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Antonie Pannekoek Archives
 

Die Wahrheit über die „Sovjet“-Granaten!, 1927


Die Wahrheit über die „Sovjet“-Granaten!, K.A.P.D./A.A.U./K.A.J., 1927


Der „Vorwärts“ brachte einen Artikel aus dem „Manchester Guardian“:

Junkers bauen Millitärflugzeuge in Russland
Die Deutsche Militärverwaltung baut chemische Fabriken in Russland zur Herstellung von Giftgasen. Um die notwendigen Arbeiten durchzuführen, sind Reichwehroffiziere nach und aus Russland mit falschen Passen gereist, die von den russischen Behörden mit dem notigen Visum versehen wurden. – Mehrere Schiffe sind aus Russland in Stettin angelangt. – Ihre Ladungen bestanden aus Waffen und Munition, offenbar für die Reichwehr bestimmt.“

Die „Rote Fahne“ versucht diese als Sensation erscheinende Meldung als einen von den s.p.d.-Führer bestellten Artikel hinzustellen. Sie bezeichnet diese Enthüllungen über die Bewaffnung der deutschen Reichwehr als Lüge, die der „Vorwärts“ aufzieht, zur Ablenkung und Hetze gegen die k.p.d.

Die Frage, aus welchen Motiven der „Vorwärts“ die Enthüllungen des „Manchester Guardian“ veröffentlicht, ist eine untergeordnete Frage. Die entscheidenste und wichtigste Frage für das deutsche Proletariat ist:

Kan das wahr sein?

Wir müssen dazu feststellen, dass die Bewaffnung der Reichwehr durch Russland eine Tatsache ist!

Die Presse der Demokratischen Partei, deren Führer Rathenau war, der den entsprechenden Militärvertrag mit Russland mit abgeschlossen hat, bestätigt es. Das „Berliner Tageblatt“ vom 6. Dezember erklärt halbamtlich folgendes:

„Die Mitteillungen des „Manchester Guardian“ und nach ihm des „Vorwärts“, sind zum grossen Teil richtig […] Es wird zum Verständnis dieser Vorgänge daran erinnert, dass im Jahre 1921 das Londoner Ultimatum kam, die deutschen Flugzeugfabriken stillgelegt wurden dann 1922 die ergebnislose Konferenz in Genua under der Rapallo-Vertrag folgten und schliesslich die Ruhrpolitik Poincarés zum Einmarsch führten […] Infolge Erdrosselung […] errichteten mehrere deutsche Firmen Fabriken im Auslande.
Damals bemühten sich auch die Russen darum, solche kriegsindustriellen Anlagen zu erhalten und verhandelten darüber z[ur].Z[ei]t. des Reichkabinetts Wirth-Rathenau in Berling […]
>Es wurden von deutschen Ingenieuren drei Fabriken in Russland eingerichtet: ein Fabrik der Junkers-Werke, eine Granatenfabrik und eine Gasfabrik. Die Junkers-Werke kauften eine ältere Fabriksanlage und stellten sie für ihre Zwecke her, bauten aber nicht viele Flugzeuge, da ihnen das Metall fehlte und auch sonst unerquickliche Verhältnisse eintraten. Auch für die beiden anderen Fabriken wurden alte Gebäude übernommen, die Gasfabrik wurde eingerichtet, funktionierte aber nicht, die Granatenfabrik dagegen kam in Betrieb. Natürlich konnte die Existenz dieser Unternehmungen, die von ehemaligen deutschen Offiziere geleitet wurden, den Ententemächten nicht verborgen bleiben. Ein Einspruch konnte indessen nicht erhoben werden, da, wie gesagt, die Verlegung der Industrie in das Ausland nicht im Widerspruch zun den Versailler Vertragsbestimmungen stand.
[…] Um dem Mangel abzuhelfen, könnten Bestellungen bei der in Russland errichteten Granatenfrabrik gemacht worden sein […] Von den industriellen Verbindungen, die 1922 begannen, haben anscheinend alle Reichkanzler, Reichsaussenminister und die Staatssekretäre des Auswärtigen Amtes Kenntnis gehabt.“

Das „Berliner Tageblatt“, das so gut in die Politik Rathenau von 1921 eingeweiht ist, bestätigt also, dass die deutsche Regierung eine Fabrik für Kriegs-Flugzeuge, eine zweite für Giftgass und eine dritte für Granaten in Russland errichten liess und von dort Ammunmition bekam.

