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Antonie Pannekoek Archives


Thema: Theorien über Kapitalistischer Krisen

Die Ursachen der Krisen


Quelle: Die Ursachen der Krisen / A[nton]. P[annekoek]. – In: Zeitungskorrespondenz, Nr. 3, 15. Februar 1908


Als die Krisen zum ersten Male im kapitalistische England auftraten (1), wurden allerhand Erklärungen für sie ausgedacht. Da man die herrschende Produktionsweise für die ewige Ordnung der Dinge hielt, konnte man schwerlich glauben, dass das Krisenelend zu dieser ewigen Ordnung notwendig gehörte und man suchte also nach besonderen Ursachen. Einig glaubten, die Sonnenflecken seien Schuld daran (2). Andere schoben die Schuld auf verkehrte Gesetze über Bankwesen und Geldzirkulation (3). Wieder Andere sagten, die Krisen rührten von der Überproduktion (4) her; es sei einfach zu viel produziert worden. Diese Erklärung leidet an demselben Mangel wie die des Onkel Bräsig (5): die grosse Armut stamme von der großen Powerteh[?] her; sie gibt für eine Erklärung aus, was bloß der Name für die augenfälligste und erste Erscheinung der Krise ist.

Mit diesem Suchen nach bestimmten Ursachen war es zu Ende, als Marx den periodischen Wechsel von Prosperität und Krise als einen notwendigen Ausfluss der inneren Gegensätze des Kapitalismus, der erst mit dem Kapitalismus selbst verschwinden würde, nachwies (6). Nach dieser Erklärung bliebe bloß übrig, die immer neuen Formen zu studieren, die dieser Wechsel mit der steigenden Ausdehnung des Weltmarktes und der Eröffnung neuer Weltteile annimmt (7). Zu Ende des voriger Jahrhunderts glaubte jedoch Bernstein (8) des gänzliche Verschwinden der Krisen noch innerhalb des Kapitalismus vorhersagen zu dürfen weil die Trusts der Grundsache, die Regellosigkeit der Produktion, immer mehr beseitigen.

Nun zeigt schon die heutige Krise, die zuerst in Amerika, dem eigentlichen Lande der Trusts ausbrach, dass es jedenfalls noch nicht so weit ist (9). Um aber beurteilen zu können, ob dennoch vielleicht in der Zukunft, bei einer höheren Entwicklung der Trusts, die Krisen verschwinden werden, müssen wir nachprüfen, in welchem Maße die einzelnen Faktoren des Kapitalismus, wie die Regellosigkeit der Produktion, die Konkurrenz, und die Ausbeutung, zu Entstehen der Krisen beitragen.

Die Regellosigkeit allein, die Tatsache, dass die Produzenten weder das Bedürfnis der Gesellschaft, noch die Produktion ihrer Kollegen[?] kennen, genügt nicht, denn dabei könnte es grade so gut zutreffen, dass zu wenig als dass Zuviel produziert wurde. Andre Faktoren müssen also hinzukommen.

Wenn ein Kapitalist sein Produkt verkauft, bekommt er in dem Ertrag den seinen Arbeitern gezahlten Lohn und seine Auslagen für Rohstoffe zurück, dazu einen gewissen Betrag für den Wertverlust, den Verschleiß seiner Maschinen und schließlich noch eine Summe, die seinen Mehrwert darstellt. Soweit er davon nicht anderen Kapitalisten einen Teil abgeben muss, spart er es zum Teil als Kapital, zum aufkaufen neuer Maschinen; das übrige verwendet er zu seinem Privatkonsum. Betrachtet man nun die Gesamtproduktion der Gesellschaft als ein Ganzes, dan kaufen alle Menschen zusammen alle Produkte; es ist alsob die ganze Produktion der Welt zu einem grossen Haufen zusammengetragen ist und dass alle Leute davon nach dem Maßstabe des Geldes, das sie aufwenden können, nehmen. Die Arbeiterklasse nimmt für ihren Lohn Lebensmittel – wir verstehen darunter alle Mittel zum Leben, nicht bloß Essen und Trinken, sondern auch die dauerhafteren Gebrauchsgegenstände Kleider und Möbel – die Kapitalisten nehmen für die ihnen zurückfließenden Geldsummen Rohstoffen und neue Maschinen an Stelle der abgenutzten; sie nehmen sogar bessere, größere und teuere Maschinen um der Fortschritt der Technik Rechnung zu tragen und sie geben dazu einen Teil ihres Profits her. für den Rest ihres Profits nehmen die Kapitalisten die für sie Bestimmten Lebens- und Luxusmittel.

