist, daß die Leute vier verschiedne Sprachen sprechen.
Wie sich der Mann das erklärt, daß wir Rheinländer auf unsrem devonischen Übergangsgebirge (das seit lange vor der Kohlenformation nicht wieder unter dem Meere war) nicht längst Idioten und Nigger geworden sind, wird er vielleicht im 2ten Band nachweisen oder aber behaupten, wir seien wirkliche Nigger.
Das Buch ist gar nichts wert, reine Konstruktion, die allen Tatsachen ins Gesicht schlägt, und für jeden Beweis, den es anführt, selbst erst wieder einen Beweis liefern müßte.
Anmerkungen
*29. Um seine Theorie beweiskräftiger zu machen, hatte sich Pierre Trémaux in seinem Buch „Origine et transformations de l’homme et des autres etres“ auf eine Behauptung des schwarzen Missionars Santa Maria aus Senegal gestützt, daß die Schwarzen von den Weißen abstammen [Endnote m.e.w.].

Karl Marx an Friedrich Engels, 3. Oktober 1866

Quelle:  m.e.w., Bd. 31, S. 257-258

Ad vocem (*30) Trémaux: Dein Urteil, „daß an seiner ganzen Theorie nichts ist, weil er weder Geologie versteht noch der ordinärsten literarisch-historischen Kritik fähig ist, kannst Du fast wörtlich bei Cuvier in seinem „Discours sur les Revolutions du Globe“ [https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1106958.image.f1 / https://archive.org/details/discourssurlesr00hoefgoog / https://en.wikipedia.org/wiki/Georges_Cuvier] gegen die Lehre von der Variabilité des espèces (*31) wiederfinden, wo er sich lustig macht u.a. über deutsche Naturphantasten, die Darwins Grundidee ganz aussprachen, sowenig sie dieselbe beweisen konnten. Dies verhinderte jedoch nicht, daß Cuvier, der ein großer Geolog und für einen Naturalisten auch ein ausnahmsweiser literarisch-historischer Kritiker war, im Unrecht und die Leute, die die neue Idee aussprachen, im Recht. Trémaux’ Grundidee über den Einfluß des Bodens (obgleich er natürlich historische Modifikationen dieses Einflusses nicht veranschlagt, und zu diesen historischen Modifikationen rechne ich selbst auch die chemische Veränderung der Bodendecke durch Agrikultur etc., ferner den verschiednen Einfluß, den unter verschiednen Produktionsweisen solche Dinge wie Kohlenlager usw. haben) ist nach meiner Ansicht eine Idee, die nur ausgesprochen zu werden braucht, um sich ein für allemal Bürgerrecht in der Wissenschaft zu erwerben, und dies ganz unabhängig von Trémaux’ Darstellung.
Anmerkungen
*30. In bezug auf [Fußnote m.e.w.].
*31. Veränderlichkeit der Arten [Fußnote m.e.w.].

Friedrich Engels an Karl Marx, 5. Oktober 1866

Quelle:  m.e.w., Bd. 31, S. 259-260

Ad vocem Trémaux. Als ich Dir schrieb, hatte ich allerdings erst den dritten Teil des Buchs gelesen, und zwar den schlechtesten (im Anfang). Das zweite Drittel, die Kritik der Schulen, ist weit besser, das dritte, die Konsequenzen, wieder sehr schlecht. Der Mann hat das Verdienst, den Einfluß des „Bodens“ auf die Racen- und folgerichtig auch Speziesbildung mehr hervorgehoben zu haben, als dies bisher geschehen ist, und zweitens über die Wirkung der Kreuzung richtigere (obwohl meiner Ansicht nach auch sehr einseitige) Ansichten als seine Vorgänger entwickelt zu haben. Darwin hat nach einer Seite hin in seinen Ansichten über den verändernden Einfluß der Kreuzung auch recht, wie dies Tr[émaux] übrigens stillschweigend anerkennt, indem er, wo es ihm konveniert, die Kreuzung auch als Mittel der Veränderung behandelt, wenn auch als schließlich ausgleichendes. Ebenso hat Darwin und andere den Einfluß des Bodens nie verkannt, und wenn sie ihn nicht speziell hervorgehoben, so geschah es, weil sie nichts davon wußten, wie dieser Boden wirkt – ausgenommen, daß fruchtbarer günstig, unfruchtbarer ungünstig wirkt. Und viel mehr weiß Tr[émaux] auch nicht. Die Hypothese, daß der Boden überhaupt günstiger für Entwicklung höherer Spezies werde im Verhältnis wie er neueren Formationen angehört, hat etwas ungeheuer Plausibles und kann oder kann nicht richtig sein, wenn ich aber sehe, mit welchen lächerlichen Beweisstücken Tr[emaux] sie zu belegen sucht, von denen 9/10 auf unrichtigen oder verdrehten Tatsachen beruhen und das letzte 1/10 nichts beweist, so kann ich nicht umhin, auch von dem Urheber der Hypothese her auf diese selbst meinen großen Verdacht zu werfen. Wenn er aber nun weiter den Einfluß des jüngeren oder älteren Bodens, korrigiert durch die Kreuzung, für die alleinige Ursache der Veränderungen organischer Spezies resp. Racen erklärt, so sehe ich platterdings keinen Grund, dem Manne so weit zu folgen, im Gegenteil sehr viele Einwände dagegen.
Du sagst, Cuvier habe auch den deutschen Naturphilosophen Unkenntnis der Geologie vorgeworfen, als sie die Veränderlichkeit der Spezies behaupteten, und sie hätten doch recht behalten. Die Sache hatte aber damals mit der Geologie nichts zu tun; wenn aber jemand eine auf Geologie ausschließlich begründete Theorie der Speziesveränderung aufstellt, und dort solche geologische Schnitzer macht, die Geologie ganzer Länder (z.B. Italiens und selbst Frankreichs) verfälscht und den Rest seiner Beispiele aus denjenigen Ländern zieht, von deren Geologie wir so gut wie gar nichts wissen (Afrika, Zentralasien etc.), so ist das doch ganz etwas anderes. Was speziell die ethnologischen Exempel angeht, so sind diejenigen, die überhaupt von bekannten Ländern und Völkern handeln, fast ohne Ausnahme falsch, entweder die geologischen Prämissen oder die daraus gezogenen Schlüsse - und die vielen entgegenstehenden Exempel läßt er ganz aus, z.B. die Alluvialebenen im innern Sibirien, das enorme Alluvialbassin des Amazonenflusses, das ganz alluviale Land südwärts vom La Plata bis beinahe an die Südspitze Amerikas (östlich von den Kordilleren). Daß die geologische Struktur des Bodens mit dem „Boden“, worauf überhaupt etwas wächst, sehr viel zu tun hat, ist eine alte Geschichte, ebenso, daß dieser vegetationsfähige Boden auf die Pflanzen- und Tierrassen, die darauf leben, einen Einfluß übt. Daß dieser Einfluß bisher so gut wie gar nicht untersucht worden ist, ist auch richtig. Aber von da bis zu der Theorie Trémaux’ ist ein kolossaler Sprung. Es ist jedenfalls ein Verdienst, diese bisher vernachlässigte Seite hervorgehoben zu haben, und wie gesagt, die Hypothese von dem entwicklungfördernden Einfluß des Bodens im Verhältnis je nachdem er geologisch älter oder neuer ist, mag innerhalb gewisser Grenzen richtig sein (oder auch nicht), aber alle weiteren Schlüsse, die er zieht, halte ich für entweder total unrichtig oder heillos einseitig übertrieben.