Plumbe Manöver der KPD

Die „Rote Fahne“ verschweigt bis heute noch die Bestätigung des „Berliner Tageblatts“. Si sah sich aber doch gezwungen, das Vorhandensein der Flugzeugfabrik Junkers zuzugeben. (Von den andere Fabriken schweigt sie.) Zur Abschwächung versucht sie die Fabrik als einen Konzessionsbetrieb der Junkers-Firma in Russland hinzustellen.

Im Preussischen Landtag musste aber Pieck zugeben, dass die Errichtung der Flugzeugfabrik nicht aug Grund eines Vertrages zwischen Junkers und Russland erfolgte, sonderne auf Grund eines Vertrages zwischen der deutschen – und der russische Regierung.

Die Junkers-Fabrik sowie die beiden übrigen
sind also von der deutsche Regierung im Ein-
verständnis mit der russischen, zur Bewaffnung
der Reichwehr errichtet worden.

So klar wie diese Tatsache – die Bewaffnung der deutschen Bourgeoisie, – so klar ist auch, aus welchem Grunde die k.p.d.-Presse dass leugnet. – Sie hört nicht auf, Russland den Proletariern als ein Land der Arbeiter hinzustellen, als ein Land des internationalen proletarischen Klassenkampfes. Die obige Tatsache der Bewaffnung der Bourgeoisie zugeben, bedeutet, dass das Russland von heute nicht mehr das von 1917 ist. Es ist das Russland der Neo-Bourgeoisie und der Kulaken. Seine Aussenpolitik ist nicht mehr die der Weltrevolution, sondern die des Paktierens mit der Bourgeoisie gegen das Proletariat. Das beweist der Bewaffnung der Reichwehr.

Die Politik der russischen Regierung ist die
Politik der 3. Internationale

die nicht anders ist, als ein Werkzeug des russischen Aussenministeriums. Die Bolschewiki verstehen es, unter revolutionär klingenden Phrasen die Arbeiterklasse für die Politik Russlands reif zu machen.

Der theoretische Führer der 3. Internationale, Bucharin, stellte 1922, als der Vertrag zur Errichtung deutscher Kriegsrüstungsfabriken abgeschlossen wurde, folgende programmatischen Grundsatz auf, um damit das Internationale Proletariat für diese konterrevolutionäre Politik Russlands einzuspannen:

„Dürfen die proletarischen Staaten militärische Blocke mit den bürgerlichen Staaten bilden? Es gibt hier keinen prinzipiellen Unterschied zwischen einer Anleihe und einem militärischen Bündnis. Und ich behaupte, dass wir schon so gewachsen sind, dass wir ein militärisches Bündnis mit einer anderen Bourgeoisie schliessen können, um mittels dieses bürgerlichen Staates ein anderes Bürgertum niederzuschmettern.
Bei dieser Form der Landesverteidigung des militärischen Bündnisses mit bürgerlichen Staaten, ist es der Pflicht der Genossen eines solchen Landes, diesem Block zum Siege zu verhelfen.“
(Bericht der 14. Sitzung des IV. Weltkongresses. Protokoll.)

Diese Erklärung Bucharins fällt zeitgemäss mit dem Vertrag zur Bewaffnung der deutschen Bourgeoisie zusammen und zeigt, dass die Lieferung der „Sowjet“-Granaten nicht im Widerspruch steht zu den Grundsätzen der Bolschewiki und der 3. Internationale.

Der Rührkrieg und die Politik der k.p.d., mit ihrem berühmten „Schweigen“ und dem faktischen Zusammengehen mit der deutschen Regierung ist ein Beispiel für die Auswirkung dieser Verträge.