Nun ist klar: soll dies Alles gut klappen, soll nirgends ein Zuviel oder ein Zuwenig einiger Waren da sein; dann müssen alle diese verschiedenen Warensorten: Produktionsmittel, Lebensmittel für die Arbeiter und Lebensmittel für die Kapitalisten, in einem bestimmten Mengenverhältnis produziert werden. Befände sich die ganze Weltproduktion in den Händen eines einzigen Riesentrust, von dem alle Kapitalisten Aktionären wären, so hätte der Direktor bloß für diese Regelung der Produktion zu sorgen. Er hätte die gesellschaftliche Arbeit derart über alle Branchen zu verteilen, dass genau so viele Maschinen produziert würden, als in der Produktion aller Artikel [Zeile mit Problemen:] regel [???] und dass Schwarzbrot und Arbeitsmittel [vielleicht fehlt eine Zeile] Sekt und seidene Jupons (10) genau, in dem Verhältnis angefertigt würden, als dem Einkommen der Arbeiter- und der Kapitalistenklasse entspricht. Denn würde alles in schönster Ordnung bestehen bleiben und keine Krise würde Arbeitslosigkeit und Elend bringen können.

Aber ein solcher Direktor wäre gar kein richtiger Kapitalist. Wäre er ein Kapitalist vom altem Schrot und Korn, der die Börse auf dem rechten Fleck hat, so würde er sagen: was von unserem Einkommen den Gaumen[?] passiert, bringt bloß Lust, aber keine Frucht, keinem Gewinn; so bringt es Profit ein, der für die Kapitalisten die höchste Lust ist. Eingedenk der liberal-ökonomischen Lehre, dass die Kapitalbildung das Fundament alles Fortschritts ist, wird er einen größeren Teil des Mehrwerts als Kapital verwenden und einen kleineren toil[?] dem Privatkonsum der Besitzer überlassen.

Zunächst bringt dies bloß mit sich, dass an Stelle des alten Verhältnisse jetzt mehr Maschinen und weniger Luxusmittel angefertigt werden müssen. Stellten die Kapitalisten diese Maschinen in ihre Salons um sie zu bewundern, so wäre dabei das Gleichgewicht noch immer nicht gestört. Aber dazu werden Maschinen nicht gebraucht; sie sollen ja Kapital sein d.h. Profit schaffen und das können sie bloss, wenn sie Waren, Lebensmittel produzieren, die jetzt zu dem alten Quantum hinzukommen. Soweit die neu eingestellten Arbeiter dem Wert der eignen Lebensmittel herstellen, verzehren sie diese auch selbst; aber sie produzieren viel mehr, also auch Gebrauchsartikel für die Kapitalisten, wo diese grade weniger Geld für den Konsum zu Verführung haben. Die Überproduktion ist da.

So geht es nun gerade in der heutigen Welt. Jeder Kapitalist ist gezwungen, sein Kapital möglichst rasch zu vergrößern, um zu dem Wettkampfe gerüstet zu sein; daher beschränkt er seinen Privatkonsum und daher vor allem drückt er die Löhne der Arbeiter herunter. Als ein Ganzes betrachtet, verwendet die Kapitalistenklasse einen möglichst großen Teil ihres Profits als Kapital; anstatt ihn in Luxus zu verzehren, stecken sie ihn ins Geschäft und produzieren damit, denn ohne Produktion kein Mehrwert. Aber damit stören sie fortwährend das Gleichgewicht und bewirken eine Überproduktion, die durch die verwickelten Kreditverhältnisse zuerst verborgen, schliesslich in einer plötzlich hereinbrechenden Krise ans Tagelicht tritt.

Die Grundursache der Krisen liegt also darin, dass die Kapitalisten, durch ihre Profitgier gebrieben, ihr Einkommen möglichst als produzierendes Kapital zu benutzen suchen, anstatt es unproduktiv zu verausgaben. Wären sie alle zufrieden mit ihrem Besitze und verjubelten den ganzen Mehrwert, so wäre mit der Triebkraft des Fortschrittes auch der Stachel zur Überproduktion verschwunden. Alle Verhältnisse sind hier also auf den Kopf gestellt. Die Schlemmer und Verschwender sind die Wohltäter der Gesellschaft, den bloß sie könnten uns vor Krisen bewahren. Die Tugenden der Väter dagegen, die Enthaltsamkeit und die Sparsamkeit, die Sorge das Geld gewinnbringend an zu legen, sind zur Quelle des Elends geworden.