Karl Marx an Friedrich Engels, 7. Dezember 1867

Quelle:  m.e.w., Bd. 31, S. 403-404

Was das schwäbische Blättchen (*32) betrifft, so wäre es ein amüsanter Coup, Vogts Freund, den Schwabenmayer (*33), zu prellen. Die Sache wäre einfach so zu bewerkstelligen. D’abord (*34) damit anzufangen, daß, was man auch von der Tendenz des Buchs (*35) denken möge, es dem „deutschen Geist“ Ehre mache und deswegen auch von einem Preußen im Exil und nicht in Preußen geschrieben sei. Preußen habe lang aufgehört, das Land zu sein, worin irgendeine wissenschaftliche Initiative, speziell im politischen oder historischen oder sozialen Fach, möglich sei oder vorkomme. Es repräsentiere jetzt den russischen, nicht den deutschen Geist. Was nun das Buch selbst betreffe, so müsse man zweierlei unterscheiden, die positiven Entwicklungen („gediegenen“ lautet das zweite Adjektiv), die der Verfasser gebe, und die tendenziellen Schlußfolgerungen, die er ziehe. Die ersteren, da die tatsächlichen ökonomischen Verhältnisse ganz neu in einer materialistischen (dies Stichwort liebt „Mayer“ von wegen Vogts) Methode behandelt seien, seien direkte Bereicherung der Wissenschaft. Beispiel: 1. die Entwicklung des Geldes, 2. wie Kooperation, Teilung der Arbeit, Maschinensystem und die entsprechenden gesellschaftlichen Kombinationen und Verhältnisse sich „naturwüchsig“ entwickeln.
Was nun die Tendenz des Verfassers angehe, so müsse man wieder unterscheiden. Wenn er nachweist, daß die jetzige Gesellschaft, ökonomisch betrachtet, mit einer neuen höheren Form schwanger gehe, so zeigt er nur sozial denselben allmählichen Umwälzungsprozeß nach, den Darwin naturgeschichtlich nachgewiesen hat. Die liberale Lehre des „Fortschritts“ (c’est Mayer tout pur (*36)) schließt dies ein, und es ist ein Verdienst von ihm, daß er selbst da einen verborgnen Fortschritt zeigt, wo die modernen ökonomischen Verhältnisse von abschreckenden unmittelbaren Folgen begleitet sind. Der Verfasser hat durch diese seine kritische Auffassung zugleich, vielleicht malgré lui! (*37), allem Sozialismus von Fach, d.h. allem Utopismus ein Ende gemacht.
Die subjektive Tendenz des Verfassers dagegen - er war vielleicht durch seine Parteistellung und Vergangenheit gebunden und verpflichtet dazu&nbp;–, d.h. die Manier, wie er sich oder andern das Endresultat der jetzigen Bewegung, des jetzigen gesellschaftlichen Prozesses vorstellt, hat mit seiner wirklichen Entwicklung gar nichts zu schaffen. Erlaubte der Raum, näher einzugehn, so könnte vielleicht gezeigt werden, daß seine „objektive“ Entwicklung seine eignen „subjektiven“ Grillen widerlegt.
Anmerkungen
*32. „Der Beobachter“ [Fußnote m.e.w.].
*33. Karl Mayer [Fußnote m.e.w.].
*34. Zunächts [Fußnote m.e.w.].
*35. des ersten Bandes des „Kapitals“ [Fußnote m.e.w.].
*36. das ist echt Mayer [Fußnote m.e.w.].
*37. wider Willen! [Fußnote m.e.w.].

Friedrich Engels an Friedrich Albert Lange, 29. März 1865

Quelle:  m.e.w., Bd. 31, S. 466

Inzwischen hat mir die unfreiwillige Verschleppung meiner Antwort Gelegenheit verschafft, Ihre Schrift über die Arbeiterfrage (*38) zu erhalten; ich habe sie mit vielem Interesse gelesen. Auch mir fiel gleich bei der ersten Lektüre Darwins (*39) die frappante Ähnlichkeit seiner Darstellung des Pflanzen- und Tierlebens mit der Malthusschen Theorie auf. Nur schloß ich anders als Sie, nämlich: daß dies die höchste Blamage für die moderne bürgerliche Entwicklung sei, daß sie es noch nicht über die ökonomischen Formen des Tierreichs hinausgebracht habe. Für uns sind die sogenannten „ökonomischen Gesetze“ keine ewigen Naturgesetze, sondern historische, entstehende und verschwindende Gesetze, und der Kodex der modernen politischen Ökonomie, soweit die Ökonomie ihn richtig objektiv aufgestellt, ist uns nur die Zusammenfassung der Gesetze und Bedingungen, unter denen die moderne bürgerliche Gesellschaft allein bestehen kann, mit einem Wort: ihre Produktions- und Verkehrsbedingungen abstrakt ausgedrückt und resümiert. Für uns ist daher auch keins dieser Gesetze, soweit es rein bürgerliche Verhältnisse ausdrückt, älter als die moderne bürgerliche Gesellschaft; diejenigen, die mehr oder weniger für alle bisherige Geschichte Gültigkeit hatten, drücken eben nur solche Verhältnisse aus, die allen auf Klassenherrschaft und Klassenausbeutung beruhenden Gesellschaftszuständen gemeinsam sind. Zu den ersteren gehört das sog. Ricardosche Gesetz, das weder für die Leibeigenschaft noch die antike Sklaverei Gültigkeit hat; zu den letzteren dasjenige, was an der sog. Malthusschen Theorie Haltbares ist.
Der Pfaffe Malthus hat diese Theorie, wie alle seine andern Gedanken, direkt seinen Vorgängern abgestohlen; ihm gehört davon nichts als die rein willkürliche Anwendung der beiden Progressionen. (*40) Die Theorie selbst ist in England von den Ökonomen längst auf ein rationelles Maß reduziert; die Bevölkerung drückt auf die Mittel – nicht der Subsistenz, sondern der Beschäftigung; die Menschheit könnte sich rascher vermehren, als die moderne bürgerliche Gesellschaft vertragen kann. Für uns ein neuer Fund, diese bürgerliche Gesellschaft für eine Schranke der Entwicklung zu erklären, die fallen muß.
Anmerkungen
*38. Friedrich Albert Lange, „Die Arbeiterfrage in ihrer Bedeutung für Gegenwart und Zukunft“, Duisburg 1865 [Endnote m.e.w.].
*39. Charles Darwin, „On the origin of species by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for Iife“, London 1859 [Endnote m.e.w.].
*40. Auf Malthus’ Plagiate in seiner Arbeit „An essay on the principle of population“ geht Marx im ersten Band des „Kapitals“ ein (siehe Band 23 unserer Ausgabe, S.644-646, Fußnote 75) [Endnote m.e.w.].

Karl Marx an Ludwig Kugelmann, 9. Oktober 1866

Quelle:  m.e.w., Bd. 31, S. 530

Ich habe kürzlich gelesen: Dr. T. Moilin: „Leçons de Medecine Physiologique“, das 1865 in Paris erschienen. Es sind viel Grillen drin und zuviel „Konstruktion“. Aber doch auch viel Kritik gegen die alte Therapeutik. Ich wünschte, daß Sie das Buch läsen und mir ausführlich Ihre Ansicht mitteilten. Ich empfehle Ihnen auch Trémaux:De l’origine de tous les etres etc.“ Obgleich verlottert geschrieben, voller geologischer Schnitzer, viel Mangel an literarisch-historischer Kritik, enthält es – with all that and all that (1) – einen Fortschritt über Darwin.
Anmerkungen
*41. alles im allen [Fußnote m.e.w.].

Jenny Marx an Johann Philipp Becker, 29. Januar 1866

Quelle:  m.e.w., Bd. 31, S. 586-587

In religiöser Hinsicht geht jetzt in dem verdumpften England auch eine große Bewegung vor sich. Die ersten Männer der Wissenschaft, Huxley (Darwins Schüler) an der Spitze, mit Tyndall, Sir Charles Lyell, Bowring, Carpenter etc. etc., geben in St. Martin’s Hall (gloriosen Walzer-An-gedenkens (*42)) höchst aufgeklärte, wahrhaft freisinnige und kühne Vorlesungen für das Volk, und zwar an den Sonntagabenden, grade zu der Stunde, wo sonst die Schäflein zur Weide des Herrn gingen; die Halle war so massenhaft voll und der Jubel des Volkes war so groß, daß am ersten Sonntagabend, wo ich mit den Mädchen zugegen war, 2000 Menschen keinen Einlaß mehr in den zum Ersticken angefüllten Raum finden konnten. Dreimal ließen die Pfaffen das Entsetzliche geschehen. –Gestern abend wurde der Versammlung angekündigt, daß keine Vorlesungen mehr gehalten werden dürften, bis der Prozeß der Pfaffen gegen die „Sunday evenings for the people“ (*43) entschieden sei. Die Entrüstung der Versammlung sprach sich entschieden aus, und mehr als 100 £ wurden sogleich zur Führung des Prozesses gesammelt. Wie dumm von den Pfäfflein, sich da einzumischen. Zum Ärger der Bande schlössen die Abende auch noch mit Musik. Chöre von Händel, Mozart, Beethoven, Mendelssohn und Gounod wurden gesungen und mit Enthusiasmus von den Engländern aufgenommen, denen bisher an Sonntagen nur erlaubt war, eine Hymne „Jesus, Jesus meek and mild (*44)“ zu grölen oder in den Ginpalast zuwandern.
Anmerkungen
*42. Frau Marx erinnert sich der Festveranstaltung in der St. Martin's Hall am 28. September 1865 anläßlich des Jahrestages der Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation [Endnote m.e.w.].
*43. „Sonntagsvorträge für das Volk“ [Fußnote m.e.w.].
*44. sanft und mild [Fußnote m.e.w.].