Russland und die Reichwehr

Im November 1925 erklärte Klara Zetkin im Reichstag in der Debatte zum Locarnovertrag folgendes:

„Deutschlands Zukunft beruht auf einer engen Interessengemeinschaft in wirtschaftlicher, politischer und, wenn es sein muss, auch militärischer Hinsicht mit der Sowjetunion […] Ich glaube sogar, im Gegensatz zu dem Herrn abg[eordnete]. Weis, dass es nicht so aussichtslos ist, wie er sich das vorstellt, dass unter Umständen ein Zusammenwirken zwischen der Reichwehr und der Rotarmisten erfolgt.“
(Reichtagsprotokoll vom 27. November 1925)

Ein Zusammenwirken der „Roten“ Armee mit der Reichswehr ist aber nur möglich, wenn die letztere ausgerüstet ist. 1922 jedoch herrschte Waffenmangel in Deutschland. Die Bewaffnung der Reichwehr ist also keine Sensation, sondern die praktische Ausführung der Erklärung der Zetkin.

Die Theorie zur Rechtfertigung der Bewaffnung der deutschen Konterrevolution durch Russland ist seit langem bekannt. Jetzt erst erfahren die deutschen Proletarier ihre Umsetzung in die Praxis.

Bis jetzt schweigen alle parlamentarischen Parteien im Interesse des „Vaterlandes“ darüber. Nun ist aber die deutsche Bourgeoisie in ihrer Aussenpolitik gespalten: ein Teil ist für die westliche und ein Teil ist für die östliche Orientierung. Darum der Bruch des Schweigens! Die s.p.d., die alles das von Anfang an gewusst hat, versucht sich jetz darüber zu entrüsten; ihr wahres Ziel dabei ist jedoch der Druck auf die Regierung um Ministersessel.

Die k.p.d. weiss, dass die Bewaffnung der
Reichwehr durch Russland Tatsache ist.

Ihre Parteibürokratie ist aber von der russischen Regierung bezahlt und hat das Interesse Russlands zu verteidigen. Das kann sie nicht tun, wenn sie den Arbeitern die Wahrheit über die Politik Russlands sagt. Darum leugnet sie die Enthüllungen des „Manchester Guardian“ und verschweigt die Zugeständnisse des „Berliner Tageblatts“.

Was sagt ihr, Proletarier?

Heute steht das Proletariats wieder einmal vor der Entscheidung, über seine eigene Geschichte nachzudenken, um seinen eigenen Weg in den Sumpf zu begreifen!

Tausende Proletarier glauben fest an den revolutionären, kommunistischen Charakter Russlands und der k.p.d.. Eine Russland-Delegation nach der anderen berichtet von dem kommunistischen Aufbau in Russland. Kein Bericht enthält etwas von diesen Offenbarungen des gemeinsten Betruges am internationalen Klassenkampf des Proletariats, von diesen Tatsachen der direkten Konterrevolution. Die Meldung des „Manchester Guardian“ hat eingeschlagen in die Gehirne der deutschen Arbeiterklasse. Das deutsche Proletariat hat ein Interesse an den Berichten der Russland-Delegationen über den Kommunismus in Russland. Das deutsche Proletariat hat eine doppelt grosses Interesse an der Wahrheit dieser Meldung, denn si schlägt allem übrigen offiziellen Berichten ins Gesicht.

Arbeiter, die Augen auf! – Hunderttausendendefolgen die Parolen der III. Internationale. – Das Schicksal von Hunderttausenden, das Schicksal der Arbeiterklasse steht in Frage. – Denkt über die Tatsachen nach! – Handelt! – Zerschmettert die Politik der k.p.d., auf dem Wege der Konterrevolution, auf dem Wege nach Amsterdam! – Folgt den revolutionären Wegen der k.a.p.d. unter der Allgemeinen Arbeiter-Union!

Kommunistische Arbeiter-Partei Deutschlands
Allgemeine Arbeiter-Union
Kommunistische Arbeiter-Jugend


Quelle: marxists.org, Jonas Holmgren, 22. Mai 2011; ursprünglich kurasje.org.


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Compiled by Vico, 7 December 2016