Damit liegt auch die Zukunft der Krisen klar vor uns. Solange die Profitgier die Herzen der Geldbesitzer erfühlt, hilft die teilweise Regelung der Produktion nichts zur Abwehr der Krisen. Solange die Kapitalisten sich nicht dazu bescheiden bei gleichbleibendem Besitz ihre Rieseneinkommen ganz zu verprassen oder wegzuwerfen, sondern ihr Kapital immerfort vergrössern wollen – so machen es ja heute die großen Trustherrn alle – solange bleibt der Anlass zur Überproduktion bestehen. Solange die Kapitalisten bleiben was sie heute sind: geldgierige Profitjäger, die nie genug haben, d.h. solange der Kapitalismus bestehen bleibt, solange werden auch die Arbeiter immer aufs Neue durch das Krisenelend dazu aufgepeitscht werden, diese Bande aus der Herrschaft zu jagen. Einen anderen Ausweg gibt es für sie nicht.

Erst mit der sozialistischen Regelung der Produktion verschwinden die Krisen, weil die Möglichkeit der Ausbeutung und der Profitmacherei verschwunden ist, und damit auch die kapitalistische Profitgier als Triebkraft einer kopflosen Produktion. An ihre Stelle tritt die reichliche Befriedigung der Bedürfnisse des ganzen Volkes als Triebkraft einer zweckmäßig geregelten Produktion.

(a.p.)


1. List of recessions in the United Kingdom ; for the first half of the 19th Century this list is non-exhaustive as it was observed that since the Napoleontic Wars they appeared in more or less regular frequency, a question which needed an explanation.

2. Sunspots , in “modern economics” an emblamatic expression for external intervening factors; it started with the English William Stanley Jevons  (1835-1882), one of the founders of the vulgar-economist psychological school of marginal utility ; he explored the correlation between the degree of sunspot activity and the price of corn; an alternative astrology. The others were the Austrian Carl Menger  (1840-1921) and the Franch Léon Walras  (1834-1910); all three published after Karl Marx’ Contribution to a Critic of Political Economy (1859), and neither of the three ever took to courage to invalidate the classical theory of labour-value. Even when they would not have been acquainted with Marx’ work, which is highly unlikely, this is quite irrelevant as they should also have invalidated Adam Smith  and David Ricardo . They dropped the labour-value theory in silence because of its for the bourgeoisie dangereous implications, which became apparant even before Karl Marx’ 1859 publication, and thus the British vulgar-economist H. Carey wrote in 1848: “The system of Ricardo is one of discord [–] It seeks to sow enmity between the classes [–] His book is designated handbook of the demagogue, which strives for power through agrarianism (confiscation of the ground), war and plunder”, and which was moreover openly admitted by August Walras in a letter to his son Léon of 1859: “What pleases me a lot in the plan for your work, is your intention, which I wholly support, to stay within the borders of what is completely undangerous fot the gentlemen owners. That is very sensibel and easy to stick to. One has to be occupied by economics as if it were acoustics or mechanics”. (Quoted and translated after: Marx en de klassieke politieke ekonomie / Henryk Grossmann. – In: Te Elfder Ure, Jrg. 19 (1972), nr. 7-8, p. 328, notes, translated from: Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der dynamik / Frankfurt am Main : Europaïsche Verlagsanstalt, 1966, p. 7-35).

3. The Bank Charter Act 1844  restricted the powers of British private banks in favour of the Bank of England to control “money-creation”. Bankers observed that they could easily give out loans for which they didn’t dispose of any counter-value (in gold or otherwise); when an enterprise succeeded and paid off the loan there is no problem; otherwise the bank might go bankrupt affecting all depositors (casino-economy).

4. Overproduction  equals underconsumption , and explains nothing, just like overconsumption and underproduction, two terms not applied in economics.

5. Onkel Bräsig, figure in the novel Ut mine Stromtid  (1862) by Fritz Reuter.

6. Pannekoek refers to Marx’ Capital, Vol. II, in which cyclic crises are dealth with; Marx also deals with punctual crises in the first volume, and with structural crises in the third.

7. International expansion was later theorised by Rosa Luxemburg as an explanation for everything, although it mostly dealt with colonial parasitic expansion. The revenues were for the colonial aristocracy, while the states needed to invest, which is why Otto von Bismarck  and Benjamin Disraeli  opposed colonialism , just like the Belgian parliament opposed the colonial adventures of king Leopold II .

8. Eduard Bernstein  (1850-1932), German social-democrat, one of the founders of revisionism .

9. In the United States, very early on, laws were adopted to prevent trusts from dominating the market, see for instance: Sherman Antitrust Act of 1890 , as it would be a danger to the American petty-bourgeois democracy (later on, companies getting too big and powerful were even broken up into smaller entities). No such acts were adopted in Germany, were trusts (Thyssen, Krupp, …) financed the National-Socialists of Adolf Hitler, with the sympathy of the American Henry Ford and others of the like.

10. Sekt : German sprakling wine, commonly called “champagne”; seidene Jupons: silk surcoats ; it can also mean underskirt.


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Compiled by Vico, 27 October 2019, latest additions 11 November 2019