M.E.W., Bd. 32, Briefe, 1868-1870


Karl Marx an Friedrich Engels, 25. März 1868

Quelle:  m.e.w., Bd. 32, S. 52-53

Sehr interessant ist von Fraas (1847): „Klima und Pflanzenwelt in der Zeit, eine Geschichte beider“, nämlich zum Nachweis, daß in historischer Zeit Klima und Flora wechseln. Er ist vor Darwin Darwinist und läßt die Arten selbst in der historischen Zeit entstehn. Aber zugleich Agronom. Er behauptet, daß mit der Kultur – entsprechend ihrem Grad – die von den Bauern sosehr geliebte „Feuchtigkeit“ verlorengeht (daher auch die Pflanzen von Süden nach Norden wandern) und endlich Steppenbildung eintritt. Die erste Wirkung der Kultur nützlich, schließlich verödend durch Entholzung etc. Dieser Mann ist ebensosehr grundgelehrter Philolog (er hat griechische Bücher geschrieben) als Chemiker, Agronom etc. Das Fazit ist, daß die Kultur – wenn naturwüchsig vorschreitend und nicht bewußt beherrscht (dazu kommt er natürlich als Bürger nicht) – Wüsten hinter sich zurückläßt, Persien, Mesopotamien etc., Griechenland. Also auch wieder sozialistische Tendenz unbewußt!

Karl Marx an Friedrich Engels, 18. November 1868

Quelle:  m.e.w., Bd. 32, S. 206

Das Machwerk von Büchner (1) hat sofern Interesse für mich, als darin die meisten deutschen Forschungen im Gebiet des Darwinismus – Prof. Jäger (Wien) und Prof. Haeckel – zitiert werden. Danach ist die Zelle als Urform aufgegeben, dagegen formlose, aber kontraktile Eiweißklümpchen als starting pomt (1). Diese Hypothese später bestätigt durch die Fünde in Kanada (später auch in Bayern und some other places (1)). Die Urform muß natürlich bis zu einem Punkt herunter verfolgt werden, wo sie chemisch fabrizierbar ist. Und dem scheint man auf dem Sprung.
Die Gewissenhaftigkeit, womit B[üchner] sich mit den englischen Sachen bekannt gemacht, zeigt sich u.a. auch darin, daß er Owen unter Darwins Anhänger versetzt.
Anmerkungen
*45. Ludwig Büchner, „Sechs Vorlesungen über die Darwinsche Theorie von der Verwandlung der Arten...“ Leipzig 1868 [Endnote m.e.w.].
*46. Ausgangspunkt [Fußnote m.e.w.].

Karl Marx an Friedrich Engels, 23. Januar 1869

Quelle:  m.e.w., Bd. 32, S. 247

Einliegendes Photogramm sendet Dir Jennychen, die auch arg hüstelt. Sie verlangt den Büchner zurück, da sie Darwin studiert hat und nun auch den großen B[üchner] kennenlernen will. Das Kreuz (auf dem Photogramm von Jennychen) ist polnisches 1864er Insurrektionskreuz.

Karl Marx an Friedrich Engels, 10. Februar 1870

Quelle:  m.e.w., Bd. 32, S. 436

Der crack-brained (*47) Jüngling Flourens ist das Söhnchen of late (*48) Flourens, secretaire perpetuel de l'Academie (*49), der alle seine fast 100jährige Lebzeit durch es stets mit der jedesmaligen Regierung hielt und abwechselnd Bonapartist, Legitimist, Orleanist und wieder Bonapartist war. Während seiner letzten Lebensjahre machte er sich noch bemerklich durch seinen Fanatismus gegen Darwin.
Anmerkungen
*47. verrückte [Fußnote m.e.w.].
*48. verstorbenen [Fußnote m.e.w.].
*49. ständiger Sekretär der Akademie [Fußnote m.e.w.].

Karl Marx an Friedrich Engels, 14. April 1870

Quelle:  m.e.w., Bd. 32, S. 476-477

Apropos. Stirling (Edinburgh) - der Übersetzer von Hegels Logik, an der Spitze der britischen subscription für Hegeldenkmal - hat eine kleine Broschüre gegen Huxley und sein Protoplasma geschrieben. Der Kerl hat natürlich als Schotte die falsche Religions- und Ideenmystik Hegels sich angeeignet (auch deshalb Carlyle bewogen, seinen Übertritt zur Hegelei öffentlich zu erklären). Aber seine Kenntnis der Hegelschen Dialektik befähigt ihn, die Schwächen Huxleys – wo dieser sich aufs Philosophieren legt – nachzuweisen. Seine Geschichte, im selben Pamphlet, gegen Darwin kömmt auf das heraus, was der Berliner (Hegelianer of the old school (*50)) Blutschulze (*51) vor einigen Jahren auf der Naturforscherversammlung zu Hannover sagte. (*52)
Anmerkungen
*50. der alten Schule [Fußnote m.e.w.].
*51. Franz Eilhard Schulze [Fußnote m.e.w.].
*52. Vom 18. bis 23. September 1865 fand in Hannover ein Kongreß der Naturforscher, Gelehrten und Ärzte statt. Auf einer Sitzung des Kongresses trat Franz Eilhard Schulze gegen die Theorie Charles Darwins auf. [Endnote m.e.w.].

Karl Marx an Ludwig Kugelmann, 5. Dezember 1868

Quelle:  m.e.w., Bd. 32, S. 579

Ich habe Büchners Vorlesungen über Darwinismus erhalten. Er ist offenbar ein „Buchmacher" und heißt deshalb wahrscheinlich „Büchner". Das oberflächliche Geschwätz über die Geschichte des Materialismus ist offenbar aus Lange abgeschrieben. Die Art, wie ein solcher Knirps z.B. Aristoteles abfertigt – ein anderer Naturforscher als B[üchner] – ist wahrhaft erstaunlich. Sehr naiv ist auch, wenn er von Cabanis sagt, „man glaube beinah Karl Vogt zu hören". (*53) Wahrscheinlich hat Cabanis den Vogt abgeschrieben!
Anmerkungen
*53. Ludwig Büchner, „Sechs Vorlesungen über die Darwinsche Theorie von der Verwandlung der Arten...“, Leipzig 1868, S. 374/375 [Endnote m.e.w.].

Karl Marx an Laura und Paul Lafargue, 15. Februar 1869

Quelle:  m.e.w., Bd. 32, S. 592

Pauls lebendige Erzählung von seinem Abenteuer mit Fräulein Royer (*53) hat Engels und mein bescheidenes Ich belustigt. Ich wunderte mich keineswegs über seinen Mißerfolg. Er wird sich erinnern, daß ich ihm, als ich ihr Vorwort zu Darwin gelesen hatte, gleich sagte, daß sie eine bourgeoise sei. Darwin wurde von dem Existenzkampf in der englischen Gesellschaft – dem Krieg aller gegen alle, bellum omnium contra omnes – dazu gebracht, den Kampf ums Dasein als das herrschende Gesetz des „tierischen“ und pflanzlichen Lebens zu entdecken. Der Darwinismus dagegen betrachtet dies als einen entscheidenden Grund für die menschliche Gesellschaft, sich niemals von ihrem tierischen Wesen zu emanzipieren.
Anmerkungen
*53. Wie aus Paul Lafargues Brief an Frau Jenny Marx vom Dezember 1868 hervorgeht, hatte Lafargue mit der Schriftstellerin Clemence-Auguste Royer Verhandlungen wegen einer Übersetzung des ersten Bandes des „Kapitals“ ins Französische aufgenommen. Die Verhandlungen verliefen ergebnislos, da Marx von Mlle Royer als Übersetzerin in Anbetracht ihrer bürgerlichen Ansichten Abstand nehmen mußte. Zur französischen Übersetzung des „Kapitals“ siehe auch Anm. 46 und 455 [Endnote m.e.w.].

Karl Marx an Ludwig Kugelmann, 27. Juni 1870

Quelle:  m.e.w., Bd. 32, S. 685-686

Herr Lange (Über die Arbeiterfrage etc., 2. Auflage) macht mir große Elogen, aber zu dem Behuf, sich selbst wichtig zu machen. Herr Lange hat nämlich eine große Entdeckung gemacht. Die ganze Geschichte ist unter ein einziges großes Naturgesetz zu subsumieren. Dies Naturgesetz ist die Phrase (– der Darwinsche Ausdruck wird in dieser Anwendung bloße Phrase –) „struggle for life“, „Kampf ums Dasein“, und der Inhalt dieser Phrase ist das Malthussche Bevölkerungs- oder rather (*54) Übervölkerungsgesetz. Statt also den „struggle for life“, wie er sich geschichtlich in verschiednen bestimmten Gesellschaftsformen darstellt, zu analysieren, hat man nichts zu tun, als jeden konkreten Kampf in die Phrase „struggle for life“ und diese Phrase in die Malthussche „Bevölkerungsphantasie“ umzusetzen. Man muß zugeben, daß dies eine sehr einbringliche Methode – für gespreizte, wissenschaftlich tuende, hochtrabende Unwissenheit und Denkfaulheit ist.
Was derselbe Lange über Hegelsche Methode und meine Anwendung derselben sagt, ist wahrhaft kindisch. Erstens versteht er rien (*55) von Hegels Methode und darum zweitens noch viel weniger von meiner kritischen Weise, sie anzuwenden. In einer Hinsicht erinnert er mich an Moses Mendelssohn. Dieser Urtyp eines Seichbeutels schrieb nämlich an Lessing, wie es ihm einfallen könne, „den toten Hund Spinoza“ au sérieux (*56) zu nehmen! Ebenso wundert sich Herr Lange, daß Engels, ich usw. den toten Hund Hegel au sérieux nehmen, nachdem jedoch Büchner, Lange, Dr. Dühring, Fechner usw. längst darin übereingekommen sind, daß sie – poor deer (*57) – ihn längst begraben haben. Lange ist so naiv zu sagen, daß ich mich in dem empirischen Stoff „mit seltenster Freiheit bewege“. Er hat keine Ahnung davon, daß diese „freie Bewegung im Stoff“ durchaus nichts andres als Paraphrase ist für die Methode, den Stoff zu behandeln – nämlich die dialektische Methode.
Anmerkungen
*54. vielmehr [Fußnote m.e.w.].
*55. nichts [Fußnote m.e.w.].
*56. ernst [Fußnote m.e.w.].
*57. armes Tier [Fußnote m.e.w.].

M.E.W., Bd. 34, Briefe, 1875-1876


Friedrich Engels an Karl Marx, 28. Mai 1876

Quelle:  m.e.w., Bd. 34, S. 18-19

Für den D[ühring] tut mir mein Repetitorium der alten Geschichte und meine naturwissenschaftlichen Studien große Dienste und erleichtern mir die Sache in vieler Beziehung. Besonders im Naturwissenschaftlichen finde ich, daß mir das Terrain bedeutend vertrauter geworden und ich mich darauf, wenn auch mit großer Vorsicht, doch auch mit einiger Freiheit und Sicherheit bewegen kann. Ich fange an, auch für diese Arbeit das Ende abzusehn. Die Sache fängt an, in meinem Kopf Form zu bekommen, und das Bummeln hier an der Seeseite, wo ich mir die Einzelheiten im Kopf herumgehn lassen konnte, hat (*58) nicht wenig dazu beigetragen. Bei diesem enormen Gebiet ist es absolut nötig, das planmäßige Ochsen von Zeit zu Zeit zu unterbrechen und das Geochste zu ruminieren (*59). – Seit 1853 reitet Herr Helmholtz nun in einem fort auf dem Ding an sich herum und ist noch nicht damit im reinen. Der Mensch geniert sich nicht, den Blödsinn, den er vor Darwin hat drucken lassen, noch immer ruhig wieder abdrucken zu lassen. (*60)
Anmerkungen
*58. in der Handschrift: haben [Fußnote m.e.w.].
*59. durchdenken [Fußnote m.e.w.].
*60. Hermann von Helmholtz veröffentlichte 1876 seine „Populären wissenschaftlichen Vorträge“. Viele der hier zusammengefaßten Vorträge waren schon in den fünfziger Jahren, d.h. vor dem 1859 erschienenen Hauptwerk Charles Darwins, „On the origin of species by means of natural selection...“, erschienen. [Endnote m.e.w.].

Karl Marx an Friedrich Engels, 11. Dezember 1876

Quelle:  m.e.w., Bd. 34, S. 28

Nach der Konferenz (St. James) (*61) kam Herr Gladstone auf die Loge, wo Madame Nowikow saß, bot ihr den Arm – pour montrer (*62) (so sagte er nach Bericht der N[owikow]) que l’alliance entre l’Angleterre et la Russie existe deja (*63) – und stolzierte an ihrem Arm durch die enorme Menge, die auf beiden Seiten Platz machte; er ein relativ kleiner dünner Kerl, sie ein wahrer Dragoner. Sie sagte zu Kowalewski: que ces Anglais sont gauches (*64)!
Herr generalissimus Tschernjajew hatte 2mal telegraphisch bei der Nowikow angefragt, ob er auch bei der Konferenz erscheinen sollte; sie mußte ihn bescheiden, Herr Gladstone würde ihn vergnügen persönlich sehn (*65), hielte aber ein öffentliches Erscheinen für zweckwidrig.
Harrison (der in seinem Artikel in „Fortnightly“: „cross and crescent“ sich mit einigen eben abgeschnappten hints (*66) Kowalewskis breitmacht) sagte dem Howell ins Gesicht auf der Konferenz (war ticket Konferenz), die anwesenden Arbeiter gehörten (*67) alle samt und sonders zu der ihm (Harrison) wohlbekannten bezahlten Bande.
Leider hat auch Charles Darwin seinen Namen zu der Saudemonstration hergegeben; Lewes verweigerte es.
Anmerkungen
*61. Am 8. Dezember 1876 tagte in der St. James’ Hall zu London eine sog. Nationalkonferenz über die orientalische Frage. Hauptorganisatoren der Konferenz waren Vertreter der liberalen Partei, die auch unter den Konferenzteilnehmern führend vertreten waren. Die Teilnahme an der Konferenz war nur gegen Einlaßkarten (tickets) gestattet, so daß die Veranstalter die Zusammensetzung der Konferenz beeinflussen konnten. [Endnote m.e.w.].
*62. um zu zeigen [Fußnote m.e.w.].
*63. daß die Allianz zwischen England und Rußland bereits existiere [Fußnote m.e.w.].
*64. was diese Engländer doch linkisch sind [Fußnote m.e.w.].
*65. so in der Handschrift [Fußnote m.e.w.].
*66. Andeutungen [Fußnote m.e.w.].
*67. in der Handschrift: gehörte [Fußnote m.e.w.].

Friedrich Engels an Pjotr Lawrow, 24. September 1875

Quelle:  m.e.w., Bd. 34, S. 152

Bei meiner Rückkehr aus Ramsgate, wo ich einige Wochen weilte, finde ich Ihren Brief vom 20. sowie einen ganzen Packen Zeitungen, Bücher usw., die während meiner Abwesenheit angekommen sind. Zunächst werde ich da ein wenig Ordnung hineinbringen, und dann so schnell wie möglich zur Lektüre Ihres Artikels aus dem „Впередъ!“ (*68) übergehen, um Ihnen mitzuteilen, wo wir in unseren Ansichten über das Verhältnis des Sozialismus zum Kampf ums Dasein nach Darwin übereinstimmen und wo wir auseinandergehen. Wenn Sie dies nicht gleich in den nächsten Tagen erhalten, so wollen Sie mich bitte entschuldigen, da ich viele Briefe zu schreiben und andere liegengebliebene Arbeiten zu erledigen habe, denn ich konnte einen Monat lang nur das unbedingt Notwendige und Unaufschiebbare tun.
*68. Der Artikel „Sozialism i borba sa suschtschestwowanije“ von Pjotr Lawrowitsch Lawrow erschien anonym in der Zeitschrift „Wperjod!“ vom 15. September 1875. Lawrow schrieb am 20. September 1875 an Engels: „Sie haben Nr. 17 des ‚Wperjod!‘ erhalten. Der erste Artikel behandelt ein Thema, mit dem Sie sich, wie mir Marx gesagt hat, in letzter Zeit viel beschäftigt haben“. „Ich erwarte mit Ungeduld Ihre Arbeit über dieses Thema, aber sie ist noch nicht erschienen. In der Tat beschäftigen Sie sich damit nach dem, was Marx mir gesagt hat, zwar von einem anderen Gesichtspunkt. Doch würden Sie mir einen großen Dienst erweisen, wenn Sie sich die Mühe machen wollten, meinen Artikel über den Sozialismus und den Kampf ums Dasein zu lesen und mich Ihre Meinung darüber wissen zu lassen.“ [Endnote m.e.w.].

Friedrich Engels an Pjotr Lawrowitsch Lawrow, 12.-17. 1876

Quelle:  m.e.w., Bd. 34, S. 169-171

Mon cher Monsieur Lawrow,
Enfin, de retour d’un voyage en Allemagne (*69), j’arrive à votre article (*70), que je viens de lire avec beaucoup d’interet. Voici mes observations y relatives, rédigées en allemand ce qui me permettra d’être plus concis. (*71)
1. Ich akzeptiere von der Darwinschen Lehre die Entwicklungstheorie, nehme aber D[arwin]s Beweismethode (struggle for life, natural selection (*72) nur als ersten, provisorischen, unvollkommenen Ausdruck einer neu entdeckten Tatsache an. Bis auf Darwin betonten grade die Leute, die jetzt überall nur Kampf ums Dasein sehn (Vogt, Büchner, Moleschott u.a.), grade das Zusammenwirken der organischen Natur, wie das Pflanzenreich dem Tierreich Sauerstoff und Nahrung liefert, und umgekehrt das Tierreich den Pflanzen Kohlensäure und Dünger, wie dies namentlich von Liebig hervorgehoben worden war. Beide Auffassungen haben ihre gewisse Berechtigung innerhalb gewisser Grenzen, aber die eine ist so einseitig und borniert wie die andre. Die Wechselwirkung der Naturkörper – toter wie lebender – schließt sowohl Harmonie wie Kollision, Kampf wie Zusammenwirken ein. Wenn daher ein angeblicher Naturforscher sich erlaubt, den ganzen mannigfaltigen Reichtum der geschichtlichen Entwicklung unter der einseitigen und magern Phrase: „Kampf ums Dasein“ zu subsumieren, einer Phrase, die selbst auf dem Gebiet der Natur nur cum grano salis akzeptiert werden kann, so verurteilt sich dies Verfahren schon selbst.
2. Von den 3 angeführten ubĕždennyie Darwinisty (*73) scheint nur Hellwald Erwähnung zu verdienen. Seidlitz ist bestenfalls doch nur ein kleines Licht, und Robert Byr ein Romanschreiber, von dem augenblicklich im „Ueber Land und Meer“ ein Roman erscheint: „Drei Mal“. Dahin paßt auch seine ganze Rodomontade.
3. Ohne die Vorzüge Ihrer Angriffsmethode, die ich eine psychologische nennen möchte, in Abrede zu stellen, würde ich eine andere gewählt haben. Jeder von uns wird mehr oder weniger beeinflußt von dem intellektuellen Medium, in dem er sich vorzugsweise bewegt. Für Rußland, wo Sie Ihr Publikum besser kennen als ich, und für ein propagandistisches Journal, das sich an den sviazujuščij affekt (*74), an das moralische Gefühl wendet, ist Ihre Methode wahrscheinlich die bessere. Für Deutschland, wo die falsche Sentimentalität so unerhörten Schaden angerichtet hat und noch anrichtet, würde sie nicht passen, sie würde mißverstanden, sentimental verdreht werden. Bei uns ist eher Haß nötig als Liebe – wenigstens zunächst – und vor allen Dingen Abstreifung der letzten Reste des deutschen Idealismus, Einsetzung der materiellen Tatsachen in ihr historisches Recht. Ich würde daher – und werde es vielleicht seinerzeit – diese bürgerlichen Darwinisten etwa folgendermaßen angreifen:
Die ganze darwinistische Lehre vom Kampf ums Dasein ist einfach die Übertragung der Hobbesschen Lehre vom bellum ornnium contra omnes und der bürgerlich-ökonomischen von der Konkurrenz, nebst der Malthusschen Bevölkerungstheorie, aus der Gesellschaft in die belebte Natur. Nachdem man dies Kunststück fertiggebracht (dessen unbedingte Berechtigung ich, wie sub 1. angedeutet, bestreite, besonders was die Malthussche Theorie angeht), so rücküberträgt man dieselben Theorien aus der organischen Natur wieder in die Geschichte und behauptet nun, man habe ihre Gültigkeit als ewige Gesetze der menschlichen Gesellschaft nachgewiesen. Die Kindlichkeit dieser Prozedur springt in die Augen, man braucht kein Wort darüber zu verlieren. Wollte ich aber näher darauf eingehn, so würde ich es in der Weise tun, daß ich sie in erster Linie als schlechte Ökonomen, und erst in zweiter Linie als schlechte Naturforscher und Philosophen darstellte.
4. Der wesentliche Unterschied der menschlichen von der tierischen Gesellschaft ist der, daß die Tiere höchstens sammeln, während die Menschen produzieren [Dies ist richting wenn produzieren heist: mit selbst verfertigten Produktionsmitteln]. Dieser einzige, aber kapitale Unterschied allein macht es unmöglich, Gesetze der tierischen Gesellschaften ohne weiteres auf menschliche zu übertragen. Er macht es möglich, daß, wie Sie richtig bemerken, čelovĕk vel borjbu ne toljko za suščestvovanie, no za naslaždenie i za uveličenie svojich naslaždenij... gotoy byl dlja vysšago naslaždenija otrečsja ot nisšich (*75). Ohne Ihre weiteren Folgerungen hieraus zu bestreiten, würde ich, von meinen Prämissen aus, folgendermaßen weiter schließen: Die Produktion der Menschen erreicht also auf gewisser Stufe eine solche Höhe, daß nicht nur notwendige Befürfnisse, sondern auch Luxusgenüsse, wenn auch zunächst nur (*76) für eine Minderheit, produziert werden. Der Kampf ums Dasein – wenn wir diese Kategorie für einen Augenblick hier gelten lassen wollen, verwandelt sich also in einen Kampf um Genüsse, um nicht mehr bloße Existenzmittel, sondern um Entwicklungsmittel, gesellschaftlich produzierte Entwicklungsmittel, und für diese Stufe sind die Kategorien aus dem Tierreich nicht mehr anwendbar. Wenn nun aber, wie jetzt geschehen, die Produktion in ihrer kapitalistischen Form eine weit größere Menge von Existenz- und Entwicklungsmitteln produziert als die kapitalistische Gesellschaft verbrauchen kann, weil sie die große Masse der wirklichen Produzenten künstlich von diesen Existenz- und Entwicklungsmitteln entfernt hält; wenn diese Gesellschaft durch ihr eignes Lebensgesetz gezwungen ist, diese schon für sie übergroße Produktion fortwährend zu steigern und daher periodisch, alle zehn Jahre, dahin kommt, nicht nur eine Masse Produkte, sondern auch Produktivkräfte selbst zu zerstören – welchen Sinn hat da noch das Gerede von „Kampf ums Dasein“? Der Kampf ums Dasein kann dann nur noch darin bestehn, daß die produzierende Klasse die Leitung der Produktion und Verteilung der bisher damit betrauten, aber jetzt dazu unfähig gewordenen Klasse abnimmt, und das ist eben die sozialistische Revolution.
Beiläufig bemerkt, schon die bloße Betrachtung der bisherigen Geschichte als einer Reihe von Klassenkämpfen reicht hin, um die Auffassung derselben Geschichte als einer schwach variierten Darstellung des „Kampfs ums Dasein“ in ihrer ganzen Seichtigkeit erscheinen zu lassen. Ich würde daher nie diesen falschen Naturalisten diesen Gefallen tun.
5. Aus demselben Grunde würde ich Ihren der Sache nach ganz richtigen Satz, čto ideja solidarnosti dlja oblegcenija borjby mogla ... vyrosti nakonec do togo, čtoby ochvatitj vcë čelověčestvo i protivu[po]stavitj jego, kak solidarnoje obščestvo bratjev, ostaljnomu miru mineralov, rasteniji i životnych (*77) – demgemäß anders formuliert haben.
6. Dagegen kann ich darin mit Ihnen nicht einstimmen, daß die borjba vsěch protiv vsěch (*78) die erste Phase der menschlichen Entwicklung gewesen sei. Meiner Ansicht nach war der Gesellschaftstrieb einer der wesentlichsten Hebel der Entwicklung des Menschen aus dem Affen. Die ersten Menschen müssen in Rudeln gelebt haben, und soweit wir zurückblicken können, finden wir, daß dies der Fall war.

–––

17 novembre. J’ai été de nouveau interrompu et je reprends ces lignes aujourd’hui pour vous les remettre. Vous voyez que mes observations se rattachent plutôt à la forme, à la méthode de votre attaque, qu’au fond. J’espère que vous les trouverez assez claires, je les ai écrites à la hâte et en les relisant, je voudrais changer bien des mots, mais je crains de rendre le manuscrit trop illisible.
Anmerkungen
*69. 278 [Endnote m.e.w.].
*70. 259 [Endnote m.e.w.].
*71. Mein lieber Herr Lawrow,
Von einer Reise nach Deutschland zurückgekehrt, komme ich endlich zu Ihrem Artikel, den ich soeben mit großem Interesse gelesen habe. Nachstehend meine diesbezüglichen Bemerkungen, die deutsch geschrieben sind, was mir erlaubt, mich kürzer zu fassen. [Fußnote m.e.w.].
*72. Kampf ums Dasein, natürliche Auslese [Fußnote m.e.w.].
*73. überzeugten Darwinisten [Fußnote m.e.w.].
*74. das Zusammengehörigkeitsgefühl [Fußnote m.e.w.].
*75. der Mensch nicht nur den Kampf um das Dasein führte, sondern auch um den Genuß und für die Erhöhung seiner Genüsse ... bereit war, zugunsten höheren Genusses auf weniger hohen zu verzichten [Fußnote m.e.w.].
*76. in der Handschrift: nur zunächst nur [Fußnote m.e.w.].
*77. daß die Idee der Solidarität zur Erleichterung des Kampfes ... schließlich die ganze Menschheit erfassen und sie, als solidarische Gesellschaft von Brüdern, der übrigen Welt der Minerale, Pflanzen und Tiere gegenüberstellen könnte [Fußnote m.e.w.].
*78. der Kampf aller gegen alle [Fußnote m.e.w.].
*79. 17. November. Ich bin erneut unterbrochen worden und nehme diese Zeilen heute wieder zur Hand, um sie Ihnen zuzustellen. Sie sehen, daß sich meine Bemerkungen mehr auf die Form, auf die Methode Ihres Angriffs beziehen als auf den Inhalt. Ich hofffe, daß Sie sie klar genug finden werden, ich habe sie in Eile geschrieben, und beim nochmaligen Durchlesen möchte ich viele Worte ändern, aber ich fürchte, das Manuskript zu unleserlich zu machen. Ich grüße Sie herzlich. [Fußnote m.e.w.].

M.E.W., Bd. 35, Briefe, 1882-1883


Karl Marx an Friedrich Engels, 5. Juni 1882

Quelle:  m.e.w., Bd. 35, S. 70

Ich bin hier seit 3. Juni (*80) und reise heut abend fort. In Nizza und diesmal auch, wo es ausnahmsweis, zu Cannes starker Wind (obgleich Warmer) und Staubwirbel. Einen gewissen Philisterhumor hat auch Natur (in der Art schon in dem „Alten Testament“ die Fütterung der Schlange mit Dreck als von Darwins Würmern Dreckdiet humoristische Antizipation). (*81) So geht ein solcher Naturalwitz durch die ganze Lokalpresse der Riviera. Nämlich am 24. Mai war ein entsetzlich Orage (*82) namentlich zu Mentone; der Blitz schlug ein dicht aupres de la gare (*83) (von Mentone) ein und schlug einem daneben wandelnden Philister die Sohle eines Schuhs weg, ließ aber den sonstigen übrigen Philister intakt.
Anmerkungen
*80. in der Handschrift: Mai [Fußnote m.e.w.].
*81. Marx bezieht sich hier auf eine Stelle im ersten Buch Mose (Altes Testament), in der die Schlange dazu verdammt wird, sich ihr Leben lang von Erde zu ernähren, und auf Darwins Buch „The formation of vegetable mould, through the action of worms, with observations on their habits “ [Endnote m.e.w.].
*82. Gewitter [Fußnote m.e.w.].
*83. beim Bahnhof [Fußnote m.e.w.].

Karl Marx an Friedrich Engels, 4. September 1882

Quelle:  m.e.w., Bd. 35, S. 91

Herr Virchow, wie ich aus Supplément (*84) des „Journal de Geneve“ von gestern ersah, wieder nachbewiesen, daß er unendlich über Darwin, er in der Tat allein wissenschaftlich, und daher auch die organische Chemie „verachtet“.
Anmerkungen
*84. Der Beilage [Fußnote m.e.w.].

Friedrich Engels an Eduard Bernstein, 3. Mai 1882

Quelle:  m.e.w., Bd. 35, S. 315

Der Brief Darwins war allerdings an Marx und äußerst liebenswürdig. (*85) Nehmen Sie sich aber in acht vor einem Artikel von Lafargue im „Citoyen“, 28. April, über „La selection darwinienne et les classes regnantes“, er hat darin am Schluß einen neuen Amphioxus entdeckt, der zum Totlachen ist. L[afargue] ist in Paris, ich hab’ ihm eben geschrieben (*86) und wegen seines Amphioxus Lafargii greulich verhöhnt.
Anmerkungen
*85. In einem Nekrolog in der „Justice“ anläßlich Charles Darwins Tod erwähnt Charles Longuet diesen Brief, über dessen Verbleib uns nichts bekannt ist [Letter of 1 October 1873, Darwin Correspondence Project ]. Longuets Nachruf wurde auch im „Sozialdemokrat“ vom 27. April 1882 veröffentlicht. [Endnote m.e.w.].
*86. Dieser Brief wurde unseres Wissens bisher noch nicht aufgefunden. [Endnote m.e.w.].

Friedrich Engels an Karl Kautsky, 15. November 1882

Quelle:  m.e.w., Bd. 35, S. 399-400

Der Darwin-Artikel speziell ist augenblicklich eine Unmöglichkeit. Ich schrieb B[ernstein], er solle ihn haben, sobald ich im Lauf meiner Arbeiten an dies Thema käme, das kann noch Monate dauern, nicht ohne seine Schuld, da er mich zu Arbeiten eines ganz andern Gebiets encouragiert (*87) hat, die auch ich für nötiger halte. (*88) Ehe ich mich also da durchgewirtschaftet, und wieder bei den Naturwissenschaften angekommen und da mich bis zur Zoologie weiter entwickelt habe, kann davon keine Rede sein. Gemeinplätze über D[arwin] aus dem Ärmel geschüttelt, würden weder Ihnen noch mir dienen können.
Anmerkungen
*87. ermutert [Fußnote m.e.w.].
*88. siehe vorl. Band, S. 359/360 [Fußnote m.e.w.].

Friedrich Engels an Karl Kautsky, 10. Februar 1883

Quelle:  m.e.w., Bd. 35, S. 432-433

Es wird Sie nicht wundern zu erfahren, daß ich in Beziehung auf Ihren Artikel über Hetärismus (*89) noch immer auf dem alten Standpunkt stehe, daß die Gemeinschaft der Weiber (und Männer, für die Weiber) der Ausgangspunkt der Geschlechtsverhältnisse innerhalb des Stammes war. Die psychologische Motivierung dagegen, aus der Eifersucht, schiebt spätere Anschauungen unter, und wird durch hunderte von Tatsachen (wovon unten) widerlegt. Darwin ist auf diesem Felde ebensowenig Autorität wie in der Ökonomie, woher er seinen Malthusianismus importiert. Von den Affen wissen wir in dieser Beziehung fast gar nichts, da die Beobachtungen in der Menagerie nichts beweisen und die am wilden Affenrudel schwer zu machen sind, und die gemachten, angeblichen, nicht für genau und endgültig oder gar allgemein gelten können. Gorilla und Orang fallen ohnehin heraus, da sie nicht in Rudeln leben. Die von Ihnen aufgeführten Urstämme mit loser Monogamie halte ich für degeneriert, von den Kaliforniern der Halbinsel hat Bancroft es bewiesen. Nicht die Roheit beweist Ursprünglichkeit, sondern der Grad der Integrität der alten Stammes-Blutbande. Diese sind also in jedem einzelnen Falle festzustellen, ehe man aus einzelnen Erscheinungen bei diesem oder jenem Stamm Schlüsse machen darf. Z.B. bei den Halbinsel-Kahforniern sind diese alten Bande stark gelockert, ohne daß eine andre Organisation an deren Stelle getreten; sicheres Zeichen von Entartung. Aber auch diese beweisen gegen Sie. Auch bei ihnen fallen die Weiber periodisch wieder in die Gemeinschaft zurück. Und dies ist der Hauptpunkt, den Sie aber gar nicht erwähnen. Mit derselben Sicherheit wie da, wo beim Hutzwang (*90) der Boden periodisch wieder in die Gemeinschaft fällt, der Rückschluß auf frühere vollständige Bodengemeinschaft gemacht werden darf, mit derselben Sicherheit kann, nach meiner Ansicht, auf ursprüngliche Gemeinschaft der Weiber geschlossen werden überall da, wo die Weiber periodisch – wirklich oder symbolisch – in die Gemeinschaft zurückfallen. Und das geschieht nicht nur bei Ihren Halbinsel-Kaliforniern, sondern bei sehr vielen andren Indianerstämmen auch, ferner bei Phöniziern, Babyloniern, Indern, Slawen, Kelten, entweder wirklich oder symbolisch, ist also uralt und weitverbreitet, und widerlegt das ganze psychologische Eifersuchtsargument. Ich bin begierig zu sehn, wie Sie im weitern Verlauf über dies Hindernis hinwegzukommen gedenken, denn unerwähnt können Sie das doch nicht lassen.
Anmerkungen
*89. Es handelt sich um den ersten Artikel „Hetärismus“ der Artikelserie Karl Kautskys „Die Entstehung der Ehe und Familie“, die in der darwinistischen Zeitschrift „Kosmos“, Stuttgart, Jahrgang VI, Band XII (Oktober 1882 - März 1883) veröffentlicht wurde. Der zweite Artikel war betitelt „Die Raubehe und das Mutterrecht. Der Clan.“, der dritte „Die Kaufehe und die patriarchalische Familie“. 1883 wurden diese Artikel unter dem Gesamttitel der Serie als „Separat-Abdruck aus ‚Kosmos‘. VI. Jahrgang. 1882“ herausgegeben. [Endnote m.e.w.].
*90. Hutzwang – die in der Markverfassung deutscher Stämme in der Urzeit festgelegte Pflicht aller Mitglieder der Genossenschaft, nach der Ernte bis zur Aussaat die Zäune von ihren Bodenanteilen zu entfernen, damit diese Ländereien von allen als Weideland genutzt werden können (siehe auch Band 19 unserer Ausgabe, S. 322). [Endnote m.e.w.].

M.E.W., Bd. 36, Briefe, 1884


Friedrich Engels an Karl Kautsky, 16. Februar 1884

Quelle:  m.e.w., Bd. 36, S. 109-110

Über die Urzustände der Gesellschaft existiert ein entscheidendes Buch, so entscheidend wie Darwin für die Biologie, es ist natürlich wieder von Marx entdeckt worden: Morgan, „Ancient Society“, 1877. M[arx] sprach davon, aber ich hatte damals andre Sachen im Kopf, und er kam nicht wieder darauf zurück, was ihm gewiß angenehm war, da er selbst das Buch bei den Deutschen einführen wollte, wie ich aus seinen sehr ausführlichen Auszügen sehe. Morgan hat die Marxsche materialistische Geschichtsanschauung in den durch seinen Gegenstand gebotenen Grenzen selbständig neu entdeckt und schließt für die heutige Gesellschaft mit direkt kommunistischen Postulaten ab. Die römische und griechische Gens wird zum ersten Mal aus der der Wilden, namentlich amerikanischen Indianer, vollständig aufgeklärt und damit eine feste Basis für die Urgeschichte gefunden. Hätte ich die Zeit, ich würde den Stoff, mit Marx’ Noten, für’s Feuilleton des „S[ozialdemokrat]“ oder die „Neue Zeit“ bearbeiten, aber daran ist nicht zu denken. All der Schwindel von Tylor, Lubbock und Co. ist definitiv kaputtgemacht, Endogamie, Exogamie und wie all der Blödsinn heißt. (*91) Diese Herren unterdrücken das Buch hier, soviel sie können, es ist in Amerika gedruckt, ich hab’s seit 5 Wochen bestellt, kann’s aber nicht bekommen! trotzdem eine Londoner Firma als Mitverleger auf dem Titel steht.
Anmerkungen
*91. Unter Berücksichtigung der Bemerkungen von Marx, die er in seinem Konspekt zu Morgans Buch „Ancient Society“ gemacht hatte, und in Auswertung eigener Forschungen schrieb Engels von Ende März bis Ende Mai 1884 den „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ (siehe Band 21 unserer Ausgabe). Ursprünglich wollte Engels seine Schrift in der legalen theoretischen Zeitschrift der deutschen Sozialdemokratie „Die Neue Zeit“ veröffentlichen; er gab diesen Plan jedoch auf, weil er zu der Ansicht kam (siehe vorl. Band S. 142/143), daß diese Arbeit unter den Bedingungen des Sozialistengesetzes in Deutschland doch nicht veröffentlicht werden könnte.
Kritische Bemerkungen von Engels über die Arbeiten Edward Burnett Tylors und John Lubbocks sind in seinem Vorwort zur vierten deutschen Auflage des „Ursprungs der Familie“ enthalten, die 1891 erschien. (Siehe Band 22 unserer Ausgabe, S. 211-222.) [Endnote m.e.w.].

Friedrich Engels an Laura Lafargue, 23. November 1884

Quelle:  m.e.w., Bd. 36, S. 244-245

Ehe ich schließe, möchte ich Dich noch bitten, mir einen Gefallen zu tun. Paul hat von mir: 1. Darwins „Origin of Species“. 2. Thierry: „Histoire du Tiers État“. 3. Paquet: „Institutions provinciales et communales de la France“. 4. Buonarroti's „Conspiracy of Babeuf“. Weiter: Jenny hatte von mir 1. „Die Edda“, poetische und prosaische (*92) und 2. „Beowulf“, beides in Simrocks neuhochdeutscher Übertragung. Die beiden letzten Bücher und Darwin brauche ich dringend.
Anmerkungen
*92. in der Handschrift deutsch: „Die Edda“, poetische und prosaische [Fußnote m.e.w.].

M.E.W., Bd. 37, Briefe, 1888


Friedrich Engels an Nikolai Franzewitsch Danielson, 15. Oktober 1888

Quelle:  m.e.w., Bd. 37, S. 103

Wie tief die ökonomische Wissenschaft gesunken ist, beweist der von Lujo Brentano veröffentlichte Vortrag über „Die klassische Nationalökonomie“ (Leipzig 1888), in dem er proklamiert: Allgemeine oder theoretische Ökonomie ist wertlos, aber spezielle oder praktische Ökonomie ist alles. Wie in der Naturwissenschaft (!) müssen wir uns auf die Beschreibung von Tatsachen beschränken; und solche Beschreibungen sind von unendlich größerem Wert als alle Deduktionen a priori. „Wie in der Naturwissenschaft“! Das ist unbezahlbar im Jahrhundert von Darwin, Mayer, Joule und Clausius, im Jahrhundert der Entwicklungslehre und der Umwandlung der Energie!

M.E.W., Bd. 39, Briefe, 1894


Friedrich Engels an Karl Kautsky, 23. September 1894

Quelle:  m.e.w., Bd. 39, S. 300-301

Die Italiener fangen an, mir fürchterlich zu werden. Gestern schickt mir der Quasselkopf Enrico Ferri seine sämtlichen Schriften der letzten Zeit und einen überschwenglichen Brief, der meine Gefühle für ihn nur noch überschwenglicher gemacht hat. Und doch soll man dem Mann höflich antworten! Sein Buch Darwin-Spencer-Marx ist entsetzlich konfus, flacher Kohl. Die Italiener werden noch lange laborieren an dieser ihrer jebildeten Bourgeoisjugend. Ich werde wohl einmal etwas tun müssen, was meiner gefahrdrohend anwachsenden Popularität (die nicht poussiert wird von den Leuten, without a considerable eye to business (*93)) ein Ende zu machen. Einstweilen werde ich in der Vorrede zum 3. Band an Achille Loria ein kleines Exempelchen statuieren. (*94)
Anmerkungen
*93. ohne dabei ziemlich stark an den geschäftlichen Vorteil zu denken [Fußnote m.e.w.].
*94. siehe Band 25 unserer Ausgabe, S. 25-28

Redaktionelle Anmerkungen

1. Het idee dat iets “zwanger” (een metafoor) kan zijn van iets anders is hier problemetisch en betrekkelijk. Marx schreef ook: “De anatomie van de mens levert een sleutel tot de anatomie van de aap.” Het gaat om een aantekening gemaakt in 1857 voordat Darwin’s Origin of Species was verschenen, en is als regel misbegrepen.
“De aap” is niet “zwanger” van “de mens”, want de menswording hangt af van vele uiterlijke en uitzonderlijke, veelal toevallige omstandigheden, en “de aap” wordt omgekeerd ook niet door “de mens” verklaard; de aap is hooguit een potentiële mens, en dat betekent ook niets, want, zoals Karl Marx vaststelde, dit kan “slechts begrepen worden, wanneer deze hogere ontwikkeling zelf reeds bekend is”; kortom, het is een lege huls, geklets achteraf, zonder voorspellende waarde; in die zin zou een vis ook kunnen worden opgevoerd als een potentiële olifant.
Wat níet geldt voor de anatomie van de aap geldt – in zekere zin – wél voor de cultuur van de aap: die kan slechts worden begrepen vanuit menselijk perspectief voor zover cultuur accumuleerdbaar is en pas bij een zeker minimum van verschijnselen door mensen als iets afzonderlijks kan worden herkend; tot dan blijft het een curiositeit; vandaar de steriele obsessie in the vergelijkende ethologie met werktuigen producerende apen en vogels.
Het kapitalisme is “zwanger” van het socialisme in beperkte zin: het is een vooral een keuze, de uitkomst van een strijd waarvan het resultaat niet bij voorbaat vaststaat. Maar uit de tegenspraken van het kapitalisme en de beweging van het proletariaat kan, in beperkte zin, wel een weg vooruit worden afgeleid. Geen enkele aap kan beslissen mens te worden, maar mensen kunnen wel beslissen hun samenleving socialistisch te organiseren, en ze kunnen dat niet doen zonder eerst die beslissing te nemen; ze worden daartoe ook niet (mechanisch-deterministisch) gedwongen (er is geen automatisme), maar ze worden er wél toe gedreven die strijd aan te gaan en oplossingen te zoeken.
En het kapitalisme kan pas daadwerkelijk worden begrepen indien en voor zover de strijd voor een hogere maatschappijvorm wordt opgenomen.

German:  m.e.w., Bd. 42, S. 39-40:

„Die bürgerliche Gesellschaft ist die entwickeltste und mannigfaltigste historische Organisation der Produktion. Die Kategorien, die ihre Verhältnisse ausdrücken, das Verständnis ihrer Gliederung gewähren daher zugleich Einsicht in die Gliederung und die Produktionsverhältnisse aller der untergegangnen Gesellschaftsformen, mit deren Trümmern und Elementen sie sich aufgebaut, von denen teils noch unüberwundne Reste sich in ihr fortschleppen, bloße Andeutungen sich zu ausgebildeten Bedeutungen entwickelt haben etc. Die Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen. Die Andeutungen auf Höhres in den untergeordnetren Tierarten können dagegen nur verstanden werden, wenn das Höhere selbst schon bekannt ist. Die bürgerliche Ökonomie liefert so den Schlüssel zur antiken etc. Keineswegs aber in der Art der Ökonomen, die alle historischen Unterschiede verwischen und in allen Gesellschaftsformen die bürgerlichen sehen. Man kann Tribut, Zehnten etc. verstehn, wenn man die Grundrente kennt. Man muß sie aber nicht identifizieren. Da ferner die bürgerliche Gesellschaft selbst nur eine gegensätzliche Form der Entwicklung, so werden Verhältnisse frührer Formen oft nur ganz verkümmert in ihr anzutreffen sein oder gar travestiert. Z.B. Gemeindeeigentum. Wenn daher wahr ist, daß die Kategorien der bürgerlichen Ökonomie eine Wahrheit für alle andren Gesellschaftsformen besitzen, so ist das nur cum grano salis zu nehmen. Sie können dieselben entwickelt, verkümmert, karikiert etc. enthalten, immer in wesentlichem Unterschied. Die sog. historische Entwicklung beruht überhaupt darauf, daß die letzte Form die vergangnen als Stufen zu sich selbst betrachtet und, da sie selten und nur unter ganz bestimmten Bedingungen fähig ist, sich selbst zu kritisieren – es ist hier natürlich nicht von solchen historischen Perioden die Rede, die sich selbst als Verfallzeit vorkommen –, sie immer einseitig auffaßt. Die christliche Religion war erst fähig, zum objektiven Verständnis der frühern Mythologien zu verhelfen, sobald ihre Selbstkritik zu einem gewissen Grad, sozusagen δυνάμει [der Möglichkeit nach], fertig war. So kam die bürgerliche Ökonomie erst zum Verständnis der feudalen, antiken, Orientalen, sobald die Selbstkritik der bürgerlichen Gesellschaft begonnen. Soweit die bürgerliche Ökonomie nicht mythologisierend sich rein identifiziert mit den vergangnen, glich ihre Kritik der frühern, namentlich der feudalen, mit der sie noch direkt zu kämpfen hatte, der Kritik, die das Christentum am Heidentum oder auch der Protestantismus am Katholizismus ausübte.“

English: Grundrisse :

“Bourgeois society is the most developed and the most complex historic organization of production. The categories which express its relations, the comprehension of its structure, thereby also allows insights into the structure and the relations of production of all the vanished social formations out of whose ruins and elements it built itself up, whose partly still unconquered remnants are carried along within it, whose mere nuances have developed explicit significance within it, etc. Human anatomy contains a key to the anatomy of the ape. The intimations of higher development among the subordinate animal species, however, can be understood only after the higher development is already known. The bourgeois economy thus supplies the key to the ancient, etc. But not at all in the manner of those economists who smudge over all historical differences and see bourgeois relations in all forms of society. One can understand tribute, tithe, etc., if one is acquainted with ground rent. But one must not identify them. Further, since bourgeois society is itself only a contradictory form of development, relations derived from earlier forms will often be found within it only in an entirely stunted form, or even travestied. For example, communal property. Although it is true, therefore, that the categories of bourgeois economics possess a truth for all other forms of society, this is to be taken only with a grain of salt. They can contain them in a developed, or stunted, or caricatured form etc., but always with an essential difference. The so-called historical presentation of development is founded, as a rule, on the fact that the latest form regards the previous ones as steps leading up to itself, and, since it is only rarely and only under quite specific conditions able to criticize itself – leaving aside, of course, the historical periods which appear to themselves as times of decadence – it always conceives them one-sidedly. The Christian religion was able to be of assistance in reaching an objective understanding of earlier mythologies only when its own self-criticism had been accomplished to a certain degree, so to speak, δυνάμει. [20] Likewise, bourgeois economics arrived at an understanding of feudal, ancient, oriental economics only after the self-criticism of bourgeois society had begun. In so far as the bourgeois economy did not mythologically identify itself altogether with the past, its critique of the previous economies, notably of feudalism, with which it was still engaged in direct struggle, resembled the critique which Christianity levelled against paganism, or also that of Protestantism against Catholicism.”

Nederlands: Grundrisse, Inleiding :

“De burgerlijke maatschappij is de hoogst ontwikkelde en meest gedifferentieerde historische organisatie van de productie. De categorieën die haar verhoudingen uitdrukken, het inzicht in haar structuur, geven daarom tevens inzicht in de structuur en de productieverhoudingen van alle ondergegane maatschappijvormen, op de ruïnes en met de elementen waarvan zijzelf opgebouwd is, waarvan bepaalde nog niet overwonnen resten in haar voortleven en wat daarin louter aanduidingen waren, uitgegroeid zijn tot volwaardige betekenissen, enz. De anatomie van de mens levert een sleutel tot de anatomie van de aap. De aanduidingen van een hogere ontwikkeling in de lagere diersoorten kunnen daarentegen slechts begrepen worden, wanneer deze hogere ontwikkeling zelf reeds bekend is. De burgerlijke economie levert zo de sleutel tot de antieke enz. Maar geenszins op de manier van de economen, die alle historische verschillen uitwissen en in alle maatschappijvormen de burgerlijke projecteren. Men kan schatting, tienden enz. begrijpen, wanneer men de grondrente kent. Men moet ze echter niet aan elkaar gelijkstellen. Bovendien, aangezien de burgerlijke maatschappij zelf slechts een antithetische vorm van de [historische] ontwikkeling is, zal men de verhoudingen uit voorafgaande vormen vaak slechts geatrofieerd, of zelfs in een onherkenbare gedaante in haar aantreffen. Bijvoorbeeld communaal eigendom. Hoewel het dus waar is, dat de categorieën van de burgerlijke economie een waarheid voor alle andere maatschappijvormen bezitten, moet men dit slechts met een korrel zout nemen. Ze kunnen deze in een ontwikkelde, geatrofieerde, gekarikaturiseerde enz. vorm bevatten, maar altijd met een essentieel verschil. De zogenaamde historische ontwikkeling berust er in het algemeen op, dat de laatste vorm de vormen uit het verleden beschouwt als trappen op weg naar zichzelf en ze altijd in een eenzijdig licht stelt, aangezien ze zelden — en alleen onder zeer specifieke voorwaarden — in staat is zichzelf aan kritiek te onderwerpen. (Hierbij zijn natuurlijk niet die historische perioden bedoeld die zichzelf als een tijd van verval zien.) De christelijke godsdienst kon slechts behulpzaam zijn bij het objectief begrijpen van de oudere mythologieën vanaf het moment dat haar zelfkritiek tot op zekere hoogte, a.h.w. virtueel was voltooid. Op dezelfde wijze kwam de burgerlijke economie pas tot een begrip van de feodale, antieke en oriëntaalse economieën, zodra de zelfkritiek van de burgerlijke maatschappij een aanvang had genomen. In zoverre de burgerlijke economie zich niet volstrekt identificeert met de economieën van het verleden door het construeren van mythes, leek haar kritiek op de voorafgaande economieën, in het bijzonder de feodale, waarmee ze nog in een directe strijd was gewikkeld, op de kritiek die het christendom op het heidendom, of ook het protestantisme op het katholicisme uitoefende.”

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Compiled by Vico, 15 September 2018, latest additions 12 Oktober 2018



















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